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Breivik: Die monströse Fratze des Multikulturalismus

Von Brendan O’Neill

Die dunkle Ironie hinter den von Anders Behring Breiviks im Gerichtssaal vorgetragenen Tiraden gegen den Multikulturalismus [1] ist, dass seine eigene Weltauffassung ebenfalls mit dieser spalterischen Ideologie durchsetzt ist. Breivik spielt sich als Ein-Mann-Armee gegen die Übel des Multikulturalismus und die „Kulturmarxisten“ auf, die uns das Ganze angeblich eingebrockt haben. Dabei enthüllt sowohl sein Aufruf, „seine Kultur“ [2] zu respektieren als auch die paranoide Überzeugung, „seine Kultur“ sei von gefühllosen Funktionären und dem ungehobelten Pöbel bedroht, dass er selbst dieser multikulturellen Perspektive anhängt. Die Selbstwahrnehmung als Angehöriger einer bedrohten Kultur, sein widerliches Selbstmitleid, seine Paranoia darüber, dass seine Traditionen von anderen mit Füßen getreten werden: All diese hanebüchenen Ideen entspringen letztlich der Ideologie des Multikulturalismus.

Breivik unterscheidet sich nicht so sehr von seinen Lieblingsfeinden, den „Kulturmarxisten“. Wie sie bedient er sich akademischer Phrasen wie „dekonstruieren“ und „kulturelle Identität“, um seine Sicht der Ereignisse in Europa zu beschreiben. In einem kurz vor seinem Amoklauf im vergangenen Jahr auf YouTube veröffentlichten Video spricht er von der „Dekonstruktion der europäischen Kulturen“. [3] Er beharrt auf der Aufrechterhaltung der „weißen christlichen Identität“ und prangert vor Gericht die Respektlosigkeit an, die „seiner Kultur“ entgegengebracht wird. Diese Besessenheit mit der eigenen kulturellen Identität und der Wunsch, einen Schutzschild um sie herum zu errichten, so dass sie bloß nicht von externen Kräften bedroht wird, ist reiner, unverfälschter Multikulturalismus. Es ist das gleiche Denken, das auch die moderne multikulturelle Maschinerie und deren Protagonisten motiviert, Respekt gegenüber verschiedenen „Identitäten“ durchzusetzen.

Breivik ist eindeutig durch Identitätspolitik und nicht durch altmodische religiöse Überzeugungen motiviert. Ein Bericht zeigt, [4] dass er sich zwar als „christlichen Krieger“ stilisiert, aber gleichzeitig Ansichten vertritt, die nicht so recht ins Bild eines Hardcore-Christen passen wollen. So befürwortet er Abtreibungen, schließt sich Homosexuellenkampagnen an und beichtet, mit Prostituierten geschlafen zu haben. Es scheint ziemlich deutlich, wie ein Kommentator es ausdrückt, dass Breivik „einer kulturellen und nicht einer streng religiösen Form des Christentums“ anhängt. [5] Er wird von einer „Identitätsideologie“ und nicht durch irgend einen „christlichen Fundamentalismus“ angetrieben. Grundlegend für seine Besessenheit ist die Idee einer immanenten „Identität“ mit festen kulturellen Merkmalen, wie man sie auch von Mainstream-Multikulturalisten kennt. Auch hier findet sich eine „Identitätsideologie“, nämlich die Überzeugung, jeden Menschen in vorgefertigte und nie veränderbare kulturelle Schubladen quetschten zu können – Weiß, Moslem, Schwarz – und das jede dieser Schubladen vor Spott und Respektlosigkeit geschützt werden müsse.

Eine andere Sache, die Breivik mit den Multikulturalisten teilt, ist ein mächtiges Gefühl kultureller Paranoia: Er glaubt, „seine Kultur“ befinde sich in einem Belagerungszustand. Normalerweise kämen nur Multikulturalisten auf die Idee, dass Minderheitskulturen, wie z.B. die islamische, durch Wellen von Islamophobie und allgemeiner Ignoranz bedroht seien. Für Breivijik hingegen ist es die Mehrheitskultur – die weiße christliche Identität – die diesmal durch die „islamische Kolonisierung Europas“ und auch wieder durch die Ignoranz der breiten Öffentlichkeit bedroht sei [6] (die Durchschnittsbürger werden seiner Meinung nach durch die Medien in die Irre geführt). Dies sind zwei verschiedene Versionen der gleichen kulturellen Panik, die durch die multikulturelle Perspektive befördert werden. Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie viel Breivik mit den von ihm so verachteten Islamisten gemein hat. Wo Islamisten, auch unter dem Einfluss des Multikulturalismus, behaupten, ihre kulturelle Identität sei durch „Neue Kreuzzüge“ des Westens gegen den Islam bedroht, sieht auch Breivik seine kulturelle Identität durch Kreuzzüge aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung bedroht – durch die von Osten kommende „Islamisierung“. So werden beide Gruppen gleichermaßen völlig paranoid gemacht, indem sie ermutigt werden, ein obsessives Verhältnis zu ihren angeblich fragilen Identitäten zu entwickeln.

Breivik ist nicht der unerbittliche Feind des Multikulturalismus, als den er sich selbst gerne darstellt, er ist vielmehr dessen Produkt. Er ist ein monströses Geschöpf des Multikulturalismus. Sein eigentliches Ziel ist es, die gleiche Anerkennung zu erhalten wie all die anderen Identitäten, denen das moderne Europa Anerkennung zollt. Im Grunde ging es bei seiner barbarischen Tat im vergangenen Jahr nicht darum, den Multikulturalismus zu zerstören, sondern diese Ideologie noch weiter zu verbreiten. Er wollte einfach sicherstellen, dass seine eigenen engstirnigen kulturellen Empfindungen genauso respektiert werden, wie die aller anderen auch.

Aus dem Englischen übersetzt von David Bethmann.

Brendan O’Neill ist Chefredakteur des Novo-Partnermagazins Spiked. Er lebt in London.
Dieser Artikel erschien zuerst in den Telegraph Blog.

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Anmerkungen

1dnaindia.com/world/report_they-were-not-innocent-i-acted-in-defence-of-my-culture-norway-killer_1677404
2telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/norway/9209977/I-would-have-done-it-again-Anders-Breivik-claims-his-massacre-was-motivated-by-goodness-not-evil.html
3ynetnews.com/articles/0,7340,L-4099511,00.html
4telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/norway/9064300/Norway-killer-Anders-Bering-Breivik-demands-medal-for-combatting-Islamic-colonisation.html
5cesnur.org/2011/mi-oslo-en.html
6telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/norway/9064300/Norway-killer-Anders-Bering-Breivik-demands-medal-for-combatting-Islamic-colonisation.html

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Mehr zum Thema im Novo-Dossier „Islam & Multi-Kulti“

20.04.2012 | Permanenter Link |

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Kommentare

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Ich denke, der Interpretation kann man widersprechen.
Das eine Gruppe sich wünscht, ihre kulturelle Identität durchzusetzen ist normal - das erkennt sogar Breivik an (daher auch keine Morde an Muslimen). Man ist immer der Anwalt für die “eigene Sache”.
Allerdings ist im “freien Wettbewerb” der Kulturen hinderlich, wenn die Politik, die die Anwälte für die Sache der Wähler seien müssten, sich zum Anwalt der anderen Seite machen.
“Kulturmarxisten”, wie sie Breivik nennt, würden in dieser Idee z.B. in den Medien einen freien Wettbewerb verhindern, indem sie im Gewandt der Objektivität Informationen vorenthalten oder bearbeiten.
Deswegen ist er ja bei seinen Morden auch nicht in eine Moschee gegangen, sondern plante zunächst Journalisten umzubringen und schwenkte dann auf die Jugendlichen der Arbeiterpartei um - da er vor allem die Eltern treffen wollte, die - in seinen Augen - politisch diesen Kurs verfolgen. In seiner Logik würde er also nicht - wie Multikulturalisten - isolatorisch seinen Kulturentwurf oktruieren, sondern ein “Unrecht” im Wettbewerb beseitigen.

Anette Schuett
20.04.2012  08:09

Die Aussage ist Unsinn

“Allerdings ist im “freien Wettbewerb” der Kulturen hinderlich, wenn die Politik, die die Anwälte für die Sache der Wähler seien müssten, sich zum Anwalt der anderen Seite machen.”

Die kulturellen Praktiken werden durch Patronage (Subventionen) reproduziert und nicht auf dem freien Markt refinanziert. Das ist bei Universitäten, Schulen und Museen so. Es kann gar nicht von Wettbewerbsnachteil geredet werden. Kulturelle Artefakte wie Shakespeares Werke oder Popsongs sind Marktprodukte, weil sie für den Markt produziert wurden. Ausser Kapitalbarrieren gibt es da keine Wettbewerbsbeschränkungen.

Die Politik macht sich nicht zum Anwalt von Kulturen. Das ist nur ein syntaktisch richtiger Satz. Kulturen kann man weder anklagen noch verteidigen, sondern immer nur Menschen. Kulturen sind Wissen und damit an Informationsträger wie Papier & andere Speichermedien wie Festplatten und Gedächtnisse gebunden. Inzwischen ist alles so gut archiviert und aufbewahrt, dass man von einer Konkurrenz kaum sprechen kann.

Brandt
09.07.2012  08:13

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