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Ziellos gegen die Biowissenschaften
Von Thomas Deichmann
Die Proteste gegen moderne Biotechnologien nehmen immer absurdere Züge an. In Wien findet in diesen Tagen eine Demonstration statt, um der österreichischen Regierung bei ihrer Haltung gegen die Grüne Gentechnik den Rücken zu stärken. Wien unterbindet seit Jahren den laut EU-Recht eigentlich legalen Anbau von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen. Eine „drastische Vermehrung der Allergien und die Zunahme von Krebs“ werde mit der Gentechnik in Verbindung gebracht, heißt es im voodoo-mäßigen Aufruf. Hierzulande tourt einmal mehr die Anti-Gentechnik-Aktivistin Vandana Shiva, und es formieren sich mal wieder grüne NGOs, um den „Widerstand“, dieses Mal ausgehend von Bayern, in die ganze Republik zu tragen. Die bayerische Landesregierung hat kürzlich angekündigt, dem Anbau von GV-Pflanzen noch mehr Steine in den Weg zu legen. „Politiker, die es noch wagen, für die Konzerne wie Monsanto, BASF & Co. einzutreten, müssen weggefegt werden“, ist dennoch in Rundbriefen der Angstindustrie zu lesen.
An solchen Verlautbarungen erkennt man nicht zuletzt Weltfremdheit. Denn Regierungsvertreter, die für Fortschritte bei der Pflanzenzüchtung eine Lanze brechen, gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Die Grüne Gentechnik wurde vor mehr als zehn Jahren von Bundesministerin Renate Künast (Grüne) zur Projektionsfläche für diffuse Zukunftsangst und Anti-Amerikanismus. Ihr Nachfolger Horst Seehofer (CSU) blieb dieser Linie treu, weil er bemerkte, wie leicht sich auch einige bayerische Stammtische mit dumpf-grünen Parolen erobern ließen. Nun ist ihm Ilse Aigner (CSU) ins Bundesagrarministerium gefolgt und hat sogleich angekündigt, den diesjährigen Anbau von Bt-Mais erneut zu überprüfen, weil die Gentechnik angeblich „den Menschen hierzulande keinen erkennbaren Nutzen” bringe.
Wohl aber nützt das Thema der „ergrünten“ Politikerklasse, der angesichts des eigenen Unvermögens, unser Gemeinwesen mit Vernunft und Weitblick voranzubringen, heute nicht mehr einfällt, als Misanthropie zu predigen und „Wald-und-Wiesen-Emotionen“ zu mobilisieren, von denen man einst hoffte, sie mögen für alle Zeit der deutschen Vergangenheit angehören. Die NPD findet nicht grundlos Gefallen an der parteiübergreifenden Verteidigung der deutschen Scholle vor modernem US-Saatgut.
Was sich hier abspielt, hat nichts mit einem „Volksaufstand“ zu tun, wie einige Medien vermuten. Auch der Vorwurf des reinen Populismus‘ zielt an der Sache vorbei und klingt wie ein Kompliment in Richtung Politikerklasse. Der aktuell zelebrierte Stumpfsinn kennt nämlich weder Programmatik noch Ziel. Nicht einmal die organisierten Trittbrettfahrer in Gestalt grüner NGOs haben eine vage Vorstellung von dem, wohin die Reise führen könnte. Die aktuelle Lage zeigt zu allererst den Verwesungszustand des politischen Apparats und von Teilen unserer politischen Kultur. Die Scheinheiligkeit der Politik kommt nicht zuletzt mit den Hinweisen zum Ausdruck, man habe sich nach dem Willen der „Verbraucher“ zu richten. Doch vielleicht braucht es nun diese Eskalation im Bereich der Grünen Gentechnik, um die verbliebenen Fortschrittsfreunde in diesem Land aus der politischen Reserve zu locken?
Man wird sehen. Wer sich indes über den Stand der Grünen Gentechnik informieren möchte, dem seien die moderat, sachlich und kenntnisreich informierenden Seiten von http://www.BioSicherheit.de und http://www.Transgen.de empfohlen.
- Thomas Deichmann: „Ansichten zur Grünen Gentechnik“ in: NOVOnotizen, 12.2.09
- Thomas Deichmann: „Was Sie (auch) über NGOs wissen sollten”, Artikelserie in Novo93-99
24.02.2009 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Wissenschaft und Technik




Als Ergänzung zu diesem interessanten Beitrag fand ich folgendes Dossier, wo alle Ängste zur Maissorte, um die zur Zeit so große Aufregung herrscht, versammelt dargestellt werden. Die Verhinderungsindustrie läßt auch wirklich nichts unversucht. Der institutionalisierte Druck, der hier auf die Politik ausgeübt wird ist gewaltig. Die Lobby der Gentechnik-Gegner schier unüberschaubar.
http://www.keine-gentechnik.de/bibliothek/zulassungen/dossier-mon-810-mais.html
Passend hierzu die Aussage von Dr. Stefan Rauschen von der Arbeitsgruppe Agrarökologie der RWTH Aachen
“Die Diskrepanz zwischen den wissenschaftlichen Ergebnissen auf der einen Seite, und den politischen Aktivitäten auf der anderen Seite, untergräbt die Glaubwürdigkeit der deutschen und internationalen Forscher und der Institutionen, an denen diese Forschung durchgeführt wird. Wenn schon Politiker die Ergebnisse dieser Forschung nicht ernst nehmen und berücksichtigen, warum sollten das die Bürger tun?”
http://www.biosicherheit.de/de/aktuell/679.doku.html
Bibliothekar
25.02.2009 21:52