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Tübinger Thesen
Entwurf einer transzendentalen Neudeutung der Welt in 50 Thesen von Alexander Hans Gusovius
I. Es gibt nur eine Wahrheit, unteilbar, in allem, das ist. Sie wirkt im Einzelnen wie insgesamt.
II. Wahrheit ist Seinsgrund von allem und sich selbst. Alles, das ist, wird an ihr sichtbar.
III. Wahrheit wirkt aus dem Gesamten heraus und aus dem Ein-zelnen. Alles Einzelne und das Gesamte bilden die Wahrheit.
IV. Alles, das ist, hat Wahrheit. Nichts, das ist, kann ohne Wahrheit sein.
V. Wahrheit ist zugleich Sinn und Substrat. Sie ist erkennbar, fühlbar, wissbar – und erfahrbar.
VI. Das Einzelne ist wahr, wenn es insgesamt wahr wird. Das Ge-samte ist wahr, wenn es im Einzelnen wahr wird.
VII. Wahrsein ist höchste Übereinstimmung mit dem Selbst, im Einzelnen wie insgesamt. Jede andere Übereinstimmung mit sich selbst ist Wahrwerdung.
VIII. Selbstsein ist potentielles Wahrsein. Wahrwerdung und Wahrsein spiegeln dynamische Zustände des Selbst.
IX. Alles, das existiert oder geschieht, ist Teil der Wahrwerdung. Es gibt im Geschehenden und Tatsächlichen nichts eigentlich Falsches.
X. Fehler, die im Zuge der Wahrwerdung offenbar werden, sind Brechungen der Wahrheit. Es sind Verirrungen im Einzelnen in Bezug aufs Gesamte oder Verirrungen im Gesamten in Bezug aufs Einzelne.
XI. Je wahrer etwas ist, desto ungebundener ist es – und wird umso seltener offenbar. Je öfter etwas sich offenbart, desto irriger, faktischer oder gebundener ist es.
XII. Das Faktische existiert nicht an sich. Es ist Ausdruck über-geordneter Zusammenhänge und transzendentaler Dynamik.
XIII. In der Sphäre des Faktischen transzendieren sich im Vorhinein mögliche Wahrwerdungen. In ihnen offenbart sich der Scheideweg zwischen Gebundenheit und Loslösung.
XIV. Die Transzendenz des Faktischen ist ein demiurgisches Prinzip. In ihr ist ein dialogischer Raum eröffnet, den es zur Wahrwerdung im Einzelnen wie insgesamt braucht.
XV. Alles tatsächliche Geschehen birgt einen Hinweis auf trans-zendentalen Hintergrund. Ihn im Faktischen zu erkennen, steigert die transzendentale Dynamik; ihn zu verkennen, verlängert den Prozess der Wahrwerdung.
XVI. Was tatsächlich geschieht, ist nur zum Teil ursächlich für irgen-dein weiteres Geschehen. Alles, das im Weiteren geschieht, ist zugleich Teil übergeordneter Zusammenhänge, die sich im Folgegeschehen faktisch immer neu transzendieren.
XVII. Zufälle an sich gibt es nicht. Je stärker die transzendentale Dichte von Geschehnissen ist, desto eher erschließt sich ihr zwingender Zusammenhang.
XVIII. Die umso größere Seltenheit der Offenbarung bei umso größerer Wahrwerdung entspringt derselben Wurzel wie umso größere transzendentale Dichte. Aus demselben Ver¬hältnis von Gebundenheit und Loslösung schöpft der Zustand des Selbst.
XIX. Im Tatsächlichen, Faktischen sind Verirrungen elementarer Teil der Wahrwerdung. In der Transzendenz des Faktischen werden sie potenziell eliminiert.
XX. Götter oder Gott an sich gibt es nicht. Wahrheit als transzen-dentaler Träger und Sinnstifter ist kein handelndes, jenseitiges Etwas, sondern ein omnipräsentes, tatsächliches Seinsprinzip, dessen dynamische Vielschichtigkeit transzendentale Dimension hat und Jenseitigkeit vorspiegelt.
XXI. Erkennen bedeutet, Wahrheit im Tatsächlichen zu erfassen. Erkenntnisse im Einzelnen wie insgesamt sind Teil des Prozesses der Wahrwerdung.
XXII. Alles Erkennen bezieht seinen Impuls aus der Transzendenz des Faktischen, aus voranschreitendem Eintrag von Wahrheit im Tatsächlichen. Erkennen tendiert, im Einzelnen wie insgesamt, zur Auflösung des Faktischen.
XXIII. Erkenntnisse sind auf drei Wegen zu erlangen: denen des Fühlens, des Denkens und des Wissens. Alle drei stellen elementare, voneinander unabhängige Annäherungen an die Wahrheit dar.
XXIV. Im Fühlen überwiegt der Zugriff auf Faktisches, im Denken der Zugriff auf Dynamisches, im Wissen der Zugriff auf Zusammenhänge. Jeder der drei Wege ist für sich vollgültig zu beschreiten.
XXV. Gebete und andere spirituelle Techniken der Versenkung suchen die drei Wege zu vereinen, indem sie das Einzelne, das Gesamte und das Selbst transzendental aufeinander beziehen. Erkenntnisse der Wahrheit im Tatsächlichen haben diese Einheit auf jedem der Erkenntniswege zur Voraussetzung.
XXVI. Erkenntnisse greifen, im Einzelnen wie insgesamt, unmittelbar in die Wahrwerdung ein. Das bedeutet transzendentale Steigerung ohne Effizienzverlust, wie er beim Umweg der Anrufung von Gott oder Göttern entsteht.
XXVII. Die Steigerung verändert zugleich das Erkannte und noch zu Erkennende. Erkenntnisse sind infolgedessen rein auf die Zukunft gerichtet und haben keinen Vergangenheitswert.
XXVIII. Im Vergangenen wurzeln nur Hinweise auf Erkenntnisse. Der Grund für alles Sein liegt in der Zukunft, die per Transzendenz des Faktischen sichtbar die Gegenwart strukturiert.
XXIX. Alles Erkennen speist sich aus Wahrheit, zielt auf Wahrheit und reichert sie dynamisch an. Erkennen ist selbstreferentielle Wahrheit, im Einzelnen wie
insgesamt.
XXX. Sämtliche Sinneswahrnehmungen sind Wahrheitsentsprechun-gen. Sinneswahrnehmung ist das demiurgische Gegenstück zur Transzendenz des Faktischen.
XXXI. Alles Lieben gründet auf Wahrheit und lebt von Wahrheit. Lieben und Erkennen sind umgekehrte Aspekte desselben Wirkprinzips.
XXXII. Liebe ist Steigerung des Selbst über sich hinaus. Sie vollzieht den Austritt aus dem eigenen und das Eintauchen in ein anderes Selbst.
XXXIII. Verliebtheit ist Selbstliebe. In ihr steigert sich das Selbst nicht, sondern öffnet sich potentieller Wahrwerdung.
XXXIV. Liebendes Erkennen ist sich einfindende Wahrheit im Einzelnen. Erkennende Liebe ist sich vollziehende Wahrheit im Gesamten.
XXXV. In Liebe bereitet sich reines Sein vor. Je höher der Verschmelzungsgrad des Selbst ist, desto mehr offenbart es sich.
XXXVI. Reines Sein ist ins Leben getragene, völlige Wahrheit. Nur in gelebter Liebe ist Wahrheit vollendet fühlbar, wissbar und erfahrbar.
XXXVII. Gelebte Liebe ist sinnhaftes und bildliches Wahrwerden des Einzelnen im Gesamten. Geburten sind sinnhaftes und bildliches Wahrwerden des Gesamten im Einzelnen.
XXXVIII. Liebe zeugt sich aus Wahrheit und erzeugt Wahrheit. In ihr of-fenbart die Transzendenz des Faktischen die kürzesten Wege.
XXXIX. Liebe, Erkennen und Sprache bilden die drei Säulen von Wahrheit. In ihnen erweist sich Wahrheit als Seinsgrund von allem und sich selbst.
XL. Liebe ist der Schlüssel, der Wahrheit faktisch aufschließt, Erkennen der Schlüssel, der Wahrheit dynamisiert. Sprache ist der Schlüssel zum wahren Zusammenhang.
XLI. Sprache ist Mitte und Spiegel von allem. Nichts, das ist, existiert ohne sie.
XLII. Alles Sprachliche ist Figur. Es erschafft Abbilder in Sinn und Struktur und transportiert ihre doppelte Bedeutung.
XLIII. Sprache ist Widerschein reinen Seins. In ihrer sinnentwickelten und sinnentwickelnden Struktur wird der seiende und werdende Aspekt von Wahrheit punktgespiegelt.
XLIV. Sprache ist dreifacher Zusammenhang. Sie verknüpft sinnhaft Abbilder und Bedeutung, öffnet sie dem Erkennen wie der Transzendenz des Faktischen und vermittelt zwischen Wahrwer-dung und Wahrheit.
XLV. Definitionen gelten nicht an sich. Indem etwas sprachlich fest-gehalten wird, wandelt es sich und steht in neuem dreifachem Zusammenhang.
XLVI. Geist und Materie sind in Sprache bildhaft vereint. In der Trans-zendenz des Faktischen entfaltet ihr Einssein Dynamik.
XLVII. Alles Sein strebt zu Sprache und Sprachverfeinerung hin. Ziel ist ein Zugewinn an geistig-materieller Identität.
XLVIII. Die Magie der Sprache schöpft aus der transzendentalen Steigerung sprachlich gewonnener Identität. Sie ist Abglanz des Mysteriums der Wahrheit.
XLIX. Sprachlich vermittelnd betreibt Wahrheit im Einzelnen wie insge-samt die Wesenseinheit von Struktur und Chaos, Gefühl und Intellekt, Form und Inhalt, Geist und Materie, Subjekt und Objekt. Aus der Fülle der Auflösung von Gegensätzen schöpft ihr Mysterium.
L. Mittels Sprache erweist sich der Mensch als mystisch wahres Wesen. Aus Geistern wurden Götter, aus Göttern wurde Gott, aus Gott wurde der Menschensohn Gottes, dem der Mensch als vollgültige transzendentale Mitte und transzendentaler Mittler folgt.
Alexander Hans Gusovius ist Schriftsteller, lebt in Bonn und schreibt für u.a. für Die Welt und Maxim. Seine Website findet sich unter http://www.a-h-gusovius.de. Demnächst erscheint sein Buch “Das Prinzip Hoffenheim – Fußball als Spiegel der Zeit”. In Novo100/101 (5-8 2009) fragte er in seinem Artikel “Die Zukunft, Mann!”, ob die Welt ohne den spezifischen Zugriff von Männern auf das Leben auskommen kann.
30.06.2009 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft
Lieber Herr Wildgruber,
erstens empfehle ich, auch die Folgethese zu lesen. Zweitens könnte man das gleiche Moralschwert auf den Autoverkehr niederfahren lassen und fragen, ob PKWs nicht Mörder seien: so viele Menschen, wie durch sie getötet werden…
Es ist eben ganz was anderes gemeint. Theologen haben übrigens oft das gleiche Rechtfertigungsproblem, wenn krebskranke Kinder und Gott zusammengebracht werden.
Beste Grüße, AHG
Ich lese NOVO regelmäßig und schätze den Autor. Aber dieses Werk ist ihm m.E. nicht gelungen. Da sein üblicher Humor diesmal fehlt, bleibt nur so eine sehr verdünnte Mischung aus Plotin und Hegel (vielleicht auch mit ‘n paar weiteren Komponenten, die mein schlechter philosophischer Geschmack nicht mehr differenzieren kann).
Und die Behauptung oben, dass Theodizea im Grunde dasselbe Problem darstellt, ist übrigens nicht wahr. Denn die Theologen gehen davon aus, dass die unendliche Vernunft und Güte Gottes alle Grenzen der menschlichen Vernunft weit übersteigen. Daher wäre die Idee, eine perfekte Theologie könne die Gedanken und Pläne Gottes erklären, sogar ein Frevel. Die Wissenschaft und Philosophie als deren neue Magd haben diesen Ausweg leider nicht. Sie basieren auf Rationalismus, d.h. auf der absolut dogmatischen, nie zu hinterfragenden Annahme, dass die menschliche Vernunft schließlich die Welt erklären kann. Diese Annahme ist der Grundannahme der Theologie genau das Gegenteil. Wenn es aber so ist, dann erklären Sie, bitte schön, wie das Leid von Millionen Unschuldigen mit den Thesen wie z.B. “Alles ist Wahrheit” übereinstimmt.
Sehr geehrter Prof. Kotchoubey,
zunächst vielen Dank für die sonstige Wertschätzung. Mir scheint aber auch dieses ‘Werk’ hier nicht misslungen, das im Übrigen zu guten Teilen in der Tübinger Eugenstraße bei der Familie meiner Frau entstanden ist. Einleitend auch das noch: ich habe weder Plotin noch Hegel jemals gelesen. Natürlich ist es unausweichlich, die geistige Substanz vorgeborener großer Geister auch ungelesen aufzunehmen. Trotzdem oder eben darum möchte ich eine tragende Verbindung zu Hegel entschieden dementieren.
Sie bitten mich, zu erklären, wie das Leid von Millionen Unschuldigen mit Thesen wie z.B. “Alles ist Wahrheit” übereinstimmt. Das ist relativ einfach: Wahrheit ist ein Ganzes, umfasst alles und beinhaltet darum ebensogut abscheuliche Figuren wie Adolf Hitler und Wohltäter wie Mutter Theresa. Die Distanz zu umfassender Wahrheit, nicht anders als das Einlassen auf partikulare, tendenziöse Aspekte von Wahrheit und Realität, führt zwar zu moralisch verdaulicherer Weltanschauung, birgt aber immer auch hohe ideologische Gefahr. Das ideologisch unterfütterte Gutmenschtum unserer Tage ist ein beredtes Beispiel dafür.
Anders gesagt ist das Leid von Menschen im Grundsatz ebenso wenig moralisch zu begründen wie ihre Freude. Glück und Verderben sind beides Eckpfeiler des Lebens, wie Geburt und Tod. In meinen Thesen geht es denn auch nicht darum, eine Moralphilosophie vorzulegen, sondern transzendentalphilosophisch einen Neuansatz zu wagen, was für mich heißt, den Versuch zu unternehmen, Gott als umfassendes Wahrheits- und Sinnkonzept zu erklären. In diesem Sinn sind die Thesen Nr. 11 bis 50 verfasst.
Das Schweigen der Theologen vor der bohrenden, häufig gestellten Frage, wie es um Gott stehe, wenn Kinder sterben, ist als Verweis auf die übergeordnete Vernunft Gottes imgrunde eine Kapitulation vor Gott und zugleich die Leugnung seines Sinns und seiner Wahrheit. Die Wissenschaften wiederum gehen einen umgekehrt verschlungenen Weg, wie Sie richtig anmerken, und deklarieren alles als rational begründbar bzw. beweisbar. Zwischen diesen beiden etwas altertümlichen Positionen zu vermitteln bzw. den dritten Weg dazwischen aufzuzeigen: dazu habe ich obige Thesen geschrieben.
Alexander Hans Gusovius




Ein Sammelsurium hochgestochener Formulierungen. Besonders köstlich ist “X. Alles, das existiert oder geschieht, ist Teil der Wahrwerdung. Es gibt im Geschehenden und Tatsächlichen nichts eigentlich Falsches.” Darf man daraus schliessen, dass Hitler, Stalin, Mao Tse Tung, Pol Pot und Robert Mugabe eigentlich nichts Falsches produzierten?
Otto Wildgruber
Wildgruber Otto
03.07.2009 18:13