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Zentralbanken sind nicht die Lösung, sondern das Problem
Von Michael von Prollius
Zentralbanken gelten als Institutionen, die die Wirtschaft stabilisieren. Ihr Auftrag ist zumeist die sogenannte Preisniveaustabilität zu gewährleisten und das Wachstum der Wirtschaft zu unterstützen. An diesem Ruf arbeiten die Monopolisten mit weltweit mehr als hunderttausend Mitarbeitern genauso hartnäckig wie die Regierungen, die sie geschaffen haben – zum Teil von großen Geschäftsbanken zu ihrem Glück gedrängt wie in den USA bis 1913. Allerdings ist der Ruf der Zentralbanken als Stabilisatoren eine vergleichsweise junge Erfindung.
Auch Radu Golban hat in seinem Kommentar „Die untypische Währungsunion“ dem Zentralismus einer alles beherrschenden Zentralbank in Europa das Wort geredet. Es fehle eine „wirkliche“ Zentralbank angesichts des dezentralen Verbunds nationaler Zentralbanken und ein gemeinsamer Finanzminister. Historische Untersuchungen untermauerten die Zweifel an einem „optimalen Währungsraum“ in Europa. Radu Golban weist zu Recht auf unterschiedliche nationale Zinssätze hin, auch wenn es vermutlich treffender wäre, von unterschiedlichen regionalen Zinssätzen zu sprechen. Diese Unterschiede gelten auch für die Inflation, womit vermutlich Teuerung gemeint ist. Insofern sollten „Konvergenzprobleme“ eigentlich nicht erstaunen. Die Lösung kann jedoch keinesfalls mehr Zentralismus sein, sondern lautet vielmehr Dezentralismus.
Warum muss das der Fall sein? Zunächst liegt es auf der Hand, für regionale Unterschiede auch regional unterschiedliche Lösungen zuzulassen. Es gibt keine Notwendigkeit für eine rigorose Zentralisierung, für eine Gleichmacherei von Vielfalt. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Zentralbanken: Eine Zentralbank zeichnet sich durch das nationale Monopol für die Ausgabe von Papiergeld aus. Sie stützen sich dabei auf das gesetzliche, also politisch bestimmte, ausschließliche Zahlungsmittel. Allerdings gibt es Zentralbanken erst seit dem 19. Jahrhundert, ihre Vorläufer, privilegierte Geschäftsbanken, bereits seit dem 17. Jahrhundert. Aufgabe der von den Regierungen begünstigten privaten Finanzinstitute war es zunächst, die finanziellen Bedürfnisse der Regierungen zu stillen. Von einer die Wirtschaft stabilisierenden Rolle war nicht die Rede. So verwalteten die privilegierten Geschäftsbanken die Einlagen der Regierung und ihre Schulden; zudem kümmerten sie sich um kurzfristige Kredite. Sie taten das als Gewinn maximierende Unternehmen. Daran hat sich bis heute praktisch nichts geändert, streichen die Zentralbanken doch die sogenannte Seignorage ein, also die Differenz zwischen den Kosten der Produktion eines Geldscheins und seinem Nennwert. Dabei entwertet die Ausweitung der heute ungedeckten Geldmenge – Geld ist heute eine Ansammlung bunt bedruckter Scheine ohne jegliche Deckung – die Kaufkraft aller Aktiva. Verkürzt gesagt liegt das daran, dass mehr Geld für die gleiche Gütermenge zur Verfügung steht – es stehen also nicht mehr 10 Euro fünf Birnen gegenüber, sondern 20 Euro fünf Birnen. Die inflationäre Geldmengenausweitung war für alle Herrscher und Regierungen stets eine willkommene Finanzierungsmöglichkeit ihrer ärgerlicherweise durch knappe Ressourcen begrenzten Aktivitäten.
Der Prototyp der Zentralbanken ist die Bank of England. Das gilt auch für ihre Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz für andere Finanzinstitute. Für die Regierungen musste sie vor allem Kriegsausgaben finanzieren. Das gilt auch für die Banque de France, die Deutsche und die Schwedische Reichsbank. Heute ist die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates dazu oder an die Stelle getreten. Die englische Formel dafür könnte lauten: „From Warfare to Welfare State“ (Marc A. Eisner).
Am Beispiel der USA lässt sich gut nachweisen, dass die Behauptung, Zentralbanken seien ein Stabilitätsgarant, nicht mehr als ein Mythos ist. So waren die Finanzkrisen nach Etablierung des Federal Reserve Systems 1920-21, 1929-33, 1937-38, 1980-82 und 2007-2009 in ihrem Ausmaß weitaus gravierender als die Krisen zuvor. Hinzu kommen ausgeprägte Inflationsphasen, darunter 1917-1920 und 1973-1980 sowie zahlreiche Vermögenspreisinflationen, die es unter dem Goldstandard in dieser Form nicht gab und die in einem freien Bankenwesen unmöglich wären. Ursache ist die natürliche Goldbremse, die die Geschäftsbanken im vor-zentralbanklichen System dazu zwang, eine zu große Ausgabe von Banknoten im Verhältnis zum vorhandenen Hartgeld zurückzuführen. Sonst floss Gold ins Ausland ab.
Diese Goldbremse musste zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs gelöst werden. In Deutschland führte das zur Hyperinflation von 1923. Und allmählich wurde klar, dass Zentralbanken, die Interessen von Regierung und großen Geschäftsbanken einerseits sowie der Goldstandard andererseits unvereinbar sind. Das ankerlose Geld, das beliebig vermehrt werden kann, trat seinen weltweiten Siegeszug an. Inflation und stärkere Finanz- und Wirtschaftskrisen als je zuvor sind die Folge. Insbesondere seitdem US-Präsident Nixon den Golddevisenstandard im August 1971 aufgekündigt hat, übertrifft das Geldmengenwachstum das Gütermengenwachstum um ein Vielfaches. Seitdem hat es weltweit weitaus mehr als 100 Finanzkrisen gegeben. In Europa haben sich sämtliche Geldmengenaggregate zwischen 1998 und 2008 mehr als verdoppelt. Der Kaufkraftverlust des Euro beträgt innerhalb der ersten 10 Jahre bereits mehr als 50 Prozent. Eine Unze Gold kostete 1998 noch 10.788 Euro, im Juni 2008 aber bereits 25.657 Euro. Zusätzlich belastet wird der Euro durch die westeuropäischen Peripherieländer, deren Haushaltsdefizite unentschuldbar sind: Portugal mit 9,3 Prozent des BIP, Spanien 11,4 Prozent, Irland 12,5 Prozent und Griechenland 12,7 Prozent - bei einer erlaubten Höchstgrenze von 3 Prozent laut Maastricht-Vertrag. Die EZB finanziert hiebei die Staatsschulden: Europäische Geschäftsbanken erhalten preiswerte Darlehen von der EZB zum Zins von 1 Prozent, weil sie hierfür griechische Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegen können, die wiederum deutlich höher verzinst werden als deutsche Staatsanleihen. So kann über neue Kredite neues Geld produziert werden und Griechenland muss niedrigere Zinsen für seine Schulden zahlen, weil seine Staatsanleihen als darlehnssicher gelten. Das ist “Gelddrucken leicht gemacht für Regierungen und Finanzinstitute”.
Der geldpolitische Zentralismus ist nicht nur mit Blick auf den so ermöglichten Ersten Weltkrieg ein verheerender Irrtum mit desaströsen Folgen. Auch die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat als wichtigste Ursache die Politik des billigen Geldes der Zentralbanken. Es bleibt die Frage: Wer kann die beste Versorgung mit Geld gewährleisten: eine Zentralbehörde oder konkurrierende Unternehmen? Mit anderen Worten: Wer kann für mehr Stabilität sorgen: eine politische Zentralbehörde oder der wettbewerbliche Markt? Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.
Dr. Michael von Prollius ist freier Autor, Referent für Wirtschaftspolitik und Mitbegründer von Forum Ordnungspolitik. Im Juli 2009 veröffentlichte er im Novo-Blog „Der Marsch in den autoritären Wirtschaftsstaat“.
Weitere Artikel zum Thema finden sich im Novo-Dossier Wirtschafts- und Finanzkrise.
29.03.2010 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Wirtschaft und Arbeit | Wirtschafts- und Finanzkrise
@ Radu
Ihre Geschichtsinterpretation ist einseitig und als Argumentation nicht zielführend: Den Handelskriegen lassen sich zwei Weltkriege mit rund 100 Millionen Toten entgegenstellen, die ohne Zentralbanken nicht möglich gewesen wären.
Ihre Behauptung, Privatgeld sei undemokratisch, ist - verzeihen Sie die Deutlichkeit - eine Phrase. Geldproduktion ist keine Frage eines Abstimmungsverfahrens. Die demokratisch legitimierten Zentralbanken haben in nie da gewesenem Ausmaß Geldentwertung praktiziert.
Schließlich geht Ihre Bemerkung zu den Vor- und Nachteilen beider Systeme fehl. Entscheidend ist nicht die Existenz, sondern die Qualität der Vor- und Nachteile. Die Geschichte des Geldes zeigt eindrucksvoll, wie Zentralbanken und ihre Vorläufer wiederkehrend Krisen geschürt haben sowie Regierungen und privilegierte Geschäftsbanken auf Kosten Dritter bereichert haben. Die mangelhafte Hinterlegung mit Gold war im 15. Jahrhundert und ist heute noch ein Eigentumsverstoß - also Betrug. Statt Zentralbanken zu errichten, hätte der Betrug geahndet werden müssen. Das ist der große Fehler von 1844 (http://www.mises.de/).
Der Staat hat sich das Monopol zur Geldproduktion angeeignet. Das ist unrechtmäßig, schürt systematisch Krisen und macht uns alle ärmer. Das Gebaren als demokratisch und transparent zu bezeichnen, sorgt für einen wohligen Schein, der für viele Menschen die Realität ersetzen kann, die sie aber stets zu spüren bekommen
Die geschätzte Anzahl der Toten in 2 Weltkriegen mit den Toten der Kriegen zuvor zu vergleichen, kann lediglich als Versuch erklärt werden, durch weniger schuldhaftes Verhalten des Privatgeldsystems eine glaubwürdigere Position zu verleihen als dem Zentralbanksystem. Dabei könnte für Sie der Dreissigjährige Krieg in Vergessenheit geraten sein. Eine Gleichheit im Unrecht, welche es bekanntlich nach Aristoteles nicht gibt, sollte Ihre Darstellung etwas entkräften. Zur Frage der demokratischen Legitimation möchte ich ergänzend noch folgendes anmerken: Zielführend wäre es generelle bei währungspolitischen Überzeugungskonflikten zwischen Zentralbank und Regierung als theoretischer Ansatz, auch das Parlament, als Vertreter des Volkes mit der Erörterung des Konflikts zu befassen. Die Stabilität des Geldes gehört damit weder ausschliesslich in das Forum des Regierungskabinetts noch in im Aufsichtsrat einer Privatbank. Die Verantwortung für eine stabile Währung lediglich mit Strafrechtsnormen im Falle von Zuwiderhandlungen zu steuern ist illusorisch. Allenfalls kann damit die Verwechslung der Tauschfunktion des Geldes mit dem Tauschmittel „Geld“ gemeint sein.
Verstösse gegen die Währungsordnung als Eigentumsdelikt zu ahnden verknüpfen die gesamtvolkswirtschaftliche Relevanz einer Währung an menschliche Verantwortung. Das ist etwas zu viel für einen oder für wenige auserlesene Menschen, alleine über die Währungsgeschicke zu entscheiden. Es lasten dafür zu viele Vollkommenheitsattribute am imaginären Erfolg der Privatgeldschöpfung. Dieser Ansatz ist vermutlich ideologischen Ursprungs, ist die alleine dem Namen nach liberale Ordnungsökonomie der quasi religiöse Versuch aus dem „homo ecomomicus“ von Adam Smith einen „deus economicus“ zu konstruieren. Der Einfluss der katholischen Soziallehre und die katholische Schule von Salamanca haben entscheidend die Ordnungsökonomie geprägt. Diese ideologisch religiöse Färbung ist gesamtgesellschaftlich nicht unbedenklich, generiert sie doch stets elitäre „Weise“, die im Namen des Guten und der Gerechtigkeit meinen besser Lösungen zu haben, als demokratische Mehrheiten. Das ökonomische Durchsetzen von Partikularinteresse zu Lasten der Bevölkerungsmehrheit ist nicht untypisch für diesen auf „Ordnung“ verpflichteten Herrschaftsliberalismus.
@ Radu
Zu den Kriegen: Das sollte mein Argument sein. Tragfähige Argumente zielen auf die tatsächliche Bilanz der Zentralbanken und die marktwirtschaftliche Alternative ab.
Zur demokratischen Legitimation: Der Konflikt zwischen Zentralbank und Regierung ist nicht das Problem, beides sind de jure oder faktisch staatliche Organisationen. Die mangelhaften Kenntnisse der Parlamentarier von Geldpolitik werden weder den Konflikt lösen noch das Grundproblem, die Produktion von Geld durch Kredite “aus dem Nichts”. Unser Geldsystem ist ein Schneeballsystem oder ein Ponzi-Game, deshalb kann der Wert des Euro, des US-Dollar etc. auch auf Null fallen.
Zur Geldstabilität: Diese wird bei einer Entnationalisierung der Währungen nicht durch Strafrechtsnormen gewährleistet, sondern durch den Wettbewerb. Und die Durchsetzung des Rechts ist in jedem Fall unerlässlich.
Die “gesamtvolkswirtschaftliche Relevanz einer Währung” ist stets an menschliche Verantwortung geknüpft. Im Fall der Zentralbanken an einige wenige politisch bestimmte und politisch handelnde Menschen im Fall konkurrierender Privatwährungen durch den Wettbewerb vieler Menschen. Und sowohl theoretisch als auch praktisch ist die Unterlegenheit der Plan- gegenüber der Marktwirtschaft zweifelsfrei nachgewiesen. Es handelt sich hierbei nicht um Rhetorik: das Zentralbanksystem folgt der Logik einer Zentralplanwirtschaft, konkurrierende Privatwährungen (Free Banking) folgen der Logik der Marktwirtschaft.
Die Geschichte der Geldproduktion stellt nach meinen Kenntnissen einen Kantersieg des (annähernden) Free Banking über das Zentralbankensystem und seine Vorläufer dar. Das gilt für Geldwertstabilität und monetär bedingte Wirtschaftskrise gleichermaßen.




In vielerlei Hinsicht mag die Frage ob der Staat oder Privatwirtschaft die jeweils bessere Lösung für die ökonomischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit hat, charakteristisch für unseren Zeitgeist sein. Die Zentralbankattribute in Anspruch nehmende Bezeichnung EZB zum einen und das Fehlen einer „wirklichen“ Zentralbank im Eurosystem zum anderen, sollte lediglich auf die für die EU übliche Verschleierungstaktik hinweisen. Dar skizzierte Systemmangel ist keinesfalls als Ruf nach mehr Regulierung oder mehr Zentralbank zu verstehen. Die Frage nach der Kompetenz der EZB ist zum besseren Verständnis des Textes „die untypische Währungsunion“ systemkonform zu verstehen, d.h. innerhalb eines staatlichen, zentralen Geldschöpfungssystems. Dabei spielen private Geldschöpfungsmodelle bei der Fragestellung des Textes eine untergeordnete Rolle.
Dennoch sollte bei aller Kritik des heutigen Zentralbankmodells die vornehmlich privatwirtschaftliche, monetäre Politik vor Schaffung dieser Institution auch einer objektiven Bewertung unterzogen werden, gilt es für Herrn Prollius, Alternativen zum Zentralbankmodell zu suggerieren. Hierbei empfiehlt es sich bei Machiavelli etwas die Folgen der privaten Geldschöpfung im Kontext der florentischen Handelskriege zu lesen, hatten die Medici die Kreditwirtschaft und das Finanzieren der Kriege gerade für sich entdeckt. Die zwar vorgegebene aber selten vorhandene Goldunterlegung ihrer privaten Geldnoten wie auch die Kriegsfinanzierung, war nach Machiavelli der Konflikt der Handelskriege im 15. Jahrhundert. Freilich mag eine zentrale Geldschöpfungsinstitution besser Kriegskosten über die Massensteuer Inflation besser eintreiben, doch darf dabei die private Form der Geldversorgung nicht überbewertet werden.
Generell stellt sich die Frage, welches Modell weniger einem gewissen Partikularinteresse zu Lasten einer Mehrheit, mehr oder weniger Kosten durch Inflation sozialisiert. Vermutlich ist es die Wahl zwischen zwei Übel, welche sich hier aufdrängt. Ob durch eine staatlich organisierte Zentralbank gefördert, oder durch eine der Privatwirtschaft verpflichteten, ordoliberalen Ideologie - beide Modelle haben Ihre Vorzüge und Schwächen.
Keine konnten einem kriegerischen Schuldentreiben der Fuggers oder mancher Grossmächte bisher Einhalt gebieten. Moderne Gesellschaften hingegen entscheiden sich für Transparenz und stützen Entscheidungen relativ breit ab, weshalb finanzielles Partikularinteresse in Form von Privatgeld undemokratisch erscheint.
Dr. Golban Radu
03.04.2010 21:16