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„Atombenzin“ auf dem Vormarsch

Von Günter Keil

Seit die Debatte um den Kernkraft-Ausstieg durch die nuklearfreundliche Position der EU-Kommission angeheizt worden ist, der Ölpreis bedenklich schwankt und sich der Gasversorger Russland als problematischer Handelspartner entpuppt, hört man in Deutschland wieder alle möglichen Anti-Atom-Argumente, denn nun fürchten die Kernkraftgegner den entscheidenden Dammbruch. Ein für den Laien eingängiges Argument lautet dabei: “Autos kann man ja nicht mit Uran im Tank betreiben” – Originalton des SPD-Energieexperten Hermann Scheer.

Es geht aber doch, und es ist wie immer eine Preisfrage. Mit Windstrom könnte man Wasserstoff per Elektrolyse gewinnen und damit direkt Autos betreiben. Das wäre allerdings astronomisch teuer. Anders sieht es bei der Kernkraft aus: Zwar könnte man mit dessen Strom ebenfalls unsinnig teuren Elektrolyse-Wasserstoff erzeugen. Aber es geht auch besser: Man braucht einen Hochtemperatur-Reaktor (HTR), wie ihn Deutschland entwickelt, stillgelegt und dann an Südafrika verkauft hat. Er kann Prozesswärme bis zu 1000 Grad erzeugen und damit Wasser thermisch aufspalten - und man hat dann preiswerten Wasserstoff. Damit könnte man mit Kohle die altbewährte Kohlehydrierung nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren zur Herstellung von synthetischem Benzin anwenden, wie es das Dritte Reich mit seinen Hydrierwerken im großen Stil betrieb.

Südafrika hatte seinerzeit auf den Ölboykott wegen seiner Apartheidpolitik mit der Benzinherstellung nach diesem Verfahren geantwortet. Dort liegt heute das wichtigste Know-how. Nicht überraschend, dass man dort zugegriffen hat, als die Deutschen ihren HTR loswerden wollten. Auch die Kohleländer China und Indien entwickeln ihn, und die USA haben in ihrem Energieprogramm einen Schwerpunkt für die Wasserstoff-Erzeugung mittels HTR gesetzt - ausdrücklich zur Verringerung der Ölimporte. Dort wird man also in etwa 18-20 Jahren “Atombenzin” in den Tank füllen können. Man wird es natürlich nicht so nennen, weil die professionellen Panikmacher dann behaupten würden, dass es strahlt. Man wird es deshalb wohl eher still und unauffällig beimischen.

Deutschland dagegen wird bis dahin voraussichtlich weiterhin teuer Erdöl aus dem Nahen Osten kaufen und anschließend noch einmal Kohlenstoff-Strafgebühren für dessen Verbrennung bezahlen. Gutmensch zu sein ist eben nicht billig.


Dr. Günter Keil war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München / Fraunhofer Gesellschaft sowie im Bereich Projektförderung beim Bundeforschungsministerium tätig. Heute lebt er als freier Autor in Sankt Augustin. In Novo89 ist von ihm zuletzt die Glosse „Mega, Mikro, Giga, Gago, Nano – Pisa“ erschienen.

  • Weitere Texte zum Thema “Atomkraft” finden sich im gleichnamigen Novo-Webdossier.

16.09.2009 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Wissenschaft und Technik | Atomkraft

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Wenn denn die Wasserstoffgewinnung über die thermische Dissoziation des Wassers eine wirtschaftliche Alternative wäre, dann wundere ich mich, wieso das bisher nirgendwo verwirklicht wurde, obwohl Verbrennungstemperaturen von über 1000 Grad C auch bei den herkömmlichen Kesselfeuerungen üblich sind. Aber träumen darf man ruhig davon - sogar im Zusammenhang mit dem wegen der geringen Leistungsdichte zwar inhärent sicheren, dafür aber auch inhärent teueren Hochtemperaturreaktor.

Otto Wildgruber
20.10.2009  19:41

Sehr geehrter Herr Dr. Keil,
diese Perspektive sollte bald aufgegriffen und für den Feldeinsatz entwickelt werden. Bravo zu diesem Beitrag.

Polyboy
27.10.2009  11:17

Wasserstoff ist als Energieträger miserabel.
Die Dichte ist ein Vielfaches geringer als die von Methan und ist demzufolge schlecht/teuer zu speichern und zu transportieren. H2 diffundiert durch alle Dichtungen. Ein H2 Netz ist teuer.
Daneben möge man bedenken, daß es in Deutschland bereits ausgebaute Infrastrukturen für Strom, Diesel/Benzin und Erdgas gibt. Mittels umweltfreundlicher Kernkraftwerke, oder preiswerter BRaunkohle läßt sich preiswert Strom generieren der auch zum Heizen, für Warmwasser und als Automobilantrieb genutzt werden kann.
Der HTR Reaktor hat sein Zeitfenster verpasst. Die Energiedichte von 6KW/L ist wesentlich geringer als die eines Druckwasserreaktors, 100KW/L. Die geringe Leistungsdichte und der hohe Druck im Reaktor, z.B. 40 bar begrenzen die Leistung desselben auf etwa 1000MWth, entsprechend 400MWel. Damit kann ein derartiges Reaktorkonzept nicht konkurrieren. Ein neues Reaktorkonzept muß signifikante Vorteile aufweisen um sich gegenüber dem bestehenden LWR durchzusetzen. Als zukunftsträchtig erachte ich den Schnellen Brüter und den MSR Reaktor. 

Wenn man von ökoreligiösen Gedanken spinnerter Professoren absieht, gibt es keinen Grund den Gedanken von H2 als Energieträger weiter zu verfolgen.
Interessante Artikel findet man auch auf http://www.oekoreligion.npage.de

Vandale

Vandale
01.11.2009  22:41

Nachtrag:

Als grosser Vorteil des HTR Konzepts wird herausgestellt, dass ein HTR, selbst wenn dieser tagelang ausser Kontrolle geraet, keinen nennenswerten Schaden nimmt.
Wenn man jedoch das allgemeine Risikopotential von KKW mit dem Risikopotential anderer Energiequellen vergleicht, so stellt man fest das KKW weit besser abschneiden als andere Energiequellen.
In manchen alten “Noch” Industrielaendern gibt es viele Menschen mit oekologischer Gesinnung. Fuer diese Menschen spielen Sachargumente in der Regel keine Rolle. Wenn die Atomkatastrophe nicht kommt, wird das “ungeloeste Endlagerproblem” geschaffen. Wenn man den Atommuell wiederaufbereitet wird man ein neues Problem propagieren.
In den jungen Industrienationen die in grossem Masstab KKW errichten, China, Indien und Suedkorea wird sehr nuechtern abgewogen. In diesen Laendern wird in der Regel der Schluss gezogen die Reaktorkonzepte abzuspecken und hinsichtlich der Kosten zu optimieren.

Vandale

vandale
05.11.2009  15:20

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