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Gebt das Doping endlich frei!
Von Matthias Heitmann
Im Kampf gegen Doping scheint mittlerweile fast jedes Mittel Recht zu sein: Seit Anfang des Jahres müssen Topathleten täglich für Dopingkontrollen zur Verfügung zu stehen und hierfür Zeiten für drei Monate im Voraus angeben. Solche „Meldeauflagen“ kannte man bislang lediglich im Zusammenhang mit verurteilten Straftätern. Der aktuelle „Fall Claudia Pechstein“ stellt ebenfalls freiheitliche Rechtsauffassungen infrage.
Weiterlesen unter: http://www.ksta.de/html/artikel/1246883630457.shtml
07.07.2009 | Permanenter Link | http://bit.ly/ba0QAa
Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft | Doping
Sehr geehrter Herr Prof. Treutlein,
es geht mir nicht darum, notwendige und sinnvolle Regeln und Gesetze abzuschaffen. Sinnvolle Regeln zeichnen sich dadurch aus, dass sie – wie etwa bei der Verfolgung von „Diebstahl“ – klar definiert sind und auf einem allgemeingültigen abstrakten rechtlichen Konzept beruhen. Beim Diebstahl ist dies das Konzept des „Eigentums“.
Im Falle von Doping fehlt jedoch ein solcherart belastbares abstraktes Grundkonzept. Alle Versuche, dieses zu entwickeln, sind bislang gescheitert. Stattdessen greifen Wada und Nada daher auf Positivlisten zurück. Man stelle sich dies bei der Definition von „Diebstahl“ vor. Jedermann würde es als absurd empfinden, wenn Diebstahl nur über eine Liste derjenigen Gegenstände, die nicht geklaut werden dürfen, definiert würde. Die Willkür wäre offensichtlich, zugleich würde so das Konzept von „Eigentum“ ad absurdum geführt. Der Umweg um die Positivliste löst das Definitionsproblem nicht, sondern macht das offensichtliche Fehlen einer stichhaltigen Definition von Doping sowie einer belastbaren Begründung, warum es verboten gehören soll, erst richtig offensichtlich.
An einer anderen Stelle stimme ich Ihnen zu: Mündigkeit setzt Erziehung zur Mündigkeit voraus. Aber wird diese dadurch erreicht, dass wir bestimmte Bereiche des Lebens von vornherein tabuisieren? Setzt der Ausweg aus der Unmündigkeit nicht zwingend das kontinuierliche Hinterfragen von Tabus und Mythen – und auch von Regeln – voraus? Ist nicht gerade das Fehlen einer offenen und tabufreien Diskussion über den Einsatz von leistungssteigernden Substanzen die Ursache dafür, dass wenig über Nebenwirkungen bekannt ist?
Auch Ihrer Aussage „Repression führt nur zu kurzfristigem Bremsen oder Reduzieren der Problematik“ stimme ich zu. Deshalb spreche ich mich so vehement gegen die Doping-Hysterie aus, da sie eine offene und rationale Auseinandersetzung systematisch verhindert.
Wenn Sie unter „Prävention“ eine solche nicht wertende Auseinandersetzung mit der Wirkweise sowie den Vor- und Nachteilen verschiedener die Leistungsfähigkeit beeinflussender Substanzen (dazu gehören dann auch Koffein und Vitamin C) verstehen, die dann dazu führt, dass Menschen gut informiert ihre eigene Risikoabwägung vornehmen, fände ich das gut. Dies deckt sich mit meinem Ziel, den Einsatz leistungssteigernder Mittel und Methoden als etwas zu begreifen, was der Mensch schon immer tat und auch heute tut – auch dann, wenn er nicht auf Substanzen aus der Verbotsliste zurückgreift.
Der Begriff der „Prävention“, so, wie Sie ihn verwenden, deutet jedoch für mich eher darauf hin, dass es nicht Ihr Ziel ist, dass Menschen wirklich freie und bewusste Entscheidungen über die Verwendung bestimmter Substanzen treffen. Denn Ihre Forderung nach dem Verbot von „Doping“ lässt sich damit nicht vereinbaren.
Eher scheint es, als sei „Prävention“ als Verhinderungsstrategie gemeint, in der in erster Linie Werte vermittelt werden soll. Eine solche kann aber nicht auf rationaler und wissenschaftlicher Basis und schon gar nicht mit dem Ziel frei entscheidender Menschen erfolgen. Wenn die auf der Verbotsliste gelisteten Substanzen tatsächlich alle so gesundheitsschädlich wären, wie Sie suggerieren, bedürfte es keiner moralischen Nachhilfelektion.
Abschließend zu den von Ihnen formulierten „Bedingungen“ für eine Freigabediskussion:
Der Spitzensport sollte in der Tat stärker betonen, dass Leistungssportler keine Vorbilder in gesundheitlicher Hinsicht, sondern Vorbilder hinsichtlich Willenskraft, Willensausdauer und harter körperlicher Arbeit sind.
Da ich selbst Vater bin, nehme ich mir das Recht des Erziehungsberechtigten heraus, es meinen Kindern, solange sie nicht volljährig sind und dieses Recht für sich nicht in Anspruch nehmen können, zu untersagen, eigenständig und ohne Rücksprache potenziell gesundheitsgefährdende Medikamenten und Methoden zu verwenden. Wie erfolgreich ich persönlich damit sein werde, steht dahin, hat aber mit Doping rein gar nichts zu tun, sondern betrifft die (wichtige und berechtigte) rechtliche Ungleichbehandlung von Kindern und Erwachsenen. Daher erübrigt sich auch eine Kommentierung Ihrer wohl ohnehin eher polemisch gemeinten dritten und vierten „Bedingung“.
Da liegen wir dann ja gar nicht so weit auseinander. Unsere Grundabsicht ist, die Jugendlichen zu mündigen Sportlerinnen und Sportlern zu entwickeln, damit sie selbst frei entscheiden und Verantwortunfg für ihr Tun sowie für ihren Verband/Verein übernehmen können. Das wird bisher kaum versucht. Mit Ihrer Einschätzung, ich sei mit meinem Präventionsbegriff nicht wirklich an einer freien Entscheidungsmöglichkeit interessiert, liegen Sie falsch; die Praxis unserer Präventionsveranstaltungen beweist das Gegenteil; das wird zum Teil gar nicht gerne gesehen. Bevor Sie darüber spekulieren, was wir bei Präventionsveranstaltungen machen und annehmen. dass wir moralische Nachhilfelektionen erteilen, sollten Sie einfach sich über eine Teilnahme mal informieren. Darüber hinaus haben wir genügend dazu veröffentlicht.
Auseinander liegen wir mit Sicherheit bei der Beurteilung der Substanzen und Methoden; alles was medizinisch nicht im Sinne von Wiederherstellung und Erhaltung von Gesundheit gerechtfertigt ist, ist aus meiner Sicht abzulehnen. Alles, was auf der Liste steht, kann sich bei entsprechender Dosierung (und die ist fast immer bei Sportlern weit höher als die therapeutisch empfohlene Dosierung) massiv gesundheitsschädlich auswirken; entsprechende Versuche mit hohen Dosierungen können gar nicht gemacht werden, da sie von der Ethik-Kommission einer Universität nie und nimmer genehmigt werden dürften. Wenn de Mondenard z.B. für Radprofis errechnet hat, dass die Lebenserwartung für Profis vor dem 2. Weltkrieg über jener des Durchschnitts der Bevölkerung lag, danach aber nur bei 54 Jahren (ebenso bei Footballprofis), dann lässt sich daran erkennen, wohin eine Dopingfreigabe führen würde. Wenn italienische Staatsanwälte für Fußballprofis eine ganz bestimmte, selten vorkommende Krankheit (mit relativ häufiger Todesfolge) feststellen, soll man den Sport dann einfach ungebremst weiter agieren lassen? Wenn bei Radprofis sich überdurchschnittlich viele krebserkrankungen einstellen, bei Bodybuildern z.B. Leberkrebs (vgl. Luitpold Kistler), was ist dann Ihre Konsequenz daraus? In Frankreich geht man von ca. 1000 ungeklärten Todesfällen im Sport pro Jahr aus, mit Sicherheit nicht alle als Folge von Doping, soll man das im Sinne von nicht vermeidbaren Kollateralschäden einfach hinnehmen? Wer - außer Werner Franke - fordert seit vielen Jahren eine wesentlich intensiverte Forschung? Nicht vergessen werden sollte, dass z.B. das Lasern der Augen von Golfspielern oder Biathleten auf 160% erneut ein Menschenexperiment zur besseren Medaillenproduktion darstellt. Übrigens. der erste große Sündenfall der Bequemlichkeitsmedizin war die Pille für die Frau. Interessanterweise gibt es ja eine solche für Männer bis heute nicht.
Es wäre fahrlässig, wenn ich diese meine Position der Ablehnung von Medikamentenmissbrauch kaschieren würde. Wenn mit Nikotin und Alkohol in unserer Gesellschaft fahrlässig bis unverantwortlich umgegangen wird, ist dies kein Rechtfertigung dafür, die gleiche Haltung bei anderen Drogen an den Tag zu legen.
“Vorbildwirkung” von Erwachsenen: Schon ca. 1990 habe ich durch eine Studentin erfahren, dass in ihrem Verein jugendliche Mittelstreckler auf unterem Leistungsniveau vor jedem Training und erst vor einem Wettkampf sechs bis acht Aspirin schlucken; heute wird anstatt in nicht wenigen Sportarten das wesentlich gefährlichere Voltaren genommen. Auch das nicht verbotene Tilidin lässt grüßen. Wie lässt sich die gefährliche Vermedikamentalisierung von Sport und Gesellschaft bremsen?
Auf eine Substanzdiskussion möchte ich mich aber gar nicht einlassen, denn dann würden Sie wahrscheinlich zu Recht sagen, dass sich auch übermäßiges Essen und sonstige unvernünftige Lebensführung gesundheitsschädlich auswirken können. Wo genau die Grenze zwischen Doping und Medikamentenmissbrauch liegt, interessiert mich im Hinblick auf Dopingprävention überhaupt nicht, mein Ziel ist die Vermittlung einer gesunden Lebensführung und der Stärkung der Lebenskompetenzen. Dass die Dopingliste das Problem der hieb- und stichfesten Dopingdefinition nicht löst - einverstanden, aber was ist Ihr Vorschlag??? Oder ist die einzige Alternative die Freigabe, auch für Jugendliche? Im übrigen war ich oft genug zur Begleitung von Athleten bei Dopingkontrollen dabei (längste Verweildauer im Kontrollvorbereitungsraum viereinhalb Stunden), ich weiß, wovon ich rede und bin deshalb absolut gegen Kontrollen von Minderjährigen.
Hinterfragen von Regeln - einverstanden. Aber nicht so, dass jeder für sich individuell entscheiden kann, ob er Regeln einhält oder nicht. Der richtige Umgang mit nicht akzeptierten Regeln sollte der Versuch der Regeländerung sein. So lange diese nicht erfolgt ist, hat der Sport dafür zu sorgen, dass Regeln eingehalten werden ebenso wie der Staat für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen hat.
Die von Ihnen gewünschte tabufreie Diskussion und durch Regeln nicht gebremste Verwendung von Dopingmitteln hat im übrigen in den fünfziger und sechziger Jahren stattgefunden, einschließlich der Werbung für solche Mittel z.B. in Sportmedizinzeitschriften. Wenn Ihre Bemerkung bzgl. tabufreier Diskussion stimmen würde, dann hätten damals die dopenden Athleten bzgl. Nebenwirkungen aufgeklärt sein müssen, was nicht der Fall war. Damals wurde noch mit geringen Dosierungen “gearbeitet” und auch noch nicht durchgehend, z.B. nur 5 Milligramm Dianabol täglich 4 x 4 Wochen im Jahr in den sechziger Jahren. Schauen Sie mal hin, welche Dosierungen heute z.B. im Bodybuilding verwendet werden, wo “Doping” und tabufreie Diskussion nicht verboten sind: das Zehn- bis Hunderfache früherer Dosierung.
Die Verwendung leistungssteigernder Mittel in Vergangenheit und Gegenwart - noch nie hatte der Mensch die Möglichkeit, unabhängig von Ritualen und gesellschaftlichen Gewohnheiten so viele gesundheitsschädlichen Mittel in jeder Menge zu verwenden wie heute: muss da ausgerechnet der Leistungssport eine Vorreiterrolle einnehmen? Die massive Beschleunigung der Leistungsgesellschaft bringt Zwänge zur Verwendung solcher Mittel mit sich, verbunden eben nicht nur mit Chancen sondern auch mit Risiken und Kosten. In einer Reparaturgesellschaft wird über die Risiken und Kosten erst geredet, wenn es schon (fast) zu spät ist. Bzgl. Medikamentenmissbrauch haben wir ein Problembewusstsein, dass in etwa jenem zur Umweltproblematik von Anfang der siebziger Jahre entspricht.
Die Modernisierung der Gesellschaft hat eine radikale Ausweitung der Entscheidungsmöglichkeiten und eine Reduktion früherer Zwänge mit sich gebracht. Viele Menschen sind mit dieser Situation überfordert. Besteht die Lösung dann darin, sie ohne Regeln allein zu lassen?
Eine offene und rationale Auseinandersetzung wird nicht durch jene verhindert, die gegen Doping kämpfen wie Werner Franke, Doktor de Mondenard oder Sandro Donati sondern durch jene, die so tun, als ob es das Problem gar nicht gäbe oder jene, die bis heute verharmlosen, welche Kosten und Risiken entstehen (können). Ohne die Dopinggegner wäre nämlich bis heute kaum etwas zu den Negativseiten des Medikamentenmissbrauchs bekannt.
Und abschließende Frage: Bis eine hieb- und stichfeste Dopingdefinition vorliegen wird, wird noch eine lange Zeit vergehen, wenn es sie überhaupt je gegebn wird. Welchen Rat geben Sie dann heute Sportlern, die auf keinen Fall dopen wollen, die aber durch doepnde Konkurrenten in eine Zwangslage kommen? Soll für sie das Aussteigen die einzige Handlungsmöglichkeit bleiben?
Die dritte und vierte Bedignung war insofern ernst gemeint, als mir bei Ihrer Argumentation in keiner Weise klar ist, wie Sie sich Menschen und Gesellschaft der Zukunft vorstellen und wo Sie sich zwischen den Extremen der absoluten individuellen Freiheit und der totalen Zwangsgesellschaft einordnen. Sind Ihrer Meinung nach im menschlichen Zusammenleben auch Grenzen und die Vermittlung von Normen notwendig? Und muss eine Solidargemeinschaft für die Risiken und Kosten von Medikamentenmissbrauch haften?
Sie schreiben, dass sich alles, was auf der Verbotsliste stehe, bei entsprechender Dosierung massiv gesundheitsschädlich auswirke. Wenn dies das Kriterium für die Doping-Definition sein solle, bekämen wir ein ernstes Ernährungsproblem!
Die Pille für die Frau als „Sündenfall der Bequemlichkeitsmedizin“ zu bezeichnen, ist starker Tobak und – entschuldigen Sie die Wortwahl – ein unglaublich plastisches Beispiel für Fortschritts- und Freiheitsfeindlichkeit. Wenn Sie die Freiheit der Frau, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren und dabei ihr Leben und ihre Gesundheit zu bewahren, als scheinbar „unnötige“ Bequemlichkeit begreifen, haben Sie jeglichen Sinn für Geschichte und das Leben früherer Generationen (oder auch heutiger in armen Teilen dieser Welt) verloren. In einem beheizten Zimmer lässt sich gut abschätzig über das „Bequemlichkeitsstreben“ der Frierenden philosophieren.
Es geht nicht darum, Menschen in der modernen Gesellschaft ohne Regeln „allein zu lassen“. Es geht darum, Regeln, die offensichtlich nicht hieb- und stichfest sind, zu hinterfragen. Gerade hieraus erwächst die Kompetenz zu einer gesunden und vor allen Dingen auch bewussten und freien Lebensführung. Eine tabuisierende Verbotsgesellschaft fördert die Überforderung von Menschen, da sie sie von vornherein als unmündig einstuft und ihnen die Möglichkeit verwehrt, eigene Entscheidungen rational zu treffen und daran zu wachsen.
Werner Franke als Kämpfer als Protagonisten einer solchen offenen und rationalen Auseinandersetzung zu stilisieren, ist aus meiner Sicht hanebüchen: In seinem „15-Punkte-Rettungskatalog für einen dopingfreien Sport“ (in: Der Verratene Sport, Zabert Sandmann Verlag, 2007, zu finden auch unter: http://www.sport-transparency.org/?p=46) redet Franke einem weltweiten Kontroll- und Überwachungsregime das Wort, das u.a. mit einer internationalen Eingreiftruppe ausgestattet werden soll. Wenn man vor diesem Hintergrund den aktuellen Fall Pechstein betrachtet, wo eine Sperre verhängt wird, obwohl es keinen positiven Befund gibt, muss man sich um die Freiheit und die Rechtsstaatlichkeit ernste Gedanken machen.
Ich habe Leistungssportlern keinen Rat zu erteilen. Wer Leistungssport auf internationalem Niveau betreibt, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass er damit seinen Körper sehr gezielt (und damit „unnatürlich“ und potenziell auch ungesund) modelliert – völlig unabhängig davon, ob er nun Verbotenes tut (also „dopt“) oder nicht. Deswegen geht meine Forderung über ein einfaches „Doping freigeben“ hinaus: Der Begriff „Doping“ ist an sich abzulehnen, er zieht willkürliche Legalitätsgrenzen, mystifiziert die Wirkung von Substanzen, da er die einen als „gefährlich“ und die anderen als „harmlos“ einstuft. Was wir brauchen, ist die genau die faktenbasierte Substanzdiskussion, auf die Sie sich, wie Sie schreiben, nicht einlassen wollen und die Sie auch gar nicht interessiert. Insofern liegen wir doch recht weit auseinander. Nur konkretes Wissen stärkt daraus erwachsene Normen und Werte und somit „Lebenskompetenzen“. Das ist „gesund“ – sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft.
Bitte genau lesen und widergeben: “bei entsprechender Dosierung auswirken kann”! Und Entschuldigung, ich bin Historiker, da gehen mir einige Ihrer oberlehrerhaften Belehrungen zu weit . Mich als Fortschritts- und Frauenfeindlich einzuordnen, das ist schon starker Tobak. Die Pille der Frau - wie viele Frauen sind daran schon gestorben (Brustkrebs etc.)? Andere Verhütungsmethoden sind etwas unbequemer, aber mit ihnen kann man das auch von mir unterstützte Selbstbestimmungsrecht der Frau ebenfalls ermöglichen. Waren und sind die Frauen, die die Pille nehmen (Hormone sind immer gefährlich) früher und heute ausreichend aufgeklärt über die Risiken??? Gesundheitsrisiko und Verantwortung bleiben bis heute allein der Frau überlassen, die Männer scheuen entsprechende Risiken und Verantwortung, oder warum gibt es bis heute keine Pille für den Mann? Habe nun ich oder Sie ideologische Scheuklappen auf? Und im Gegensatz zu Ihnen weiß ich, was hungern und frieren heißt.
Wenn Sie mich als Vertreter einer tabuisierenden Verbotsgesellschaft einordnen, dann lohnt eine Debatte kaum, denn dann wollen Sie mich nicht verstehen, Sie brauchen Leute wie mich als Feindbild.
Ihre Einordnung von Werner Franke ist hanebüchen; Sie haben sich offensichtlich mit ihm bisher nur sehr selektiv befasst. Es gibt kaum einen härtern Kämpfer für Wahrheit und Wissenschaftlichkeit und gegen Tabuisierung wie ihn; er ist weit entfernt von dem, was Sie ihm unterstellen. Es wäre zu wünschen, dass Sie und Menschen, die ähnlich argumentieren wie Sie, ähnlichen Mut im Kampf gegen Unsinn (siehe Frankes Texte für Kabarettswie Bügelbrett und Kommödchen in den 60er Jahren) aufbringen würden wie er; Sie kennen auch nicht die Prügel und Drohungen (bis hin zu Morddrohungen), die er im Lauf der Zeit ertragen musste.
Offensichtlich scheuen Sie genauso wie viele andere die rationale und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm. Zeigen Sie mir einen (Sport-)Mediziner, der im Lauf der Jahrzehnte in Auseinandersetzungen mit ihm sich ihm überlegen gezeigt hat. Es gibt aber viele, die wider besseres Wissen ihm Unwissenschaftlichkeit, Irrationalität etc. unterstellt, die Nebenwirkungen abgeleugnet haben (trotz gegenteiliger Untersuchungsergebnisse).
Diskriminierung der Dopinggegner - dazu können Sie in dem Buch von Singler/Treutlein “Doping - von der Analyse zur Prävention” auf S. 80 - 88 (Angriff auf die Angreifer: Wie Dopinggegner ins Abseits gestellt werden) einiges nachlesen - vielleicht finden Sie sich auch selbst darin wieder. Und im übrigen: Wieso gibt es im Fall Pechstein keinen positiven Befund? Sind unmäßig erhöhte Retikulozytenwerte kein Befund und gibt es in der Juristerei nicht auch den Beweis über Indizien? Wenn Frau pechstein im Alter von von 36 Jahren - dem Alter, in dem Spitzenslsportler ihre größten Leistungssteigerungen erzielen ... - plötzlich ihre Bestleistung um 15 Sekunden steigert, wie erklären Sie das? (Erklärungen und Hypothesen können Sie nachlesen bei Singler/Treutlein: Doping im Spitzensport) . Soll Frau Pechstein doch mal den gleichen Mut aufbringen wie Dieter Baumann und sich einem Lügendetektortest unterziehen.
Die Substanzdiskussion - d.h. die Grenzziehung zwischen Doping und Medikamentenmissbrauch - ist für die Prävention und Erziehung zur Mündigkeit uninteressant, entscheidend sind die Entstehung von Dopingmentalität und die Unfähigkeit, die eigene Begrenztheit zu akzeptieren. Erklären Sie mir mal bitte, warum ich als Nichtnaturwissenschaftler mich eine Substanzdiskussion einlassen soll?
Entlarvend ist das, was Sie zum Schutz Ihrer eigenen Kinder schreiben. Diese sollen geschützt werden, aber andere, mit weniger gebildeten oder verantwortlichen Eltern, die sollen ins Gras beißen dürfen.
Werner Franke hat über sein Wirken für den Rechtsstaat und für die Meinungsfreiheit mehr geleistet, als Sie sich vorstellen können. Aber mit Vorurteilen lebt es sich eben gut und die will ich Ihnen auch nicht nehmen. Bildung einer “internationalen Eingreiftruppe” - diese Bemerkung reißen Sie aus dem Kontext, verallgemeinern sie und prügeln darauf - eine bewährte Strategie. Auf die Frage, wie Sie jugendliche und erwachsene Sportlerinnen und Sportler, die gegen Medikamentenmissbrauch und Doping sind, schützen wollen, sind Sie eine Antwort schuldig geblieben. Brigitte Berendonk hat schon 1969 jenen, die sich dopen wollen, vorgeschlagen, sie sollten ihre eigenen Verbände gründen, in denen sie dann mit oder ohne Regeln Wettkämpfe durchführen können (“leider” gibt da ja der Staat noch einige Regeln vor), was meinen Sie, warum sich die Dopingfreunde auf diesen Vorschlag nicht einlassen???
Noch einmal: Der Sport hat sich seine Regeln selbst gegeben, er ist für ihre Einhaltung verantwortlich. Gehen Sie hinein in den organisierten Sport und kämpfen Sie für die Aufhebung der Dopingregeln. Ich prophezeie Ihnen, Sie werden Ihr blaues Wunder erleben, aber nicht durch Leute wie Werner Franke, Ralf Meutgens oder mich sondern durch viele andere.
Mir ist es wirklich ein Rätsel, Herr Prof. Treutlein, wie Sie Kinder und Jugendliche davon abhalten wollen zu dopen, wenn Sie ihnen nicht einmal erklären können, was Doping überhaupt ist. Da hielte ich es für sinnvoller, Sie würden Herrn Heitmann folgen, der zurecht darauf hinweist, dass die Trennung zwischen erlaubter und unerlaubter Medikamentenunterstützung willkürlich ist - und Kindern und Jugendlichen in der Tat etwas Falsches suggeriert… dass das, was erlaubt ist, ungefährlich ist (und bedenkenlos eingenommen werden kann). Wir brauchen stattdessen eine unvoreingenommene Diskussion über die Vor- und Nachteile der Medikamentenunterstützung. Mich würde interessieren, ob Sie, Herr Prof. Treutlein, auf Ihren Seminaren eine solche zulassen. Wie wäre es z.B. damit, Herrn Heitmann als Referenten einzuladen?
Die bisherigen Ausführungen zum Thema “Regeln” halte ich nur z.T. für zielführend, denn sie lassen das Wichtigste außer Acht: Regeln müssen immer auch durchsetzbar sein, d.h. bei Abweichung muss eine Sanktion zu vertretbaren Kosten verhängt werden können - das ist bei Doping aber nicht der Fall, ganz gleich aus welchem Blickwinkel man es betrachtet (juristisch, ökonomisch usw.). Die einzig’ sinnvolle Lösung des Problems scheint mir daher, den Sportlerinnen und Sportlern es zu ermöglichen, eine evidenzbasierte Entscheidung bezüglich der Medikamentenunterstützung treffen zu können. Wir werden daher auch um eine Freigabe nicht herumkommen, denn nur dann ist es Ärzten möglich, frei darüber zu forschen und Sportlerinnen und Sporler bei Bedarf umfassend zu beraten.
Sehr geehrter Herr Chatrath,
genau lesen gilt auch für Sie:
1. erstens habe ich Herrn Heitmann angeboten, mal eine Veranstaltung von uns mitzumachen, damit er nicht wild darüber spekulieren muss, was wir machen.
2. Erklären Sie mal bitte, warum ich Kindern und Jugendlichen eine Abgrenzung zwischen Medikamentenmissbrauch und Doping erklären soll, wenn sie nach meiner Meinung - sofern sie gesund sind - von allem die Finger weglassen sollen? Und wenn Sie nicht gesund sind, sollten sie keinen Leistungssport betreiben. Mein Ziel ist nicht vorrangig die international vorzeigbare Leistung sondern Leistungssport als Möglichkeit, etwas in Richtung Persönlichkeitsentwicklung in Gang zu setzen, sich selbst erproben, seine Grenzen ausloten, aber auch das zielgerichtete Miteinander mitbekommen, das anderen vertrauen können usw.. Da unterscheiden wir uns anscheinend völlig.
3. Wenn alle Regeln, die nicht vollständig durchsetzbar sind, nach Ihrer Meinung abgeschafft gehören, dann erklären Sie mal bitte, welches Gesetz dann nicht abgeschafft gehört.
4. Wie wollen Sie ärztliche Beratung von Sportlern zum Medikamentenmissbrauch vor dem Auftrag eines Arztes -Gesundheit wiederherstellen, Gesundheit erhalten - rechtfertigen? Welche Medikamente sind Ihrer Meinung nach absolut risikofrei? Außerdem hatten wird das in den vergangenen Jahrzehnten schon ausreichend, Anleitung und Verführung, mit bekannten Folgen. Die gründlichste Beratung und Anwendung hat in der DDR stattgefunden, aber das interessiert Sie anscheinend nicht. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass es nach einer Freigabe besser würde? Ich denke, Sie kennen die Geschichte von Medikamentenmissbrauch und Doping nicht ausreichend.
5. Wollen Sie gegen jegliche Regeln von Ethikkommissionen mit Dosierungen forschen lassen, wie sie im Sport angewendet werden, weit jenseits der empfohlenen therapeutischen Dosierungen? Worauf wollen Sie eigentlich raus, auf die absolute Freiheit, ohne Regeln? Kennen Sie z.B. die Dissertation von Luitpold Kistler zum freien, ungebremsten Medikamentenmissbrauch von Bodybuildern?
6. Auch sie erklären nicht, wie Sie Sportler, die keine Medikamente verwenden wollen, schützen wollen. Oder sollen diese einfach gleich mit Wettkampfsport aufhören? Brigitte Berendonk hat schon 1969 vorgeschlagen, Doping- und Medikamentenfreunde sollten ihre eigenen Verbände gründen, wo sie dann nach Lust und Laune jeden Blödsinn machen könnten? Was denken Sie, warum niemand diesen Vorschlag umsetzen will???
Übrigens, drei durch Forschungen im Ausland gestützte Hypothesen:
- Je früher Pillenkonsum beginnt (z.B. Vitaminpillen im Kindesalter), desto größer später die Suchtgefährdung.
- je stärker die Konzentration auf eine Tätigkeit (z.B. Leistungssport, Studium), desto höher die Suchtgefährdung (deshalb für Leistungssportler duale Karriere wichtig, für Studis Sport als Ausgleich).
- wenn Jugendliche mehr als 8 Stunden pro Woche trainieren, steigt die Suchtgefährdung exponentiell an.
Entsprechende Forschung gibt es interessanter Weise in Deutschland kaum. Wäre das nicht die viel wichtigere Forschung als Medikamentenforschung zum Zweck der Leistungssteigerung?
Ihre Frage ist: Wer macht den Sport kaputt, meine Frage ist: Wer und was macht Sportler kaputt und wie kann eine sinnvolle Lebensführugn aussehen? So unterscheiden sich Pädagogen von anderen.
Fazit: Ich bin ständig am Zweifeln, ob das, was wir machen, sinnvoll und richtig ist. Solche Selbstzweifel sind Ihrer Fraktion aber anscheinend fremd. Das erinnert mich an den Beginn der 70er Jahre: Wer nicht sofort der gleichen Meinung ist, wird in eine Ecke gestellt, “frauenfeindlich”, “reaktionär” usw., nein danke!
DAmit ist für mich diese Diskussion beendet, ich verwende meine Nächte lieber wieder für Sinnvolleres.
Mit freundlichen Grüßen von einem Kurzbesuch bei der Universiade in Belgrad, um auch noch etwas hautnah mitzubekommen, wie Spitzensport funktioniert.
Gerhard Treutlein




Die Konsequenz der “Logik” des Autors aus meiner Sicht: Überall dort, wo Regelverstöße nicht sofort und umfassend aufgedeckt und geahndet werden können, müssten die Re-geln/Gesetze abgeschafft werden, z.B. die Verkehrsregeln. Zumal doch Regeln die persönliche Freiheit einschränken und deshalb anscheinend abzuschaffen sind.
Folgende kaum lösbaren Probleme sind bei der Forderung nach Dopingfreigabe zu bedenken: Sport und Gesellschaft sind in der Klemme zwischen der Forderung nach grenzenloser Freiheit (z.B. auch beim Missbrauch von Drogen und Medikamenten) und der Angst vor totaler Beschneidung der Freiheitsspielräume bzw. einer Totalüberwachung (siehe Orwell 1984), beides beinhaltet riesige Gefahren – beide Extreme wären für die Entwicklung der Gesell-schaft eine Katastrophe.
Die Medizin befindet sich ihrerseits in der Klemme zwischen dem eigentlichen Anspruch - Gesundheitsmedizin (Krankheit heilen, Gesundheit erhalten) - und den Versuchungen der Bequemlichkeitsmedizin (Leistungs- und Körpermanipulation ausprobieren und fördern), d.h. Abkürzungen zum erwünschten Ziel bereit zu stellen; die Bequemlichkeitsmediziner benut-zen/missbrauchen Sportler als Versuchskaninchen zur eigenen Profilierung, bezahlen müssen allein die Sportler mit Krankheit und im Zweifelsfall Tod. Heinrich und Schmid in Freiburg als wohl unverantwortliche Bequemlichkeitsmediziner wird aller Voraussicht nach nichts passieren – in Kanada wurde nach dem Ben-Johnson-Skandal dem beteiligten Mediziner immerhin die Approbation entzogen. Heinrichs und Schmids gibt es noch viel mehr in allen Ländern und Sportarten.
Das Grundgesetz geht vom mündigen Bürger aus und gesteht diesem sogar das Recht auf Selbstmord zu. Mündigkeit setzt Erziehung zur Mündigkeit voraus, nur dann kann auch Verantwortungsübernahme verlangt werden. Verantwortlich handeln kann nur, wer entsprechend aufgeklärt ist und reflektieren gelernt hat; das ist bisher für Doping/Alltagsdoping/Medikamentenmissbrauch weder im Sport noch in der Gesellschaft (Alltagsdoping/Neuro-enhancement) gegeben. Fast alle wissen etwas zu Wirkungen von Medikamenten, aber fast niemand etwas zu Nebenwirkungen (wie wir aus Präventionsveranstaltungen wissen). Viele tappen in die Falle der Werbung, die ihnen Wirkungen und die Notwendigkeit des Konsums nahe legen; die Nebenwirkungen – soweit erwähnt – verschwinden im Kleingedruckten.
Prävention allein in der Art der Raucherprävention mit Hinweis auf Tod als mögliche Folge ist Blödsinn. Dass man das Problem von Doping/Alltagsdoping nicht mit Verboten allein lösen kann, ist auch klar. Aber zunehmenden Medikamentenmissbrauch nur als Fortschritt darzustellen und als zwangsläufige Entwicklung moderner Gesellschaften, da freuen sich nur die Pharmaindustrie und ihre Aktionäre sowie “experimentierfreudige” Mediziner.
Repression führt nur zu kurzfristigem Bremsen oder Reduzieren der Problematik, Prävention ist die einzige Chance auf Nachhaltigkeit, vor allem auch Verhältnisprävention. Dazu ist das Sportmilieu in den obersten Etagen bisher kaum bereit. Deshalb trifft der Begriff “organisierte Unverantwortlichkeit” (Andreas Singler/Gerhard Treutlein) zu und der Begriff “Reparaturgesellschaft” lässt sich auch auf den Leistungssport anwenden. Erst wird experimentiert, der Gewinn wird privatisiert und die Kosten dann sozialisiert.
Meine Aufgabe als Pädagoge ist es, Jugendliche zu schützen und zur Mündigkeit zu führen. Wenn sie dann als mündige Bürger sich für Selbstschädigung entscheiden, ist das nicht mehr mein Problem. Nach unserer Verfassung hat jeder das Recht auf Selbstmord, meiner Meinung nach aber nur als mündiger Bürger. Wenn Sie sich also genauso vehement wie für Dopingfreigabe für Prävention einsetzen könnten, könnten wir uns sogar annähern. Trotzdem ist eine Gesellschaft ohne Regeln für mich nicht vorstellbar.
Unter folgenden Bedingungen könnte man über eine Freigabe diskutieren:
- Der Autor bringt die Verantwortlichen des Spitzensports dazu klar zu äußern, dass dieser umfassend durch Medikamentenmissbrauch gekennzeichnet ist und mit Ge-sundheit nichts zu tun hat.
- Der Autor erklärt - sofern er Kinder hat und diese Leistungssport betreiben wollen - dass es ihm egal ist, wenn diese mit Medikamenten voll gestopft oder mit medizinisch nicht gerechtfertigten Methoden “behandelt” werden.
- Der Autor erklärt, dass all dies nicht auf Kosten der Steuerzahler oder der Kranken-kassen passieren darf.
- Der Autor hält bei den nächsten Dopingtoten die Grabrede, vielleicht mit dem Titel: “Warum der Tod gesellschaftlich erwünscht war”.
Prof. Dr. Gerhard Treutlein
08.07.2009 13:08