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Über das Recht, Katzen zu essen

Von Johannes Richardt

Erinnern Sie sich vielleicht noch an den etwas exzentrischen Außerirdischen ALF vom Planeten Melmac? Dieser am ganzen Körper behaarte TV-Alien setzte Ende der 80er-Jahre im Vorabendprogramm mit anarchischen und respektlosen Scherzen einen erfrischenden Kontrastpunkt zur ach so heilen Schwarzwaldklinik- und Traumschiffidylle der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. ALF war schlagfertig, lustig, ein bisschen verrückt und sagte immer schonungslos, was er dachte. Und vor allem verging keine Folge, in der ALF nicht unter Gelächter der Fernsehzuschauer versuchte, den Hauskater seiner terrestrischen Gastfamilie zu verspeisen.
      Niemand kam damals auf die Idee, ALF, wegen dessen derben Humors und Heißhungers in Bezug auf Katzen zu zensieren und die Macher mit moralischen Vorwürfen zu überziehen. Der Fall des italienischen TV-Kochs Beppe Bigazzi – nicht wie ALF eine fiktive Figur, sondern ein zurechnungsfähiger Erwachsener aus Fleisch und Blut – beweist, dass sich die Welt seitdem verändert hat. Bigazzi äußerte vor kurzem im italienischen TV die Überzeugung, dass Katzenfleisch besser schmecke als Hühnchen oder Kaninchen und lieferte dazu gleich einen passenden Rezeptvorschlag. Mit seinen Aussagen löste er prompt einen Sturm der Entrüstung aus. Die italienischen Grünen protestierten heftig, eine Staatssekretärin des Gesundheitsministeriums nannte seine Aussagen „schädlich“  und am Ende stand der „notwendige Schritt“ des Fernsehsenders RAI, Bigazzis allmittägliche Kochsendung sofort einzustellen.
      Dabei hatte sich Bigazzi keines Verbrechens schuldig gemacht. Er hat lediglich über seine in unseren Breiten etwas exotischen kulinarischen Erfahrungen und Vorlieben gesprochen und wollte vielleicht auch ein bisschen provozieren. Wie konnte es nun aber dazu kommen, dass er für seine leicht exzentrischen Aussagen derartig angeprangert und mundtot gemacht werden konnte? Sicher über Geschmack lässt sich trefflich streiten. Ich bitte Katzenliebhaber um Verzeihung: Dies gilt natürlich auch für den Geschmack verschiedener Fleischsorten (Menschenfleisch selbstverständlich ausgenommen). Die Frage, welche Tiere man essen möchte oder ob man überhaupt Tiere essen möchte, ist keine primär moralische oder politische Frage, sondern eine der persönlichen Neigungen und Vorlieben.
      In einer Zeit, die durch eine schleichende Entwertung des Menschen im Namen eines immer stärker moralisierenden Tierschutzes gekennzeichnet ist, verliert solch ein Gedanke allerdings zunehmend an Gewicht (vgl. dazu das Titelthema „Mensch und Tier“ der aktuellen Ausgabe von Novo Nr. 105 1–2 2010). Der Unterschied zwischen Menschen als Vernunftbegabten moralisch handelnden Subjekten und instinktgetrieben amoralischen Tieren beginnt immer mehr zu verschwimmen. So kann es dazu kommen, dass es moralisch für legitim erachtet wird, die Freiheitsrechte eines erwachsenen Menschen massiv einzuschränken - dessen Recht auf freie Meinungsäußerung ebenso wie dessen Recht auf die Entfaltung seiner Persönlichkeit – letztlich aus dem Grund heraus, weil man die Essvorlieben eines eigensinnigen TV-Kochs im Bezug auf Katzen irgendwie eklig findet.
      Solch ein bedenklicher Mangel an Toleranz lässt sich auch nicht mit den in Europa üblichen kulturellen Gepflogenheiten rechtfertigen. Die Vorsitzende des italienischen Tierschutzverbandes begrüßte Bigazzis Suspendierung, weil dieser die „in unseren Breitgraden üblichen kulturellen Kategorien ignoriere“. Selbstverständlich hat sich Bigazzi mit seinen Aussagen in einer populären Kochsendung sehr unsensibel gegenüber den Gefühlen von vielen Katzenliebhabern gezeigt, die in ihren Haustieren mit gutem Recht sehr viel mehr sehen als einen potenziellen Sonntagsbraten. Dafür kann man seine Aussagen auch gerne kritisieren. Letztlich sollte es aber in einer freien Gesellschaft der subjektiven Entscheidung jedes einzelnen überlassen bleiben, ob man Katzen eher verspeisen oder liebhaben möchte.
        Tiere sind unmenschlich, wie Franz Kromka in Novo 105 (S.54-57) überzeugend dargelegt hat. Deshalb werden ihnen zu Recht keine dem Menschen vergleichbaren Rechte zugeschrieben. Sie sollten primär menschlichen Zwecken dienen. Bigazzis Aussagen deshalb mit einem Verweis auf eine mehr als diffuse und zudem im ständigen Wandel begriffene kulturelle Identität zivilisierter Europäer tabuisieren zu wollen, ist ebenso absurd wie sie falsch ist (in manchen Gegenden Italiens ist es z.B. Tradition, Katzen zu essen, und auch während und nach dem zweiten Weltkrieges soll hierzulande die ein oder andere Katze im Kochtopf gelandet sein). Außerdem zeugen solche Aussagen von einer Nichtbeachtung der starken kulturellen Wurzeln Europas in den Prinzipien und Werten von Humanismus und Aufklärung. Dort werden vor allem das freie Individuum, Menschenrechte, wie Meinungs- und Gedankenfreiheit, Moral, Vernunft und Autonomie betont. Ein Verbot, über die schmackhafte Zubereitung von Katzen öffentlich zu sprechen, wäre den großen europäischen Denkern mit Sicherheit nicht in den Sinn gekommen.

Johannes Richardt ist Leiter der PR & Kommunikation des NovoArgumente Verlags. Er hat nichts gegen Katzen, obwohl er ihnen wegen einer Allergie aus dem Weg gehen muss.

Steigen Sie in die Diskussion zu diesem Thema ein. Dass die Forschungsfreiheit (gerade auch an Affen) gegenüber einem übertriebenen Tierschutz verteidigt werden muss, legt Thilo Spahl in dem zur Online-Debatte freigegebenen Artikel aus dem aktuellen Heft "Die Blicke süßer Äffchen" dar.

19.02.2010 | Permanenter Link | http://bit.ly/bdgyOh

Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft

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Zustimmung und eine Ergänzung. Es war und ist auch seine hervorragende deutsche Synchronisation. In diesem Sinne null Problemo

Francesco Petrarca
20.02.2010  12:39

“Tiere sind unmenschlich, wie Franz Kromka in Novo 105 (S.54-57) überzeugend dargelegt hat. Deshalb werden ihnen zu Recht keine dem Menschen vergleichbaren Rechte zugeschrieben. Sie sollten primär menschlichen Zwecken dienen.”

Bei diesen Saetzen stehen mir die Haare zu Berge !  Unmenschlich hat einen herabsetzenden Nebensinn, der keinesfalls angebracht ist. Tiere sind keine Menschen, -  das kann man sagen, mehr nicht. Damit ist auch das folgende “deshalb” hinfaellig. Ihnen koennen sehr wohl dem Menschen vergleichbare Rechte zugeschrieben werden, nur passen manche Vergleiche manchen Menschen vielleicht nicht. Beide sind Lebewesen, und es sollte sicher so etwas wie Grundrechte von Lebewesen geben, z.B. das Recht auf Leben. Woher daraus die Unterodnung folgen soll, dass die Tiere primaer (!) menschlichen Zwecken dienen sollen, das wissen sicher nur Bibelleser. Gleiche Rechte fuer alle !  Wer sind denn alle ?

Hans J. Unsoeld
22.02.2010  06:09

@ Herr Unsoeld
Gemeint ist: Gleiche Rechte fuer alle Menschen.

Thomas Deichmann
22.02.2010  18:49

Aber manche Rechte sollten eben auch genauso fuer Tiere gelten, zum Beispiel keinen Schaden zuzufuegen. Bedeutet das nicht, dass man auch keine Tiere toeten sollte ?

Hans J. Unsoeld
23.02.2010  05:16

Werter Herr Unsoeld,

würden sie das bitte einem Tier erklären..

Francesco Petrarca
23.02.2010  16:49

Ob man es dem Opfer erklaeren kann oder nicht, aendert nichts an dem Argument. Wenn ich z.B. Soldaten erklaeren wollte, dass sie nicht toeten sollen, wuerde das auch nichts bringen. Man kann es ihnen in diesem Sinne nicht “erklaeren”, genauso wenig natuerlich einem Raubtier. Trotzdem halte ich dafuer, dass die Regel, keinen Schaden zuzufuegen, ueberall gilt. Und der groesste Schaden ist nun mal der Verlust des eigenen Lebens.

Hans J. Unsoeld
24.02.2010  05:25

Sie verstanden meinen Standpunkt gegenüber ihrem mutmaßlichen Unsinn nur teilweise. Ich meinte nicht nur dem möglichen tierischen Opfer, welches seine Rechte nie einklagte, sondern auch dem tierischen Täter gegenüber, sollten sie das recht seines Opfers bitte erklären. Oder ist er gleiches Recht für Alle , an keine Pflichten gekoppelt, was das ganze anliegen ihrerseits leicht ad absurdum führt. Aber mal eine Frage aus neugierde : Hätte eine Katze das Recht auf einen Anwalt, wenn Sie sie verklagen, da sie eine Maus aß.

Francesco Petrarca
24.02.2010  16:53

@Hans J. Unsoeld:  Mir geht es darum, zu betonen, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Interessen im Zentrum unseres Denkens stehen sollte. Der Mensch verfügt über besondere und großartige Fähigkeiten, die ihn über alle anderen Tiere erheben. Es braucht keinen Blick in die Bibel, um dies zu erkennen. Es reicht vollkommen aus, die Welt, in der wir leben mit offenen Augen zu beobachten. Jeden Tag treffen unzählige Menschen freie Entscheidungen, übernehmen Verantwortung für ihr Handeln, lernen, helfen einander und entwickeln sich gemeinsam weiter. Tiere können dies nicht. Jede Forderung nach Tierrechten wertet deshalb nicht die Tiere auf, sondern wertet alle Menschen ab. Den Menschen zeichnet so viel mehr aus als seine Leidensfähigkeit. Ihre Empathie mit den Schmerzen von Tieren in allen Ehren, aber muss das gleichzeitig mit einer solchen Relativierung menschlicher Eigenschaften einhergehen? Ihr Vergleich zwischen Raubtieren und Soldaten ist gerade deshalb mehr als schief, weil sie die besondere Gabe des Menschen zur Freiheit vollkommen ausgeblendet haben.  Es hat in den vielen schmutzigen Kriege der Vergangenheit und Gegenwart immer mutige Soldaten gegeben, die sich aus Gewissensgründen gegen das Töten von anderen Menschen entschieden haben. Versuchen sie hingegen einmal eine hungrige Katze zu überzeugen, eine Maus nicht zu töten! Wie sie sehen, hat die Natur eben auch ihre grausamen Seiten. Zum Glück können wir uns Kraft unseres Verstandes über diese Seiten der Natur erheben und können die Welt nach unseren Bedürfnissen humaner gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass ein Denken, was den Menschen auf seine bloßen Schmerzempfindungen reduzieren möchte, diesem Unterfangen nicht dienlich ist. Der Mensch bleibt für mich das Maß aller Dinge.

Johannes Richardt
25.02.2010  18:10

Sorry für die Einmischung, aber ich befürchte, dass Herr Unsoeld einfach den Begriff Recht nicht versteht, daher läuft die ganze Diskussion aneinander vorbei.
Jetzt steht bei mir im Zimmer ein Tisch. Ich bin davon überzeugt, dass ich keinesfalls ohne Not einfach so eine Axt nehmen und den Tisch kaputt machen darf! Aber das bedeutet nicht, dass der Tisch ein Recht darauf hat, unverletzt zu bleiben. Mutatis mutandis stimmt für ein Tier das Gleiche (es gibt natürlich Unterschiede, aber die Logik ist grundsätzlich dieselbe). Ein Recht kann nur einem Wesen zugeschrieben werden, das zumindest prinzipiell in einer Lage sein könnte, dieses Recht wahrzunehmen.
Zur Fortsetzung der Frage von @Petrarca möchte ich auch fragen: Kann jemand sich vorstellen, dass Katzen nicht nur für ihre eigenen (Katzen-)Rechte, sondern auch für die Rechte der Mäuse demonstrieren gehen?

Boris Kotchoubey
05.03.2010  15:26

@ Herrn Kotchoubey

Ich bitte um Erläuterung des von Ihnen ins Form gestellten Satzes:
” Ich bin davon überzeugt, dass ich keinesfalls ohne Not einfach so eine Axt nehmen und den Tisch kaputt machen darf!”
Welche menschliche oder göttliche oder sonstige Autorität verurteilt die mutwillige Zerstörung eines Tisches? Die Handlung ist idiotisch, aber doch nicht unmoralisch. Habe ich da was missverstanden an dem Tisch-Beispiel?

Herr Moralist
08.03.2010  21:37

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