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Kindesmissbrauch: Die Produktion einer "Epidemie"
Von Sabine Beppler-Spahl
Die Hotline der katholischen Kirche für Missbrauchsopfer habe alle Erwartungen übertroffen: 13.293 Anrufversuche seien registriert und über 394 Telefongespräche geführt worden, hieß es. Die Zahlen zeigten die Dimension des Problems, so ein Sprecher des Bistums Trier.*
Die katholische Kirche hat in ihrer Geschichte einige Probleme angesammelt, die sie für die heutigen Vorwürfe anfällig macht. Hierzu gehört die ultimative Autorität, die den Priestern in mancher Institution über Kinder eingeräumt wurde. Trotzdem gibt es gute Gründe, die dagegen sprechen, an der Überlastung der Telefon-Hotline die Dimension des Problems auszumachen. Der erste Grund ist natürlich, dass wir nicht wissen, was die Motive und die Beschwerden derer sind, die die Hotline nutzen (wir wissen nicht einmal, um wie viele Personen es sich handelt). Gar nicht zulässig ist, von der Zahl der Anrufe auf tatsächliche Missbrauchsfälle zu schließen, wie hier insinuiert wird.
Aber es gibt noch einen Grund für Skepsis: Experten und Medien neigen gleichermaßen dazu, vergangenes Unglück als Kindesmisshandlung populär zu machen. Eine Folge ist die einseitige und unvollständige Darstellung eines oft vielschichtigen, gesellschaftlichen Problems. Eine andere Folge ist, dass Menschen mit schwerer Kindheit regelrecht dazu ermuntert werden, einzelne Vorfälle als Ursache ihrer Probleme zu interpretieren und sich als Misshandlungsopfer zu fühlen.
Hierzu ein Beispiel: Über Ostern wurde bekannt, dass Bischof Mixa in seiner Zeit als Stadtpfarrer Waisenkinder geschlagen haben soll. Eine Frau berichtet, dass sie Mixa als 14-Jährige mit einer Zigarette auf der Straße begegnet sei. Der habe ihr eine so kräftige Ohrfeige verpasst, dass ihr die Zigarette aus dem Mund gefallen sei. Zwischen den Zeilen dieser Schilderung erhalten wir einen kleinen Einblick in eine schreckliche Kindheit, ohne Eltern und in unbefriedigenden Lebensverhältnissen. Ist es nicht verlogen, solche Probleme auf Ohrfeigen zu reduzieren?
Vor allem aber sollten wir uns fragen, was es den ehemaligen Heimkindern nützt, wenn ihr Schicksal Jahrzehnte später auf solche Art und Weise aufbereitet wird. Ich habe nichts gegen Hotlines. Ich wehre mich aber gegen allzu einfache Interpretationsmuster und glaube nicht, dass medienwirksame Schubladen, wie die des Missbrauchsopfers, dazu beitragen, vergangenes Leid zu überwinden.
Sabine Beppler-Spahl ist Novo-Redakteurin und lebt in Berlin.
* http://www.swr.de/nachrichten/rp/-/id=1682/nid=1682/did=6188100/v8irms/index.html (7.4.2010)
12.04.2010 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Bildung und Erziehung | Kultur und Gesellschaft
@ Herrn Francesco Petrarca
Also ehrlich gesagt, mir wird nicht klar, was Sie eigentlich sagen wollen. Habe selten so verquastes Zeug gelesen. Einziger verständlicher Satz, der jedoch an Banalität nicht zu übertreffen ist: das Schlusslicht Ihres Beitrags.
Es mag richtig sein, das es vielschichtige Gründe für Kindesmisshandlung gibt, sowohl den Einzelfall als auch das Gesamtphänomen betreffend. Und es ist sicherlich falsch nicht auch an anderen Stellen der Gesellschaft zu suchen: ob eine Hotline dazu beiträgt, möchte auch ich bezweifeln. Aber eine Ohrfeige auf eine gängige Tat zu reduzieren und damit zu banalisieren trägt noch weniger zu einer Lösung des Problems bei. Eine Ohrfeige bleibt eine Ohrfeige, und jeder der mal eine Watsch’n bekommen hat, wie Bischof Mixa so charmant formuliert, weiß wie demütigend sie ist. Zumal es sich nach aller Erkenntnis keinerfalls um Einzelfälle handelt, wie uns die katholische Würdenträger gerne weismachen möchte. Von wegen Würde. Diese Ohrfeigen sind signifikant für eine Kirche, die unter dem Banner der Menschlichkeit und Nächstenliebe ein System Gewalt und Unterdrückung zelebriert hat und offensichtlich immer noch zelebriert. Das sich diese Gewalt auch noch – im wahrsten Sinne des Wortes – mit sexuellen Vergehen an Kindern paart, ist zutiefst abstoßend und würdelos. Ich habe dafür nur Verachtung übrig.
@ Frank:
Ich finde auch, dass sich die katholische Kirche nicht zuletzt auch auf Grund ihrer Geschichte und Strukturen, aber vor allem auch auf Grund der zurzeit mal wieder besonders deutlich werdenden Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und gelebtem Handeln, sich in einem besonderen Maße kritische Frage gefallen lassen muss. Und ganz ehrlich, den besonders scheinheilig und selbstgerecht daherkommenden Herr Mixa halte ich persönlich für den unangenehmsten Repräsentanten dieser rückständigen Institution. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn er morgen ein Schweigegelübde ablegen und sich für immer hinter Klostermauern zurückziehen würde. Aber, wie im aufgeheizten Klima der Missbrauchsdebatte teilweise gegen Herr Mixa argumentiert wird, finde ich sehr fragwürdig. Herr Mixa hatte kein Recht diese Kinder zu ohrfeigen, richtig. Auch sind Ohrfeigen nicht angenehm, richtig. Ich weiß das, wenn auch nur in - zum Glück - sehr beschränktem Maß, aus eigener Erfahrung. Ich denke aber auch, dass ein paar Ohrfeigen in der Jugend Menschen nicht zu einem Leben im Unglück verdammen, wie Sabine Beppler-Spahl zu Recht angemerkt hat. Genau dieser Eindruck soll aber meines Erachtens in dieser öffentlichen Debatte von einigen Teilnehmern erweckt werden. Wenn man sich anschaut, wie in den Medien die Opfer dieses „Schlägers von Augsburg“ präsentiert werden, kann man fast den Eindruck gewinnen, dass Mixa als Sündenbock für alles Schlechte herhalten soll, was diesen bedauernswerten Menschen in ihren Leben widerfahren ist - irgendwie ist dann immer dieser bösen Mann in der schwarzer Kutte schuld. Hier werden simplifizierende Opferidentitäten konstruiert, die den Menschen suggerieren, sie hätten keinen Einfluss mehr darauf, ihr Leben zu ändern, wenn mal etwas in der Vergangenheit nicht ganz so gut lief (und sogenannte Experten eine unwiderrufliche Vergiftung der menschlichen Seele diagnostiziert haben). Dieses Bild vom Menschen als verletzliches Opfer seiner Umstände ohne die Möglichkeit umzusteuern und selbstverantwortlich zu handeln sollte genauso kritisiert werden, wie Mixas Ohrfeige.
Diakonie ist bis heute der letzte Ausbeuter, es ist noch nicht beendet:
Wer möchte schon ohne Lohn als Kranker noch arbeiten? Die Meisten wehren sich gegen eine Tätigkeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen, dem sogenannten 2. Arbeitsmarkt. Sie halten das für eine Form von Unterdrückung durch die Kirche, die wehrlose Menschen zu einer Art Sklave für sich machen würde, und das auch nicht mit Zuwendung belohnen würde. Immer wieder wurden Misshandlungen, ausgeführt auch von Angestellten der Kirche thematisiert, die Steuergelder für Gewalt verbrauchen würden. Diese Situation sollte verändert werden. Die Diakonie sollte mehr das Geben lernen. Für ihr Verhalten gibt es speziell durch diese Religion keine Rechtfertigung, sondern das Gegenteil ist der Fall.
@Hueber
Dann sollten sie nochmal drüberlesen. Um es mal etwas klarer auszudrücken: Es sagt, dass das Einrichten einer eigenen Missbrauchshotline vergleichbar ist mit einer Missbrauchshotline bei einem Ring für Menschenhändler. Das ist einfach nur ein Witz, der PR-mäßig mehr oder weniger erfolgreich ist. Ich sehe hier allerdings den Staat in der Pflicht eine derartige Hotline einzurichten und die Bevölkerung darüber aufzuklären, was nun das genaue Ausmaß dieser Missbrauchsvorwürfe ist. (Alleine aus historischen Gründen halte ich es auch für sinnvoll die Gewalt von Kirchenangehörigen gegen Schüler zu dokumentieren.)
Aber wie Petrarca richtig sagt, wird die (kath.) Kirche unter dem Deckmantel des Respekts vor Religionen geschützt. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Politik das Problem praktisch ignoriert?
Ich halte jedenfalls nicht viel davon dieses Problem kleinzureden, wie der Artikel suggeriert…Übrigens ist es in der Pädagogik Usus, dass Gewalt von Erziehungsberechtigten gegen Kinder nicht vorkommen darf.
@ PS
Ist ja noch verquaster als der Beitrag, den Sie verteidigen wollen.(Petrarca) Kirche=Menschenhändler => Politik ignoriert das Problem =>Schutz unter Deckmantel der Religion. So ein Durcheinander muss erst mal in eine Ordnung gebracht werden, bevor man den Unsinn widerlegt. Dazu habe ich - leider - keine Zeit.
Alles Gute weiterhin!
@Hueber:
Ihre Aussage lässt ein mangelndes Bemühen um Verständnis und Erkenntnis befürchten. Ich hoffe aber das ich mich hinsichtlich dessen irre.
@Richardt:
Absolut richtig.
@PS:
Vielen Dank, für ihre Analyse meines Schreibens betreffend. Hinsichtlich dessen und was für Konsequenzen sie aus dem Missstand ziehen, haben sie meine vollste Zustimmung. Was mich ein wenig stutzig macht, ist ihr letzter Satz. Das man Kinder in keinster Weise schwerwiegenden Schaden zufügen darf, sind wir uns natürlich sofort einig. Aber etwas Gewalt muss leider sein, und wenn es abhalten vom auf die Straße rennen ist. Kinder wissen nur relativ selten wo ihre Grenzen liegen und es gibt Momente wo man mit Gewaltanwendung sie von weitaus schwerwiegenderem Schaden bewahren kann. In diesen Momenten muss man leider Gewalt anwenden und ich finde es geht zuweit wenn man dort Eltern besondere Vorwürfe macht. Ein im wahrsten Sinne des Wortes dahergelaufener Bischof hat aber zu solcher gewalt keinerlei Recht.
@Hueber:
Zeit substanzloses zu schreiben, haben sie aber wohl immer. Nun gut, wir sind auf ihre auf Inhalt ausgerichteten Widerlegungen schon sehr gespannt.
@Hueber
Ich habe nicht gesagt Kirche = Menschenhändler. Was ich sage ist folgendes: Wenn jemand eine Straftat begangen hat, an der andere Menschen schwer zu leiden hatten, und dieser Jemand seine damaligen Opfer selbst beraten will, ist das einfach nicht ernst zu nehmen.
@Francesco
Sicher, es ist besser das eigene Kind zu schlagen, als es in Tollwut auf die Straße laufen zu lassen. Ist vielleicht etwas abseits vom Thema, aber es ist durchaus möglich Kinder komplett ohne Schläge aufzuziehen - ich kann an weniger als einer Hand abzählen wie oft ich von meinen Eltern geschlagen wurde. Dabei ging es dabei aber nicht einmal um Lebensgefährliches.
Und das ist der Punkt, die Gewalt, die die Kirche damals gegen Schüler angewendet hat war oft ganz banaler sadistischer Natur. (So weiß ich es zumindest auf Erzählungen von Eltern und Großeltern.) Und wenn sie dazu da war, um Grenzen zu ziehen, ging es um die Grenzen die Kinder dazu zu bringen, sich wie Mönche zu verhalten.
Sehr geehrte Herren,
wir scheuen keine inhaltliche Kontroverse, auf unserer Website haben Sie deshalb die Möglichkeit, Artikel frei und offen zu kommentieren und Informationen zu übertragen.
Wir wünschen uns in diesen Foren aber einen zivilisierten und konstruktiven Ideen- und Meinungsaustausch. Von daher bitten wir darum, Beschimpfungen zu unterlassen.
Mehr dazu im Abschnitt „Kommentierungen und Benutzerforen“ unter http://www.novo-argumente.com/magazin.php/service/nutzungsbedingungen_agb_datenschutz.
Besten Dank
Übrigens gibt es keinen einzigen einigermassen zuverlässigen Nachweis darauf, dass die Anzahl von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen höher sei als sonst wo. Natürlich ist jeder einzelne Fall schon ein Skandal. Aber um die Schlussfolgerungen zu ziehen, die sehr viele (auch hier im Forum) gezogen haben, brauchen wir keine Einzelfälle, sondern eine vergleichende Analyse. Diese hat trotz der Wochen des Aufschreis noch keiner gemacht. Sogar eine Definition, WAS überhaupt als Missbrauch qualifiziert wird, sucht man in Tausenden und Abertausenden von Artikeln umsonst. Einmal ist das ein Geschechtsverkehr, einmal eine Watsche - als ob dies dasgleiche wäre.
RUHE - RUHE und nochmals RUHE
Aufgeregtheit bringt nichts. Es muss etwas geschehen klar. Lest den Beitrag von Gisa Pradam, selbst Opfer , auf ngo-online.de -> http://www.ngo-online.de/2011/02/4/mord-durch-mobbing/
Aber wir dürfen es auch nicht aussitzen!11




In der beschriebenen Handlung von Herrn Mixa steckt in erster Linie eine beeindruckende Unverfrorenheit.
Bezüglich der Hotlines: Ich persönlich halte diese für skandalös. Einfaches Beispiel: Massive Missbrauchsfälle innerhalb Sciencetology werden bekannt. Was passiert ? Sciencetology eröffnet eine Hotline für Missbrauchsopfer.
Der Aufschrei käme mit Sicherheit und absoluter Berechtigung. Aber eine katholische Kirche darf sich das erlauben, was mir nur mit falsch verstandener Rücksichtnahme gegnüber Religionen erklärbar ist. Zudem zementiert das ganze , das kirchliche Staat im Staat Dünkeln. So wird kein Problem gelöst , sondern welche generiert. Die Zeit wird zeigen, wie lange sich die Gesellschaft die katholische Kirche mit all ihren prinzipiellen Fehltritten erlauben will.
Francesco Petrarca
14.04.2010 14:44