. . Klare Sicht nach vorn  |  RSS  |  Newsletter

Zuletzt kommentiert

Am meisten kommentiert

Archiv

Dossiers

Urheberrechtsdebatte: The big divide

Von Rolf Silber

Dass es in der „Urheberrechtsdebatte“ manchmal so zu geht, als würden bastelwütige Männer im Baumarkt erregt über Neurochirurgie diskutieren, wäre ja weiter nicht schlimm – würden sie nicht parallel dazu ernsthaft auf die Suche nach den passenden Instrumenten für eine leckere Schädelöffnung gehen. Was dann Schlimmeres befürchten lässt. Weil: Es beschleicht einen das Gefühl, die könnten das wirklich machen wollen.

„Das Urheberrecht“ ist dabei zu einer fast magischen Entität geworden, der man finsterste wie hellste Absicht und Wirkung unterstellt, wobei dann gerne Fragen mitdiskutiert, Gefahren beschworen werden, die mit dem Urheberrecht wenig oder nichts zu tun haben. Eine wahrlich großartige Karriere für ein extrem komplexes Gesetzeswerk, das notorisch wenige Menschen wirklich begreifen.

Diese Komplexität liegt in der Natur der Sache, der es dienen soll. Mich hat am Urheberrecht, soweit ich es denn verstehe, darum auch immer fasziniert, dass es versucht, ein juristisches Regularium für etwas zu sein, dass sich juristischer Regulation naturnotwendig widersetzen muss: Geistiger Schöpfung.

Gleichzeitig haben mich Jahre als Autor und Regisseur restlos davon überzeugt, dass ein solches Regularium hochnotwendig ist, um unsere Berufe überhaupt sinnvoll ausüben zu können. Was die derzeitige Diskussion – soweit sie denn überhaupt stattfindet und nicht entweder in kabbalistischem Netzgebrabbel erstickt oder gleich in einem schönen „Shit-Storm“ endet – schwierig macht, ist aber nicht nur die Tatsache, dass das Urheberrecht selbst, auch für gestandene Juristen, eine ziemlich harte Nuss ist.

Distribution und Akquisition

Einem oft sehr grundsätzlichen Nicht-Verstehen, wie die Prozesse in der „Kreativbranche“ laufen, auf Seiten der tatsächlichen wie vorgeblichen „Nutzer“ und ihrer jeweiligen politischen Anwälte gesellt sich eine „Einschätzungsunschärfe“ auf der Seite der Urheber hinzu. Es scheint mir ein großes Problem darin zu bestehen, dass die Diskutanten oft keinen Begriff haben, wo genau sie stehen – auf welcher Seite des „big divide“ – der Seite der Kunst-, Kreativ-, Programm-Distribution oder jener der Akquisition.

Distribution wird dabei noch eher verstanden. Auch der gestandene Lau-Sauger ahnt, dass hier am ehesten seine Gegner der großartigen „Kostenloskultur“ zu finden sind. Und Akquisition wird hierzulande leider immer noch auf „Erwerb für Bezahlung“ reduziert, als Vorgang des Einkaufens verstanden. Was aber eine grobe Verkürzung ist.

Der erweiterte Begriff „Akquisition“ versteht darunter aber alles, was dazu führt, dass ein Programm überhaupt entstehen kann. Also die Summe der Tätigkeiten, die dazu führen sowie alle dazu notwendigen personellen, technischen, rechtlichen, finanziellen wie künstlerischen Voraussetzungen. Ein Drehbuchautor denkt sich die Struktur einer Geschichte aus und schreibt sie auf, eine Kamera dreht Bilder, am Drehort wird das szenische Material inszeniert, in der Editing-Suite montiert – alles in dem hier vorgeschlagenen, erweiterten Sinne – Vorgänge der Programm-Akquisition.

Vergröbert könnte man also sagen: Alles, was passiert, bis ein Film (oder ein anderes Kunstwerk oder Unterhaltungsprogramm) fertig ist, gehört zur Seite der Akquisition – zum Zeitpunkt der Fertigstellung übernimmt dann die Distribution. Der Sender, der Verleiher, transportiert, auf welche Weise auch immer, das fertige Produkt zum Konsumenten. Das ist „the big divide“: Akquise/Distribution.

Aus dem heftig tobenden Streit auf der Distributionsseite (Im Extrem: „gib mir saubillisch oder für umme“) werden nun aber zur Verblüffung von uns auf der Akquisitionsseite, gerne mit erkennbar mangelhafter Sachkenntnis, Kategorien abgeleitet oder einfach zusammenphantasiert, nach denen nun die Akquisitionsseite künftig gefälligst zu funktionieren habe. Das alles, damit nur bitte die eigene politische, kulturelle und ökonomische Theorie stimmig bleibt. Und das ist blöde. Nicht zuletzt weil die Akquisitionsseite eben leider teilweise leider ganz anders funktioniert, als die „piratenaffine Netzpolitik“ das sich und dem staunenden Publikum glauben machen möchte. Kernthese ist: Aufgrund der geradezu wundersamen Wirkungen moderner Technologien (hier Netz und digitale Technik) kann man zum Beispiel Filme so billig machen, dass auch die finanziellen Ausfälle auf der Distributionsseite damit auszugleichen sind. Was leider eins ist: grundfalsch.

Weltfremde Prämissen

Es fängt mit der bitteren Erkenntnis an, dass das Netz und digitale Technologien zwar an manchen Punkten der Herstellungstätigkeit höchst hilfreich sind und manchmal Dinge ermöglichen, die früher nicht möglich waren – an den grundsätzlichen Voraussetzungen und Anforderungen von Filmherstellung zum Beispiel sich aber weitaus weniger geändert hat, als viele das gern hätten oder glauben.

Natürlich ist Filmproduktion im Low- und No-Budget-Sektor an einigen, durchaus wichtigen Fronten, etwas einfacher geworden. Sobald aber die Ebene der kurzen oder extrem selbstausbeuterischen Form(en) von Filmherstellung verlassen wird und der professionelle Teil beginnt, stehen alle, die Filme in zum Beispiel 90er oder seriellen Formaten machen, vor ungefähr den gleichen strukturellen Problemen bei Kosten und Aufwänden. Wir reden also von Faktoren, die kaum oder gar nicht veränderbar sind – oder nur zum Preis einer radikalen Veränderung der Inhalte selbst und/oder ihrer Ästhetik.

Lustig dabei: Was am liebsten für „Umme“ gesaugt wird, ist ohnehin – neben den fragwürdigen Produkten der pornografischen Industrie (nahezu zwei Drittel der Abmahnfälle!) – die teure Spitzenware der Unterhaltungs- und Filmindustrie – und, leider, eben nicht die Doku über aserbaidschanische Kunst des 19. Jahrhunderts oder über den Ressourcenkrieg im Kongo.

Schon das ist für manchen Web-Aktivisten schwer zu verknusen. So er das dann überhaupt glaubt und irgendwann selbst feststellt, dass die Hauptkosten bei Filmen immer Personalkosten sind, folgt auf dem Fuß, dass die „fetten Jahre“ nun halt mal für alle vorbei seien und die Filmschaffenden gefälligst den Gürtel enger schnallen sollen. Regisseuren werden in Diskussionen zudem Traumgagen unterstellt (und auch schon mal der empörte Vorwurf geäußert, die würden beim Drehen auch noch schöne Frauen kennenlernen und eventuell mit denen Unaussprechliches tun) und alle Schauspieler verdienen wie Brad Pitt oder wenigstens wie Veroncia Ferres.

Selbst wenn man das schnell in den Bereich frei flottierenden Unsinns verweisen kann und klar macht, das abgesehen von wenigen prominenten Figuren, die Gagen im Filmbereich beständig sinken und zum Beispiel Konrektoren von Gesamtschulen im Allgemeinen ja auch etwas besser verdienen als Taxifahrer (was man für ungerecht halten kann, aber das ist dann eine ganz andere Diskussion), während parallel – dicht hinter den Binnenschiffern – im Bereich Filmproduktion die höchsten Wochenarbeitsstundenzahlen aller Berufsgruppen gekloppt werden: Es wird mit Stentorstimme gefordert, das alles habe sich nun zu ändern, weil jetzt eben die ganz neue Zeit gekommen sei.

Vom Widersinn der Kostenloskultur

Und damit errichtet man aus der Distributionsseite plötzlich ein Diktat für die Akquisitionsseite, das in der Konsequenz ungefähr so sinnvoll ist wie ein Verbot der Schwerkraft auszurufen: Weil nun einmal restlos jedes System, von dem man einen Output erwartet, einen Input haben muss, der – wenigstens im statistischen Mittel – dem Output entspricht. Erhält es den nicht, stirbt das System ab. Oder es muss sich auf einer niedrigeren Energieebene versuchen wieder zu stabilisieren. Das ist, leider, eine Korrelation, gegen die bisher kein Kraut gewachsen scheint. Auch nicht im Netz. Programmakquisition kostet. Nun setzt sich der Netzaktivist – soweit er nicht wie Herr Kramm ohnehin schon Hutträger ist – gerne die „Potter meets Gandalf“ Kappe auf um zu verkünden, es entstehe durch das entgeltfreie Kopieren ja erstens gar kein materieller Schaden und es gäbe zahllose Beispiele der „Kostenloskultur“, siehe Privatsender, die prächtig gedeihen. Leider vergisst er dabei gern, dass die Kostenloskultur etwa von Senderfamilien wie Sat1/Pro7 oder RTL alles ist, aber nicht kostenlos.

Alle Kosten der Sender wie der für die Sender Arbeitenden, sind in die Produktkosten, die wir an der Kasse des Supermarktes oder der Tankstelle entrichten, via Werbeetat des Herstellers und Schaltkosten für die Spots einfaktoriert. Also zahlen wir die brav und wir zahlen damit auch für die satten Gewinne der Senderbesitzer, die prächtig an den Börsen reüssieren.

Während man sich also über die angeblichen Spitzengehälter bei den ÖR‘s grämt, die aus der Fernsehgebühr dem Zuschauer abgepresst würden, scheint niemand ein Problem darin zu sehen, dass er an der Kaufhauskasse auch für die wirklich leckeren Gehälter von Werbeagentur-Chefs abdrückt. Und dass er an der Supermarktkasse auch kein Geld zurückverlangen kann, nur weil er für Frau Katzenberger oder Dieter Bohlen nicht zahlen möchte oder ihm der zweite Teil der Wanderhure vielleicht nicht gefallen hat, entgeht auch vielen.

Nun bilden sich derzeit andere Finanzierungsformen für Programme heran, etwa Crowd-Funding, die von den Menschen mit der Zaubermütze gern ins Feld geführt werden. Wogegen auch gar nichts einzuwenden ist. Abgesehen von der ernüchternden Tatsache, dass es öfter eher leider gar nicht funktioniert und wenn, dann meist nur mit eingeführten „Marken“ oder Schauspielernamen, die in den klassischen Medien groß geworden sind. Und dem „practical joke“, dass beim „Crowd-Funding“ ja auch ganz reales Geld bezahlt wird.

Die Strukturen der Akquisitionsseite bei Film sind natürlich weder in Stein gemeißelt noch in Beton gegossen. Und natürlich kann es immer wieder zu Verschiebungen und Neudefinitionen in der Struktur und dem Verhältnis zwischen Akquisition und Distribution kommen. Aber man muss dann dem Publikum bitte eines ehrlich sagen: Dass eine radikale Veränderung, in der eine Seite über die andere dominieren möchte, dann auch radikale Folgen haben wird. Die Filme werden deutlich anders aussehen. Und sie werden ganz bestimmt nicht teurer aussehen. Input = Output = Input = Output ... etc. etc. ...

Es besteht eben doch eine tiefere, nicht weg zu diskutierende Wechselbeziehung zwischen mindestens der formalen Qualität von – hier – Filmen, deren Musik oder Ausstattung, der Besetzung und der Frage, wie viele Mittel dafür zur Verfügung stehen. Selbst ein „normales“ TV-Movie das in einem Bezahlsystem hergestellt wird, kostet zwischen 1,2 bis 1,5 Millionen Euro und nein, dieses Geld wächst nicht auf Bäumen.

Es steht zudem zu bezweifeln, dass der gestandene Lausauger lieber Piraten der Badewanne sieht als Piraten der Karibik, selbst die nicht-maritime Wanderhure verschlingt ordentliche Etats und sei es nur für Kostüm und Set-Design. Also, Merksatz: Badewanne geht für ganz wenig, Bodensee ist schon ziemlich teuer, Karibik kostet richtig viel. Und wer das Produkt nutzt, sollte es bitte irgendwie auch bezahlen. Sonst fliegt nämlich der Stöpsel aus der Wanne. Sorry.

Die „nicht-lizensierte“ Vervielfältigung auf der einen Seite wird zu einer Reduktion beim finanziellen Input auf der anderen Seite führen. Die Versuche, das zu quantifizieren werden dabei immer „unter Verdacht“ gestellt, sobald sie nicht das Ergebnis zeigen, das die Netzaktivisten bereits putativ für sich ermittelt haben. Und es kommt zu großen Festivals der Begründungsakrobatik, mit teilweise grotesken Berechnungen wie bei Vor-Galileo‘schen Planetenmechanik: kein Weg zu absurd und gleichzeitig ausgediftelt, um die These zu schützen, alles drehe sich um die Erde. Nur um nicht anzuerkennen, dass es am billigsten immer auf „Rudi‘s Resterampe“ ist – die Produkte dann, bis auf Ausnahmen, aber qualitative auch entsprechend ausfallen.

Ist Kunst systemrelevant?

Mir persönlich ist es übrigens relativ wurscht, woher das Geld kommt, um meine Filme zu machen, solange dabei meine Mitarbeiter und – Entschuldigung – auch ich halbwegs fair bezahlt werden und im Erfolgsfall nicht nur die Leute a la Kim Schmitz kassieren, die mit der Herstellung des Erfolges rein gar nichts zu tun hatten. Und, ja, ich stelle umgekehrt auch Inhalte für umsonst ins Netz, wo mir das passend erscheint. Es ist aber meine Entscheidung und darf mir nicht über ein Aneignungsdiktat weggenommen werden. Für uns auf der Akquisitionsseite, denen im Moment schon von den bestehenden Strukturen ziemlich kräftig eingeheizt wird und die zu Recht jammern, die aber trotzdem noch relativ gut geschützt und gestützt ist, wird es aber absehbar finster, wenn sich wirklich in den Köpfen größerer Teile des Bevölkerung der Glaube festsetzte, „Das Netz“ sei das moderne Äquivalent zum Stein der Weisen und habe die Qualität, einfachste logische und ökonomische Zusammenhänge wenigstens teilweise außer Kraft zu setzen. Als lebe irgendwo in der digitalen Röhre die Gottheit „Umme“ und schaffe etwas aus Nichts.

Vielleicht erklären sich aber daraus auch die manchmal verblüffende Emotionalität und Windstärke der „Shit-Storms“: Dass wir es in manchen Ansätzen schon eher mit einem semi-religiösen Phänomen als mit einer rationalen Debatte über die Kommunikationsstrukturen in unserer Gesellschaft zu tun haben. Die wirkliche Ironie dabei ist, dass erneut der Vertrieb die Programmproduktion dominieren will, nur jetzt in anderer Gestalt. Das Fließband konfektioniert, was es eigentlich nur transportieren sollte. Wie gut das „Programm“, der Kunst, der kreativen Arbeit bekommt, ist bekannt.

In der Konsequenz heißt das: Die Transport-Technik verändert die Inhalte nicht in einem Prozess, sondern durch ein Diktat. Wäre das so, dann dient sie den Inhalten nicht mehr, sondern würde sich diese unterwerfen. Dann käme es zum Sieg der Informatiker über die Künstler. Dann wären Kunst und Kreativität wirklich nicht mehr „systemrelevant“.

Das wäre dann eine deutlich andere Welt und uns bliebe nur noch zu sagen: „Good night and good luck“.

Rolf Silber ist Regisseur und Drehbuchautor. Er lebt in Frankfurt am Main. Seine Website finde sich unter 22ndplot.de.

Verwandte Artikel:

Monika Bittl: Urheberrechtsdebatte: Äpfel und Birnen

Cover Novo 118 Lesen und diskutieren Sie alle Artikel der neuen Ausgabe. Die komplette Inhaltsangabe finden Sie hier: Inhalt. Ein Jahresabonnement (auch Digital erhältlich: PDF, E-Pub oder Mobi) kostet nur 37,80 Euro (Studenten 28,50 Euro) – das Komplettabo (Print + Digital) 42,80 Euro. Zögern Sie nicht und bestellen Sie noch heute in unserem Shop. Damit bleiben Sie am Ball und sichern die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts.

18.06.2012 | Permanenter Link |

Kategorie(n):

Artikel twittern Artikel auf Facebook posten

Kommentare

Kommentare werden in der Regel einmal täglich freigeschaltet. Wenn Sie Kommentare vermissen, schauen Sie einfach später noch mal vorbei. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen.

Lieber Herr Silber, den Shitstorm erzeugen Sie mit Ihrem Text selbst. Als hätte es die Diskussion um “Äpfel und Birnen” nicht gegeben handeln Sie in Ihrem Text die ewig selben Argumente von der Alternativlosigkeit des “geistigen Eigentums” ab. Noch einmal, Recht ist nicht dazu da das Anspruchsdenken von Urhebern zu unterstützen, Wirtschaft dreht sich um Konsum und Produktion ist Mittel zum Zweck. Ihr statisches Bild der Medienindustrie hat sich schon als obsolet erwiesen, noch bevor sie ihren Text hier abgespeichert haben.

Niemand bestreitet, dass aufwendige Filme teuer sind. Aber wo ist das Problem, wenn der Aufwand, den sie sich via Macht des Staates gern vergüten lassen, ohne einen Urheberrechtsschutz nach Ihrem Wunsch, nicht mehr für Filme, sondern für andere Dinge gemacht wird, die sich “Laukopierer” nicht einfach so im Internet beschaffen können. Alles was Andersdenkende als Alternativen ins Feld führen, passt Ihnen nicht in den Kram, doch das ist nicht das Problem anderer, die möglicherweise unter Qualität etwas anderes verstehen, als die Doku über aserbaidschanische Kunst. Medienkonsum ist nun einmal Geschmacksache.

In Ihrem Beitrag mogeln Sie sich außerdem um genau die Argumente herum, die bereits in der vorherigen Debatte ins Feld geführt wurden. Wie kommt es in Zeiten der “Kostenloskultur”, dass der Wert der internationalen Musikindustrie laut Techdirts Studie “The Sky is Rising” zwischen 2005 und 2010 um rund 27 Prozent gestiegen ist und die Gewinne der Musiker um 16 Prozent? Warum hat sich die Anzahl der in der gebeutelten Film- und Videobranche jährlich hergestellten Produktionen mehr als verdreifacht, haben sich die Ausgaben für Film- und Fernsehproduktionen in zehn Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht und die Einnahmen an den Kinokassen um 25 Prozent erhöht. Das passt irgendwie nicht mit der von Ihnen verbreiteten Endzeitstimmung zusammen. Offenbar rechnen sich Megaproduktionen trotz der im Internet kursierenden Raubkopien doch.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Sie sich in Ihrem Beitrag um die Argumente herummogeln, dass Urheber sehr wohl ihre Kopien ihrer Werke vermarkten können, wenn sie eine geschickte Preispolitik anwenden, technische Verfahren des Kopierschutz intelligent nutzen oder sich einfach nur Gedanken über eine Kopplung ihrer Werke mit anderen, wirklich knappen Gütern und Zusatznutzen machen. Es ist schlichtweg nicht nötig die Welt des Geistes zu monopolisieren, nur damit eine kleine Gruppe von Urhebern und die sich an ihre Fersen heftende Verwertungsindustrie ihre Leistungsansprüche zu Lasten vieler anderer Kreativer erzwingen lässt. Hier geht es nicht nur darum, dass alle Welt gratis Blockbuster sehen möchte, sondern um die Nutzungsrechte hunderttausender Konsumenten an ihren legal erworbenen Kopien. Es geht um Fesseln der Kreativität, die im Namen ihrer Vorstellung von Kreativität verteilt werden.

Man muss kein Anhänger der Piraten sein, um sich angesichts der ewigen Iteration der Statements zwischen voraussetzungslosen Rechtsansprüchen für Leistungen die sich erst als solcher ergeben müssen und Endzeitszenarien der Medienindustrie zu langweilen. Ebenso wenig muss man selbst der Kostenlosmentalität frönen, um dem Lamento der Protagonisten von “geistigem Eigentum” nichts abgewinnen zu können. Ein freier Markt freier Menschen beruht auf Freiwilligkeit und nicht auf Zwang, den die eine Marktseite der anderen aufzwingen möchte und das mangels eigener Überzeugungskraft den Staat verrichten lässt. Am Ende bleibt es eine Frage der Empirie, wessen Prämissen nun wirklich weltfremd sind. Den Beleg der Richtigkeit Ihrer Thesen sind Sie zumindest diesmal noch schuldig geblieben.

Steffen Hentrich
19.06.2012  00:21

Lieber Herr Hentrich,

„....Recht ist nicht dazu da das Anspruchsdenken von Urhebern zu unterstützen….“

Wo Sie hier „Anspruchsdenken“ verorten, ist mir ein Rätsel, wenn ich lediglich auf den naheliegenden Conex hinweise, dass wer billig oder umsonst will, dann auch die entsprechende Ware kriegt und dass, wer die Spitzenprodukte des Kreativ- und Kulturbetriebs haben will, dann auch dafür einen Preis zahlen muss. Einfach weil ohne diesen Preis die Produkte mittelfristig entweder gar nicht mehr oder nur zu entsprechend reduzierten Kosten herstellbar sind. Billig geht nur für billig und umsonst ist bekanntlich der Tod.

Sie scheinen aber wirklich zu denken, wir anspruchsdenkenden Urheber säßen den ganzen Tag im Bauchnabel popelnd da und warteten auf unsere Lizenzeinnahmen. Vielleicht würde es helfen, wenn Sie sich mal mit unserer Arbeit anders als auf dem Wege der Klischee-Multiplikation beschäftigten.

„Alles was Andersdenkende als Alternativen ins Feld führen, passt Ihnen nicht in den Kram, doch das ist nicht das Problem anderer, die möglicherweise unter Qualität etwas anderes verstehen, als die Doku über aserbaidschanische Kunst. Medienkonsum ist nun einmal Geschmacksache.“

Können Sie sich eventuell vorstellen, dass die Frage, das Medienkonsum in wesentlichen Teilen Geschmackssache ist, seit fast dreißig Jahren eine ist, mit der ich - und meine Kollegen - uns Tag für Tag naturnotwendig beschäftigen? Sozusagen die unterste, banalste Ebene der Erkenntnis für Leute, die in unserem Bereich arbeiten?

Und es geht nicht darum, dass mir Positionen Andersdenkender „nicht in den Kram passen“, weil ich da weniger affektgesteuert bin als Sie vermuten, sondern ich erlaube mir, mein (Anders-) Denken da publik zu machen, wo es meinen unmittelbaren Arbeits- und Lebensbereich betrifft.

„....laut Techdirts Studie “The Sky is Rising” ....“

Es wäre da natürlich angenehm, Ross und Reiter zu nennen: Die über Techdirts veröffentlichte Studie von Mike Masnick ist im wesentlichen von der CCIA finanziert, einer von Facebook, Google, Amazon, Microsoft und anderen Giganten der IT-Industrie unterhalten, klassischen, millionenschweren K-Street Lobby-Organisation, die gar keinen Hehl daraus macht, dass sie z.B. das kontinentaleuropäische Urheberrecht gerne plattieren möchte.

Das von Mike Massnick zusammengetragene Zahlenmaterial wird - mehr oder weniger gekonnt - einer „statistischen Massage“ unterzogen, bis es das Ergebnis zeigt, dass der Verfasser vorher schon erreichen wollte. Wenn man etwa die Verkaufserlöse von Musik-Instrumenten und iPods einfach dem vermuteteten Ergebnis der Musikindustrie zurechnet und nicht mehr der Geräteindustrie, sehen reale Abwärtsentwicklungen plötzlich wie das genaue Gegenteil aus.

Dann sollten wir aber in Zukunft auch die Umsätze beim Verkauf von Kühlschränken der Lebensmittel- und Agrarindustrie zuschlagen. ??Zahlen, die belastbarer sind, kommen z.B. vom U.S. Bureau Of Labour, das festgestellt hat, dass die Zahl der Musiker und Bands zwischen 2002 und 2011 um 45% Prozent gesunken ist. Statt darzustellen, dass die Umsätze der Musikindustrie um 50% gefllen sind, redet die Studie von Zuwächsen - bei den Transaktionen. Duuhhh…?! Wenn heute ene CD als Einzeltitel geladen wird, führt das natürlich zu einer Erhöhung um das 10 bis 15 fache bei den “Transaktionen”, bei gleichzeitigen rasenden Umsatzeinbußen.

Alles sowas kommt natürlich nicht vor. Diese „Studie“ ist ein lupenreiner Lobby-Report eines knallharten amerikanischen Industrieverbandes, der versucht, Washington in seinem Sinne aufzumischen und sie ist an vielen wichtigen Punkten leider einfach manipulativ falsch.

„Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Sie sich in Ihrem Beitrag um die Argumente herummogeln, dass Urheber sehr wohl ihre Kopien ihrer Werke vermarkten können, wenn sie eine geschickte Preispolitik anwenden, technische Verfahren des Kopierschutz intelligent nutzen oder sich einfach nur Gedanken über eine Kopplung ihrer Werke mit anderen, wirklich knappen Gütern und Zusatznutzen machen.“

Sie werden es nicht glauben: Aber hier stimme ich Ihnen durchaus zu.

??„Es ist schlichtweg nicht nötig die Welt des Geistes zu monopolisieren….“

Die Welt des Geistes ist in keiner Weise monopolisiert, ganz im Gegenteil können sich tausende Urheber und Millionen Nutzer in einem klar gefassten Rechtsrahmen darüber auseinandersetzen, ob und was es dem einen Wert ist, das der andere anzubieten hat. Dazu gehört aber auch, dass es von Seiten der Nutzer kein Aneignungsdiktat a la Kim Schmitz & Pirate-Bay geben darf, dass die Urheber rechtlos machen würde.

„...... voraussetzungslosen Rechtsansprüchen für Leistungen….“

Natürlich würde mich an dieser Stelle brennend interessieren, welche voraussetzungsvollen Rechtsansprüche Sie selbst auf Bezahlung in ihrem Beruf haben.

„Ein freier Markt freier Menschen beruht auf Freiwilligkeit und nicht auf Zwang, den die eine Marktseite der anderen aufzwingen möchte und das mangels eigener Überzeugungskraft den Staat verrichten lässt. „

Mir tut es ja auch Leid, dass der Staat Regulatorien eingeführt hat, die es mir erschweren mal eben beim nächstgelegenen Porschehändler einen Wagen für einen von mir definierten Preis zu kriegen oder im Restaurant für umsonst zu Essen oder zu einem von mir akzeptierten Presi U-Bahn zu fahren. Blöde Sache, echt. Ich brauche den Staat, so wie Porsche oder mein Lieblingsitaliener, ja nur dafür, dass er einen Rechtsrahmen beschützt, in dem Handel sinnvoll möglich ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Rolf Silber
20.06.2012  14:40

Sie müssen schon den Konsumenten überlassen, was das richtige Preis-Leistungs-Verhältnis ist. Insofern fällt es mir schwer Ihre Vorstellungen von Medienqualität als Maßstab einer Politik zu sehen, die die Finanzierbarkeit ihrer Arbeit garantiert.

Es ist eine sehr bekannte, nicht aber überzeugende Taktik Ergebnisse von Marktstudien dadurch zu diskreditieren, dass ihre Auftraggeber nicht ihre urheberrechtspolitische Position teilen. Entweder Sie können nachweisen, dass die Zahlen falsch sind oder nicht und dafür überzeugende Gründe nennen. Aber verschonen Sie Ihre Leser mit pauschalen Misstrauensvoten. Jeder der nicht ihre Position teilt ist Lobbyist. Sie sind aber auch Lobbyist und zwar für die andere Seite der Debatte. macht das Ihre Argumente etwa glaubwürdiger?

Falls es Ihnen entgangen sein sollte, aber ihr letztes Beispiel vergleicht wieder Äpfel und Birnen. Den Porsche wird mir zu Recht niemand zu meinem Wunschpreis geben, da es immer jemand gibt der bereit ist mehr als ich zu zahlen. Und da ein Porsche nicht mehrere Nutzer gleichzeitig haben kann, weil eben nur ein Fahrer an seinem Steuer sitzen kann, macht es auch Sinn diese Form von Eigentum zu schützen. Sie brauchen den Staat nicht, um die Kopien ihrer Werke zu verkaufen, sondern um andere daran zu hindern es Ihnen gleich zu tun. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Steffen Hentrich
20.06.2012  15:04

Lieber Herr Hentrich,

aber wir überlassen schon immer dem Konsumenten, was das richtige Preis-Leistungsverhältnis ist - wenn er Kinokarten zu teuer findet, geht er nicht mehr ins Kino, wenn er DVD’s zu teuer findet kauft er sie nicht, wenn der Download zu teuer ist, loaded er nicht down. Ich stehe ja nicht mit vorgehaltener Waffe an der Kasse und zwinge Menschen, meine Hervorbringungen zu erwerben und ich habe jeden Tag tausende Konkurrenten in meinem eigenen Arbeitsfeld, aber auch durch Musiker, Romanautoren, Maler, Fotografen, Bildhauer, Aktionskünstler ... you name it ... die alle, alle mit mir konkurrieren indem sie dem Nutzer Angebote machen….

Selbst in einem geschlossenen Bezahltsystem wie den ÖR’s muss ich meine Leistung wahlweise in Form von Quote oder extremer, positiver Aufmerksamkeit in einem Nischen-Segment erbringen, sonst bin ich - als Freiberufler - einfach raus. Peng.

Also: Überhaupt niemand garantiert mir die Finanzierbarkeit einer Arbeit anders, als in einem Kredit-System das meine Leistung vor-finanziert und in dem ich nachher entweder direkten Profit machen muss - also ausreichend Werbeblöcke in meine Filme geschaltet sind und/oder eine gute Quote mache oder wenigstens - in sehr, sehr seltenen Ausnahmefällen - hohe Legitimation auf Grund gesellschaftlicher und kultureller Wichtigkeit meines Produktes erwerbe.

Ich “diskreditiere” keine Marktstudie, sondern ein Lobbypapier einer Industrieorganisation die von milliardenschweren Riesenkonzernen geschaffen wurde. Da sind die selber - sehr Amerikanisch direkt - stolz drauf. Was man ja alles in Ordnung finden kann.

Nur arbeitet dieses Papier in seiner Methodik falsch oder wenigstens manipulativ und zum Teil geradezu grotesk an den Fakten vorbei. Und da müssen Sie mir dann zugestehen, dass ich das nicht so ganz goutieren kann, wenn da teilweise einfach Quatsch drinsteht. Und weil ich denke, dass der Verfasser dieses Papiers ein sehr intelligenter Mensch ist, vermute ich mal, um eben diese seine Intelligenz nicht zu beleidigen, dass er eine “Agenda” hatte. Sie haben ja auch kein Problem damit, mir andauernd eine ebensolche zu unterstellen.

Wir können jetzt wieder anfangen uns darüber zu unterhalten, warum Äpfel keine Fische sind, weil die nämlich weder fliegen noch bellen können (im Regelfall) - es ändert nichts an der Tatsache, dass das Urheberrecht kontinentaleuropäischer Prägung für einen sehr komplexen Fall, geistige Schöpfung, ein Rechtskonstrukt geschaffen hat, das eine Beziehung zwischen Urhebern untereinander (was in der Diskussion meistens untergeht) regelt und damit sinnvolle Tätigkeit erst ermöglicht. Und das in der Folge einen Eigentumsbegriff definiert hat, den ich mir ja nicht aus den Fingern gesogen habe, den ich aber für sinnvoll halte.

Bringt nur alles nix, weil wir dann wieder auf lustige Analogienjagd gehen, die einfachste Analogie aber, die einer Handelsbeziehung, außer Acht lassen und uns stattdessen um physikalische, ideelle, chemische oder biologische Qualitäten des Gutes “geistige Schöpfung” kabbeln. Das ist natürlich Nonsense. So oder so.

Und mich würde immer noch interessieren, was Ihre voraussetzungsvollen Rechtsansprüche auf Bezahlung sind und inwieweit die nicht genauso hinter fragbar ist, wie Sie die meine hinterfragen, wenn man nur eine entsprechend ideologisierte Position einnehmen….

Rolf Silber
20.06.2012  16:06

Noch einmal, Herr Silber, was die Studie betrifft, will ich Fakten von Ihnen hören, keine Behauptungen. Was genau stimmt nicht und sind Ihre Gegenargumente überprüfbar? Dieses vorgeschobene Lobbyargument ist abgedroschen und eine bequeme Strategie Debatten abzuwürgen. Und werfen Sie mir nicht permanent Ideologie vor, wenn Sie ihre Auffassung der Legitimität von IP selbst stets aus Behauptungen ziehen. Sie mögen mit Ihrer Auffassung hier ja die Mehrheit der Leser hinter sich versammeln können, dass macht die Position aber nicht überzeugender. Ein Gegenbeispiel reicht schon und die Geschichte von der Notwendigkeit geistigen Eigentums fällt in sich zusammen. Aber lassen Sie sich einfach von der Realität eines besseren belehren. Da Sie aus purem Eigeninteresse auf Ihrem Standpunkt beharren, kann man kaum erwarten, dass Sie auch nur ein haarbreit davon abrücken. Noch einmal zu den Rechtsansprüchen von Bezahlung. Es gibt nur einen einzigen Grund für den staatlichen Schutz von Eigentum, nämlich die Knappheit, also Nutzungskonkurrenz. Da diese bei geistigen Gütern nicht vorliegt, weil eben eine Kopie das ursprüngliche Werk nicht vernichtet, müssen sie auch nicht wie Eigentum geschützt werden. Natürlich muss der Staat das Speichermedium der Kopie schützen, weshalb man Ihnen auch keine Filmrolle oder kein Videoband stehlen darf. Wenn Sie aber die Kopie schon einmal verkauft haben, dann macht es keinen Sinn, dass sie auch ein Monopol auf alle anderen Kopien bekommen, selbst wenn sie nicht Eigentümer des Speichermediums sind. Was glauben Sie gibt Ihnen das Recht, über das materielle Eigentum anderer verfügen zu dürfen. Der Verbraucher kauft sich doch keinen Computer etc. damit Leute wie Sie darüber bestimmten, was er damit zu tun und zu lassen hat.

Steffen Hentrich
01.07.2012  22:04

Die Kommentarfunktion wird 30 Tage nach Veröffentlichung eines Artikels geschlossen. Senden Sie Ihre Kommentare danach bitte per E-Mail unter Nennung des Artikelnamens an kommentare@novo-argumente.com. Wir schalten ihn sobald wie möglich frei. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen.