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Energiewende: Schlechte Bilanz für Windräder und Photovoltaik in Deutschland

Von Heinz Horeis

Zahlen sind etwas Schönes. Rechnet man ein wenig damit herum, so findet man oftmals überraschende Ergebnisse. So auch in den Daten, die das Unternehmen EurObserv’ER jährlich im Auftrag der Europäischen Union zur Lage der erneuerbaren Energien in den 27 Ländern der EU bereitstellt. Vor ein paar Wochen ist nun der elfte Bericht, die Edition 2011 [1] erschienen. Das 130-seitige Werk enthält die Daten für die Jahre 2009 und 2010 und liegt nur in französischer und englischer Sprache vor.

Auf den ersten Blick imponieren die Zahlen. Laut EurObserv’ER gab es in den 27 EU-Ländern im Jahr 2010 Anlagen mit einer installierten Leistung von rund 110 Gigawatt (GW), die Strom aus Wind und Sonne erzeugten. Der Aussagewert dieser Zahl ist allerdings klein; zwischen tatsächlicher und installierter Leistung (auch Nennleistung) können Welten liegen. Die Nennleistung kann man der Typenplakette eines Windrads oder eines Solarpanels entnehmen. Sie ist die maximale Leistung, die eine Anlage erreichen kann. Für Solarzellen zum Beispiel wird dieser Wert, auch als „Watt Peak“ bezeichnet, bei einer Bestrahlungsstärke von 1000 Watt/m² (und einer Anlagentemperatur von 25°C) ermittelt. Selbst im amerikanischen Wüstenstaat Arizona erreicht die Sonnenstrahlung diesen Spitzenwert nur an wenigen Wochen im Jahr zur Mittagszeit. In Deutschland können Dachbesitzer davon nur träumen.

Befürworter der erneuerbaren Energien rechnen die Nennleistung von Solarzellen und Windrädern gerne eins zu eins gegen die von Kern- oder Kohlekraftwerken auf. So kommen sie schnell zu der Behauptung, dass 110 Gigawatt aus Sonne und Wind rund hundert Kernkraftwerke ersetzen könnten. Was aber zählt, ist natürlich das, was die Anlage tatsächlich leistet. Wie viele Kilowattstunden (kWh) an Strom produziert sie im Jahr? Setzt man diesen Ertrag ins Verhältnis zu der Zahl an kWh, welche die Anlage bei stetiger maximaler Leistung pro Jahr produzieren könnte, erhält man einen Wert für die Auslastung der Anlage. Die besten Kernkraftwerke weltweit (zu denen stets auch deutsche Anlagen zählen) erreichen eine Auslastung von über 90 Prozent. Im Schnitt liegt dieser Wert für deutsche KKWs bei etwa 75 Prozent.

Aus EurObserv’ERs Daten lässt sich die jährliche Auslastung der europäischen Sonnen- und Windanlagen einfach berechnen. Sie liegt bei 20 Prozent für Windräder und 10 Prozent für Photovoltaik-Anlagen. Aus dieser geringen Auslastung folgt: Man benötigt rund 1200 Windräder von je drei Megawatt, um die gleiche Menge an Strom zu produzieren wie ein 1000-MW-KKW. Die dreißig Gigawatt an Photovoltaik in Deutschland schnurren bei dieser Berechnung auf bloße vier Gigawatt an KKW-Kapazität zusammen.

Wie steht es nun um die deutschen Windräder? Deren Auslastung liegt bei nur 16 Prozent und ist damit ein Fünftel kleiner als der europäische Schnitt. Noch größer wird der Unterschied, wenn man deutsche Windräder mit englischen und spanischen Anlagen vergleicht. Aus den Daten der Edition 2011 ergibt sich für beide Länder eine durchschnittliche Auslastung von 23 bis 24 Prozent der dortigen Anlagen! Das sind 50 Prozent mehr als der deutsche Windmüller erntet.

Diese Vergleiche spiegeln die geringe Windergiebigkeit deutscher Standorte wider – vor allem im Binnenland. Ausgleichen will die Windindustrie diesen Mangel durch den Bau von bis zu 200 Meter hoher Anlagen. Im Visier haben die Betreiber außerdem die exponierten Kammlagen der Mittelgebirge. Gebaut wird im Wald und in Landschaftsschutzgebieten. „Auch Naturparks sind kein Tabu“, hat die grüne rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke wiederholt erklärt.

„Eine ‚Verspargelung’ der reizvollen Mittelgebirgs-Landschaften ist übrigens nicht zu befürchten“, heißt es dazu in einer neuen Broschüre des Bundesverbandes Windenergie. Worauf sich diese Behauptung gründet, ist nicht auszumachen. Den „reizvollen“ vorderen Hunsrück haben etwa hundert Windräder, die in weniger als einem Jahr aus dem Boden geschossen sind, bereits grundlegend verhäßlicht. 400 sollen es im Laufe der nächsten Jahre werden.

Auch die PV-Anlagen in Deutschland stehen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nicht gut da. Das wundert nicht, denn das Land zwischen Ostsee und Alpen gilt nicht als sonnenverwöhntes Gebiet. So liegt der Auslastungsfaktor für Solaranlagen auf deutschen Dächern bei 8 Prozent; Anlagen in Spanien sind übers Jahr immerhin zu 20 Prozent ausgelastet. Dieser Vergleich belegt den Irrsinn der deutschen Solarförderung, die Hunderte von Milliarden Euro für diese besonders ineffiziente Art der Stromerzeugung „verbrennt“. Man kann Jürgen Großmann, dem Vorstandsvorsitzenden der RWE, nur zustimmen, der im Januar sagte: „Der Ausbau der Solarenergie in Deutschland ist so sinnvoll wie Ananas züchten in Alaska.“

Spanien hat, trotz besserer natürlicher Bedingungen, die Solarförderung schon seit längerem zurückgefahren. Großbritannien, mit mehr Wind als Deutschland gesegnet, will sich nicht nur auf Windräder verlassen, sondern hält weiterhin an der Kernenergie fest. Warum setzt ausgerechnet das Land, in dem diese ohnehin dünnen Naturenergien besonders unergiebig sind, alles auf Sonne und Wind?

Heinz Horeis ist freier Wissenschaftsjournalist. Mit dem Thema Energie befasst er sich seit der ersten großen Energiedebatte in den 1980er Jahren.

Anmerkungen

1The State of Renewable Energies in Europe, 11th EurObserv’ER Report, 2011. http://www.eurobserv-er.org/pdf/barobilan11.pdf

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Mehr zum Thema im Novo-Dossier „Energiewende“

25.04.2012 | Permanenter Link |

Kategorie(n): Arabischer Frühling

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Kommentare

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Herr Horeis,
es sind nicht nur die Zahlen, die gegen visionäre Utopien sprechen, es ist auch die abgeklärte Vernunft, die fehlte, als in völlig unterlegene Stromerzeugungstechniken eine gigantische Investitionsblase floss. Als Unsummen mit unrealistischen Renditen beworben wurden, die früher oder später als grandioser Flop abgeschrieben werden müssen..
Die deutschen Solarzellen-Hersteller sind mittlerweile, trotz üppiger Subventionen Pleite, die Garantien auf die Paneele mangels Masse schon futsch und die staatliche Zwangssubvention durch die EEG-Willkür, ist als asoziales Element von Strompreisspekulanten an Peinlichkeit eines modischen Dachschadens gelangt.
Die Aktionäre der Solarzellen-Hersteller wurden für ihr Spekulantentum nicht belohnt, immerhin traf es nicht die vorsichtigen Klugen.

Siemens meldet heute eine „Gewinn-Warnung“, weil die „Windgeschäfte“ Verluste für den Konzern bescheren.
Auch das ist sicherlich erst der Anfang einer Krise in einer Branche, die eine sehr riskante Unternehmensstrategie, mit einer politischen Allianz antrat.

Sich als Konzern in politisch gestützte Investitionsprojekte einzukaufen, deren Realisierung visionäres Format hat und in einem echten Wettbewerb klar unterlegen bleibt – ist meines Erachtens eine äußerst leichtsinnige Strategie, deren Ausgang unschwer vorhersehbar ist.

Einerseits, weil der Markt für Windkraftanlagen nicht beliebig wachsen kann, ohne an die realen Grenzen zu stoßen, die nun sichtbar werden.
Andererseits, weil eine wetterabhängige Technologie unstete Ergebnisse erzeugt, die gleichzeitig das bestehende Stromerzeugungs- und Leitungsnetz nicht nur braucht,  sondern gleichzeitig eine zusätzliche neue, parallele Investition darstellt, die sich ja amortisieren müsste, in dem sie die Gesamtkosten einer Stromerzeugung senken müsste.
Genau das ist aber nicht der möglich, denn regenerative Stromerzeugung ist immer teurer als konventionelle Kraftwerke die kontinuierlich optimal produzieren können und nun „konkurrieren zwei Systeme“ auf einem überfrachteten Strommarkt, der noch nicht einmal einen Preiswettbewerb zu lassen kann, um diesen Markt zu bereinigen.
Dabei sind die Regenerativen so nützlich wie ein Kropf, entstanden durch einen Aktionismus mit zu wenig Intelligenz im Kopf.
Siemens hat sich auf den „Amtsschimmel“ verlassen und darum „auf das falsche Pferd verkehrt herum gesattelt“.

Die riesige Investitionsblase in die Regenerativen verliert sich zusehends in Reklame-Luft, weil ein Windgeschäft ein windiges Unterfangen bleibt, wie jeder Segler weiß und nachts ist es auch weiter regelmäßig dunkel.

Hans Meier
25.04.2012  13:17

Mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, dass selbst Wachstumsaposteln Grenzen von Wachstum ausmachen können, besonders dann, wenn um EE geht die “realen Grenzen” unterliegen. Alle anderen Energieträger natürlich nicht.
So kann man sich auch eine einigermaßen absurde Welt zusammenzimmern, in welcher EE i m m e r teurer sind, als konventionelle.
Das muss jeden Betreiber von Wasserkraftwerken hoch erfreuen.

e.moser
25.04.2012  17:43

Die Grenzen des Wachstums der EE enstehen dadurch, dass die Einspeisung mittels Umrichter in ein stabiles Netz erfolgen muss. Die EE leisten keinerlei Beitrag zur Leistungsregelung und Systemstabilität. Die Abhängigkeit der Netzfrequenz von der Belastung wird durch Synchrongeneratoren geschaffen. Daher ist jede Aussage falsch, die EE würden einen Teil der Energie"versorgung” übernehemen. Für das Netz sind die EE zusätzliche Störungen, die Frage ist derzeit nur, wieviel das Netz verkraften kann. Der massive Ausbau von Leitungen kann die Aufnahmefähigkeit erhöhen, das prinzipielle Problem aber nicht lösen. Dazu kommt, dass das Aufkommen der EE eben nicht dem Bedarf entspricht, speziell die PV liegt komplett daneben. Im Sommer bei niedrigem Bedarf grosse Leistung, im Winter bei hohem Bedarf niedrige Leistung, zur Höchstlast an kalten Winterabenden keinerlei Leistung. Die gesamte PV Installation ist eine reine Parallelinstallation. Die Kosten pro kwh PV-Strom sinken, das ist richtig, die Aufwendungen für die Aufnahme ins Netz steigen rapide an. Die Gesamtkosten der EE sind viel zu hoch. Solange keine technische Möglichkeit existiert, mittels EE das Stromsystem zu betreiben, macht die Installation keinen Sinn. Wer aber sollte da forschen oder investieren, wenn diese Zufallseinspeiser von allen Verpflichtungen für das Gesamtsystem befreit sind? Das EEG verhindert jede sinnvolle Entwicklung, den Machern unterstelle ich, dass es ihnen darum auch nie ging, sondern nur ums Geld…

Jürgen Schwenk
26.04.2012  10:37

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