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EU-Verdrossenheit? Verbieten!
Von Matthias Heitmann
Am Tag nach der Europawahl haben sich die Parteien auf die Nichtwähler eingeschossen. So machte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering „im Wesentlichen“ die Nichtwähler für das Debakel seiner Partei verantwortlich. Auch Linksparteichef Oskar Lafontaine kritisierte die Wahlunlust von Hartz-IV-Empfängern (http://www.welt.de/politik/article3884151/Linke-Parteien-schieben-Schuld-auf-die-Nichtwaehler.html). Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörn Thießen forderte gar die Einführung der Wahlpflicht in Deutschland sowie Geldstrafen für Nichtwähler, denn: „Demokratie ohne Demokraten funktioniert nicht“ (http://www.welt.de/politik/article3888702/SPD-Politiker-fordert-Geldstrafe-fuers-Nichtwaehlen.html). Der stellvertretende Chefredakteur des ZDF heute journals, Elmar Theveßen, argumentierte am Wahlabend ähnlich. Seiner Ansicht nach sei es nicht die Schuld der Parteien, dass ihnen die Wähler abhanden kommen, schuld daran seien vielmehr die abhanden gekommenen Wähler. Doch mehr noch: Die Nichtwähler sind nach Theveßen auch dafür verantwortlich, wo ihre wählenden Mitbürger ihr Kreuzchen machen. Das Ergebnis sei „eine Schande, für die großen Parteien und für die Wahlberechtigten, die nicht gewählt haben“, ließ er verlautbaren. Auch Daniel Deckers äußerte in seinem Leitartikel in der FAZ Unverständnis darüber, dass es trotz des Bedeutungszuwachses des Europaparlaments „kaum mehr Bürger als zuletzt für angebracht [hielten], zur Wahl zu gehen und damit das Demokratiedefizit der EU zu lindern“.
Die Ansicht, das Demokratiedefizit der EU könne dadurch gelindert werden, dass mehre Menschen zur Wahl gingen und man sie gar dazu zwingen solle, ist eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes und ein Affront gegen die Demokratie. Tatsächlich ist es das reale Demokratiedefizit der EU-Bürokratie und der mit ihr kollaborierenden nationalen Eliten, das die Entstehung eines auf demokratischer Machtausübung beruhenden gesamteuropäischen Bürgersinns systematisch verhindert und so überhaupt erst den Verdruss auslöst. Ganz offensichtlich wird hier Demokratiedefizit mit Legitimationsdefizit verwechselt. Wahr ist: Wenn Wähler in großer Mehrheit den Wahlurnen fernbleiben, hat ein Parlament ein Legitimationsdefizit. Dass Wähler Parteien kein Mandat erteilen, ist aber ein demokratisches Recht und keineswegs mit einer undemokratischen Gesinnung gleichzusetzen. Auch das Ansinnen, die Bedeutung des Wahlergebnisses durch den Hinweis zu relativieren, den Wählern gehe es bei den Europawahlen ja ohnehin zumeist nur darum, innenpolitische Ohrfeigen zu verteilen, stellt die Realität auf den Kopf. Denn wenn ein Europawahlkampf trotz der gebetsmühlenartig wiederholten enormen Bedeutung des Europaparlaments keinerlei inhaltliche europäische Perspektive aufzeigt und ausschließlich national geprägt und überdies nichtssagend ist, so ist es nicht nur unausweichlich, sondern sogar geboten, dass die Bürger dies mit ihrem Wahlverhalten entsprechend quittieren. Dass die so abgestraften Politiker dann anschließend verkünden, die Nichtwähler seien zu bestrafen, während das Votum derjenigen, die gewählt haben, keine Rückschlüsse auf die Bundestagswahlen zulasse, treibt die Geringschätzung der Wahlberechtigten auf die Spitze.
75 Prozent aller Deutschen halten Umfragen zufolge die europäische Integration grundsätzlich für eine gute Sache. Dass dennoch nur eine Minderheit der Deutschen zur Europawahl ging, kann also nicht mit antieuropäischen Ressentiments erklärt werden. Das Ergebnis der Wahlen zeigt vielmehr: Trotz der proeuropäischen Einstellung der meisten Menschen gelingt es den europäischen Eliten nicht, sie für ihre Vorstellungen einer europäischen Politik zu gewinnen. Insofern ist das Wahlergebnis und gerade auch die geringe Wahlbeteiligung ein durchweg demokratisches Signal an die Politik – es lautet: So nicht! Und nur, weil sich an der daraus resultierende Frage „Wie denn dann?“ die Geister scheiden, ist die Aussage als solche deswegen noch lange nicht antieuropäisch oder undemokratisch.
Von einer kritischen oder gar selbstkritischen Analyse des Wahlergebnisses ist die Politik so weit entfernt wie von den Interessen, Bedürfnissen und Sorgen der Menschen. In ihrer Orientierungs- und Alternativlosigkeit fällt der europäischen Politikerkaste und einigen Medienvertretern nichts anderes ein, als auf die ungezogenen Wahlberechtigten einzudreschen: auf die Nichtwähler, weil sie nicht wählen, und auf die Wähler, weil sie nicht bereit sind, enthusiastisch Ja und Amen zu dem zu sagen, was man ihnen vorsetzt. Insofern könnte Klaus Klebers Aussage im sonntäglichen heute journal, die Demokratie habe „verloren“, durchaus zutreffen: allerdings nicht wegen des Wählervotums, sondern aufgrund der sich in der Wählerschelte manifestierenden undemokratischen Gesinnung der Entscheidungsträger.
- Sabine Reul: „Europas Krisenwahl“ in: Novo100/101 (5–8 2009)
- Zahlreiche weitere Artikel zum Thema finden sich im Novo-Dossier „Europa”
10.06.2009 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Politik und Demokratie | Europa




Europas blasse Identität
Der Kontinent Europa ist historisch geprägt durch seine typische Kleinstaaterei und den jeweils im Verbund mit der zumeist christlichen Religion gepflegten Nationalismus. Trotz allgemein anerkannter kultureller Höchstleistungen schwächte sich der Kontinent politisch durch barbarische Kriege dermaßen, dass er bis heute im Poker der Großmächte eine untergeordnete Rolle spielt.
Dies erklärt sich durch die natürliche Verunsicherung der Völker nach den blutigen Desastern, zunächst auch durch eine erfreuliche Besinnung auf die Vorteile vom Friedenhalten und außerdem durch eine weniger orthodoxe Religionsgläubigkeit.
Alle drei genannten Kriterien stellen jedoch kein Fundament für eine stabile Gesellschaftsordnung dar, sondern tragen eher provisorischen Charakter, handelt es sich doch um Stimmungen, die bereits umschlagen.
Schon lange wird wieder aufgerüstet, Krieg in verschiedenen Teilen der Welt geführt oder unterstützt. Religionen und Ersatzreligionen erfahren eine Renaissance und demokratische Ideale werden durch Kapitalismus und Überwachungsgesetze ungeniert verraten.
Auf der Basis, dass es Menschen in anderen Kontinenten viel schlechter geht, sodass man sie ausbeuten kann, ließ sich in Europa eine vergleichsweise prosperierende Wirtschaftszone etablieren – wie gesagt, in Abhängigkeit von außen. Es gehört nicht viel Begabung dazu, die Endlichkeit solcher „Globalisierung“ zu erkennen.
In der Europäischen Union schlossen sich bisher 27 sehr unterschiedliche Staaten zusammen, die entgegen aller hochtragend propagierten Ziele zunächst und hauptsächlich wirtschaftlichen Konsum und Reisefreiheit favorisieren. Darüber hinaus blieb Vieles vage: „Staatenbund der Vaterländer“? „Bundesstaat“? Währungsunion? Militärbündnis? Und so weiter.
Welche Funktionen hat das viel zu unübersichtliche Parlament der EU tatsächlich? Wie bürgerfremd stellt sich die aufgeblasen bürokratische Verwaltung dar! Welche demokratische Mitbestimmung soll wie stattfinden, da viele Europa-Abgeordnete bereits Ausgemusterte aus Parlamenten ihrer Herkunftsländer sind?
Die beteiligten Bevölkerungen innerhalb der EU verfügen über eine äußerst blasse europäische Identität. Zurückhaltende Wahlbeteiligungen und entsprechende Wahlergebnisse belegen den Vorrang des jeweilig Nationalen.
Es fehlt eine europäische Perspektive, die Vision einer erfüllteren Lebensweise, denn die Europäer haben keine geeignete Philosophie für einen wirklichen humanen, ich nenne ihn „kosmonomen Aufbruch“.
Mit ihrem gänzlich falsch verstandenen Demokratiebegriff christlicher Gutmenschenmentalität, auch definitiv demokratieunfähigen Religionsgruppen und wissenschaftsunfähigen Ersatz- und Pseudoreligionen (Klimawahn, Pandemien,etc.) immer mehr Ausbreitungsmöglichkeiten einzuräumen, programmiert dieses Europa seinen Abgesang, noch ehe es eine gemeinsame Verfassung bewerkstelligt, noch eine eigene Hymne singt.
Die Tragik verdeutlicht sich auch darin, dass keine der Großmächte ein besseres Gesamtkonzept vorweist, also nicht beispielgebend sein kann, mehr noch, sie stecken alle bereits in existenziellen Problemen.
Europa muss sich besinnen, diesmal unter ausschließlich humanen und aufgeklärten Leitsätzen. In gewollter Doppeldeutigkeit empfehle ich: „Europa, bilde dich!“
Raymond Walden
10.06.2009 17:27