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Uni-Streik: für bessere Bildung oder für weniger Stress?

Von Sabine Beppler-Spahl

„Bildung statt Banken“ ist der Slogan, mit dem für den Uni-Streik geworben wurde. Es ist das gute Recht der Studenten zu streiken. Schließlich dürfen die meisten nur auf ein sehr minderwertiges Universitätserlebnis hoffen. Für viele reduziert sich das Studium auf das alleinige Ziel, einen „formellen Abschluss“ zu erreichen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Hinzu kommt, dass die extreme Expansion der Studentenzahlen in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich nicht durch eine entsprechende Aufstockung der Mittel ausgeglichen wurde.

Doch mit welchen Argumenten wird gestreikt? Sich in den Chor derer einzureihen, die auf die „verschwenderischen Banken“ schimpfen, ist medienwirksam – darf und kann aber nicht das Argument für mehr Bildung sein. Vielmehr müssen sich die Studenten auch den kritischen Fragen stellen: Warum sind höhere Ausgaben für die Universität überhaupt wichtig? Wieso sollte (fast) jeder, der ein Bachelor absolviert hat, auch zum Masterstudiengang zugelassen werden? Warum sollte ausgerechnet der Teil der Jugend, der ohnehin schon privilegiert ist, noch stärker subventioniert werden? Zahlreiche Bildungskommentatoren (Alison Wolf, Bruno Preißendörfer) haben darauf hingewiesen, dass eine kostenlose Universitätsausbildung zu einem erheblichen Teil von jenen finanziert wird, die früh ins Berufsleben einsteigen und jahrzehntelang in schlecht bezahlten Jobs hart arbeiten müssen. Ihrer Ansicht nach sind Studiengebühren sozial gerecht und nicht ungerecht.

Ein Bildungsstreik ist nur dann sinnvoll, wenn er von harten Debatten begleitet ist, die dazu beitragen, Klarheit über den Sinn, Zweck und die beste Ausgestaltung von Bildung in einer Gesellschaft zu schaffen. Ist dies nicht der Fall, müssen sich die Studenten den Vorwurf gefallen lassen, es ginge ihnen womöglich nicht wirklich um Bildung, sondern um die Verteidigung ihrer persönlichen Interessen – im Rahmen eines kleinkarierten, engstirnigen Verteilungskampfes.

Der Verdacht, die eigenen kurzsichtigen Wünsche vertreten zu wollen, ohne die größeren Zusammenhänge zu berücksichtigen, liegt nahe, wenn man die Berichte über den Streik betrachtet. Auffällig oft – in vielen Berichten ausschließlich - wird über die Strapazen und den Arbeitsaufwand eines Studiums geklagt. Nicht die Bildung, sondern den persönlichen „Studienstress“ zu lindern (unter dem viele zu leiden glauben), wird als Ziel des Streiks angeführt: „Die Berliner Psychologiestudentin Tina Schneider, 29, ist mit ihrer zweijährigen Tochter zur Demonstration gekommen. `Bachelor ist familienfeindlich`, steht auf ihrem Schild. Wegen der neuen, strafferen Studiengänge mit strenger Anwesenheitspflicht habe sie kaum Zeit für ihre Tochter“ (http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/bildung-statt-banken).

Die Konzentration auf formelle Abschlüsse ist dieser Sichtweise folgend nur deshalb ein Problem, weil den Studenten zu viel zugemutet wird. Doch ein Studium wurde immer schon als ein Privileg gesehen, das auch erkämpft werden muss. Stress aushalten, die eigenen Grenzen überschreiten, merken, dass man doch mehr schafft, als man geglaubt hat – all das gehörte einst zur guten Bildung dazu. Es stimmt zwar: Heute klagen viele Studenten über den zu hohen Arbeitsaufwand – aber auch hier muss gefragt werden: Warum?

Ich bin nicht überzeugt davon, dass das Studium viel härter ist als früher. Vielmehr ist es üblich geworden, mehr über Stress zu klagen und sich selber und anderen weniger zuzutrauen. Wem wenig zugetraut wird, der fühlt sich schneller überfordert. Statt es z.B. als Errungenschaft zu betrachten, dass mehr junge Leute studieren dürfen, wird darüber geklagt, man müsse zusätzlich zum Studium an manchen Abenden oder Wochenenden arbeiten –aber warum sollte dies den Studenten nicht zugemutet werden?

Es ist positiv, wenn Studenten für eine wirklich bessere Bildung eintreten. Doch eine gute Universitätsausbildung bedeutet nicht, den Studenten zu schmeicheln und ihnen das Studium möglichst leicht zu machen, sondern von ihnen das Beste zu verlangen. Schon gar nicht kann es bedeuten, den Hang zu Selbstmitleid zu fördern und den Trend, jede Anforderung als zu viel Druck anzusehen zu unterstützen. Die Opferrolle steht den Streikenden nicht gut und trägt keinesfalls zu einer besseren Bildung bei.

  • Weitere Novo-Artikel zum Thema “Bildung” finden sich im gleichnamigen Dossier

22.06.2009 | Permanenter Link | http://bit.ly/bNdrlw

Kategorie(n): Bildung und Erziehung | Bildung

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Wer streikt fühlt sich immer in einer schwachen Position, in der er mit den normalen Mitteln der Mitbestimmung nichts mehr erreichen kann. Deswegen gehen die Studenten ja auf die Straße. Sie erleben sich als zunehmend verwaltet von Bildungsmanagern und einer unternehmerischen Hochschulkultur, die aus qualitativer Bildung ein quantitatives Addieren von Punkten macht. In der momentanen Umbruchphase ist diese neue Art des Studierens noch nicht erprobt, nur auf dem Papier geplant. In der Realität ist das eben für viele Studenten nicht machbar, die Bildungspläne müssen der Realität angepasst werden. Und wer soll den Bildungsplanern sagen wie es sich heute real studiert, wenn nicht die Studenten selber?

Ich erlebe Bildung an der Uni als das was morgens um acht anfängt und abends um 23 Uhr endet. Ich würde gerne mal wieder einen Novo-Artikel schreiben, aber erst muss ich einen Berg scheinrelevanter Texte, Arbeiten etc. abarbeiten. Wenn mal Lücken entstehen, steht Lebenslaufoptimieren auf dem Plan, man hängt ständig drin in irgendwelchen Bewerbungsschleifen. Ich bin froh, dass ich nicht nebenher arbeiten muss. Das könnte ich mir zeitlich gar nicht leisten. Oder aber es würden dann 20 Semester und wahrscheinlich würde mich dann ein äußerst spitzfindiger Personaler später fragen: Was habens denn so lang studiert? Wohl etwas getrödelt?

Lena Wilde
23.06.2009  17:50

Ich möchte an dieser Stelle ein paar eigene Gedanken äußern, und möchte definitiv nicht, dass dieser Kommentar als etwas anderes, als meine (auf bestimmte Punkte reduzierte) Meinung verstanden wird. In dem Bericht finde ich (so beim ersten Durchlesen), wird zu oberflächlich auf das Ganze geschaut. Was sehr schade ist. Andererseits spiegelt es wohl in Teilen eine oft anzutrefende allgemeine gesellschaftliche Meinung und Denkweise wider, wie über Studenten und ihr Studium gedacht wird und vertritt eine recht eindeutige Ideologie der erschöpfenden Leistung, egal, ob diese Leistung sinnvoll ist oder unsinnig.
Zum Beispiel einfach irgendwas vorgekautes viele viele Stunden lang auswendig lernen, hinschreiben, vergessen um an irgendwelche, in ihrer Höhe willkürlich verteilten, Punkte (Credit Points) zu kommen und darüber keine Zeit mehr zum eigenständigen Denken und Forschen zu haben, ist wohl kaum eine sinnvolle Leistung. Man entmündigt die Studenten, sie dürfen/sollen nur noch bestimmte Dinge lernen, für den Rest bleibt ihnen keine Zeit (auch wenn es meiner Meinung nach sinnvoller und produktiver wäre, wenn jeder Student genug Zeit hat, um nach seinen eigentlichen Interessen und Fähigkeiten zu studieren). Auch sollen sie nicht miteinander lernen, sondern gegeneinander. Die, die sich am besten im System (egal ob das System so wie es ist, überhaupt gut und zweckmäßig ist) bewähren, kommen weiter und sind angeblich die Besten (fragt sich wieder in was, evtl. im Auswendiglernen um an die Credit Points zu kommen könnte man jetzt scherzhaft postulieren).
Auch ist es eine Grundsatzfrage, ob das Studium eines Studenten, von der Bevölkerung finanziert, letztlich nur dem Studenten zugute kommt, oder ob der Grundgedanke nicht eigentlich sein sollte, dass dieser (erstmal mittellose) Student der Gesellschaft (zu der er ja auch gehört) später etwas zurückgeben kann. Das funktioniert natürlich nicht, wenn man weiterhin einzelne Bevölkerungsteile Mediengerecht verpackt gegeneinander ausspielt, und voneinander fern hält. Die Studenten werden vielerorts derzeit so durch ihr Studium und die Inhalte gehetzt, dass sie gar nicht die Zeit haben, sich über gesellschaftliche Dinge Gedanken zu machen, oder ihre Lerninhalte mal unabhängig vom Fach im Kontext eines Systems zu betrachten. Stattdessen hören sie, sie tun alles nur für sich, sind die Privelegierten, es ist ihre Karriere, für die sie studieren, da sollten sie auch dafür bezahlen, und statt über ein wissenschaftliches Thema produktiv nachzudenken in ihrer Freizeit arbeiten gehen.
Aber ich gestehe dem Bericht zu, dass das Thema Bildung/Studium/jetziges System/Alternativen viel zu komplex ist, und der Umgang an den einzelnen Universitäten mit den Studenten und ihrem Studium/Studieninhalt viel zu verschieden, um in einem kurzen Bericht tatsächlich objektiv und allgemeingerecht darüber berichten zu können. Da bräuchte es wohl schon eine eigene Studienrichtung, um die Vorgänge, ihre Hintergründe und ihre Ergebnisse, sowie die Alternativen und deren spekulierte Ergebnisse was Bildung/Studium/Lernen betrifft,  fassbar zu machen und kritisch zu beäugen.

Daniela
23.06.2009  17:51

Sabine Bebbler-Spahl ist zuzustimmen, dass der Slogan der Uni-Streiks “Bildung statt Banken” reichlich daneben und wenig substanzvoll daherkommt. Inwieweit der “gierige Bänker” jetzt auch noch als Sündenbock für die Bildungsmisere herhalten soll, will auch mir oberflächlich betrachtet erst einmal nicht einleuchten. Auch die Fragen, die Sabine Bebbler-Stahl berechtigterweise im Zusammenhang mit den teilweise doch sehr schwammigen Positionen an die Streikenden richtet, finde ich gut und richtig. Ebenso wie ihren Hinweis an die Studenten, den Nichtstreikenden doch bitte etwas genauer zu erklären, was sie neben “weniger Stress” tatsächlich an substanzvollen Vorschlägen gegen die katastrophalen Zustände an den hiesigen Unis zu bieten haben.

Tatsächlich kann man mit guten Argumenten sehr viel an den aktuellen Uni-Streiks kritisieren. Und es mag auch tatsächlich so sein, dass es nicht wenigen der streikenden Studenten tatsächlich primär um die Verteidigung ihrer materiellen Privilegien, den Wunsch nach einem stressfreieren Studentenleben oder auch um den Ausdruck ihres subjektiv empfundenen Opferstatus gehen mag. Fakt bleibt aber dennoch, dass jeder Widerstand gegen die unsinnigen und zutiest entmündigenden Veränderungen im Rahmen des Bolongna-Prozesses zu begrüßen und unbedingt zu unterstützen sind!

Zum Glück (sage ich heute, trotz der ein oder anderen Startschwierigkeit) hatte ich im Gegensatz zur neuen Bachlor/Master-Generation noch das Privileg nach einer Studienordnung studieren zu dürfen, die Studenten als de jure erwachsene Bürger noch halbwegs ernstgenommen hat und ihnen zumindest in den Geisteswissenschaften ein hohes Maß an Selbstverantwortung und Entscheidungsfreiheit bezüglich ihrer Bildungsinteressen zugetraut hat. Wenn man die jetzige Studentengeneration hingegen rastlos durch die Flure der verschiedenen Fakultäten hetzen sieht, wird man den Eindruck nicht los, dass diese von einer technokratischen Bildungsmanagerclique als Laborratten in einem hochgradig bürokratisierten Versuchsaufbau aus wahnwitzigen Verordungen und sinnlosen Leistungsnachweisen durch einen bildungspolitischen Irrgarten gehetzt werden sollen, deren Ausgang noch nicht einmal ihre eigenen Erschaffer zu kennen scheinen (in etwa vergleichbar mit diesem Schachtelsatz).

Selbstverständlich stimme ich Sabine Bebbler-Spahl zu, wenn sie darauf hinweist, dass Menschen an ihren Aufgaben wachsen, dass Bildung auch mit harter Arbeit und dem verschieben der eigenen Leistungsgrenzen zu tun hat. Auch stimme ich ihr zu, dass die Universität unbedingt das Beste von ihren Studenten fordern sollte. Aber tut sie dies in ihrer heutigen Form? Schaut man sich die neuen Studiengänge an, kann man tatsächlich leicht denEindruck gewinnen, dass die Uni den Studierenden zwar zutraut, ohne Verschnaufpause von einem Seminar zum nächsten zu hetzen, sehr viel Lernstoff in sehr kurzer Zeit zu pauken (und ebenso schnell wieder zuvergessen) sowie zudem nebenbei noch etliche Jahre Berufserfahrung für eine Zukunft in prekären Arbeitsverhältnissen zu erwerben. Aber offentsichlich traut sie den Studierenden nicht mehr zu, sich den Freiraum zu nehmen, auch einmal über das oberflächliche Auswendiglernen hinaus, tiefer in ein Thema einzusteigen - sich unangeleitet den Kopf zu zermartern, vielleicht auch über Fragen, die nur man selbst - unabhänig von Scheinanfordeungen - als wichtig erachtet. Für diesen essenziellen Aspekt der Bildung bedarf es aber Freiräume und selbstbestimmter Zeit. Und beide Güter sind Mangelware in einem zunehmend ökonomischen Prämissen folgenden Universitätsbetrieb.

Deshalb ist es meine Überzeugung, dass viele Studenten auch deshalb unter dem Gefühl des übermäßigen “gestresst-seins” leiden, weil sie genau wahrnehmen, dass das, was ihnen als Studium verkauft wird, tatsächlich sehr wenig mit wirklich substanzvoller Bildung zu tun hat. Ich meine, dass sie durchaus freudig bereit wären, ihr Bestes zu geben, wenn das Studiuum ihrem Tun einen Sinn geben würde, der über das stupide Sammeln von ECTS-PUnkten hinausgehten würde. Die Studenten merken ganz genau, dass sie die Leidtragenden einer verkorksten und entwürdigenden Bildungspolitik sind.Und deshalb stimme ich Sabine Bebbler-Spahl in ihrem letzten Punkt nicht zu. Diese Proteste sind nicht Ausdruck einer Opfermentalität unter Studenten. Würden sich die Studenten in ihre Rolle als Versuchskaninchen in dieses entmündigende Experiment fügen, würden sie sich zu Opfern machen, so beweisen sie - trotz aller berechtigten Kritik an ihrer theoretischen Fundierung - dass sie zumindest einmal nicht bereit sind, jeden Unsinn mit sich machen zu lassen. Und das ist doch immerhin schon mal etwas.

Johannes Richardt
23.06.2009  21:00

Ich denke es handelt sich gegenwärtig um eine Umbruchphase, die für die Generation des Übergangs verständlicherweise schwer zu ertragen ist. Für immer mehr Leistung gibt es immer weniger Gegenleistung und je schlechter die beruflichen Prognosen werden, desto stärker werden die Leistungserwartungen noch angezogen. Es ist eine gefühlte Ungerechtigkeit, die die Studenten auf die Straße getrieben hat. Diese Ungerechtigkeit drückt sich offenbar in unterschiedlichen Forderungen aus, weil sie eben auch unterschiedliche Facetten und Adressaten hat. Zum Thema Geld: Es ist ja auch schwer zu verstehen, warum der Staat sich finanziell aus der Hochschulbildung zurückzieht und dies dem persönlichen Geschick der Studenten überlässt, während er eine Bank (und den ein oder anderen Bonus) nach der anderen rettet. Wie groß ist die Systemrelevanz von Hochschulen? Den entsprechenden Slogan finde ich daher nicht substanzlos. Er wirft halt mehr Fragen auf als dass er Antworten gibt. Und genau das ist doch prägend für die Gegenwart, oder?

Lena Wilde
25.06.2009  16:01

Was genau soll denn und von welchem Nullpunkt aus gesehen umbrochen werden? Wie genau sollen an der Phasengrenze die zu beobachteten Veränderungen aussehen? Was wäre, wenn uns die Veränderungen und deren daraus resultierenden Folgen schon längst – wir erkennen Muster aus anderen Situationen wieder, und könnten sie teilweise wie Schablonen behandeln – vorliegen?
Eingangs ein kleines Bild: Eine Masse steigt in ihrer ihr typischen Art in einen Schnellzug ein. Während der Fahrt meint ein wiederum großer Teil dieser Masse, sich darüber wundern zu müssen, dass der Blick während der Fahrt aus dem Fenster sehr verschwommen erscheint und sich das Zählen der Rehe als äußerst schwierig herausstellt. Um das Problem zu beheben beschließt wiederum ein Teil, den Zug durch Rennen von innen heraus überholen zu müssen oder zu können. Erschöpft und dem Grunde nach überfordert das „vermeintliche Ziel“  erreicht, stellt man fest, dass, um die Rehe zu zählen (Die genaue Stelle wird nur noch erahnt.), der Weg etwas langsamer wieder zurückgegangen werden müsste, um es dann doch zu verstehen. Damit ist keine Fortschrittsbremse gemeint. Doch lohnt sich das? Der Blick und die Gedanken sind immer noch gezeichnet von dieser Geschwindigkeit, und der Nullpunkt ist eben dort zu finden, wo gemeint wird, dass er zu sein hat. Zudem könnten die Rehe ja schon weitergezogen sein… Vielleicht helfen nun also die vielformulierten und teilweise sehr teuer verkauften supervisionären Ansätze wie Springen Sie einfach über das Problem wie über eine Hürde, ungeachtet der notwendig zu erlernenden Schrittfolge, der notwendigen Sprungkraft (wobei im Leben nicht alle Hürden gleich hoch sind), dem, was passiert und welche Reaktionen notwendig und sinnvoll sind, wenn ich dann doch hängen bleibe etc. weiter? Meiner Erfahrung nach ist sehr häufig zu viel Lärm um Nichts und verstellt den Blick nur noch stärker. Sprachlich machen bekanntlich die Dinge heute einen Sinn und ergeben und haben seltener einen. Neben dem Insolventen tritt dann noch meines Erachtens ein eher aktionistisch anmutender Charakter ein.

Genug des Bildes und zurück zu den Mustern. Thema Geld: Wollen wir wirklich ein Konjunkturprogramm für Bildung in Anlehnung an das für die Banken? Ist das zunehmend Aktionistische dieses Programms nun nicht schon hinlänglich durch sämtliche Medien transportiert worden? Werden uns nicht langsam die möglichen Folgen, die ein jeder von uns zu tragen haben wird, nach und nach bewusst? Ist all das wirklich schwer zu verstehen? Kann es sein, dass es zum Teil nur als schwer vermittelt wurde? Kann es sein, dass mangelndes Interesse, solange es nicht um die eigene Existenz geht, hinzugezogen werden sollte? Welche Rolle spielt eine teilweise superlativische Berichterstattung dabei? Sicher, manch Aussagender zu diesem Thema hinterließ und hinterlässt Verwirrung, oftmals sprachlich im Sinne von die Basis als Fundament der Grundlage. Der Büchermarkt wurde förmlich in dieser Zeit überrannt von dieser mit Titeln überhäuften und dieser erstarrenden Ehrfurcht vor eben diesen und denen, die es schon immer wussten (meistens besser). Einiges davon war und ist tatsächlich sehr gut oder erlebte dadurch eine Art Renaissance. Unter der Vorraussetzung das mein Gegenüber mit mir übereinstimmt, dass 1+1=2 würde ich zu diesem Thema all jenen, die meinen, es sei so schwierig zu verstehen, ein Kinderbuch empfehlen. Es heißt „Hannah in der Zeit der Tulpen“ und handelt von einem kleinen Mädchen während der Tulpenmanie. Ich meine, es ist nicht wichtig, alles zu wissen. Wichtig ist, dass man das, was man weiß, auch versteht. Es ist sehr wichtig, die Dinge genau betrachten, denn das ist mehr als nur einen Blick auf sie zu werfen (sehr schöner Satz aus eben diesem Kinderbuch). Nicht alles, aber vieles lässt sich eben vereinfachen oder findet sich wieder, weil schon geschehen, wenn auch dem ersten Eindruck nach in anderer Form. Das dieses Buch nebenher noch Kunst, Kultur und Geschichte vermittelt und am Ende diese Zeit erklärt, ist umso schöner. Ist es wirklich – und wenn ja wie – kompliziert und/oder komplex. Wie komplex ist kompliziert und wie kompliziert ist komplex?  Der Slogan mag insofern nicht substanzlos sein, als das meines Erachtens die Antworten schon vorliegen und die aufgeworfenen Fragen für mich eher in die Richtung gehen, warum sich eine Masse eher oder gerade deshalb (Masse) so orientiert verhält wie sie sich anderer Stelle gerade über ein solches Vorgehen aufregt? 
Schaue ich noch dazu auf unsere derzeitige Familienpolitik, verkleidet als anmaßendes therapeutisches Konzept mit seinen daraus abzuleitenden Folgen, dann wird mir, übertragen auf nicht nur Hochschulen, Angst und Bange. In diesem Zusammenhang sehe ich die Aussage einer Frau, der Bachelor sei familienfeindlich, die noch dazu Psychologie studieren soll, eher mit Sorge und erinnert mich an die vermittelte Angst im Stile Greenpeace.

Blicke ich auf Bildung allgemein, sehe ich uns in Deutschland vergleichbar in einem Supermarkt stehen. Ich finde, dass sollten wir bei aller berechtigter Diskussionen (was auch Frau Spahl formuliert, wenn sie von der entsprechenden Aufstockung der Mittel schreibt) nicht zu sehr in den Hintergrund stellen. Meiner Ansicht nach ist die vorhandene Vielfalt und nicht die Armut unser wirkliches Problem. Wie sonst lässt sich der immer inflationärer werdende Umgang damit erklären? Welchen Grund sonst gäbe es, Zeitschriften wie eben NOVO herauszubringen und jetzt noch diese sehr zu begrüßende Debattenrunde einzuführen? Wer hoch steigt, übersieht dabei zu häufig, dass er für die Zurückgebliebenen immer kleiner wird (nicht, um mich mit fremden Federn zu schmücken, ich meine, er stammt sinngemäß von Nitzsche).

Ich für meinen Teil berufe mich wenn schon denn schon eher auf eine Aussage DaVincis: Wissen Sie denn nicht, dass ich Ihnen genauso antworten könnte, wie Marius einst den römischen Patriziern geantwortet hat: „Diejenigen, die sich mit fremden Leistungen schmücken, wollen meine nicht gelten lassen! Sie werden behaupten, ich könne mangels Gelehrsamkeit das, was ich sagen will, nicht richtig sagen. Nun, wissen Sie denn nicht, dass meine Lehren nicht so sehr aus den Worten anderer gezogen werden, als aus der Erfahrung, die doch Lehrmeisterin derer war, die gut geschrieben haben? “

Roman Filz
26.06.2009  16:06

Schön, dass sich zur Hochschulpolitik eine so spannende und kontroverse Diskussion entwickelt hat. Ich möchte noch einmal ein paar Gedanken hervorheben:

1. Ich sympathisiere mit jedem Student, der den Verlust eines bedeutungsvollen Studiums beklagt. Die Fixierung auf Credit Points und das Durchlavieren durch ein Grundstudium in überfüllten Räumen sind Grund genug, sich zu beschweren.

2. Das bloße Reagieren auf unbefriedigende Zustände reicht jedoch nicht aus. Hinter dem Protest muss eine klare, konstruktive Kritik stehen, die auch anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft glaubhaft vermittelt werden kann.

3. Ein wissenschaftliches Studium bedeutet, sich Wissen anzueignen, sich mit den besten Ideen und Einsichten auseinanderzusetzen, die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat, und den Blick über die bisherigen Grenzen unseres Wissens hinaus zu wagen usw. Eine gute Universitätsbildung dient in diesem Sinne der Allgemeinheit.

4. Das Jammern und Klagen über Stress hat jedoch mit der Verteidigung von Bildung nichts zu tun und ist ein schlechter Ratgeber für all diejenigen, die mit dem Unistreik wirklich etwas bewirken wollen. Es steht den Studenten nicht gut, sich in die Rolle des Opfers zu versetzen. Diese Rolle kann man ihnen nicht abnehmen (die Gesellschaft hat genügend andere Opfer).

5. Leider hat sich die Debatte über den Streik allzuoft auf eine platte Klage über zu viel Arbeit reduziert. Die Studenten öffnen sich damit dem Vorwurf, sich ihre eigenen beruflichen Privilegien, die sie nach dem Studium haben werden, ohne allzu harte Arbeit erkaufen zu wollen - und das ist schade. Eine gute Bildung ist immer mit harter Arbeit und mit Stress verbunden. Niemand kann sich weiterentwickeln, ohne sich erst einmal durch wirkliche Anstrengung die Grundlagen eines Faches (z.B. auch durch das Auswendiglernen von Fakten)  anzueignen. Lernen muss eine Herausforderung sein.

6. Um die tatsächlichen Probleme des heutigen Studiums glaubhaft und verständlich darzulegen, bedarf es einer tiefer gehenden Kritik. Meine Thesen:

An der heutigen Universität studieren zahlreiche Studenten, die eigentlich kein wissenschaftliches Studium möchten und brauchen. Sie wünschen sich einen guten Job (verständlicherweise), wissen aber, dass es ist der heutigen Zeit kaum möglich ist, ohne einen entsprechenden Abschluss an einen solchen zu kommen. Jobs, für die früher niemals ein Studium nötig war, sind heute ausschließlich für Studienabgänger reserviert. Für diese Arbeiten braucht man kein wissenschaftliches Studium. Die Studenten, die solche Jobs anstreben, fragen sich zu Recht, warum sie so viel “Unnötiges” an der Uni lernen müssen, obwohl sie das eigentlich Wichtige ohnehin erst in der Praxis lernen werden. Sie weisen zurecht darauf hin, dass sie das, was sie an der Uni lernen, in ihrem Berufsleben niemals brauchen werden.

b) Viele Professoren sind auch angesichts der überfüllten Unis unzufrieden und verunsichert. Viele klagen über das Desinteresse der Studenten. Gleichzeit passt man sich (im Zuge der Öffnung der Universitäten) an die Studenten an. Immer häufiger wird den Studenten nach dem Mund geredet. Manch ein Professor, der Standards setzen möchte und Anforderungen stellt, muss befürchten, beim “studentischen Evaluierungsbogen” eine schlechte Note verpasst zu bekommen.

c) Die Kombination dieser Faktoren führt zu einem minderwertigen Studium für alle. Die Folge: Diejenigen, die studieren, ohne ein wirkliches, wissenschaftliches Interesse zu haben, sind unzufrieden, und die anderen (auch eine sehr große Gruppe) sind es auch.

Sabine Beppler-Spahl
01.07.2009  14:20

Ein beliebtes Argument für “freie Bildung” ist, dass ein zunächst mittelloser Student durch das Studium zu einem hohen Einkommen ermächtigt würde, so dass er oder sie der “Gesellschaft” dieses später wieder zurückgeben könnte.
Das Arguemnt klingt ebenso schön, wie es falsch ist:

1) Zunächst: warum sollte das nur für Studenten gelten? Was unterscheidet die studentische Ausbildung eines angehenden Kunsthistorikers von der eines Schlosser-Lehrlings? Es könnte doch gut sein, dass der Schlosser-Lehrling später als Steuerzahler der Gesellschaft viel mehr zurückgeben könnte, als ein möglicherweise arbeitsloser Akademiker mit einem Bachelor in Kunstgeschichte. Warum also nicht alle möglichen Ausbildungsberufe fördern, indem man den Unternehmen dafür Geld gibt, dass sie auch unfähige Leute für eine Lehre einstellen.

2) Als nächstes müsste man jedem Menschen mit einer unternehmerischen Idee Staatsgeld (also Steuergeld) umsonst zur Verfügung stellen, denn es könnte ja sein, dass sein Projekt in Zukunft erfolg hat und er das gewährte Geld in Form von Steuern zurückzahlt.
Ein solches Denken ignoriert das Risiko, was bei jedem Unternehmen dazu führen kann, dass das gewährte Steuergeld in den Sand gesetzt wird. Analog: In der freien Bildung sozialisiert der Student sein persönliches Risiko und gibt es an die Gesellschaft weiter. Er trägt nicht selbst die Kosten für die Ausbildung und erhält somit quasi einen kostenlosen Kredit ohne Risiko. Seine Freunde aus der Schulzeit, die nicht studieren sondern jeden morgen um 5 oder 6 aufstehen, finanzieren ihm die zugegebenerweise immer anstrengendere aber eben auch sehr schöne Studienzeit.

3) Bildung ist kein Grundrecht, das einklagbar ist. Im Übrigen war von Humboldt und anderen Philosophen niemals gemeint, dass eine “freie Bildung” frei von Kosten sein könnte. Diese Leute stritten dafür, dass die Inhalte(!) der Bildung frei von staatlicher Gängelung sein sollten, sie waren aber nicht so blind zu glauben, dass Bildung nichts kostet.

Dadurch, dass für Lehrräume, Heiz- und Materialkosten, Personal, etc. Geld benötigt wird, muss dieses zunächst anderen Leuten genommen werden. Indem man also jemanden das “Recht” auf eine für ihn kostenlose Bildung zugesteht, hebt man ja nicht die Kosten der Bildung an sich auf, sondern verlagert sie nur auf jemand anderen. Somit nimmt man jemand anderem sein gutes Recht auf das von ihm persönlich Erarbeitete. Denn jeder Euro der an deutsche Universitäten fließt, wurde zuvor einem arbeitenden Steuerzahler aus der Tasche genommen. Gerecht kann man dies nicht nennen, auch wenn ich selbst wie alle meiner gegenwärtigen Kommilitonen dadurch ein Studium genießen konnte.

Man muss die Sache beim Namen nennen, auch wenn man davon immens profitiert hat. Ein Stiudium ist immer ein Wagnis dessen Risiko aber nicht leichtfertig der Gemeinschaft aufgelagert werden sollte. Eine für Studenten kostenlose Bildung ist alles Mögliche, aber keinesfalls ist sie in irgendeiner Form gerecht.

M.T. Kähler
09.07.2009  20:36

Um etwas zum Beitrag von M.T. Kähler zu sagen, es behauptet auch niemand, dass Menschen mit einer Ausbildung für die Gesellschaft nicht nützlich wären. Natürlich sind sie das, das würde ich auch nie in Frage stellen und es ist schlimm genug, dass es soviele unterbezahlte Menschen gibt, die verdammt wichtige Jobs ausführen, dafür aber von der Gesellschaft ausgegrenzt und mit mangelndem Respekt behandelt werden. Immer wieder auffällig ist dies bei Putzfrauen. Genauso schlimm finde ich die Beschuldigung Arbeitsloser durch andere Gesellschaftsmitglieder. Leute mit Arbeit scheinen zu denken, dass ein Arbeitsloser ein wer weiß wie tolles Leben auf Kosten der berufstätigen Menschen führt. Aber dann frage ich mich wieder, wenn es so toll ist arbeitslos zu sein, warum würden diese Leute, die auf die Arbeitslosen herabschauen ihren eigenen Job auf Biegen und Brechen nicht hergeben und mit einem der Arbeitslosen tauschen wollen? Gut, aber das führt nun auch wieder zu weit weg. Was ich eigentlich bemerkt haben wollte:

“Ein beliebtes Argument für “freie Bildung” ist, dass ein zunächst mittelloser Student durch das Studium zu einem hohen Einkommen ermächtigt würde, so dass er oder sie der “Gesellschaft” dieses später wieder zurückgeben könnte. “

Hier kommt der Begriff hohes Einkommen vor. Ganz ehrlich, ich kenne sehr viele Studenten, die nicht wegen dem Glauben an ein hohes Einkommen studieren, sondern um der Bildung und Wissenschaft sowie der Bewahrung und Weitergabe von Wissen willen.

Außerdem verstehe ich das Argument nicht so ganz. Wir haben hier den mittellosen Studenten, der studiert um ein hohes Einkommen zu erzielen, um dieses Einkommen der Gesellschaft zurückzugeben. Ich glaube nicht, dass dieses das beschworene oft benutzte Argument aussagt.

Es geht nicht immer nur ums Geld anhäufen oder um ein hohes Einkommen oder um das raffgierige Wegnehmen des Gelds anderer Gesellschaftsmitglieder um sich eine schöne Studienzeit zu machen. Es geht für den Studenten erstmal ums Überleben während der Wissensaneignung. Natürlich kann sich das nicht jeder leisten, darum muss dort auch die Gesellschaft Hilfestellung gewähren. Und es ist schade, dass viele das so unwillig zu tun scheinen. Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer etc. das nützt doch der Gesellschaft. Und genauso groß kann der Nutzen von Geisteswissenschaftlern sein. Ich behaupte gerade unsere heutige Zeit benötigt diese Leute. Und nur weil ein Mensch schon aufgrund seines Elternhauses Geld besitzt, heißt das nicht, dass er z.B. ein besserer Arzt ist, als ein Mensch, der aus einer Familie ohne Geldvorhaben und Besitz stammt. Im Prinzip geht es uns doch allen um eine friedliche Gesellschaft. Ich denke, wenn man aber systematisch die Leute ohne Geld ausgrenzt, werden sie sich irgendwann das Geld von denen, die es im Übermaß haben holen. Es geht also um das Geben von etwas, das man entbehren kann. Um ein Aufteilen innerhalb der Gesellschaft zu dem jeder das beiträgt, was er kann. Und dann muss man eben überlegen, wie man das Aufteilen organisiert. Im Moment läuft es ja leider so, dass denen, die nichts haben, immer mehr genommen wird, und denen die haben, gegeben. Global. Diese Art der Aufteilung ist nicht gerecht. Wer also für Gerechtigkeit ist, sollte sich auch für eine gerechte Verteilung einsetzen. Auch schon im kleinen, auch in unserer Gesellschaft. Und hier meine ich nicht die seltsame Art des Ungerechtigkeitsdenkens wenn: Ein Affe der schon satt ist eine Nuss bekommt und ein hungriger Affe 10 Nüsse. Denn die Logik vieler scheint zu sein, gerecht wäre, wenn jeder der Affen 10 Nüsse bekommt oder beide nur 1 Nuss. Und der satte Affe würde sicher noch wettern: “Hey, wie ungerecht, der Affe da drüben hat 10 Nüsse bekommen und ich nur 1.” Gerechtigkeit ist also eine Sache, die nicht ganz so oberflächlich betrachtet werden darf.

Daniela
16.07.2009  23:12

Liebe Daniela,

“Ein beliebtes Argument für “freie Bildung” ist, dass ein zunächst mittelloser Student durch das Studium zu einem hohen Einkommen ermächtigt würde, so dass er oder sie der “Gesellschaft” dieses später wieder zurückgeben könnte. “
Es stimmt, dass für nicht wenige Studenten - mich eingeschlossen - ein höheres erwartetes Einkommen nicht der Grund für die Aufnahme eines Studiums war.
Ich meinte ja auch nicht, dass die Studenten selbst dieses Argument bringen, sondern dass ich oft genug gehört habe, die Quersubventionierung der Studenten durch Gesellschaft sei dadurch gerechtfertigt, dass diese später einmal einen höher bezahlten Job ergattern und so über höhere Steuern der Gesellschaft das zurückgeben, was sie zuvor durch ein subventioniertes Studium genießen durften.

Mein Einwand diesbezüglich ist der, dass mit einer solchen Argumentation eben alles und jeder plötzlich ein gefühltes Anrecht auf eine Förderung erhält. Ich habe ja darauf hingewiesen, dass eine Ausbildung z.B. in einem handwerklichen Beruf damit genauso förderungswürdig wäre, wie ein Studium. Natürlich will ich hier nicht die Kunstgeschichtler schlechtmachen (die braucht man sicherlich auch!). Doch wenn plötzlich jeder Förderungswürdig ist und Geld vom Staat bekommen soll, dann muss die Frage erlaubt sein, WER dann überhaupt noch Geld einzahlt, was so großzügig verteilt wird. Die Nettoeinzahler sind eben die kleiner werdende Zahl arbeitender Steuerzahler.

Weil das Argument “Bitte, lieber Staat, unterstütze mein Studium, denn Absolventen habe ich später im Durchschnitt ein höheres Einkommen und zahlen so auch mehr Steuern zurück”  - dazu führt, dass jederman Anspruch auf Geld vom Staat hat. Und weil der Staat ja nur hat, was er uns wegnimmt, wäre es umgekehrt besser, die Förderung ganz aufzuheben und so wenigstens niemanden mehr zu bevorzugen - auch nicht die Gruppe der Studenten.

Das zentrale Argument ist eigentlich schon 150 Jahre alt: Frederic Bastiat prägte den Satz “Everyone wants to live at the expense of the state. They forget that the state lives at the expense of everyone”

Studiengebühren sind daher sozial, denn sie nehmen der arbeitenden Bevölkerung weniger von ihrem hart erwirtschafteten Geld weg und fördern die Verantwortung der Studenten

M.T. Kähler
18.07.2009  09:39

Nachtrag:
Sicher ist es schade, wenn Leute nicht freiwillig spenden (obwohl sie das vielleicht gerade deshalb nicht tun, weil hier ja alles der Staat zu regeln scheint, und für persönliche Barmherzigkeit oder Spendenbereitschaft so offenbar keine Notwendigkeit mehr besteht).

Doch dieser Umstand berechtigt doch nicht dazu, Menschen etwas wegzunehmen, wofür sie hart gearbeitet haben, oder? In Kurzform: viele Befürworter der unterschiedlichen Sozialprogramme geben ja nicht ihr eigenes Geld her - was in der Tat sozial genannt werden könnte(!) - sondern verlangen, dass ANDERE zahlen, um dieses oder jenes höhere Ziel zu erreichen. Sie können also nur mit dem Geld anderer Menschen sozial sein und sind es folglich tatsächlich nicht.

Das Ultimatum-Spiel der Affen ist in der Tat interessant und funkioniert auch bei Menschen immer wieder in derselben Form. Der Mensch ist ohne Zweifel ein soziales Wesen und spendet und hilft oft genug bereitwillig. Aber gerade deshalb halte ich ein Sozialsystem, was auf echter Solidarität, d.h. freiwilliger Spendenbereitschaft, Caritas-Einrichtungen, Familien, etc. besteht für fortschrittlicher als ein Sozial- und Sunventionssytem, was seine Leistungen dadurch finanziert, indem es auf die Abschreckung durch drakonische Strafen durch den Staat setzt (so z.B. bei der Steuerhinterziehung)

M.T. Kähler
18.07.2009  10:06

Fragwürdig ist, ob ein freiwilliges Geben und Unterstützen tatsächlich dazu führen würde, dass alle Gesellschaftsmitglieder ausreichend versorgt sind.

Ich glaube, dafür müssten wir erstmal die Menschen in unserer Gesellschaft austauschen. Wir bräuchten dafür Menschen, die freiwillig zusammenhalten und einander in Problemsituationen auffangen. Und gleichzeitig ihre eigene Lage einschätzen können, d.h. die selbstständig merken, wenn sie sehr viel mehr Besitz haben als andere, dass es angebracht wäre, mit denen die Benachteiligt wurden und am Existenzminimum kratzen zu teilen. Und zwar auch mit Leuten, die sie nicht persönlich kennen und die Probleme haben, die sie in ihrer eigenen Lage/Vergangenheit nicht verstehen können. Ehrlich gesagt sehe ich in Deutschland eher das (warum auch immer) von den Medien und der Regierung noch geförderte, sich schleichend aufbauende Prinzip Jeder-gegen-jeden als Zusammenhalt untereinander. Das sieht man ja schon in unseren Schulklassen, anstatt den Schwächsten der Klasse zu schützen, wird er das Opfer von verbalen und körperlichen Attacken aller. Direkt oder indirekt durch Wegschauen.

Interessant wäre dabei auch die Spendenbereitschaft für derzeitige freiwillige Hilfsprojekte wie den WWF oder Projekte die Afrika betreffen. Ein weiteres Problem wäre außerdem, wenn die Verteilung des verfügbaren Reichtums nicht mehr geregelt wird, ob tatsächlich diejenigen freiwillig unterstützt werden, die es nötig haben. Wer sagt den Menschen dann, wofür es wichtig wäre zu spenden? Bzw. wenn wir das einer Art Werbebranche überlassen, dann treten hier weitere vielfältige Probleme und Unklarheiten auf.

Ich denke also nicht, dass es die Situation in dieser Gesellschaft, wie wir sie haben verbessern würde, würde man auf das Freiwillige Teilen und Geben setzen. Ich denke eher, würde man das Sozialsystem abschaffen, würden wir das totale Chaos herbeiführen. Bürgerkriege etc. die die nichts haben und nichts bekommen, würden es sich dann einfach so nehmen um zu Überleben. Steigende Mord- und Selbstmordzahlen, Kindestötungen, Prostitution etc. Die Leute würden irgendwie an Geld kommen wollen, schließlich besitzen die wenigsten hier Land um sich selbstständig mit Nahrung versorgen zu können.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, das Studium und die Abschaffung der finanziellen Förderung dessen. Könnte man machen, aber dann hätte man eben tatsächlich nur noch Studierende aus Familien mit genügend Reichtum. Die höhere Bildung wäre dann wieder ein Gut derer, die das Geld dafür haben. Was früher oder später wieder dazu führen würde, dass die, die es sich nicht leisten können aber auch den Drank haben zu studieren, aufbegehren und dann heißt es entweder wegnehmen oder durch staatliche Eingriffe zum Teilen zwingen.

In einer Gesellschaft muss man ja dafür sorgen, dass die Mitglieder alle mehr oder weniger zufrieden sind, damit das Leben miteinander funktioniert.

Ich bin jedenfalls absolut für einen Sozialstaat. Ich sehe darin keine Nachteile, nur Vorteile für einen jeden. Selbst die, die geben müssen. Denn immerhin haben sie etwas, das sie geben können und sorgen so auch für das Fortbestehen einer friedlich miteinander lebenden Gesellschaft. Auch wenn ihnen das so gar nicht bewusst ist. Sie denken vielleicht, ihnen wird nur etwas weggenommen, sehen aber nicht, was ihnen alles gegeben wird. Und ich denke, das friedlich miteinander leben, hat einen ganz eigenen Wert.

Ich jedenfalls fände es schade, wenn ich Leute auf eigene Faust berauben oder bebetteln müsste, um studieren zu können. Da ist es mir doch lieber, wenn der Staat denen, die mehr haben als ich, etwas abzweigt. Genau das gleiche wäre ich nun arbeitslos statt zu studieren, und müsste rauben, statt meinen Lebensunterhalt vom Staat gerettet zu bekommen. Hätte ich eine Arbeit, würde ich jedenfalls auch lieber Steuern zahlen, statt meine Freizeit dann darauf aufzuwenden, wie ich mein erwirtschaftetes Geld gerecht verteile, um die Gesellschaft in der ich lebe friedlich zu halten. Klar könnte ich dann auch statt Steuern zu zahlen und freiwillig zu geben mit meinem Geld einen Graben um mein Haus bauen lassen und eine Mauer mit Stacheldraht errichten, damit ich weder überfallen noch ausgeraubt werde. Aber da wäre mir die Investition in andere Menschen schon lieber, damit ich gar nicht erst aufrüsten muss.

Ich denke die Bildung der Menschen sollte gefördert werden wo es nur geht. Ein Staat ist nur so klug, wie seine Mitglieder es sind, will ich mal hier behaupten. Und ich glaube nicht, dass es reicht, eine Elite zu haben, das mag eine zeitlang gut gehen, aber wird früher oder später zu Problemen führen. Z.B. bringt es nichts, wenn man vor einen Schlitten 6 Hunde spannt von denen 2 (aufgrund intensiveren Trainings) doppelt so schnell rennen können wie die restlichen 4. Ich glaube, der Schlitten fährt dann nicht besonders lange. Damit will ich sagen, in Deutschland sollte die Grundbildung schon auf einem guten Niveau sein, damit wir die benötigte Basis haben, um bei Problemen, die auftreten werden gemeinsam die besten Lösungen finden zu können.

Na, jedenfalls sollte meiner Meinung nach jedem, der die Neigung und den Wunsch zum Studieren verspürt auch ein Studium möglich sein, unabhängig vom eigenen Reichtum und Besitz. Daher sind Studiengebühren meiner Meinung nach auch unsozial. Dann sollte geprüft werden, wer sich die Gebühren leisten kann, und die Studenten, die es nicht können, von den Gebühren freigestellt werden.

Und jeder sollte das Recht wahrnehmen, seine Meinung zu der Qualität und den Bedingungen dieses Studiums zu äußern. Kritik zu üben und Verbesserungsvorschläge zu machen. Darum begrüße ich auch jede Diskussion.

Daniela
19.07.2009  18:14

Ja, ich stimme auf jeden Fall zu. Heute würde ein rein auf Freiwilligkeit beruhendes System kaum funktionieren. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Sozialpolitik in Wahrheit eine Robin-Hood-Mentalität ist unter dem Motto: “Das Ziel heiligt die Mittel - egal wie grausam diese sind”. Sobald der Staat umverteilt, greift er in das Leben und das mühsam erarbeitete und ersparte Eigentum unschuldiger ein und das zum Teil erheblich.
Insofern hat mein Einwand durchaus etwas utopisches, das ist wahr.

Du sagtest:
“Ehrlich gesagt sehe ich in Deutschland eher das (warum auch immer) von den Medien und der Regierung noch geförderte, sich schleichend aufbauende Prinzip Jeder-gegen-jeden als Zusammenhalt untereinander.”
Da stimme ich zu einhundertprozent zu. Ich hatte dazu vor kurzem Einmal die Idee eines Artikels, Arbeitstitel: “Das Gesetz des Dschungels: Demokratie”. In diesen Zeiten ist niemand mehr sicher: ob es vollständige Überwachung oder eben die Eigentumsrechte sind. Die Grundrechte, respektive Abwehrrechte gegen den Staat sind relativiert und können aufgehoben oder zumindest erheblich aufgeweicht werden, sobald eine Mehrheit dafür vorhanden ist. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten erwähnten das Wort Demokratie kein einziges Mal in der Verfassung, denn sie ahnten, dass das Recht der Mehrheit zu Totalitarismus und einer Erosion der unveräußerlichen Menschenrechte führen würde. Aus diesem Grund betonten sie den republikanischen (hat nichts mit Neocons zu tun) Charakter der USA und die naturrechtliche Begründung von Freiheit, Eigentum und Markt.
In der Demokratie - insbesonder in der BRD, in der jeder der Grundrechtartikel unmittelbar durch Zusätze relativiert wird - besteht stets die Gefahr eines Abgleitens in totalitäre Systeme, denn sie fördert ein Anspruchsdenken und erodiert die Moral bzw. Achtung vor dem Anderen. “Wenn mein Nachbar mir mein Studium nicht finanzieren will, dann geh ich eben auf die Straße, organisiere eine Mehrheit und raube ihn mit hoheitlicher Erlaubnis durch die Steuern aus”. Das klingt zwar drastisch, ist jedoch die Quintessenz dessen, was wir Sozialstaat nennen - auch, wenn ich in vielen Teilen die Notwendigkeit eben dieses Sozialstaates sehe und schätze! Dennoch muss man das Ding beim Namen nennen. Insbesondere, weil ich der Meinung bin, dass in nicht allzu langer Zeit sehr heftige Verteilungsfragen auf uns zukommenwerden. Bis dahin haben wir aber lange genug vorgelebt bekommen, dass jedes Grundrecht relativierbar ist. Keine gute Ausgangslage, wie ich finde

M.Kähler
20.07.2009  12:35

Sehr geehrte Frau Beppler-Spahl,
ich bin mit Ihren Punkten zu 99,9% einverstanden, nur zu einer Frage möchte ich etwas hinzufügen.
“Das bloße Reagieren auf unbefriedigende Zustände reicht jedoch nicht aus. Hinter dem Protest muss eine klare, konstruktive Kritik stehen, die auch anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft glaubhaft vermittelt werden kann.”
Auch vollkommen korrekt. Es bleibt nur die Frage offen, ob die Gesellschaft will, dass ihr diese Kritik vermittelt wird - ob sie überhaupt zuhören will, was ihr gesagt wird.
Was mich an der Geschichte mit Studentenstreiks schwer enttäuscht hat, war vor allem das demonstrative Desinteresse der Medien zu dem Konflikt. Wenn ein Ereignis solchen Ausmasses, was an Heidelberger Uni passiert ist, irgendwo in Pakistan passiert wäre, oder wenn dies keine deutschen Studenten und Universitätsmitarbeiter (in Heidelberg waren nämlich die Angestellten vorne an den Barrikaden) sondern islamistische Fundamentalisten gewesen wären, o.ä., so bekäme das Ereignis alle Schlagzeilen in linken wie rechten Zeitungen, im Fernsehen usw. Ich weiß, dass zumindest einige der Verteter der Streikenden versucht haben, an die Medien, ans Funk, an die Zeitungen zu kommen, um ihre Ziele “der Gesellschaft zu vermitteln” - ÜBERALL war die Antwort “Das Thema ist uninteressant.”
Ich bekomme langsam den Eindruck, dass unsere Gesellschaft immer mehr nicht von gewählten Vertretern regiert wird, auch nicht wie oft behauptet wird von Superreichen, sondern (eine neue Verschwörungstheorie, würden Sie sagen!) von der Handvoll der Medienfürsten, die über die Prioritäten entscheiden und beschliessen z.B., das ein an der Grippe gestorbenes Huhn für das deutsche Volk 20 bis 30 mal mehr Wert hat (gemessen an der Zeit, in der über das Huhn geredet wird) als die Bildung der künftigen Generationen.

Boris Kotchoubey
30.07.2009  18:50

Wenn man argumentiert, eine kostenfreie akademische Bildung sei unsozial, so könnte man doch auch gleich noch Abiturgebühren einführen, denn schließlich soll die Fachhochschulreife ja (ursprünglich) ausschließlich zum Studium befähigen! Real- und Hauptschulabschluss blieben dagegen kostenfrei, den sie befähigen “nur” zur beruflichen Erstausbildung im dualen System. Das Studium besteht sicherlich zu einem Teil aus süßem Nichtstun, aber es besteht auch zu einem weitaus größeren Teil aus psychischen Strapazen, der Anforderung sich selbst zu disziplinieren und dem Verzicht auf ein Leben oberhalb der Armutsgrenze in den besten Jahren. Dieses Martyrium durchzuhalten ist nicht jedermanns Sache, deshalb sollten diejenigen, die es sich antun, nicht noch zusätzlich belasten. Nebenbei bemerkt, die meisten Studenten arbeiten nebenher (oft auch in den Semesterferien) und dienen der Wirtschaft als billige und gleichzeitig kompetente Arbeitskräfte, ohne die so mancher Betrieb (Callcenter!) keine Gewinne abwerfen würde.

Christian Nedjalkov
15.08.2009  14:04

Ich würde niemals behaupten, dass das Studium aus süßem Nichtstun bestünde. Die meisten Studenten arbeiten hart für ihre “Scheine” - und oft noch nachts in der Bar, um die Miete und Studiengebühren zu berappen. Doch kann aus meiner Sicht asu der zweifellos vorhandenen Anstrengung die jemand unternimmt, nicht das Recht auf Eigentum Dritter abgeleitet werden.
Wenn jemand aud die Idee käme, Löcher zu buddelt, kann er die Anstrengung ja auch nicht der Allgemeinheit in REchnung stellen.

Es ist das gewaltlose Tauschprinzip des Marktes, das die Handlungen von Menschen auf eine friedliche Weise koodiniert. Es ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass man Einkommen nur dann erhält, wenn man anderen etwas Gutes tut, d.h. jemandem etwas anbietet, was derjenige benötigt und somit nachfragt und sei es nur die eigene Arbeitskraft.

Ich will mich da als heranwachsender Sozialwissenschafter ausdrücklich nicht ausnehmen: denn solange wir uns darüber streiten, ob diese oder jene Tätigkeit (z.B, die eines Musikers oder Sozialwissenschaftlers) wichtig oder kulturell kostbar sei oder eben nicht, solange werden auch die unterschiedlichen Meinungen darüber bestehen. Die einzige Möglichkeit den Konflikt ohne Gewaltanwendeung zu lösen, ist der Markt. Wenn die Gesellschaft die Dienste eines Sozialwissenschaftlers oder eines Musikers höher einschätzt als dringenderer Bedürfnisse (wie z.B. Essen, Unterkunft etc.) dann werden diese Leute (wie gesagt: ich eingeschlossen) auch eine Anstellung finden. In diesem Falle zahlt sich das Studium ganz von alleine aus, sodass ein Kredit auch problemlos aufgenommen werden kann und kein Grund bestünde, andere dafür haften zu lassen, dass man seinen Neigungen nachgeht.

Solange aber dringenderer Bedürfnisse bestehen als die Nachfrage nach Sozialwissenschaftlern, Ethnologen etc.,  werden Kredite für diese Studiengänge schwierigen zu erhalten sein. Es ergeben sich für mich aber erhebliche moralische Zweifel, die fehlende Nachfrage durch den Steuerzahler auffüllen zu lassen.

Ich denke sogar, dass die staatsgläubige Neigung vieler Sozialwissenschaftler aus der Erkenntnis rührt, dass man eigentlich nicht so viele von uns benötigt. Ein starker Staat, der sich in alle möglichen Angelegenheiten des Menschen einmischt, füllt interessanter Weise diese Nachfragelücke und sorgt für Beschäftigung von einem Heer von Sozialwissenschaftlern und Ökonomen, die alle Pros und Cons erforschen, bewerten und kontinuierlich prognostizieren sollen.

Wie gesagt: ich bin einer von diesen, nenne aber meine Einschätzung beim Namen. Ich denke, dass eine unsubventionierte Bildung (zumindest die Hochschulbildung) der Gesellschaft als ganze mehr Ressorucen zur Verfügung stellt, sodass es vielen Menschen erheblich besser gehen würde als heute.

M.T. Kähler
17.08.2009  22:47

Niemand hat behauptet, das Studium bestünde aus süßem Nichtstun. Ich habe lediglich gemeint, dass ein kleiner Teil des Studiums daraus besteht und dieser kleine Teil hat eine vitale Funktion, die sich mit ökonomischem Denken scheinbar nicht erschließen lässt!
Dieser Teil des Studiums ist deshalb so äußerst wichtig, weil er zur Muße und zur Reflektion des Gelernten dient. Ein Vergleich: Was sind die 3 Grundpfeiler des Krafttrainings –  essen, schlafen, trainieren.
Wer eines davon vernachlässigt, der trainiert nicht effektiv. Analog dazu lässt sich in Bezug auf die menschliche Bildung (Bildung meint hier mehr als das reine ansammeln von Faktenwissen, sondern vielmehr eine Form des Verhaltens und eine Charakterschule) feststellen, dass ein Studium ohne Musestunden nicht viel wert ist. Das Studium kann und soll meiner Meinung nach auch (!) ein Experimentierfeld für neue Lebensformen, soziale Bewegungen, sowie politischen und gesellschaftlichen Austausch sein. All dies geht verloren (und damit gesellschaftliches Innovationspotenzial), wenn man die schrankenlose Ökonomisierung im Bildungssektor propagiert.
Wenn sich nur noch Wohlhabende Familien (davon gibt es in einer Gesellschaft voller allein erziehender Mütter immer weniger) ein Studium leisten können, dann wird es an der Universität noch viel stärker zu einer intellektuellen Monokultur kommen, als dies ohnehin schon durch die soziale Vererbung der Fall ist und viele schlaue Köpfe werden verloren gehen. Der Zugang zu Bildung sollte sich nach dem Talent und nicht nach den Talenten (€€€) richten.
Auch sollte berücksichtigt werden, dass die Neuorganisation der Studienfächer (Bachelor/Master) den Studenten weniger freie Zeit (statt Freizeit!) lässt, d.h. finanziell schlechter gestellte Studenten haben nun noch weniger Zeit zum Nebenerwerb und somit wird Ihnen auch noch die letzte Möglichkeit genommen, sich ihr Studium selbst zu finanzieren.
Im Übrigen, es geht nicht darum einfach irgendwo Löcher zu buddeln, der Vergleich hinkt ja wohl ein wenig. Denn von Löchern hat die Allgemeinheit nichts, von gebildeten und gut aus-gebildeten Menschen schon viel eher! Das aufstellen von Kosten/Nutzen-Relationen nach dem Vorbild eines Wirtschaftsunternehmens im Bereich der Bildung ist aberwitzig und selbst in der Wirtschaft ist eine solche Handlungsmaxime nicht die beste Entscheidung, zumindest wenn man Henry Ford Glauben schenken darf:
„A business that makes nothing but money is a poor kind of business.”
***
Noch ein kleiner Nachtrag: Man verabschiede sich doch bitte von der Illusion, es gäbe ein gesellschaftliches Organisationssystem, das zu 100% gerecht ist und niemanden benachteiligt. So etwas gab es nie und wird es nie geben, die Frage ist nur in welchem System weniger Menschen benachteiligt werden. Ich denke und insistiere aufs Heftigste darauf, dass eine subventionierte Hochschulbildung der Gesellschaft als Ganzes ein Optimum an Ressourcen zur Verfügung stellt, sodass es dem Fortschritt dient und sich ferner die Schere zwischen arm und reich nicht drastisch weiter aufspannt als ohnehin schon. Das Thema Bildung ist doch ein wenig komplexer, als das es sich mit einer Reduktion auf ökonomische Bewertungsmaßstäbe erschließen ließe.

Christian Nedjalkov
19.08.2009  15:31

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