. . Das Debattenmagazin  |  RSS  |  Newsletter

Sind Anarchisten dumm?

Von Marco Meng

Mein Hausarzt, der jedes Jahr während seines Urlaubs für eine Organisation in Afrika kostenlos Menschen versorgt und operiert, hat einen unverzeihlichen Fehler: Er fährt einen Mercedes. Und den hat man nun – allein 2009 waren es um die 300 (!) Autos – in Berlin angezündet. Würde einer dieser „Brandstifter gegen den Kapitalismus“ an Krebs erkranken, müsste man ihm da nicht die Chemotherapie verweigern? Schließlich werden die dazu verwendeten Medikamente und Apparate kommerziell hergestellt. Besonders glücklich scheint das „anarchistische“ oder „autonome“ Leben jedenfalls nicht zu machen, sonst käme man sicher nicht auf die Idee, anderen das Eigentum zu zerstören. Sich anzumaßen, darüber zu entscheiden, welches Auto jemand fahren darf, zeugt nicht gerade von Toleranz und auch nicht davon, dass man a) klar im Kopf ist oder b) wirklich etwas Gutes will.
Mir selbst, wenn ich bspw. von einem Porsche rechts auf der Autobahn überholt werde (falls ich mir ein Auto ausgeliehen habe, da ich seit Jahren – ohne eigentlich „grün“ zu sein – keines besitze), kommt da auch schon mal der Gedanke „Angeber!“ – damit ist das Thema dann aber auch erledigt, und ich käme mir wie ein pubertärer Dummkopf vor, würde ich dem Porschefahrer nun das Auto beschädigen. „Autos sind Statussymbole!“, geifert aber der alternative Öko-Gutmensch. Ja, und?
Die Besetzung des Casinos des „Campus Westend“ der Frankfurter Uni Mitte Dezember hatte gezeigt, dass auch Universitäten wieder zum Spielplatz der Krakeeler werden können. Wichtigtuer sehen eben in jedem berechtigten Protest eine Möglichkeit, mit dem „ganzen System“ (Freud würde vermuten, unbewusst mit dem Elternhaus) abzurechnen und nun endlich auch einmal so etwas erleben zu können, was sie in den Filmen über die 68er-Unruhen gesehen haben. Der eine oder andere möchte vermutlich auch beweisen, dass er mindestens genauso blöd ist wie so manch einer damals: Einer der Protestler erklärte, er komme aus einer „Szene, die ein taktisches Verhältnis zur Gewalt“ habe – „Gut nachgeplappert, Schwätzer!“, möchte man da sagen. Natürlich sollte bei den Protesten „die Kritik am gegenwärtigen Bildungssystem“ auch gleich „mit einer Kapitalismuskritik“ verbunden werden – warum aber nicht auch mit der Kritik an den Taliban und am Kubismus, insbesondere mit dem Hinweis auf die bedrohte Tierart der Schwanzlurche? Oder sind die euch etwa egal, ihr Spießer? Doch mal ganz ohne Scherz – verrät das alles nicht mangelnde Lebenserfahrung? Wie schön, dass ihr keine wirklichen Probleme kennt, ihr „Anarchisten“ des 21. Jahrhunderts, und euch so an euren kleinen bis zur Ekstase aufgeilen könnt.
Die pathologische Neurose des „Anarchisten“, sich in wütender Missgunst äußernd, wettert gegen die Industrie, den Kapitalismus und die Konsumgesellschaft. Trotzdem nutzt er aber Handys, Computer und Internet. Man wettert gegen den „Bonzenstaat“, nimmt aber von diesem Staat jeden Monat die „Stütze“, um davon zu leben. Es sieht so aus, als sei ein solch alternatives Leben nichts anderes als scheinheilig. Wer sich anmaßt, mit Gewalt zu bestimmen, wer wo wohnen oder parken darf, müsste der sich nicht auch gefallen lassen, wenn ich ihm auf dem Bürgersteig eine in die Schnauze haue, weil ich nämlich meinen Bürgersteig, auf dem ich gehe, für mich allein haben will?
Der moderne Anarcho lehnt die Zivilisation ab, genießt aber ihre Vorteile. Das Wichtigste ist ihm jedoch vor allem, dagegen zu sein. Sich konstruktiv (also nicht durch Anketten, Steine werfen oder Wände beschmieren) für etwas einsetzen, das ist eben zu schwer. Durch Autoanzünden schaffe ich indes weder das Zinssystem noch den Shareholder Value ab. Freilich verlangt es weniger Grips, gegen etwas zu sein und gemäß des bekifften Ausrufs „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ zu handeln, statt für etwas zu sein und etwas aufzubauen. Gutmenschen, die meinen, sie müssten anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, sind wie dicke Priester, die Enthaltsamkeit predigen und sich an den Messdienern vergehen. Man darf nicht lügen – außer, man hat dadurch seine Vorteile. Man darf nicht stehlen – außer, es lohnt sich. So anscheinend das Motto des „Autonomen“. Man will nicht zum Mainstream gehören und kauft deshalb keine Kleider in kommerziellen Geschäften, sondern in sogenannten „Umsonstläden“ – hergestellt wurden sie allerdings dennoch in kommerziellen Fabriken. Die Wohnung, in denen der „Anarchist“ wohnt, wurde von Maurern erbaut, die sich tatsächlich vom Architekten vorschreiben ließen, wie sie zu mauern hatten. Und wenn der „Alternative“ gegen Reichtum wettert, der zum Beispiel auf der Ausbeutung von armen Menschen beruhe, die für unsere Atomkraftwerke Uran abbauten, so zitiert er fleißig, was er mal gehört hat, nutzt selbst aber munter den Strom, der aus der Steckdose kommt. Ein solches Verhalten nennt man verlogen.

Man kann also „Anarchisten“ durchaus als Parasiten bezeichnen, die einerseits etwas ablehnen, ja bekämpfen, wovon sie andererseits aber gerne Nutzen ziehen (der Staat wird bekämpft, für das Hartz-IV-Geld, das dieser Staat auszahlt, aber die Hand aufgehalten). Wäre man als „Anarchist“ konsequent – das heißt: ehrlich –, so würde man seine Kleidung selbst schneidern, in selbst gebauten Häusern leben und auf die Jagd gehen, oder, um politisch korrekter zu sein, als Vegetarier (oder – kotz! – Veganer) von dem leben, was man selbst anpflanzt. Macht das aber jemand aus dem Huch-wie-furchteinflößend-sehn-wir-aus-„schwarzen-Block“? Nein. Und warum nicht? Vielleicht weil sie zu faul, vielleicht, weil sie zu dumm sind. Ein konsequent alternatives Leben ist eben doch sehr anstrengend, hat weniger mit hochtrabenden Reden, sondern mehr mit Arbeit zu tun. Die „alternative Lebensform“, die mancher erzwingen will, ist eben nicht nur eine Utopie, sie ist noch viel weniger: sie ist heuchlerisch. Selbst wenn man Geld abschaffen würde und alles wäre kostenlos, würde es dennoch Menschen geben, die sich im Kaufhaus mehr Bananen nehmen, als sie essen können. Da es immer solche Leute geben wird, die für sich mehr nehmen, als sie brauchen, soll ich diese Leute einsperren oder erschießen? Wegen ein paar Bananen? Und wer hat das Recht, über eine solche „Strafe“ zu entscheiden? Man sieht, wohin das führt: echte Anarchie hat nichts anderes zur Folge als ein Leben in der Steinzeit mit Tyrannei, Bespitzelung, und: der Stärkere würde immer Recht bekommen. Mehr Demokratie, indem man beispielsweise vielleicht die repräsentative mit der direkten ersetzen würde, erreicht man weder durch kriminelle Aktionen noch durch intellektuelle Wichtigtuerei.
Der herrschende Kapitalismus ist alles andere als das A und O der Zivilisation, er ist, wie er derzeit existiert und mehr schlecht als recht funktioniert, kein Naturgesetz – bekämpft wird er aber nicht dadurch, dass man sich an Bahngleise ankettet, Autos anzündet oder Joghurtbecher aus dem Container der Supermärkte mitnimmt, weil man sich „dem Konsum verweigert“ (man verweigert sich ihm ja gar nicht wirklich, sondern bezahlt nur nichts dafür). Und der Anspruch, was man tut, sei gegen „die Herrschenden“ und für „die kleinen Leute“, die „Normalbürger“, ist – in Abwandlung eines Buchtitels – radikal lächerlich. Von den „kleinen Leuten“ ist eine große Zahl einmal Hitler hinterhergerannt, einige haben auch Juden diffamiert oder KZs bewacht – nur, weil jemand finanziell nicht gut gestellt ist, ist er noch lange kein guter Mensch, und umgekehrt genauso.
Nach einem Anschlag auf Bundeswehrfahrzeuge mit einem Schaden von drei Millionen Euro Steuergelder hatte kürzlich auf einer „autonomen“ Webseite ein Sympathisant (oder Täter?) geschrieben, damit wolle man die Bundeswehr zum Abzug aus Afghanistan veranlassen. Na sicher doch! Bevor die Bundeswehr dann aber in Berlin zum Einsatz kommt, sollten die Täter und ihre Sympathisanten vielleicht die Zeit nutzen, um wieder zur Schule zu gehen und den Hauptschulabschluss nachzuholen. Oder wenigstens einen Yogakurs bei der Volkshochschule belegen.
Niemandem ist es verwehrt, wenn er wirklich will, sich dem Konsum zu verweigern und in seiner ländlichen Ökoidylle ganz autark und alternativ zu leben. Warum aber tut ihr es nicht und wollt stattdessen alle anderen dazu zwingen, so zu leben? Nur weil ich selbst zu dumm oder zu faul bin, etwas zu leisten, sei es für mich selbst, meine Familie oder „die Gesellschaft“, habe ich noch lange nicht das Recht, anderen ihren Besitz zu missgönnen. Ich zum Beispiel, der ich im Gegensatz zu vielen selbsternannten „anarchistischen“ Kämpfern kein Handy besitze, käme nie auf die Idee, anderen das Handy zu zerstören, auch wenn es mich manchmal nervt, dass alle mit so einem Ding am Ohr durch die Gegend laufen.
Wer ist also das größere egoistische Arschloch? Der Kinderarzt, der einen Cayenne fährt, oder der faule Anarcho, der ihm nachts feige diesen Wagen anzündet? Die Vorstellung jedenfalls, Reichtum baue notwendigerweise auf der Unterdrückung anderer auf, ist primitiv. Bill Gates hat sicherlich niemanden unterdrückt oder ausgebeutet, er hatte nur gute Ideen, die er in die Tat umsetzte (das Ergebnis wird von „Anarchisten“ oft und gerne genutzt). Und das viele Geld, das er damit verdient hat, nutzt er vor allem dazu, die Regenwälder zu schützen und gegen Aids zu kämpfen. Wie Nietzsche schon über den Anarchismus schrieb: „… es ist ein Vergnügen für alle armen Teufel zu schimpfen — es gibt einen kleinen Rausch von Macht.“
Anarchie heißt „ohne Autorität“ – mithin ein gesellschaftlicher Zustand der Herrschaftslosigkeit und Freiheit; ein Anarchist wäre demnach ein Mensch, der von der Herrschaft anderer frei sein möchte und es gleichzeitig aus freiem Willen darum auch ablehnen muss, über andere Zwang und Gewalt auszuüben. Aber gerade letzteres machen selbsternannte „Anarchisten“ ja nicht, sondern verhalten sich im Gegenteil selbst so, wie sie es anderen vorwerfen und zu bekämpfen vorgeben (sie selbst nennen das dann immer „faschistisch“). Die Idee der „Herrschaftslosigkeit“ ist – seien wir ehrlich – nichts weiter als ein infantiler Traum, der sofort zerplatzt, sobald man wach wird: Selbst in der Natur gibt es allenthalben Herrschaft, angefangen bei den einfachsten physikalischen Naturgesetzen. Und dass es immer in Lagern endet, wenn man Menschen konform erziehen will, sollte eigentlich jede Diskussion darüber, Menschen nach einer Utopie zu formen, erübrigen. Man will das Besitz-, Leistungs- und Konkurrenzdenken abschaffen? Dann bitte auch gleich Gähnen, Lust auf Schokolade und vor allem Dummheit mit abschaffen. Anarchie, so kann man eingedenk des Erörterten definieren, ist wie der Versuch, ein System, das schlecht ist, durch eines, das unrealisierbar ist, ersetzen zu wollen. Oder einfacher: Sie ist die Rache jener an der Welt, die in erbärmlichen Familienverhältnissen aufgewachsen sind.
Gewiss haben die wenigsten Autoanzünder das lebensferne und theoretische Gebrabbel über den „Anarchismus“ aus dem vorigen und vorvorigen Jahrhundert gelesen; im Grunde ist es heute auch nur ein Begriff, den man sich umhängt und den man auch einfach mit Schmarotzertum, Faulenzertum oder krimineller Asozialität ersetzen könnte. Die Frage also „Sind Anarchisten dumm?“ kann beantwortet werden: Ja, sie sind!

Marco Meng ist 37 Jahre alt und hat in den Jahren 1999 und 2000 in Russland als Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen gearbeitet. Derzeit prüft ein angesehener Verlag die Veröffentlichung seines ersten Romans.

13.01.2010 | Permanenter Link | http://bit.ly/bD8b0B

Kategorie(n): Politik und Demokratie

Artikel empfehlen: Artikel twittern Artikel auf Facebook posten

Bezogen auf die Ereignisse im Casino der JWG-Universität ist der Autor wohl den Mediensprüchen des Präsidenten Müller-Esterl aufgesessen. Selbst Mitarbeiter berichten, dass es bis auf ein Loch im Fussboden fast alles mit Farbe zu bereinigen ist. Wenn Menschenmassen unterwegs sind sind auch immer Krawallmacher dabei. Noch schlimmer ist, die an der Uni protestierenden Professoren und Doktoren und Studierenden mit den Verwüstern ohne Differenzierung in einen Topf zu werfen. Seht euch doch das Video von der Räumung an. Da waren doch nicht Leute, die etwas zerstören. Das waren die, die sich auf ihre Art Gedanken über die Ausbildung an den Hochschulen machten inklusive zweier Professoren. Dazu gibt es auch eine Erklärung der Lehrenden an der JWG-Uni.
Die Kategorie unter der dieser Artikel getaggt wurde, sollte Polemik heißen und nicht Politik.

Wedernoch
13.01.2010  23:20

@ Wedernoch
Klar: es ist zu unterscheiden zwischen Besetzung, Räumung und Zerstörung, und den Leuten, die hier oder da involviert waren. Marco Meng bezieht sich nach meiner Lesart auf die letztgenannte Kategorie. In der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wurde auch über die Aktionen berichtet:
http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EAB5BC25C93A44545BC609DF2462428C8~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Jedenfalls bedauerlich, wie das alles gelaufen ist (und an die Wand gefahren wurde). Das kenne ich noch noch allzu gut aus meinen eigenen Unizeiten… mfgTD

Thomas Deichmann
14.01.2010  16:19

Für mich waren die Besetzungen der klare Versuch linksradikaler Kräfte, die berechtigten Studentenproteste für ihre Zwecke zu okkupieren. Nicht der Bildung sollte geholfen werden, sondern der Staat als solches sollte verunsichert und gebrandmarkt werden. Anarchisten haben einfach ihre Chance genutzt. Den Studentenprotesten wurde somit ein großer Schaden zugefügt. Sie wurden sozusagen mißbraucht. Wo kommen denn die sogenannten kritischen Bürger her, die allerorten die Besetzungen aktiv begleiteten?
Gutes Material hierzu liefern sie gleich selber.:

http://de.indymedia.org/2009/12/267986.shtml

Bibliothekar
16.01.2010  11:41

Zwar war ich nie ein Freund des Anarchismus. Trotzdem, nur ganz nebenbei, eine kleine Anmerkung. Man sollte das von Marco Meng trefflich kritisierte kindische Theater einer kleinen, krakeelenden Minderheit in den Studentenstreiks vielleicht doch nicht mit dem Begriff “Anarchismus” adeln. Was auch immer man von den Levellers, Proudhon, Bakunin, Kropotkin und den amerikanischen und spanischen Anarchosyndikalisten des frühen 20. Jahrhunderts im Einzelnen halten mag - das waren immerhin Leute, die beseelt waren von Visionen weitreichender sozialer Reform. Jammern, Farbbeutel werfen und einfältige Feindbilder war deren Sache eher nicht, sondern - wenn auch unrealistische - Konzepte direkter Selbstorganisation kleiner Gemeinschaften - ob als Landkommune oder syndikalistische Arbeitergemeinschaft, vor allem in Russland auch der Tyrannenmord natürlich. Das alles war meistens naiv, illusionär, gelegentlich romantisch, oft natürlich auch gewaltbereit (wozu allerdings auch zu bedenken ist, dass Gewaltsamkeit damals gesellschaftlich insgesamt weniger negativ konnotiert war als heute). Der Anarchismus war natürlich prinzipiell rückwärtsgewandt - vor dem Kapitalismus fliehen wollend in archaischere soziale Formen. Aber nicht vergleichbar dem hirnlosen ritualisierten Protest von heute. Und vor allem in seinem zumindest rhetorischen Bekenntnis zur Freiheit überhaupt nicht vergleichbar mit dem heutigen eher staatsfixierten “Radikalismus”. Daher ist das Nietzsche-Zitat vielleicht auch nicht so wirklich treffend, denn das Dionysische, für das Nietzsche stand, hat ja auch gewisse Züge des historischen Anarchismus. Kurz gesagt: der war schon entsprechend seiner Epoche etwas Anderes als die heutigen Schwundformen linken Radikalismus.

Sabine Reul
19.01.2010  17:50

Anarchisten? Haben sich die von Herr Meng heranzitierten Randalierer und Protestler denn als solche “geoutet”? Meiner Erfahrung nach lassen sich die erwähnten “Aufrührer” meist eher nicht im anarchistischen Milieu verorten, sondern vielmehr in einem nebulösen Umfeld “Linksradikaler”, das sich vor allem aus den Sprösslingen von Mittelstandsfamilien speist, die in der Tat keinerlei Sorgen haben. Hier gibt es zwar viele, die “den Kapitalismus” ablehnen, seltener werden schon die, die ihn überhaupt verstehen (das sind dann diejenigen, die die “Stütze”, das Bafög, das Kindergeld und die Bio-Siegel auf dem Joghurt dann doch ganz gern beanspruchen und über Umwege glauben, alle sollten über den Verteiler Staat davon leben können und niemand müsse das Verteilte erarbeiten) und ganz selten sind dann diejenigen, die den Staat als solchen, als System eines territorialen Herrschaftsmonopols, konsequent ablehnen - ergo Anarchisten sind. Befassen sie sich mit anarchistischer Theorie, kommen sie natürlich auf Bakunin etc. und sollten dabei feststellen, dass dieser etwa Zeit seines Lebens auf die Hilfen seiner Gönner angewiesen war und mehr oder weniger konsequent verarmte - ganz ohne Umweg Staat, ohne Sozialamt. Wären die o.g. “Anarchisten” tatsächliche Anarchisten, wie Meng behauptet, so müssten sie, wie richtig gesagt wurde, konsequenterweise den sezessionistischen Weg gehen und sich (auch) der Hilfsgemeinschaft in Form des Sozialstaates verweigern. Oder aber, sie gehen davon aus, parasitär diesem Staat den Gar ausmachen zu können: Folgten schließlich alle ihrem Beispiel beim Nehmen, so die Argumentation, befände ersterer sich sehr schnell vor dem Aus. Weils bequemer ist, ist also ein überwiegender Teil der “Defizitäranarchisten” auf Gleis 2 unterwegs - meist auch in der harmlos-naiven Variante “Betrunken am Bahnhof”. Was auch daran liegen dürfte, dass die allermeisten dieser selbstbetitelten “Staatsgegner” wohl unter 25 sind und sich auf diesem Weg sozialen Distinktionsidealen näher sehen, Stichwort “Alternative Lifestyle” – nichts ist in diesem Alter wichtige als die Abgrenzung zur Masse. Je radikaler, desto besser. Gerade an Universitäten sind hingegen eher die bärtigen Anarchos häufig anzutreffen, vornehmlich in den Geisteswissenschaften (18 Semester, Sie wissen schon) und auch vornehmlich überhaupt nicht gewaltbereit sondern eher gemütlich. Mir persönlich sind diese “harmlosen”, meist schon recht früh am Tag betrunkenen Pseudoanarchisten lieber, als diejenigen Wohlstandskinder aus dem linken Spektrum, die mich mit sinnfreien Protestslogans jeden Tag vor der Mensa mit grünsozialen, sozialsozialen, sozialistisch-linken, linksradikalen und radikalsozialen Flugblättern bewerfen, zum zwanzigsten Mal vor dem heranbestellten Dorfpostillenreporter die “Bildung zu Grabe tragen” und mit der Unterstützung des AStA dann abends im selbstgefälligen Vollrausch Mülltonnen anzustecken, während Papa daheim nach dem langen Tag in der Kanzlei sein SUV vor dem Eigenheim parkt und sich fragt, ob die Kinder wohl noch in diesem Jahr ihren Abschluss in Sozialpädagogik machen werden.

Ich will an dieser Stelle sicher keine Lanze für wie auch immer geartete Randalierer brechen, diese sind auch meiner Meinung nach als “dumm” zu bezeichnen (vor allem diejenigen, die die frisch renovierte Mensa in FFM „im Sinne der Studierendenschaft“ fix wieder in eine Baustelle verwandelt haben!), allerdings bezweifle ich, dass es sich um tatsächliche Anarchisten handelt. Es sind, zumindest nach meiner Erfahrung an der Universität, häufig diejenigen, welche sich meist durch ihre politisch-ökonomische Unterbelichtung bei gleichzeitig großem Mundwerk auszeichnen und durch vermeintlich (!) besonders mutige Aktionen ihren Status innerhalb der Gruppe festigen oder ausbauen wollen – wer will schließlich in diesen Jahren kein „Ausbrecher“ sein?! Es sind –so betiteln sie sich selbst- „Autonome“. Demgegenüber, so würde ich behaupten, sind die meisten Anarchisten auf eben diesen Status überhaupt nicht scharf, viel eher auf „nihilistisches Rumhängen“ im autonomen Kulturreferat bei Tüten und subventioniertem Bier.

Michael Wiederstein
25.01.2010  11:50

So Jungs, da kommt die Nachricht: Das Präsidium der JWG-Uni verzichtet auf die Anzeigen gegen die bei der Räumung herausgetragenen Uniangehörigen. http://bit.ly/cEitbE
Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass es keine Mehrheit im Präsidium für die publizierte Meinung des Präsidenten Müller-Esterl gibt. Leider sind ja alle Medien darauf angesprungen.
Natürlich kann man spekulieren, dass es für die Uni schlecht aussähe, hielte sie die Anzeigen aufrecht und es würde dem Präsidenten mit seiner merkwürdigem Auftreten weiter schaden. Müßig!
Sichert Herr Meng den Artikel jetzt doch in Polemik?

wedernoch
28.01.2010  13:06

Wenn ich nun als Anarchist*in diesen Artikel lese, gibt es 2 mögliche Interpretationsansätze:
1. Der Autor nutzt hier einfach den “Anarchie” begriff unwissenderweise (weil dem medialen Mainstream entsprechend) falsch und pöbelt eigentlich “linksradikale” Randalierer*innen, und auch das nicht sehr inhaltlich gehaltvoll.
2. Der Autor richtet sich schon explizit gegen Anarchist*innen, da er aber keine fand, erfand er sich sie einfach und dazu noch einen Großteil seiner hohlen Argumente in diesem “Beitrag”.
Welchem Ansatz ich auch folgen will, führt er mich doch unweigerlich zu dem Ergebnis, dass dies kein gehaltvoller, journalistischer Beitrag ist, sondern mehr das übliche Stammtischgpöbel, welches sich selbst durch eine Unverständnis der Sache auszeichnet, welche der Autor hier eigentlich den “Anarchist*innen” vorwirft.
Daher fühle mich auch gar nicht herausgefordert, inhaltlich auf dieses Geschreibsel einzugehen, sondern fasse es passend mit einem Wort zusammen: Blödsinn.

Anarchist*in
28.04.2010  19:30

Persönliche Daten speichern?

Über neue Kommentare per E-Mail informieren?