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Steinmeiers Ökostaat
Von Sabine Reul
Die Kritik, die Franz Walter Steinmeier entgegenschlägt, seit er in seinem „Deutschlandplan“ Anfang August die Schaffung 4 Millionen neuer Arbeitsplätze bis 2020 versprach, ist in weiten Teilen gleichermaßen fatalistisch wie wirr. Denn das Problem ist ja nicht, dass der Kanzlerkandidat hofft, die Wirtschaft sei dazu imstande. Selbst in dem vom schweren Konjunktureinbruch Anfang des Jahrtausends geprägte Zehnjahreszeitraum von 1998 bis 2008 stieg die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland um ca. 3 Millionen von 37,5 auf ca. 40,5 Millionen und die der neuen Arbeitsplätze entsprechend um deutlich mehr. Wenn von Angela Merkel bis Gregor Gysi alle Steinmeier jetzt mangelnden „Realitätssinn“ vorwerfen, mag das zwar Wahltaktik sein. Es ist aber vor allem symptomatisch dafür, wie stark sich niedrige Erwartungen an die wirtschaftliche Zukunft in das allgemeine Bewusstsein eingefressen haben, wenn nun alle meinen, dass sich selbst das relativ bescheidene Wachstum der letzten Dekade künftig nicht mehr wiederholen lasse.
Folglich möchte man Steinmeier, wenn er mehr „Ehrgeiz“ und einen „Wettstreit der besseren Ideen“ einfordert, gegen seine Kritiker in Schutz nehmen, von denen offenbar manche eine Dienstwagendebatte reizvoller finden. Nur: So ehrgeizig, wie ihm seine Kritiker anlasten, ist der „Deutschlandplan“ leider nicht. Steinmeiers Vorschläge sind zum einen nicht neu. Das Konzept, durch Förderung von Investitionen in neue Energienetze, grüne Schlüsseltechnologien und Elektroautos Deutschland einen industriellen Adrenalinstoß zu versetzen, wird schon seit Jahren, bislang vor allem im Bereich erneuerbare Energien, vorangetrieben. Ein Papier des Wirtschaftsministeriums zur Förderung der Elektromobilität wurde schon im vergangenen November vom Bundeskabinett verabschiedet. Inzwischen liegt auch ein „Nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität“ vor, den das noch amtierende schwarz-rote Bundeskabinett nächste Woche absegnen will. Auch darin steht, dass bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren sollen. Und wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie schon im Oktober 2008 bekannt gab, arbeitet man dort im Rahmen des Technologieprogramms „Klimaschutz und Energieeffizienz“ auch an Dingen wie „Anwendungen der Supraleitung für die Speicherung und den Transport von Strom, über die Elektromobilität bis hin zu sogenannten Null- bzw. Plusenergiehäusern und der energetischen Optimierung ganzer Städte.“
Das heißt: Steinmeier hat nur aufgegriffen, was ohnehin flächendeckender Konsens ist, setzt allerdings insofern andere Akzente, als er diese Visionen im Kontext des Wahlkampfs mit Beschäftigungspolitik verknüpft und zugleich für noch intensivere staatliche Intervention im Marktgeschehen plädiert hat. Dabei denkt der Kanzlerkandidat auch an eine noch gezieltere Förderung der Verbrauchernachfrage nach umweltfreundlichen Produkten. „Mit der richtigen Politik machen wir die Spar-Technologien zu unserem neuen VW-Käfer-Exportschlager, Motor der Binnenwirtschaft, Symbol unserer wirtschaftlichen Kraft und unseres ökonomischen Sachverstands“, so Steinmeier in seiner Berliner Rede zur Vorstellung seines Wirtschaftsprogramms.
Wahltaktisch will die SPD so die angesichts der aktuellen Krise breit gewachsene Sympathie für staatliche Markteingriffe in ein paar Prozent dringend benötigte Wählerstimmen ummünzen. Inhaltlich ist das ganze Konzept mehr als beunruhigend: Die Festschreibung von Energiesparkonzepten als Wachstumsmotor läuft darauf hinaus, Wirtschaft und Gesellschaft noch stärker als bereits der Fall auf das Dogma des Klimaschutzes auszurichten. Eine so einseitig umweltpolitisch motivierte Technologieförderung ist nicht nur ordnungspolitisch bedenklich. Sie könnte sich als Rohrkrepierer erweisen. Steinmeiers Prämisse, dass sich die Welt die nächsten zehn Jahre um das Energiesparen drehen wird, kann sich als gewaltige Fehleinschätzung erweisen. Eine vernünftige Wirtschaftspolitik richtet sich nicht an ideologischen Moden aus, sondern fragt, was Menschen national wie international wirklich gut gebrauchen könnten. Da liegt der Knackpunkt, über den zu diskutieren ist.
Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin der Textbüro Reul GmbH (http://www.textbuero-reul.de)
13.08.2009 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Politik und Demokratie
Nachtrag: Eine realistische Stimme aus besagter Parteibasis
http://www.freiewelt.net/nachricht-1755/grundzüge-einer-liberalen-umweltpolitik.html
Ein sehr interessanter Beitrag von Steffen Hentrich findet sich auch in diesem Buch. Die Basis ist durchaus bereit, dem realen Blick noch eine Chance zu geben. Dies Buch sozusagen als Lese- Und Kaufempfehlung.
Danke AC DC für den Gedankenanstoß und beste Grüße.




Vizemeier (O-Ton Petra Gerster bei einem Sprachstolperer in der Heute-Sendung am 12. 8.) hat schon heute die Ausrede im Koffer, die er bei Maybritt Illner beim Sylvester-Talk am 31. 12. 2019 präsentieren wird: Ja, wären nicht jährlich über 150.000 gut ausgebildete Fachkräfte aus Deutschland abgewandert, dann sähe es in Deutschland nicht so traurig aus. Auf die Frage, warum das so war, ist nur ein Schweigen zu erwarten
Übrigens: CDU und FDP sind in ihrem Ökowahn keinen Deut besser (was die Parteiprogramme betrifft). Hier habe ich jedoch die Hoffnung, dass in der Parteibasis doch noch die Vernunft regiert.
AC DC
14.08.2009 16:39