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Tchibo zensiert „Gentechnik“
Von Matthias Heitmann
Seit Ende Juni kann man bei Tchibo T-Shirts und Stofftaschen nach eigenen Vorstellungen mit Motiven und Botschaften online gestalten und drucken lassen. Diesem Angebot konnte R.* nicht wiederstehen, und er gab sogleich eine bedruckte Tasche in Auftrag. Allerdings musste er feststellen, dass Tchibo eigene Vorstellungen davon hat, welche Art von eigenen Vorstellungen seine Kunden kundtun dürfen.
Dabei hatte R. gar keine Schweinereien oder gar Kraftausdrücke im Sinn: Für die Vorderseite der Tasche hatte er lediglich die Aufschrift „Gentechnik JA Bitte“ und für die Rückseite den Satz „Gentechnik hilft gegen den Hunger auf dieser Welt“ beauftragt.
Seine Onlinebestellung wurde per automatisierter Antwortmail zunächst bestätigt. Tags darauf erfolgte allerdings eine formlose Stornierung des Auftrags. Auf R.‘s Anfrage, ob die Stornierung etwas mit der Aufschrift „Gentechnik“ zu tun habe, erhielt er vom Hersteller Spreadshirt, der im Auftrag von Tchibo für den Druck zuständig ist, die Antwort: „Tatsächlich haben wir von Tchibo einige Vorgaben erhalten, die angeben, was wir drucken dürfen und was nicht. Welche Wörter hierbei abgelehnt werden, können wir leider nicht beeinflussen.“
Auf erneutes Nachfragen, ob Tchibo etwas dagegen habe, dass durch Forschung im Bereich Gentechnik z.B. durch dürreresistente Pflanzen etwas gegen den Hunger der Welt unternommen würde, erhielt R. vom Spreadshirt Service die Antwort: „Leider muss ich Ihnen sagen, dass wir selbst nicht nachvollziehen können, warum gewisse (und derer gibt es viele) Wörter nicht von Tchibo zugelassen werden.“
Da wir bei Novo ebenso wenig Anhänger der deutschen Verbraucherschutzpolitik wie auch des Verbraucheraktivismus sind, rufen wir Sie an dieser Stelle ausdrücklich nicht zum Boykott von Tchibo auf. Viel interessanter wäre es im Gegenteil, über Selbstversuche herauszufinden, welche Wörter und Aussagen bei Tchibo noch auf dem Index stehen. Die Bestellseite für die Shirts und Taschen findet sich unter http://www.tchibo.de/is-bin/INTERSHOP.enfinity/eCS/Store/de/-/EUR/TdTchBrowseCatalog-Start?CategoryName=tchiboplus&phase=kw2609&source=SUCHE.
Hier ein paar Textvorschläge zum Ausprobieren:
„Atomenergie ist die sauberste Energie.“
„Das Waldsterben ist tot.“
„Anthroposophen sind die Doofen.“
„Heißer Kaffee ist Doping ist kalter Kaffee.“
„Studiengebühren sind sozial.“
„Menschen sind geil.“
„Rettet die Banker!“
„Michael Jackson war ein Schwarzer.“
„Ich darf auf mein Shirt drucken, was ich will.“
„Tchibo setzt sich für Meinungsfreiheit ein.“
Bitte teilen Sie uns mit, welche dieser Aussagen von Tchibo akzeptiert wurden (bitte mit Fotobeweis).
* Die Anonymisierung erfolgte auf Wunsch des Gentechnikfreundes. Die Mailkorrespondenz zwischen ihm und Spreadshirt liegt der Redaktion vor.
Matthias Heitmann ist stellvertretender Chefredakteur von NovoArgumente.
10.07.2009 | Permanenter Link | http://bit.ly/aTOcUV
Kategorie(n): Politik und Demokratie | Kultur und Gesellschaft
Zwei enthusiastisch erhobene Daumen und einen Herzlichen Dank für diese illustre Darbietung, die mir über ihre Worte geradezu entgegensprang, wenn es denn nicht ernster Natur wäre. So sitze ich hier und weiß nicht, ob ich eher weinen oder mich übergeben sollte, bei dem, was letztlich alles hinter diesem Artikel steckt und mitschwingt. Vielleicht sollte ich mich überweinen ... In dem musste ich unweigerlich an die Erkenntnis von foodwatch im Fall von Jogurette denken, als man dort feststellte und als „systemisch verbraucherfreundlich relevant“ herausposaunte, dass in eben dieser keine „ganzen“ Erdbeeren enthalten sind…
Ein Bekannter versuchte es mit dem Aufdruck “Greenpeace - pfui Deibel”. Das wurde abgelehnt mit der Antwort : “Der Text ‘Greenpeace’ gefällt uns nicht. Die Bestellung mit einer Leertaste zwischen “Green” und “peace” ging dann erst mal durch, wurde dann aber nach wenigen Minuten wieder storniert. C’est la vie… TD
Letztes Jahr gab es das Angebot von Tchibo schonmal. Eine Bloggerin* hat zwei Hemden mit den Texten ““Tchibo-Shirts: Gefertigt für Hungerlöhne” und “Dieses T-Shirt hat ein Kind genäht” bestellt. Tchibo hat sich ziemlich aufgeregt und deshalb wird halt jetzt nicht mehr alles gedruckt.
Novo Find ich doof!
http://blogs.taz.de/saveourseeds/2009/07/16/ist_tchibo_ein_tendenzbetrieb_/
Der Zynismus als auch der ungehemmte Liberalismus sind tot - und das ist auch gut so. Es gibt einige grundlegende Werte - und ich bin sehr froh, dass das Unternehmen Tchibo nicht einfach macht, was Geld bringt, sondern sich einigen Unverschämtheiten widersetzt.
Vielen Dank auch für diesen Hinweis, werde mal demnächst wieder mehr bei Tchibo einkaufen gehen. Unternehmer mit Werteorietierung, das ist doch “neu”, “erfrischend”, geradezu “hipp” !
Was Tchibo dort macht, ist natürlich sehr schade. Offenbar sind nur slogans erlaubt, die der Mainstream gerne hören will. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass man eine solche Handlung streng genommen nicht “Zensur” nennen kann.
Die Philosophin Ayn Rand meinte dazu einmal:
“»Zensur« ist ein Begriff, der nur auf die Regierung anwendbar ist. Keine Privathandlung ist Zensur. Kein Privatmensch kann einen anderen knebeln oder eine Publikation unterdrücken - nur die Regierung kann das.”
Was ist damit gemeint? Zensur ist das Gegenteil von Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit meint das Recht seine Meinung zu äußern. Dabei muss aber das Eigentum anderer ebenso beachtet werden, wie bei allen anderen Tätigkeiten. Wenn ich z.B. gegen den Lissabon-Vertrag bin, so kann ich das gerne auf der Straße sagen, ich bin aber nicht dazu berechtigt, die Hauswand meines Nachbarn mit einem Slogan “Where is my vote” vollzukrickeln, denn dazu gab er mir nicht die Erlaubnis und ich beschädige sein Eigentum.
Meinungsfreiheit bedeutet auch nicht, dass ich ungefragt in das Büro der FAZ stürmen darf und etwas in den Rechner hacke, damit das morgen im Druck erscheint - denn damit verletze ich die Rechte am Eigentum anderer - hier des FAZ-Konzerns.
Umgekehrt habe ich aber jedes Recht der Welt, gleichgesinnte zu suchen und mit ihnen gemeinsam ein Magazin zu veröffentlichen (denn damit vergreife ich mich an niemand anderes Eigentum).
Zensur kann also nun wie folgt definiert werden: Ein Staat zensiert, wenn er mir VERBIETET, ein Magazin o.ä. zu gründen, um dort meine Meinung kundzutun. Ein privatmann kann mir das nicht verbieten, nur der Staat kann soetwas tun und folglich ist der Begriff Zensur nur auf den Staat anzuwenden.
WEnn Tschibo ein Geschäft nicht abschließt, können wir den Konzern dazu nicht zwingen, denn zunächst gehört Druckerfarbe, T-Shirt und die Dienstaleistung nicht uns, sondern dem Konzern. Er kann eine Kooperation verweigern, wir könnten ihn dazu mit keinem Recht der Welt zwingen.
Ebensowenig kann ja jemand auf dieser Web-Site einfach Nazi-Parolen posten. Tut er das, wird ihn der Administrator vermutlich daran hindern, es hochzuladen. Und das ist das gute Recht von NOVO, denn diese Domain gehört NOVO und nicht irgendeinem Poster. Der Poster hat das Gute Recht, eine eigene Seite zu erstellen, um seine Parolen dort zu verbreiten (auch wenn ich dies persönlich geschmacklos finde).
Der Staat ist der einzige, der wirklich zensieren kann, indem er kraft seines Gewaltmonopols gewisse Meinungen unterdrückt. Er tut dies bspw. bei den Neonazis und kürzlich auch auf alternativen Medienseiten, wie etwa “wikileaks”. (Obwohl ich persönlich den Nazis alles Schlechte an den Hals wünsche, ist eine Zensur ihrer dummer Seiten aber unrecht! Erst waren es nur die Neonazis, jetzt sind es schon manche Nachrichteseiten, bald vielleicht NOVO?...)
Privatbürger können nicht zensieren. Denn sie können nicht ungestraft server andere Menschen lahmlegen oder in Büros eindringen, Dinge konfiszieren, Gewaltstrafen androhen, etc.
Sie können nur die Kooperation verweigern, was ihr gutes Recht ist.
Viele Grüße
Das Problematische am heutigen gesellschaftlichen Klima ist die Internalisierung des zensorischen Denkens, die Vorstellung, dass manche Aussagen - und seien sie eigentlich noch so banal oder idiotisch - besser verboten gehören. Dieses Klima und die Angst vor freier Meinungsäußerung machen es dem Staat leicht, alle möglichen Dinge und Aussagen zu verbieten. Tatsache ist, dass heute die Forderung, dem Volk das Maul oder sonst etwas zu verbieten, ironischerweise zu einem der wenigen Themen geworden ist, mit dem Politiker in der Öffentlichkeit Pluspunkte sammeln können. Wenn man sich also erfolgreich gegen staatliche Zensur zu Wehr setzen möchte, muss man das zensorische Denken und die Angst vor der Freiheit aufs Korn nehmen.
“Tatsache ist, dass heute die Forderung, dem Volk das Maul oder sonst etwas zu verbieten, ironischerweise zu einem der wenigen Themen geworden ist, mit dem Politiker in der Öffentlichkeit Pluspunkte sammeln können.”
Das ist allerdings wahr, Matthias. Insofern passt die private Tschibo-Zensur tatsächlich hervorragend zum herrschenden Zeitgeist.




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Jim Cunningham
10.07.2009 12:48