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Stigma Tattoo: Pseudowissenschaftliche Vorurteilskonstruktion

Von Tobias Prüwer

„Wer sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder degenerierter Adliger“ – das unbekümmerte Diktum des Architekturtheoretikers Adolf Loos ist beispielgebend für den Umgang mit Piercing und Tattoo. Es ist so falsch wie oft zitiert. Loos plappert ein Ressentiment nach, das auch Generationen nach ihm fortwirkt. Selbst wenn hinsichtlich kleinerer Piercings und Tattoos Akzeptanzschübe in der Gesellschaft stattgefunden haben, normal sind solche Körperveränderungen bei weitem nicht. Aus unerklärlichen Gründen besitzen insbesondere Medienvertreter eine enorme Aufklärungsresistenz, was die schmückenden Hautstiche betrifft. Jüngstes Beispiel dafür ist ein uninformierter Text auf Focus Online, der einen Zusammenhang zwischen Köperschmuck und Alkoholismus herstellt.  Mal wieder werden Tätowierte und Gepiercte – der Einfachheit halber und weil es eben ein Stigma ist, sollen sie im Folgenden „Markierte“ genannt werden – zum Menetekel der Moderne und läuten den Untergang des Abendlandes ein.


Im pseudowissenschaftlichen Fokus
Im Focus heißt es: „[N]icht nur gesundheitlich ist der Körperschmuck aufgrund des hohen Infektionsrisikos bedenklich, auch das Verhalten einiger Jugendlicher mit Tattoos und Piercings ist besorgniserregend. Eine neue Studie aus Frankreich untersuchte den Zusammenhang zwischen Tätowierungen, Piercings und Alkoholkonsum und stellte fest, dass gepiercte und tätowierte Jugendliche vergleichsweise mehr Alkohol konsumieren, [sic!] als Gleichaltrige, die auf den dauerhaften Körperschmuck verzichten.“ Vom Herbeifantasieren einer tatsächlichen Gefahr – das Infektionsrisiko ist minimal, wenn man sich in professionelle Hände begibt – einmal abgesehen, hätte der Autor oder die Autorin spätestens bei der Erläuterung der Untersuchungsmethode stutzen müssen: An vier Samstag-Nächten wurden vor beliebten Bars insgesamt 1710 Männer und 1260 Frauen gefragt, ob sie Markierte sind. Dann wurde ihre Atemalkoholkonzentration gemessen. Der Studienleiter wird wie folgt zitiert: „Das ist das erste Mal, dass wir [...] einen Zusammenhang zwischen Tattoos, Piercings und Alkoholkonsum feststellen konnten.“

Konstruieren ist wohl das bessere Wort, denn warum haben sie nicht nach Brillenträgern gefragt oder den Fahrern von Autos mit einem Hubraum größer als 2000 Kubikzentimetern? Man hätte das Trinkverhalten nach Geburtsdaten sortieren können, daraus hätten sich bestimmt auch erstaunliche Zusammenhänge ergeben. Dass ein Atemgerät nicht die sicherste Methode zum Messen des Alkoholpegels ist und man Trinkgewohnheiten nicht in einer Nacht feststellen kann, sei hier nur erwähnt. Der unsinnige Ansatz der Studie geht viel tiefer und ist wissenschaftstheoretischer Natur, denn sie setzt eine Unterscheidung voraus, die sie empirisch erst finden will (klassischer Scheinbeweis: Petitio principii).

Ein geradezu schreiend lächerliches Beispiel für solchen Unfug gab eine Studie über die vorgeblich herausragenden sexuellen Aktivitäten von Tätowierten. Auch sie zog medial große Kreise. So wollen die oft bemühten US-Wissenschaftler im Jahr 2000 herausgefunden haben, dass Menschen mit Tattoo mehr Sex haben als andere, eben weil sie bunte Haut tragen. Cum hoc ergo propter hoc?: Der logische Fehlschluss, aus gemeinsam auftretenden Ereignissen Kausalität abzuleiten, verhinderte nicht das Aufsehen, dass die Studie erregte. Dabei sollte sich die über eine Koinzidenz hinaus nicht existente Beziehung von Störchen und Menschenbabys auch in der Wissenschaftsgemeinde herumgesprochen haben. Vielleicht sind Menschen, die sich Farbe in die Haut stechen lassen, einfach offener gegenüber anderen Aktivitäten, in denen der Körper eingesetzt wird? Eventuell haben Menschen mit mehr Sex eher Lust auf bunte Hautbilder? Gegebenfalls neigen Tätowierte zu Übertreibungen, wenn es um das alte Rein-Raus-Spiel geht? Man erfährt es aus der Studie nicht, die allen Ernstes in einer Fachzeitschrift publiziert wurde.

Dass sich der Verfasser des Focus-Artikels nicht auskennt, merkt man bereits im ersten Absatz, wenn am Steißbein eingebrachter Schmuck „Piercing“ genannt wird – gemeint sind Implantate, Microdermals genannt. Warum wird nicht erwähnt, dass man sich in Deutschland erst ab 18 Jahren tätowieren und nur mit Einwilligung der Eltern piercen lassen darf? So entsteht ein verzerrtes Bild, wenn zu lesen ist: „Bereits jeder vierte Mann im Alter von 14 bis 24 Jahren trägt ein Tattoo oder ein Piercing, von den jungen Frauen dieser Altersgruppe ist es sogar jede zweite.“ Nun werden sich gewiss ein paar junge Menschen selbst tätowieren und piercen und ein paar Scratcher mögen illegal ohne Alternachweis tätowieren. Aber das sind Ausnahmen, die verallgemeinert werden, um so richtig Panik zu schieben. Und kommt im Original-Abstract, auf das sich der Focus bezieht, immerhin auch eine kritische Stimme zu Wort, die vor Stereotypisierung warnt,  bleibt diese in der Focus-Zusammenfassung außen vor. Das hätte ja die „Nachricht“ abgeschwächt und die scheint in der aktuellen Fassung schon entschärft: Die Link-Adresse enthält folgende Botschaft „alkoholmissbrauch-und-riskantes-verhalten-bei-jugendlichen-tattoos-und-piercings-als-zeichen-fuer-selbstzerstoerung“. Dass es um Skandalisierung statt Aufklärung geht, erkennt man auch am Umfeld des Artikels: „Das könnte Sie auch interessieren“: „Rechtsradikale haben am meisten Sex“, „Chantal und Mandy – kein Sex mit diesen Namen“, „Der verpönte One-Night-Stand“. Die angebliche gesundheitliche Aufklärung war nicht das Ansinnen der Veröffentlichung.


Pathologisierung mit Tradition
Dabei gehört es seit Ewigkeiten zum guten Ton, sich in der Stigmatisierung der Markierten zu üben. Nicht wenige Wissenschaftler gleichen Wanderern im Nebelmeer, die aus so großer Distanz auf ihr Sujet spähen, dass sie die eigenen Vor-Urteile nicht bemerken. Solche wirken weiter und desinformieren andere. Selbst wenn man heute von Randgruppen nicht mehr sprechen kann, so umweht den Körperschmuck ein schlechter Ruf und er tritt in der dominanten wissenschaftlichen Wahrnehmung und medialen Darstellung weiterhin als Ausdruck von Denaturierung, Verzerrung, Störung, Deformation auf.

Als hoffnungslose Fälle etwa wurden die Tätowierten betrachtet, als sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft für sie zu interessieren begann. Analog zum ebenfalls frisch mit Neugier bedachtem Wahnsinn, erachteten die Gelehrten den Hautstich als normabweichend und deviant. Federführend auf dem Feld der Diskriminierung war der Psychiater Cesare Lombroso, dessen einflussreiches Werk L’Uomo delinquente in vielen Sprachen Leser fand. Darin entfaltet er das Theorem vom geborenen Verbrecher, einem rückständigen Menschen von niedriger Intelligenz und mit gestörter Persönlichkeit. An der Tätowierung könne man solche kriminellen Kreaturen erkennen: „Das Tätowieren ist eine der auffälligsten Erscheinungen beim Menschen im rohen, im Urzustande, bei dem sogen. Wilden, vor Allem in bezug auf die Bereitwilligkeit, mit der er dieser schmerzhaften Operation sich unterwirft. Bezeichnend ist schon, daß der Name dafür einer ozeanischen Sprache entlehnt ist.“

Das Tattoo wurde zum Thema der Forensik. An gesellschaftsfernen Orten fanden die wissenschaftstheoretisch absurden Untersuchungen statt, die zu zum Erkenntnisinteresse passenden Ergebnissen führten: in Gefängnissen und Psychiatrien. Dem Methoden-Murks zum Trotz stießen die denunzierenden Schriften von Lombroso und seinen Kollegen auf große Zustimmung unter ihren Zeitgenossen – und darüber hinaus. Noch 2004 definiert ein Autor die soziale Außenseiterposition des markierten Subjekts: „Tätowierungen sind [...] Merkmal und Dokument eines Desintegrationsprozesses, weil mit ihnen ein Entwicklungsprozess, der sein Ziel verfehlt hat, seinen Abschluss findet.“  Einblick in den biopolitischen Hintergrund bei der Suche nach dem Konnex von Devianz und BodyMod gibt „Tätowierung und Kriminalität“ (2009): „Die meisten Tätowierten treten wegen Rauschgift-, Diebstahls und Körperverletzungsdelikten in Erscheinung; allgemein lassen sich Tätowierungen deliktisch aber kaum genauer zuordnen.“  Hervorragend, dass das überprüft wurde. Diese oft pathologisch orientierte Auseinandersetzung folgt der Grundannahme, dass mit den Tätowierten etwas nicht stimmen kann. Ein Vor-Urteil, das selbst nur aus der axiomatischen Überzeugung heraus plausibel erscheint, dass ein „normaler“ Mensch so etwas nicht tut, das mehr über das Verständnis des Körpers der „Normalen“ aussagt denn über die Markierten. Aufgrund der Intensität der Forschungen darf vermutet werden, dass mehr als die „ästhetische Abwehr“ hinter der Diskriminierung steckt.

Auch wenn sich die Gesellschaft gemeinhin tolerant gibt und Focus & Co. Tätowierung und Piercing manchmal als hip bezeichnen, wenn sie ein Star trägt, oder wenn es etwas Kleines ist: Stigmatisierung und negative Bewertung finden de facto noch immer statt. Das zeigen nicht nur Versuche mit Bewerbungsphotos, bei denen in vielen Berufsbereichen Bewerber und Bewerberinnen mit Augenbrauenpiercing durchweg schlechtere Bewertungen ihrer Persönlichkeiten erhielten.  Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 erfahren Tätowierte in Deutschland keine vollständige soziale Akzeptanz, werden teilweise gezielt ausgeschlossen, und das, obwohl das Tattoo in allen Milieus, Schichten etc. zu finden ist.  Es ist also trotz der Pluralisierung und auch Individualisierung der Gesellschaft lange nicht so, dass Normierungsprozesse nicht mehr stattfinden. Die im Focus zitierte Studie und der auf eine reißerische Pointe getriebene Artikel reihen sich folglich in ein anhaltendes Ressentiment ein.

Tobias Prüwer ist Philosoph und Kulturjournalist. Er leitet das Theaterressort beim Leipzigmagazin Kreuzer und schreibt als freier Autor für verschiedene Zeitschriften und Magazine. Er ist Autor des Buches Humboldt reloaded: Kritische Bildungstheorie heute (Tectum Verlag, 130 S., EUR 24,90). Zuletzt erschien von ihm in Novo seine medienkritische Betrachtung „Irgendwas mit Medien: Vermischte Bemerkungen zur Krise des Journalismus“. Der Autor ist mit einem Beitrag über das Motiv der Mitte im unten erwähntem Sammelband vertreten.

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Buchtipp

Tobias Prüwer: Fürs Leben gezeichnet - Body Modification und KörperdiskurseTobias Prüwer: Fürs Leben gezeichnet - Body Modification und Körperdiskurse, Parados, 2012, 125 S., EUR 10,50.


Anmerkungen

1„Studie sieht Tattoos und Piercings als Warnsignal“, Focus.de, 19.4.12, http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/news/alkoholmissbrauch-und-riskantes-verhalten-bei-jugendlichen-tattoos-und-piercings-als-zeichen-fuer-selbstzerstoerung_aid_739392.html
. 2Mark Benecke: Warum Tätowierte mehr Sex haben: und andere neue Erkenntnisse vom Spaß-Nobelpreis, Bastei Lübbe, Köln 2010, S. 15ff.
3Nicolas Guéguen und Myrna Armstrong: „Tattoos, piercings, and drinking“, Eurek Alert, 16.4.12, http://www.eurekalert.org/pub_releases/2012-04/ace-tpa040812.php
. 4zit. n. Stephan Oettermann: Zeichen auf der Haut – Die Geschichte der Tätowierung in Europa, Syndikat, Hamburg 1994, S. 63.
5Wolf-Peter Kächelen: Tatau und Tattoo. Eine Epigrafik der Identitätskonstruktion, Shaker, Aachen 2004, S. 361f.
6Gerhard Schmelz: Tätowierung und Kriminalität, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt/Main 2010, S. 19.
7Erich Kasten: Body-Modification. Psychologische und medizinische Aspekte von Piercing, Tattoo, Selbstverletzung und anderen Körperveränderungen, Reinhard, München & Basel 2006, S. 188.
8Daniel Meier: Inked: 0,3 mm unter der Haut der Gesellschaft. Empirische Analyse gesellschaftlicher Diskriminierungs- und Exklusionsprozesse in der Moderne – untersucht am Phänomen der Tätowierung, Rabenstück, Berlin 2010, S. 67.

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23.04.2012 | Permanenter Link |

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Kommentare

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Ralf
23.04.2012  09:32

Hallo Herr Prüwer,

den Nutzen der in (1) zitierten Studie kann man sicher anzweifeln. Studien, die nur Korrelationen ohne kausale Zusammenhänge aufzeigen können, sind fast nur in der medizinischen Forschung spannend (Wenn 90% meiner Probanden sterben, ziehe ich das Medikament gerne auch dann zurück, wenn ich erst einmal nicht weiß, warum es tödlich wirkt).

Nicht erkennen kann ich aber, dass die Studie einen Zirkelschluß begeht. Können Sie hier bitte kurz erklären, welches Ergebnis die Studie bereits vorraussetzt, und warum sie dieser Meinung sind? Danke!

Und warum die Studie einen Zusammenhang konstruieren soll, verstehe ich auch nicht. Wenn man (warum auch immer) untersuchen will, ob Alkoholkonsum in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich hoch ist, muss man das Alter der Studienteilnehmer ermitteln. Wenn man (warum auch immer) eine Korrelation zwischen Körperveränderungen und Alkoholkonsum vermutet, muss man herausfinden, welche der Studienteilnehmer tätowiert und/oder gepierct sind. Auch hier wäre ich dankbar für eine kurze Erklärung, was die Studie aus Ihrer Sicht konstruiert und warum das Vorgehen nicht zulässig ist.

Mentalreservation
23.04.2012  11:05

Ich glaube, einen Teil der Fragen kann ich Mentalreservation beantworten:

Nehmen wir mal an, Sie befinden sich Nachts in einem Club. Was tun Sie da? In der Regel trinken und tanzen. Dass man dann danach fragt, ob der Betreffende/die Betreffende gepierct oder tätowiert ist und anhand des gemessenen Alkoholspiegels (Messgeräte sind tendenziell eher ungenau) ableitet, dass gepiercte/tätowierte Leute mehr Alkohol trinken, ist einfach ein Fehlschluss.

So wäre es möglich, dass

1. Die Messungenauigkeiten eine genaue Aussage gar nicht zu lassen. 1,1; 1,2; 1,3 Promille, dass macht eigentlich nicht einen sooo gravierenden Unterschied mißt man mit einem ungenauen Gerät.

2. In Clubs und Bars findet man tendenziell eher Leute, die einem bestimmten Milieu zuzuordnen sind. Dass die gepiercten/tätowierten Menschen dort trinken, liegt doch in der Natur der Sache und würde bei nicht gepiercten/tätowierten Menschen genauos auffallen. Man könnte höchstens definitv aus der Studie filtern, dass Menschen in Bars trinken.

3. Wenn Menschen in Clubs oder Bars sind und dort einen trinken, heißt das nicht, dass sie das auch zu Hause oder gar regelmäßig tun.

4. Ist eine Frau, die einfache Ohrlöcher hat, gepierct? Ja, wenn man Fragebögen und Co. von Ärzten und Piercern betrachtet, gilt auch das beim Juwelier oder Arzt geschossene Ohrloch der sechsjährigen Marie als Piercing.

Ich bin gepierct - neuerdings - oben im rechten Ohr. Ich bin ein fleißiger Student mit guten bis sehr guten Noten, wenn ich abends mal das Studentenleben genieße, dann trinke ich auch mal eine Cocktail. Zuhause in Ausnahmefällen mal einen Kakao mit Rum oder Amarula. Ansonsten nur Malzbier und Wasser.
Wenn man mich im Club fragen würde und ich müsste/sollte in das Röhrchen pusten, dann würde ich zum Teil der Studie werden und mich dafür hergeben, dass so ein Ergebnis rauskommt.

Es fehlen auch zu viele andere Hinweise auf eine wirkliche Korrelation: Piercing/Tattoo—Alkohol.
Wenn gepiercte Leute mehr trinken, heißt dass nicht, dass das Piercing darauf hinweist. Es könnte genauso gut sein, dass die Menschen, die sich normalerweise piercen lassen, auch ohne Piercing/Tattoo mehr trinken würden.
Man müsste also erstmal schauen, wer heute eigentlich zu den gepiercten Leuten gehört und müsste dann schauen, aus welchen Milieus sie stammen, wer eher und wer weniger eher gepierct ist usw.

Nania
23.04.2012  13:40

Hallo Mentalreservation,

in aller Kürze: Da wird erst mit Verweis auf andere Studien erklärt, markierte Menschen seien ohnehin riskanter im Verhalten mit und zu ihren Körpern. Die Studien werden nicht genannt, aber ich habe schon einige davon gesehen, auch sie überzeugen mich nicht, weil sie immer von der Eineindeutigkeit von Piercing und Tattoo ausgehen: Der/die hat ein Tattoo also muss er/sie so disponiert sein. Bei medizinischen Studien mögen Korrelationen ok sein, auch weil man es nicht belastbarer hinbekommt. In diesem Fall aber ohne Not solche Schlüsse zu ziehen, halte ich für unzulässig. Hier wird ja nicht einmal die Einschränkung aufs Alter mitbedacht, sondern eine Umfrage zwischen vorzugsweise jungen Menschen auf alle ausgedehnt. Nun gibt es aber auch ältere Menschen mit Tattoo und Piercing - ist es zulässig, das Urteil auf diese zu übertragen? Den Punkt, dass man Alkoholismus nicht an einer durchzechten Nacht erkennt, hatte ich ja im Text schon angerissen.

VG, tp

Tobias Prüwer
23.04.2012  15:07

Und jetzt bitte alle im Chor: “Correlation does not imply causation, correlation does not imply causation”. Vielen Dank für diesen Artikel, Herr Prüwer!

Statistik 101
23.04.2012  15:38

Hallo Mentalreservation,

ich weiß natürlich nicht, wie es Herr Prüwer meint, aber ich empfinde das ganze schon als konstruiert, wenn ich mir das Setting anschaue.
Wenn man Leute untersucht, die aus einer Bar kommen, dann kann man relativ sicher von Alkoholkonsum ausgehen. Hier wurde also als Grundlage für die Studie eine Gruppe ausgesucht, bei der man das Ergebnis schon fast erwarten konnte.
Repräsentativ ist so eine Studie sicher nicht.

Was das Sujet angeht - ich für meinen Teil finde Tätowierungen eher unattraktiv. Piercings, solange sie eher dezent sind, gehen noch, aber auch da sollte es nicht zu groß sein oder zu viel - dann gefällt es mir nicht mehr. Das ist allerdings nur mein Geschmack bezüglich der äußeren Erscheinung. Ich kann da einfach nicht nachvollziehen, wieso sich manche absichtlich weniger attraktiv machen wollen (wie gesagt, meine Meinung, andere Leute finden Tattoos ja durchaus anziehend).
Aber ich kann durchaus feststellen, dass ich bei gerade stark tätowierten Leuten durchaus Ressentiments habe, obwohl mir klar ist, dass das unfair ist. Ich bin da also auch gut konditioniert.

Auch durch Bezeichnungen wie “Schlampenstempel” oder “Arschgeweih” tragen sicher nicht dazu bei, dass derartige Tattoos positiv betrachtet werden, auch wenn man(n) hier nicht “Verbrecherin” denkt sondern “leicht zu haben”.

Bassa
23.04.2012  16:46

In der Medizin mag es - auch weil es vielleicht eilt - zulässig sein, auf Korrelationen zu bauen. Aber ohne Not aus Korrelationen Kausalzusammenhänge abzuleiten, halte ich für unredlich. Erstens baut die Studie auf anderen, im Abstract nicht genannten Studien auf, die angeblich bestätigen, dass Markierte “leichtfertiger” mit ihrem oder hinsichtlich ihres Körpers umgehen. Ich habe ein paar solcher Studien gelesen, die oft mit pejorativem Vokabular operieren und Ergebnisse präsentieren, die mich nicht überzeugen. Die Unmöglichkeit, von einer durchzechten Nacht auf Alkoholismus zu schließen, hatte ich im Text ja angerissen. Und dann wird hier eben von jugendlichen auf alle geschlossen, was ich auch methodisch unsauber finde. Zumal ja man ja eigentlich untersucht hat, wie viele jungen Menschen mit Hang zu Alkohol - wenn wir das bei den Barbesuchern mal unterstellen - tätowiert und gepierct sind und nicht vice versa.

VG, tp

Tobias Prüwer
23.04.2012  16:57

Adolf Loos als Architekturtheoretiker zu bezeichnen (der er zugegeben u.a. auch war), zeigt wie unbekümmert, manchmal oberflächlich und mit welch geringer Information Leute ans Schreiben gehen.
Loos gehört zu einem der bedeutensten österreichischen Architekten seiner Zeit weltweit, dessen Einflüsse bis heute wirken.

Nun zum eigentlichen Thema.

Tätowieren und piercen wurde, wie viele ursprünglichen alten rituellen Handlungen, zur Mode und damit zwangsläufig der Kommerzialisierung unterworfen.
Der eigentliche Sinn ist nebensächlich geworden.
Bestenfalls könnte man noch einen gewissen Zusammenhang darin sehen, dass sich Stammesmitglieder ein äußeres Signum der Zusammengehörigkeit aneignen.
Ich stelle mir nur öfters die Frage, wenn besonders junge Menschen stark tätowiert sind, wie sie damit in 30, 40 oder 50 Jahren leben.

e.moser
24.04.2012  20:28

Erst einmal vielen Dank für die vielen und ausführlichen Antworten. Ich bitte um Verständnis, wenn ich häppchenweise antworte. Einige Punkte finde ich spannend, in anderen halte ich die Kritik an der Studie weiterhin für überzogen. Ich habe den Eindruck, dass manche Leser Aussagen in die Studie hineininterpretieren und dann kritisieren, die sie so nicht macht. Der Abstract ist hier zu finden: http://www.eurekalert.org/pub_releases/2012-04/ace-tpa040812.php

@Nania:
zu 1)
Messungenauigkeiten wurden auch im Artikel schon angesprochen. Bei einer hinreichend großen Zahl von Teilnehmern wirkt aber das Gesetz der großen Zahlen http://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_der_großen_Zahlen . Die Messungenauigkeit gilt ja für Markierte wie für Unmarkierte gleichermaßen, und sollte sich bei mehreren tausend Studienteilnehmern herausmitteln.

zu 2)
Die Studie hat die Besucher eines bestimmten Clubs an einem bestimmten Abend in markierte und unmarkierte Teilnehmer eingeteilt. Daher spielt es für das Ergebnis keine Rolle, falls Markierten öfter Clubs besuchen als Unmarkierte. Das spannende Ergebnis der Studie ist ja gerade, dass Besucher des Clubs nicht nur trinken, sondern Menschen mit Körperschmuck in exakt derselben Situation mehr trinken, warum auch immer. Ob diese Ergebnisse auf andere Milieus, Altersgruppen, Situationen etc. übertragbar sind, ist eine völlig andere Frage.

zu 3)
Das ist richtig und wiederum die Frage nach der Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf andere Situationen.

zu 4)
Die Studie unterstellt keineswegs, dass alle markierten Menschen schwerstabhängige Alkoholiker sind. Sie sagt nur, dass Menschen, die einen Club besuchen, _im_Durchschnitt_ einen leicht, aber statistisch signifikant höheren Alkoholpegel haben, wenn sie Tättowierungen oder Piercings haben. Es gibt auch abstinent lebende Menschen mit Piercings und Alkoholiker ohne Tattoos. Es gehört zum Wesen von statistischen Studien, sich nicht für Einzelschicksale zu interessieren, das macht sie aber keineswegs invalide. Nur bei der Interpretation der Ergebnisse muss man halt vorsichtig sein, was die meisten Zeitschriften nicht sind, weil sie werbefinanziert sind und deshalb auf die Klickzahlen schauen.

Mentalreservation
24.04.2012  20:45

Werte(r) e.moser,

der Satz, das hatte ich als bekannt vorausgesetzt, stammt aus “Ornament und Verbrechen” und hierin ist er nicht als praktischer Architekt tätig. Und welches Argument für oder gegen den Beitrag möchten Sie nun äußern? Der “eigentliche Sinn” sei verloren gegangen? Wissen wir nicht seit Nietzsche - “Genalogie der Moral” -, dass menschlichen Praktiken kein intrinsischer Sinn innewohnt? Vielleicht gibt es einen neuen Sinn oder gar viele? Vielleicht gibt es nicht einen Grund, sich der Körperveränderung zu unterziehen sondern viele, die möglich sein könnten? Mal ist es Mode, mal Anti-Fashion, Zusammengehörigkeitsgefühl und Gruppenzeichen, mal aus Körpergefühl oder einfach, weil es sich gut anfühlt. Und auf ihre Frage:  “Ich stelle mir nur öfters die Frage, wenn besonders junge Menschen stark tätowiert sind, wie sie damit in 30, 40 oder 50 Jahren leben.” gitb es eine einfache Antwort: Warten Sie’s halt ab - oder fragen ältere Menschen, die intensiv tätowiert sind. Die gibt es nämlich.

Tobias Prüwer
24.04.2012  21:32

Hallo Herr Prüwer,

auch Ihnen erst einmal vielen Dank für die Antworten. Einige Ihrer Kritikpunkte an der Studie halte ich aber nach dem Lesen Ihrer Antworten für falsch. Andere haben durchaus ihre Berechtigung, aber nicht ganz die vernichtenden Folgen, die Sie unterstellen.

A) “In der Medizin mag es - auch weil es vielleicht eilt - zulässig sein, auf Korrelationen zu bauen. Aber ohne Not aus Korrelationen Kausalzusammenhänge abzuleiten, halte ich für unredlich.”

Das ist es. Aber es ist auch unredlich, der Studie Behauptungen zu unterstellen, die sie so nicht macht. Im Abstract der Studie wird nirgends ein kausaler Zusammenhang behauptet. Das wäre auch absurd. Wie soll eine Tätowierung Trinken verursachen? Hat sie “Einer geht noch, einer geht noch rein” gesungen?

Es wird lediglich auf die positive Korrelation verwiesen und deshalb vorgeschlagen, Piercings und Tattoos als Marker für Risikoverhalten zu verwenden. Dafür ist es vollkommen irrelevant, ob Piercings Alkoholkonsum verursachen, ob Alkoholkonsum Piercings verursacht, beide nomisch miteinander korreliert sind (Etwa weil beide die gleiche Urscache haben) oder sich einen Teil ihres jeweiligen kausalen Bedingungskomplexes teilen und deshalb häufig gemeinsam auftreten. Es besteht ein Zusammenhang unbekannter Art, der mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit nicht zufällig ist. Mehr wird nirgends behauptet. Und sobald dieser Zusammenhang besteht, sind Piercings als Marker für Alkoholkonsum geeignet, egal ob die beiden Ereignisse kausal zusammenhängen oder nicht.

B) “Die Studien werden nicht genannt, aber ich habe schon einige davon gesehen, auch sie überzeugen mich nicht, weil sie immer von der Eineindeutigkeit von Piercing und Tattoo ausgehen: Der/die hat ein Tattoo also muss er/sie so disponiert sein.”

Zumindest diese Studie teilt die Studienteilnehmer zwar vorab in Menschen mit und ohne Körperschmuck ein. Aber das heißt keineswegs, dass sie damit voraussetzt, dass sich die beiden Gruppen beim Alkoholkonsum unterscheiden. Bei einer medizinischen Studie teilt man die verabreichten Präparate vorab in die mit Wirkstoff und die ohne ein, und prüft die Wirksamkeit für beide Gruppen getrennt. Damit unterstellt man keineswegs, dass der Wirkstoff besser sein muss als das Placebo. Manchmal wirkt er gleich gut (bzw. schlecht), in seltenen Fällen sogar schlechter. Das ist eine ganz normale, ergebnisoffene, wissenschaftlich sinnvolle und notwendige Vorgehensweise und keineswegs eine Vorverurteilung.

C) Meine Kernfrage bezog sich auf diese Aussage im Artikel: “Der unsinnige Ansatz der Studie geht viel tiefer und ist wissenschaftstheoretischer Natur, denn sie setzt eine Unterscheidung voraus, die sie empirisch erst finden will (klassischer Scheinbeweis: Petitio principii).” Ich formuliere mein Problem mit dieser Aussage nochmal etwas ausführlicher, denn dieser schwerwiegende Vorwurf scheint mir im Gegensatz zu manchen anderen Punkten vollständig unbegründet zu sein.

Die Studie setzt die Möglichkeit zur Unterscheidung von zwei Personengruppen voraus (das ist trivial: Es gibt Menschen mit und Menschen ohne Piercings. Duh!). Empirisch finden will sie etwas anderes: Dass diese beiden Gruppen sich, bezogen auf ein bestimmtes Kriterium (Alkoholkonsum), unterschiedlich verhalten. Das Ergebnis wird also keineswegs in den Prämissen vorausgesetzt. Wenn sie eine andere Prämisse meinen, bitte ich um Aufklärung.

Im Detail: Es gibt eine Hypothese “Alkoholkonsum ist positiv mit Piercings korreliert”. Die hat man operationalisiert, in dem man Clubbesucher nach Piercings befragt und ihren Alkoholpegel gemessen hat. Hier kann Kritik an der Studie ansetzen, und das ist im Artikel und in den Kommentaren ja auch passiert. Das Ergebnis hätte bei diesem Studienaufbau aber auch sein können, dass der Alkoholpegel bei beiden Gruppen gleich hoch ist. Oder bei den Unmarkierten höher. Es wird also nicht in den Prämissen vorausgesetzt. Der Vorwurf des Scheinbeweises halte ich deshalb für falsch.

Mentalreservation
24.04.2012  21:41

Kann es sein, dass es eine wissenschaftliche Debatte ist, die es nicht mehr in die Mitte der Gesellschaft geschafft hat?

Hinter Tätowierung und BodyMod steht immernoch ein ästhetisches Empfinden. Dies kann man oft in Frage stellen, denn Ästhetik bedeutet auch, über kulturelles Kapital zu verfügen. Leider hat das nicht jeder und nicht jede Tätowierung ist geschmackvoll oder innovativ. Über Geschmack lässt sich… Jedenfalls sind optische Besonderheiten am Körper Bestandteile von Subkulturen. Die Tätowierung ist aber nicht länger Monopol der Subkultur. Tätowierungen sind mainstream, die Motive ausgelutscht und wie jede Mode kann die Tätowierung früher oder später wieder in der Versenkung verschwinden. Den ursprünglichen Reiz mit der Devianz anzuecken hat die Tätowierung jedenfalls nicht mehr.

Bodenkontakt
25.04.2012  15:02

Hallo Mentalreservation,

Ich bitte um Verzeihung für meinen Doppelpost mit ähnlichem Inhalt. Ich hatte übersehen, dass der Kommentar noch freigeschaltet werden musste. Das erklärt nun auch die verzögerte Diskussion. Ok, ich verstehe Ihren Einwand. Meine Kritik setzt genau an dem Punkt an, den Sie trivial genannt haben. Natürlich könnte man in Markierte und Unmarkierte unterscheiden – nur ist mit dieser Unterscheidung, wenn man dann mit dieser operiert, schon mehr getan: Man leitet nämlich davon Unterschiede im Verhalten, Denken, Handeln, Fühlen ab, auch weil man wahrscheinlich die Body Modification missversteht als einen gemeinsamen Ausdruck von irgendeinem Charaktermerkmal, den alle Markierten teilen. (Hier: Riskantes Verhalten, Neigung zu Selbstzerstörung oder Inkaufnahme solcher etc.) Und dieses wird zuvor postuliert und dann mit einem geeigneten – für den „Beweis“ – Setting vollzogen. Natürlich hätte ein anderes Ergebnis zustande kommen können – dann hätte die Öffentlichkeit wohl nichts erfahren, denn veröffentlicht hätte man es ja nicht. Tattoos und Piercings gibt es mittlerweile in allen Milieus/Schichten/Klassen oder wie man verschiedene gesellschaftliche Gruppen auch nennen mag. Man müsste also, um lauter heranzugehen, hier ansetzen und nicht vor Bars Befragungen machen.

Tobias Prüwer
25.04.2012  20:00

Hallo nochmal Herr Prüwer,

der Einwand zum publication bias ist berechtigt. Eine Studie mit dem Ergebnis „keine Unterschiede“ hat es deutlich schwerer, veröffentlicht zu werden; das Ergebnis “Menschen ohne Körperschmuck trinken mehr als Menschen mit Körperschmuck” würde allerdings vermutlich auch den Weg in eine Publikation finden.

Dem Einwand, dass man Menschen mit Körperschmuck a priori das Verhalten unterstellt, das man am Ende findet, mag ich nicht folgen. Einer Hypothese liegen natürlich immer Annahmen zugrunde. Hier sind das vielleicht Überlegungen, dass in groß- und bildungsbürgerlichen Milieus die soziale Akzeptanz sowohl von Körperschmuck als auch von Alkoholkonsum im Durchschnitt etwas geringer sein könnte als in kleinbürgerlichen oder Arbeitermilieus. Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet würde so ein indirekter Zusammenhang, falls er denn bestehen sollte, zu einer Korrelation von Körperschmuck und Alkoholkonsum führen. Aber wenn die Methode, die man zur Überprüfung der Hypothese verwendet, zur Überprüfung der Hypothese auch geeignet ist, spielt das keine Rolle. Es gibt viele Beispiele für Studien, bei denen das Ergebnis die ursprünglichen Annahmen der Autoren klar widerlegt hat, etwa die Experimente von Benjamin Libet oder viele, viele hoffnungsfroh gestartete medizinische Studien. (kleine Anmerkung am Rande: Ob die Annahmen richtig oder falsch sind spielt für das Ergebnis der Studie keine Rolle und kann von dieser Art von Studie auch nicht überprüft werden. Vielleicht liegt das Ergebnis auch daran, dass Angehörige fundamentalistischer Religionsgemeinschaften sowohl Körperschmuck als auch Alkoholkonsum eher ablehnen als Angehörige liberaler Religionsgemeinschaften oder säkularer Organisationen. Oder es sind doch singende Tätowierungen. Alles, was man am Ende hat, ist die Korrelation) Wollte man das Erstellen von Hypothesen aufgrund von (expliziten oder impliziten) Annahmen verbieten, gäbe es gar keine Forschung mehr. Wie sollte man ohne Annahmen zu Hypothesen kommen?

Ich habe allerdings auch zweieinhalb Probleme mit der Studie. Zum einen frage ich mich, warum man diese Hypothese für forschungswürdig erachtet. Ob Menschen mit Körperschmuck im Durchschnitt mehr oder weniger Alkohol trinken als die ohne interessiert mich in etwa so wie die Frage, ob Schnauzbartträger teurere Uhren tragen als Vollbartträger, oder ob ein Sack Reis leichter umfällt als ein Sack Kartoffeln. Das bringt keinerlei Erkenntnisgewinn. Zum anderen glaube ich nicht, dass man den gefundenen schwachen Marker dazu verwenden kann, um bei einzelnen Personen auf ein Gefährdungspotenzial zu schließen, wie das die Autoren der Studie vorschlagen. Dazu dürfte die Fehlerquote viel zu groß sein, weil die Korrelation ja nur schwach ist. Und dann führt das Ergebnis tatsächlich zu Diskriminierung, die sowohl den Menschen mit Körperschmuck schadet, die keine Hilfe brauchen, als auch den Menschen ohne Körperschmuck, die Hilfe bräuchten, aber nicht bekommen. Zu schlechter Letzt ist auch die Methode zur Überprüfung der Hypothese nicht ideal; das sehe ich aber als weniger kritisch, gerade wenn andere Studien mit abweichenden Operationalisierungen der Hypothese zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Mentalreservation
25.04.2012  23:46

Trotz aller Argumente, frage ich mich, was bewegt Menschen sich so intensiv mit sich, als durch Hautdekoration mit Tattoos oder Piercings Verzierte zu beschäftigen?

Klar, es gibt auch durch die Betonung der Frisur oder eines Bartes oder Push-Ups persönliche Erscheinungsmöglichkeiten - aber was treibt diese selbstverliebte Bauchnabelschau an, in der das materielle, persönliche Erscheinungsbild eine solche Gewichtung erfährt und sich nicht, z.B. eine geistige Ebene eröffnet, in der Kunst und Muse auf einer anderen Ebene schwingt, in der die eigene persönliche Identität sich umschaut oder ruht.
Ist es ein latent narzisstisches Bedürfnis sich selbst näher zu kommen, sich aufzuwerten, um sich besser ertragen zu können oder liegt das Motiv darin, sich anders darzustellen? Bewunderung zu erlangen.

So, wie alternde Alpha-Männchen sich die Haare färben, um jugendliche Vitalität vorzugeben, Zwei-Zöpfchen Männer ihre künstlerische Aura beanspruchen und Fundamentalisten ihre Bärte als männliches Status-Privileg präsentieren.

Ich denke, die Erscheinungsform jedes selbstbestimmten Menschen, ist ja nicht nur zufällig, sie gibt ja der „dahinter wohnenden Person eine Gestalt“, die sie präsentiert und sich damit nonverbal zu erkennen gibt.
Unabhängig davon, ob das nun explizit bewusst geschieht oder verträumt, wie so manche graubärtige Blondine, ihre geistige Verfassung ersichtlich werden lässt.
Oder die Kopftuch Muslima, sich outet und ein Statement abgibt gegenüber der Kurzhaar Frisur, z.B. einer kantigen Künast, oder denen die den Parker, die Jeans und die Turnschuhe gegen das Bisiness-Outfit gewechselten, elegant erscheinen wollenden 68ern, aus den linken Kadertruppen von Studienabbrechern.

Mir scheint, das die sichtbare „Gestalt“ doch mehr über Personen verdeutlicht, als den meisten selbst bewusst ist, ob sie sich nun mit Tattoos etwas zulegen oder Piercings anhängen. Es fragt sich nur, ob dass, was man sieht auch zutreffend erkennt, als die Erscheinungsform eines Menschen, die fast alles über sein Wesen erkennen lässt.
Im Übrigen, steigen viele aus Prestige-Fahrzeugen oder schauen Respekt erheischend aus diesen heraus und lassen lässig die Rolex am Handgelenk aufblinken, die ihnen ein anders „Zeitgefühl“ vermitteln soll, nur was geht in deren Köpfen ab, die in den anderen Augen ihren Spiegel suchen.
Für wen soll das konstruktiv sein?

Hans Meier
27.04.2012  23:42

Ich finde es gut, wie sich im Laufe der Diskussion doch herauskristallisiert hat, dass die Korellation zwischen der Tätowierung und Alkoholkonsum eine Tatsache ist und sich letztlich auch mit dem gesunden Menschenverstand und der täglichen Erfahrung deckt.
Wir müssen dahin kommen, dass Tätowierungen nicht als “Normal” angesehen werden, weil wir sind nicht unseren Kindern guten Gewissens zur Nachahmung empfehlen können. Es ist auch eine Frage der Erziehung von Kindern zu zivilisierten Menschen.
Eine Stigmatisierung soll in einer Gesellschaft auch immer eine normative und pädagogische Wirkung entfalten.
Es geht nicht darum, Menschen abzuwerten, sondern ihnen Hilfestellung und Förderung zu geben, sie zu gutem und richtigen Verhalten zu animieren. Das schließt natürlich ein, dass man sie von falschem und sich selbst schädigenden Verhalten abhält, soweit das mögich ist.
Da kommt man nicht um eine Wertung von menschlichem Verhalten herum. Ich finde diese wissenschaftliche Untersuchung gut und finde auch die Art und Weise der Behandlung und Darstellung im Focus sehr zielführend.
Das ist meine persönliche Meinung und ich werde alles dafür tun, in Diskussionen und im Gespräch, dass mehr und mehr Menschen davon überzeugt werden so zu denken.

Burkhard
21.06.2012  12:36

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