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WARUM? Ein Land läuft Amok
Von Matthias Heitmann
Der Amoklauf eines 17-Jährigen in Winnenden war nur der Anfang: Was folgte, war der Amoklauf einer ganzen Gesellschaft, die sich nicht mehr über den Weg traut und unbewusst die Trauer um die Opfer zum Anlass nimmt, sich selbst zu traumatisieren.
Ein Junge rastet aus, schnappt sich eine Waffe seines Vaters und tut Unvorstellbares. Er reißt nicht nur seine Opfer aus dem Leben, sondern stürzt auch deren Familien und Freunde in menschliche Katastrophen. Ohne offensichtlichen Grund. Die Frage nach dem „Warum“ dieser Tragödie ist menschlich nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar hingegen sind die Versuche, diese Frage zu beantworten, das „Darum“ zu erklären. Nicht nachvollziehbar deshalb, weil diese Erklärungen trotz des allenthalben zum Ausdruck gebrachten persönlichen Mitgefühls gänzlich unpersönlicher Natur sind; weil sie von etwas abstrahieren, von dem man nicht rational abstrahieren kann; weil sie nichts mit dem tatsächlichen Ereignis zu tun haben, sondern es nur aufgreifen, um aus ihm gesellschaftliche und politische Schlussfolgerungen zu ziehen.
Diese Schlussfolgerungen sind nicht neu, sie liegen vorgefertigt und griffbereit in den Schubladen und warten nur darauf, bei einem sich bietenden Anlass geschwind herausgezogen zu werden: Gewalt im Internet, brutale Computerspiele, in Privatwohnungen frei herumliegende Schusswaffen, vernachlässigte Kinder, die sich in Parallelwelten flüchten, das Versagen von Eltern und Lehrern, der Gewalt-Voyeurismus in der Gesellschaft und auf dem Schulhof – das sind die stereotyp wiederkehrenden Themen, die aus einem Amoklauf, aber auch aus einer Kindesvergewaltigung oder einem Kindesmord eine kollektive Depression und aus mehr Härte und Kontrolle fordernden Politikern Retter in höchster Not machen.
Es scheint, als verschanze sich die gesamte Republik unter den Bänken der Winnender Albertville-Realschule. Sicherheit bietet dies freilich nicht, denn zugleich liefern uns die in Baden-Württemberg eingefallenen Journalistenscharen haufenweise Indizien dafür, dass Winnenden überall sein könnte, überall dort nämlich, wo Menschen leben, die (ob legal oder nicht) Waffen besitzen, Computerspiele spielen und im Internet surfen, sich in unserer so komplexen Welt nicht zurecht finden, sich von ihr abkapseln und nicht unter staatlicher Aufsicht stehen. Und „Indizien“ für nicht erklärbare Taten sind schnell konstruiert: So erfuhren wir zum Beispiel, dass der Amokläufer vor wenigen Jahren konfirmiert worden sei und noch kürzlich die Fahrschule besucht, sich dort jedoch nicht als potenzieller Amokläufer geriert habe und eigentlich ein ganz normaler, wenngleich stiller Junge gewesen sei.
Manch einer mag diese Informationen für interessant halten, doch die Frage ist: Was lernen wir daraus? Oder noch anders gefragt: WARUM sollen wir daraus etwas lernen? Welche Schlussfolgerung soll eine medial zur Auseinandersetzung förmlich gezwungene Gesellschaft aus der irrationalen Tat eines Einzelnen schon ziehen, wenn nicht die, dass sie selbst aus lauter Einzelnen besteht, deren Leben auf dem schmalen Grad zwischen Opfer- und Täterdasein wandelt und von einem Moment auf den anderen in den einen oder anderen Abgrund stürzen kann? Was tun mit dieser Schlussfolgerung?
Die Tatsache, dass wir uns offensichtlich veranlasst sehen (und uns veranlassen lassen), uns mit solchen Schlussfolgerungen ernsthaft auseinanderzusetzen, sagt erheblich mehr über unser Gemeinwesen aus als das Ausrasten eines Einzelnen. So reagiert eine Gesellschaft, die sich nur allzugern in ihrem Selbstzweifel bestärken lässt. Eine völlig irrationale Tat liefert keine konstruktiven Lehren, die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gezogen werden könnten. Der Versuch, dies dennoch zu tun, so wie ihn uns Politik und Medien seit einer Woche vorexerzieren, ist ein Amoklauf gegen unser aller Menschlichkeit.
- Sabine Reul: „Amoklauf in Erfurt: Soll man aus Verbrechen lernen?“ in: Novo58/59 (5–8 2002)
18.03.2009 | Permanenter Link | http://bit.ly/9BKhWG
Kategorie(n): Kultur und Gesellschaft
Es mag sein, dass diese irrationale Tat keine konstruktiven Lehren, die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gezogen werden könnten, liefert. Doch die Kommunikation einer “Krise” entwickelt sich zunehmend zu einer Krise der Kommunikation. Dieses, erst während des Zurücktretens Sichtbare, stellt für mich das Problem dar. Das formulierte Problem erweist sich immer weniger als problematisch, während die Umgebung, deren Umgang und Wahrnehmung (als temporär gefühlte Wahrheit vermittelt) damit sich mehr und mehr zu einem Problem entwickeln. Formulierte Schlagzeilen, die wie Fausthiebe daherkommen und - in vielen Fällen hat ein Schlag das so an sich - vorübergehend das Bewußtsein trüben. Meiner Ansicht nach kommen wir hier zudem, woraus dann jedoch gesamtgesellschaftliche Lehren gezogen werden können, was nicht bedeutet, dass es zukünftig nicht mehr passieren kann und wird. Meiner Ansicht nach ist eine Kommunikationskrise die eigentliche Krise und ein wesentliches, wenn nicht das wesentliche Problem (Eine Bank ging pleite. Was folgte, war der Amoklauf einer ganzen Gesellschaft (auch möglich, oder?)) unserer Zeit. Vielleicht ist eine gesellschaftliche Lehre daraus lediglich die, dass wir nichts daraus lernen. Denn, wir haben mit der Vergangeheit abgeschlossen, die Vergangenheit aber nicht mit uns (Film: Magnolia). Nun, was genau vermittelt uns denn der (pseudo)psychologische und so penetrant supervisionierte (ganz gleich, ob Kindererziehung, Umwelt, Bildung, Partnerschaft oder Wirtschaft) und “gecoachte” Blick?
Was nun folgt, hat direkt mit dem Ereignis nichts zu tun, aber mit Kommunikation. 5 einzelne, oft und gern zitierte Sätze, die einen Zeitraum von etwa 500 Jahren umfassen (Ordnen Sie diese entsprechend zu! (Spass)). Zusammen ergeben diese mehr als nur ein Bild oder eine zusammenhängende Geschichte. Sie sind lebendig wie eh und je.
1. Lesen ist ein großes Wunder. 2. Der Lesehunger ist der beste Lehrer. 3. Alles, was uns umgibt ist Schrift; der Mensch muss nur lernen, sie zu lesen. 4. So verkehrt er dann mit Geistern anderer Jahrhunderte - fast dasselbe wie Reisen. 5. Die Schwierigkeit dabei liegt nur darin, ein Land fremder Phantasie mit eigenen Gedanken zu bevölkern.
Und diese eignen Gedanken, diese Neugier vermisse ich sehr häufig in dieser Zeit, wobei ich hier von der Neugier und Zeit schreibe, die man sich nehmen muss, um einzelne Sätze, auch aus verschiedenen Epochen, zu einem Bild zusammenzusetzen. Denn, Nichts ist so neu wie das schon mal Gesagte.
Dass Kommunikation das Problem ist, sehe ich auch so, allerdings in einem anderen Kontext. Auch muss ich der Behauptung widersprechen, dass man aus dem Bisherigen keine Präventivmaßnahmen ableiten kann.
Es gibt bei den Tätern viele Gemeinsamkeiten: Sie sind eher zurückgezogen, spielen daher vermutlich viel am Computer, sind häufiger Waffennarren, haben einen Knacks im Selbstwertgefühl… (Wahrscheinlich kann sich jeder noch viele weitere Merkmale aus der Nase ziehen.)
Tatsächlich sind das Problem doch Leute, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden. Wer macht etwas? Niemand, die Eltern wissen es nicht besser, genauso wenig wie die Mitschüler. Und die Lehrer sind allesamt pädagogisch unterbelichtet. Es ist durchaus faszinierend, wie wenig Ahnung die Klassenlehrer von der Gruppendynamik in den Klassen haben. (Vor 5 Jahren war ich ja selbst noch auf der Schule…) Sie sehen nicht, wie sich Gruppen bilden und dabei zwangsläufig auch einzelne Schüler ganz isoliert werden.
Eigentlich sollte es doch Aufgabe der Klassenlehrer (und später der “Oberstufenkoordinatoren”) sein, so etwas wie eine Klassengemeinschaft zu bilden. (Es gibt natürlich auch Positivbeispiele von Klassen. Wenn da ein Einzelner “Stress” hat, helfen direkt alle..)
Mehr Klassenfahrten und -ausflüge würden sicher Abhilfe schaffen. Aber außerdem sollten sich die Klassenlehrer mehr mit ihrer Klasse beschäftigen. Und warum gibt es Klassenlehrer ein kein Schulfach “Klasse” oder so? Im übrigen gibt es ja auch Schulpsychologen (in den USA der “school counselor”). Lustigerweise wissen die meisten nicht einmal, wie der aussieht…
Also m.E. gibt das doch sehr wohl Anlass zum Selbstzweifel der Gesellschaft. Wo man da ansetzt, ob bei den Eltern oder in der Schule, ist eine pragmatische Frage. Aber irgendetwas muss doch gemacht werden…
Es ist ja nicht so, als wenn Amokläufer komplexe Auswüchse unserer Gesellschaft sind. Sie sind einfach nur Extremfälle von schlecht integrierten Schülern.
Eine Lehrerschelte ist nicht angebracht. Auch Lehrer waren mal Schüler und wissen, was im Klassenverband so ab geht. Der Film im WDR “Guten Tag Herr Grothe” von 2007 zeigte eindringlich, was passiert, wenn Lehrer sich zu sehr für ihre Schüler engagieren. Ich denke, dass die Eltern zuerst für die seelische Entwicklung ihrer Kinder und Sozialisation zuständig sind und die Lehrer später für die Bildung, die sie motivierend zu vermitteln haben. Ein Scheitern bei dieser Aufgabe ist immer möglich, aber nicht hinreichend wahrscheinlich. Auf die Frage nach dem Warum gibt es eben keine passende Antwort.
Der Franzose Daniel Pennac schrieb meiner Ansicht nach ein wunderbares Buch - “Schulkummer…aber es gibt keinen hoffnungslosen Fall”. Das trifft weit mehr als vieles, was uns als psychologisch wertvoll verkauft wird und geht weit über das Thema Schule hinaus. In der FAZ vom 12.3.2009 kann man eine wirklich sehr gute Rezenssion zu diesem lesen. Warum sollte man es lesen? Weil, sonst so geantwortet werden könnte: Wissen Sie denn nicht, dass ich Ihnen genauso antworten könnte, wie Marius den römischen Patriziern geanwortet hat: „Diejenigen, die sich mit fremden Leistungen schmücken, wollen meine nicht gelten lassen! Sie werden behaupten, ich könne mangels Gelehrsamkeit das, was ich behandeln will, nicht richtig sagen. Nun, wissen Sie denn nicht, dass meine Lehren nicht so sehr aus den Worten anderer gezogen werden, als aus der Erfahrung, die doch die Lehrmeisterin derer war, die gut geschrieben haben?” (Leonardo DaVinci)




“Eine völlig irrationale Tat liefert keine konstruktiven Lehren, die auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gezogen werden könnten.” (letzter Absatz)
Ein Kommentar, als Frage formuliert:
“Welchen Sinn hat es, dass jeder einzelne von uns so ist, wie er ist? Überhaupt keinen!” (Kodo Sawaki, jap. Zen-Meister)
Peter Schmidt
18.03.2009 15:21