. . Klare Sicht nach vorn  |  RSS  |  Newsletter

Glaube: Wie aus dem Atheismus eine Pseudo-Religion wurde

Von Frank Furedi

Es gab einmal eine Zeit, als es sehr gefährlich war, nicht an Gott zu glauben. Im antiken Athen wurde gegen Sokrates gehetzt, weil er die Götter des Stadtstaates in Frage stellte, und letztendlich bezahlte er mit seinem Leben dafür. Gottlos zu sein, wurde in der Geschichte meist als eine Art moralische Dekadenz angesehen, die es zu bestrafen galt. Sogar John Locke, der große liberale Philosoph, der auch für Religionsfreiheit warb, hielt den Atheismus für unerträglich. Er sagte, Atheisten sollten nicht geduldet werden, weil „Versprechen, Verträge und Schwüre, welche die menschliche Gesellschaft zusammenhalten, für Atheisten nicht bindend sind.“

Heutzutage jedoch wird der Atheismus – paradoxerweise, denn er genießt eigentlich ein noch nie da gewesenes Ansehen – völlig zweckentfremdet. Seit etwa zehn Jahren finden sich Bücher, die den Atheismus feiern und den Glauben an Gott denunzieren, häufig auf den Bestsellerlisten. Die westliche Gesellschaft war intellektuell und kulturell höchst empfänglich für die Argumente der sogenannten Neuen Atheisten, unter ihnen Sam Harris, Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Daniel Dennett, die ausführlich die moralischen Schwachstellen organisierter Religion kritisierten. Von der Popkultur wird diese Sichtweise weitgehend wiederverwendet. Dan Browns Megabestseller Sakrileg übernimmt das in unserer Kultur dominierende Märchen von organisierter Religion als Quelle institutionalisierter Korruption und Verlogenheit.

Während der Atheismus einst als gefährliche und subversive Überzeugung galt, betrachtet man ihn heute als aufgeklärt und moralisch überlegen. Dabei wird allerdings oft übersehen, dass die zunehmende kulturelle Verwurzelung des Atheismus einhergeht mit einem enormen Wandel in dem, was darunter verstanden wird.

Der Atheismus war historisch gesehen nie eine eigenständige Philosophie oder ein Weltbild, sondern schlicht und einfach der Unglaube oder Nicht-Glaube an Gott oder Götter. Dieses Zurückweisen einer Gottesvorstellung fußte entweder auf dem Zweifel an der Idee der Existenz eines höheren Wesens, auf dem Widerwillen, einem Dogma zu folgen, oder der Verpflichtung zu Rationalität und Naturwissenschaft. Was auch immer das Motiv gewesen sein mag, der Atheismus beruhte immer auf einer Einstellung zu einem bestimmten Thema, nicht auf einer umfassenden Weltanschauung. Die meisten Atheisten machten irgendeine andere Selbstdefinition für sich geltend, sie nannten sich Demokraten, Liberale, Sozialisten, Anarchisten, Faschisten, Kommunisten, Freidenker oder Rationalisten. Der Unglaube an Gott war für die meisten Atheisten nur ein relativ unbedeutender Teil ihrer Identität.

Heute dagegen nehmen sich Atheisten enorm ernst mit ihrer Ablehnung der Religion, und zwar mit einer Leidenschaft, die oft an mittelalterliche Kreuzfahrer erinnert. Die so genannten Neuen Atheisten behaupten, der Einfluss der Religion müsse bekämpft werden, wo immer er seine hässliche Fratze zeigt. Sie verlangen zwar, dass man der Religion mit Argumenten der Vernunft Paroli bieten muss, sind aber in ihren eigenen Behauptungen oft genug beinahe irrational und hysterisch. Natürlich hat es immer schon eine ehrenwerte atheistische Tradition der religionsfeindlichen Respektlosigkeit gegenüber Dogmen gegeben. Aber der gegenwärtige Neue Atheismus bedient sich nicht selten selbst einer indoktrinierenden Sprache. In grob vereinfachender Weise setzt er Religion gleich mit Fanatismus und Fundamentalismus. Dabei fällt auf, dass dies sehr oft in genau demselben dogmatisch-polemischen Stil vor sich geht, den man selbst der Religion vorwirft. Das Schwarz-Weiß-Denken theologischer Dogmen reproduziert sich in der übereifrigen Polemik des atheistischen Moralapostels.

Natürlich vermeidet die Sprache des atheistischen Moralkreuzfahrers das theologische Vokabular der Religiösen. Stattdessen präferiert man einen Duktus, der eher wissenschaftlich klingt und die Religion pathologisiert. In diese Bresche schlagend hat Richard Dawkins in seinem Buch Gotteswahn die Religion als eine Form von Kindesmisshandlung beschrieben. Er behauptet, wenn man Kindern von der Hölle erzähle, mache sie das ein Leben lang kaputt. Er schreibt, dass „Religionen die Seelen von Kindern missbrauchen“ und folgert: „Wir sollten uns dafür einsetzen, die Kinder von der Welt der Religionen zu befreien, die mit Einverständnis der Eltern die jungen Gehirne schädigt, die nicht verstehen, was mit ihnen geschieht.“

Die Behauptung, dass Religion Kinder fürs Leben zeichne, ist symptomatisch für die Neigung der Neuen Atheisten, ihre Ansichten in eine psychotherapeutische Sprache zu kleiden und aus einer Opferrolle heraus zu formulieren. Immer wieder benutzen sie die Sprache der Medizin, um Religion zu beschreiben. Termini wie „vergiftender Glaube“ und „religiöser Virus“ sind Kennzeichen der Pathologisierung einer gelebten Hinwendung zur Religion. Es wurde sogar in den Raum gestellt, dass Menschen, die einen zu starken Glauben hätten, an einer Krankheit namens „Religionssucht“ leiden. Pater Leo Booth warnt in seinem Buch Wenn Gott zur Droge wird davor, abhängig zu werden von „der Gewissheit, der Sicherheit oder dem Gefühl von Geborgenheit, die unser Glaube bietet.“ John Bradshaw, einer der führenden Exponenten der amerikanischen Co-Abhängigkeitsbewegung, hat ein Selbsthilfevideo mit dem Titel „Religionssucht“ herausgegeben. Im Klappentext dazu steht: „Diese Aufnahmen beschreiben, wie Co-Abhängigkeit zu Religionssucht führen kann und wie Religion Abhängigkeit fördert.“

Der Neue Atheismus ist sehr wählerisch bei seinen Angriffszielen. Obwohl er von sich behauptet, Irrationalität und wissenschaftlich unhaltbare Vorurteile in Frage zu stellen, tendiert er dazu, seinen Zorn auf die Dogmen der drei großen Weltreligionen zu beschränken. Er kritisiert also zu Recht die Lehren des Kreationismus und intelligent design, wendet sich aber selten gegen die Verwirrspielchen fanatischer Umweltschützer oder gegen die Gaia-Theorie, auch nicht gegen die zahlreichen Spielarten fernöstlichen Mystizismus, die etwa in Hollywood gerade so angesagt sind. Da der Neue Atheismus sich kulturell so untrennbar verknüpft hat mit unserer heutigen psychotherapeutischen Vorstellungswelt, verwundert es nicht, dass er auch auf das Spirituelle eine Doppelmoral anwendet.

Geschichtlich betrachtet existierte der Atheismus manchmal Seite an Seite mit einem gewissen Opportunismus in puncto Spiritualität und religiöser Überzeugung. Der französische Philosoph Voltaire hasste religiösen Fanatismus, war aber überzeugt, dass die Religion nützlich sei, um die Massen im Zaum zu halten. Ähnlich dachten im 19. Jahrhundert die französischen Soziologen Henri de Saint-Simon und August Comte, dass gesellschaftliche Stabilität die Erfindung einer neuen Religion voraussetze. Diese Bestrebungen, eine säkulare Religion zu konstruieren, waren ein Versuch, menschliche Erfahrungen mit Bedeutung aufzuladen.

Es war wohl unvermeidlich, dass über kurz oder lang der Kreuzzug der Neuen Atheisten zur Quasi-Religion mutieren würde. Alain de Bottons kürzlich erschienenes Buch Religion for Atheists: A Non-Believer’s Guide to the Uses of Religion ist ein Versuch, die gegenwärtigen psychotherapeutischen und spirituellen Modeerscheinungen, welche die westliche Intelligenzija beeinflussen, in den Atheismus aufzusaugen. De Botton hat vorgeschlagen, in ganz England Tempel für Atheisten zu bauen. „Es ist an der Zeit, dass Atheisten ihre eigene Version der großen Kirchen und Kathedralen errichten,“ sagt er.

Es überrascht nicht, dass viele Neue Atheisten die Vorstellung eines Atheistentempels scharf kritisieren. Eine „Religion für Atheisten“ explizit in eine äußere Form zu gießen, ist all jenen absolut zuwider, die eine Religion aus ihrem Unglauben gemacht haben. Der Neue Atheismus ist aber de facto zu einer unglaublich intoleranten und dogmatischen säkularen Religion geworden.

Als Humanist bin ich erschüttert von der Entstellung der ursprünglichen atheistischen Idee. Echte Humanisten missbilligen die Einflüsse des Kreationismus und religiösen Fanatismus. Doch während Versuche, die Trennung von Staat und Kirche rückgängig zu machen, in der Tat abzulehnen sind, kommt die echte Herausforderung für Humanisten heute nicht von organisierten Religionen. Im Gegenteil, es sind jetzt oft säkulare Bewegungen, die propagieren, der Mensch sei machtlos, verletzlich und Opfer seiner äußeren Umstände. Anstelle des religiösen Glaubens an die Erbsünde sehen wir uns heute mit der Behauptung konfrontiert, die kindliche Psyche sei besonders zerbrechlich und leicht fürs ganze Leben zu schädigen. Die alten Sünden der Religion leben heute in säkularmedikalisierter Form wieder auf. Die Menschen werden nicht mehr für Wollust verdammt, sondern eben wegen Sexsucht behandelt. Völlerei heißt jetzt Fettsucht. Und Neid und Habgier wurden auch mit einem Krankheitsetikett versehen, hervorgerufen durch unsere „süchtig machende Konsumgesellschaft.“

Die tatsächliche Frage, die sich uns stellt, dreht sich nicht darum, was wir von der Vorstellung eines göttlichen Wesens halten mögen oder nicht, sondern darum, welchen Stellenwert wir der Menschheit zuschreiben. Und die größte Gefährdung für die Verwirklichung unserer menschlichen Potentiale kommt heute nicht von der Religion, sondern von der moralischen Orientierungslosigkeit der säkularen Zivilisation des Westens.

Aus dem Englischen übersetzt von Christian R. Schwab.

Frank Furedi ist Professor für Soziologie an der Universität von Kent und Mitbegründer des Manifesto Club. Zuletzt ist von ihm das Buch “On Tolerance: A Defence of Moral Independence” erschienen (Continuum 2011, 216 S., EUR 18,99). Seine Website findet sich unter frankfuredi.com. Der Artikel ist zuerst beim britschen Novo-Partnermagazin Spiked erschienen.

Verwandte Artikel:

Frank Furedi: Humanismus für unsere Zeit
Frank Furedi: War Gott grün?

Cover Novo 116 Lesen und diskutieren Sie alle Artikel der neuen Ausgabe. Die komplette Inhaltsangabe finden Sie hier: Inhalt. Ein Jahresabonnement (auch Digital erhältlich: PDF, E-Pub oder Mobi) kostet nur 37,80 Euro (Studenten 28,50 Euro) – das Komplettabo (Print + Digital) 42,80 Euro. Zögern Sie nicht und bestellen Sie noch heute in unserem Shop. Damit bleiben Sie am Ball und sichern die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts.

18.04.2012 | Permanenter Link |

Kategorie(n):

Artikel twittern Artikel auf Facebook posten

Kommentare

Kommentare werden in der Regel einmal täglich freigeschaltet. Wenn Sie Kommentare vermissen, schauen Sie einfach später noch mal vorbei. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen.

Vielen Dank für Ihren sehr klugen Artikel Herr Furedi.

Aus einer humanistischen Sicht, wie ich ihn im kantschen Sinn verstehe, erstaunt es mich schon lange, mit welcher inbrunst sich angebliche Atheisten als Gläubige ihrer Visionen, missionierend aufführen (siehe auch im vorhergehenden Beitrag die Kommentare).
Mir scheint es, als ob es den Menschen eigen wäre, ihre mystischen Bedürfnisse nicht allein rational verarbeiten zu können und darum für visionäre Glaubensinhalte so offen. Es erstaunt mich darum nicht, wenn die kindliche Neugier Antworten sucht und Religionen Parallelwelten im immateriellen Raum anbieten, die sich sozialisieren und weiterhin die Erwachsenenwelt in ein Dafür und Dagegen spaltet aber doch wie Vor- und Rückseite menschlicher Betrachtung oder der gleichen Münze, in der Währung intellektueller Auseinandersetzung zu bleiben.
Die Rationalität des Humanismus setzt ja eine Selbstverantwortung und eine Intelligenz voraus, die nicht unbedingt allen zur Verfügung steht und darum vielen auch zu anstrengend bleibt, die sich darum modernen Glaubensrichtungen anschließen.
Mir erscheinen etliche Gruppierungen, auf ihrem Marsch in ideologischen Labyrinthen, ihren Weg schon als Ziel und ihr Bewegtsein schon als Hauptsache zu definieren.
Welche Kapriolen der Verstand dabei ertragen muss, wo die Toleranz, andere Ansichten zu akzeptieren sich verliert, wo Geschäftsmodelle dann modernen Natur- und Klimaschutz-Glauben, den Mensch als Schädling bewirtschaften, hat exakt religiöses Format. Da werden die Ergebnisse von einfachen Grundrechenarten ignoriert mit und „wissenschaftlichen Studien“  ins Gegenteil verkehrt. Was nur zeigt, wie wenig Intelligenz auch genügt, sich in der Wissenschaftsbranche zu etablieren, um Glaubensanhängern Motive zu liefern.
Die Zuversicht und Freude am Leben, die Optionen der technischen Entwicklungen die durch die Naturwissenschaften und deren Umsetzung in die angewandten intelligenten Produkte realer Intelligenz, die die Ingenieure leisten mit der wir in einem Zeitalter hohen Wohlstand und besten Bedingungen Leben, geraten erstaunlicher weise dabei an den Rand der öffentlichen Diskussionen, die von emotionalen Aspekten getragen sind.

Hans Meier
18.04.2012  11:49

Speziell Richard Dawkins (ist er jetzt also ein Neo-Atheist?) ist Mitglied bei den Brights und ich würde mal behaupten, dass sich diese auch gegen die Verwirrspielchen fanatischer Umweltschützer, gegen die Gaia-Theorie und auch gegen die zahlreichen Spielarten fernöstlichen Mystizismus wenden würden ...

Ich kann auch nicht erkennen, dass jene propagieren, der Mensch sei machtlos, verletzlich und Opfer seiner äußeren Umstände.

Das Fazit der Bücher von Richard Dawkins lautet doch im Gegenteil, sich dem Diktat der Gene zu widersetzen und die Evolution in die eigenen Hände zu nehmen (Autoevolution/Transhumanismus). Transhumanisten sind Atheisten.

Fritz
18.04.2012  12:11

“Es überrascht nicht, dass viele Neue Atheisten die Vorstellung eines Atheistentempels scharf kritisieren. Eine „Religion für Atheisten“ explizit in eine äußere Form zu gießen, ist all jenen absolut zuwider, die eine Religion aus ihrem Unglauben gemacht haben. Der Neue Atheismus ist aber de facto zu einer unglaublich intoleranten und dogmatischen säkularen Religion geworden.”

Nein, Atheismus ist keine Religion und auch die Neuen Atheisten machen diesen zu keiner. Mein Atheismus kostet mich keine Zeit, es gibt keine Rituale, keinen Dogmatismus. Es ist die schlichte Erkenntnis, dass religiöse Weltanschauungen primitive Glaubensysteme sind, welche die Welt in der wir leben nicht beschreiben, sondern im Gegenteil vor der Realität flüchten und absurde Handlungsanweisungen aufstellen, welche jedweder Grundlage entbehren und in vielen Teilen der Welt zu großem Leid führen. Das sagt mir schlicht und ergreifend nicht zu. Ich betrachte Religionen genau wie z.B. den Marxismus als ein ideologisches System, nur dass die meisten Religionen sich eben über einen Supernatürlichkeitsanspruch definieren.

Des weiteren frage ich mich wie sie auf die Idee kommen, dass die Kritik an der Errichtung eines “Atheisten-Tempels” darauf zurück zu führen wäre das ich den Atheismus als pseudo-religiöses System verinnerlicht habe. Das Gegenteil ist der Fall, denn der Atheismus ist nur ein kleiner Teil der Weltanschauung derjenigen, welche sich Atheisten nennen und es gibt abgesehen von der Ablehnung alles Übernatürlichen und einer wissenschaftlichen Betrachungsweise der Welt keine Gemeinsamkeiten unter den Atheisten. Wie sie schon korrekt beschrieben haben kann man als Atheist alles sein. Liberal, Konservativ, Anarchistisch, Marxistisch, Sozialistisch, Faschistisch. Was auch immer. Deshalb wirkt es auf einen Atheisten wie mich absolut schwachsinnig, eine Art Tempel für Atheisten zu errichten. Was sollen wir denn da tun? Nicht existente Rituale durchführen? Atheistenlieder singen? Die Nichtexistenz Gottes preisen? Zur Diskussion und zum Austausch gibt es schon zahlreiche Veranstaltungen, daher ist die Idee vollkommen hirnrissig.

PS: Anderer Meinung zu sein hat mit Intoleranz nichts zu tun.

ketam1n
18.04.2012  13:44

Könnte der Autor bitte das Wort “Atheisten” in diesem Text durch “eine kleine radikale Minderheit der Atheisten” ersetzen? Falls nicht ist das Ganze schlicht und einfach Schwachsinn! Dass ist ebenso unsinnig wie jeden Moslem als islamistischen Terroristen zu betrachten oder jeden katholischen Würdenträger als überführten Pädophilen.
Dazu passt, dass nur Extremisten der Szene erwähnt werden. Tempel für Atheisten? Den Unsinn hat schon jemand hier treffend kommentiert! Die Ansichten von Richard Dawkins? Nun gut, der Mann hat tolle Bücher geschrieben (insbesondere über Biologie), aber seine Bestseller-Religionsbeschimpfung als Beleg herzunehmen ist lächerlich.
Ganz daneben wird der Text bei folgender Behauptung:
“Er kritisiert also zu Recht die Lehren des Kreationismus und intelligent design, wendet sich aber selten gegen die Verwirrspielchen fanatischer Umweltschützer oder gegen die Gaia-Theorie, auch nicht gegen die zahlreichen Spielarten fernöstlichen Mystizismus, die etwa in Hollywood gerade so angesagt sind.”
Das ist schlicht und einfach Unsinn! Kann der Autor bitte irgendwelche Belege für seine hanebüchene Behauptung bringen?
Ich kenne ziemlich viele Atheisten - darunter auch einige Fanatiker. Ich kenne aber keinen einzigen Atheisten, der irgendeine “Spielart des fernöstlichen Spiritismus” oder diese “Gaia-Theorie” unterstützen würde. Das ist natürlich keine auf saubere wissenschaftliche Forschung gestützte Aussage, aber - bis zum Beleg des Gegenteils durch den Autor - wage ich zu behaupten, dass auch seine Aussage sich auf keinerlei belastbare Daten stützen kann.
So bleibt ein Meinungsartikel über ein durchaus spannendes Thema (neben Atheisten habe ich übrigens auch regelmäßig Kontakt zu Gläubigen verschiedener Couleur), der allerdings dem Thema selbst nicht gerecht werden kann. Statt das Thema oder die Menschen (auch wenn es nur die Extremisten einer Gruppe sind) zu beleuchten dominieren von Anfang an lächerliche Behauptungen, die sich mit unzulässigen Verallgemeinerungen ablösen.
Es gibt meines Erachtens ein paar einzelne Menschen, auf die dieser Artikel durchaus zutrifft - aber genau auf das weist der Autor nicht hin. Das ist wirklich schade, denn die “Atheisten”, die er in diesem Text beschreibt, gehen auch mir seit Jahren auf die Nerven. Nur dass - nicht nur - ich diese Leute nicht als Atheisten bezeichnen würde, sondern als eine Art Atheismusfanatiker.

Micha
19.04.2012  01:46

Warum ich kein Atheist bin – Bekenntnisse eines Ignostikers
.
    Für Erich Fromm war der Begriff Gott nur eine poetische Umschreibung des höchsten Wertes und in den Buchreligionen ist Gott der Erschaffer und Lenker der Welt. Der Commonsense liegt dazwischen. Die Theorie eines reflexiven Glaubens ) geht davon aus, dass es bei den abrahamitischen Religionen - Judentum, Christentum, und Islam - drei verschiedene Arten von Gottesglauben gibt, die sich aber in Reflexion gegenseitig bedingen: naiver, positiver und spekulativer Glauben. Unter der ersten Art, des naiven Glaubens, wird der Glauben der breiten Masse frommer Menschen verstanden, welche an einen persönlichen Gott glaubt, wie ihn die Bibel lehrt. Die zweite Gattung, der positive Glaube, vielleicht besser als positive Theologie zu bezeichnen, bildet die ethische Ausgangsbasis für Theologen, aber auch für viele in Religionsgemeinschaften tätigen Laien, für die „Gott“ zwar nur ein transzendentaler operativer Begriff ist, die aber fest davon überzeugt sind, dass sich der „Mörderaffe“ Mensch nur in Furcht vor dieser Metapher in moralischen Schranken halten lässt. Die dritte Kategorie, der spekulative Glauben steht für den Missbrauch von Religion. Ursprung ist der so genannte „Konstantinische Filz“, der in der hinkenden Trennung von Staat und Kirche weiter besteht.
    Die Bezeichnung reflexiv soll ausdrücken, dass in dieser theoretischen Einteilung kaum jemand eindeutig zugeordnet werden kann, aber von der einen zur anderen Gruppe eine reflexive Beziehung besteht. Es kommt dabei zu mehr oder weniger stark ausgeprägten facettenartigen Übergängen. Vielleicht nicht unbedingt von der ersten Gruppe, des naiven Glaubens zur dritten Gruppe, des spekulativen Glaubens, aber in jedem Fall von der ersten Gruppe zur zweiten, des naiven Glaubens zur positiven Theologie und von dieser sind die Übergänge fließend bis zum Missbrauch von Religion im politischen Visier. Auch unter den Personen der ersten Gruppe wird es nicht nur eine schlichte Frömmigkeit, sondern auch Zweifler geben. Dieser Skeptizismus reflektiert aber meistens mit einer positiven Theologie und kommt zu dem nicht einmal falschen Ergebnis, das dogmatische Religionen ihrer ethischen Qualität wegen, durchaus einen berechtigten Stellenwert in der Gesellschaft haben können. Ebenso wird der perfekte Zyniker, der als Atheist mit der Bibel oder dem Koran auf dem Schreibtisch, den Prototyp der dritten Gruppe darstellt, nicht die Regel sein. Auch hier gibt es Übergänge und mancher Politiker, der seine Vorstellungen mit religiöser Manipulation durchzusetzen versucht, glaubt sich nicht im völligen Unrecht. Schließlich soll sich auch Voltaire sinngemäß geäußert haben, dass er froh wäre, wenn seine Bauern noch an Gott glaubten, denn dann würden sie ihm weniger Kartoffeln klauen. Gerade diese gegenseitige Bedingtheit in Reflexion, macht den religiösen Dogmatismus so gefährlich. Er erfährt damit auch in der modernen Gesellschaft noch eine Festigung. Aber es ist ein Unterschied, ob jemand selbst glaubt oder nur davon profitiert, dass andere glauben. Das erklärt auch die intellektuelle Unredlichkeit vieler Vertreter in Politik, Wirtschaft und besonders des Klerus, wenn tiefe Gläubigkeit vorgetäuscht wird. Dieser Schein von „Heiligkeit“ kennzeichnet zwar auch die zweite Gruppe, welche eine positive Theologie vertritt, wird jedoch in der dritten Gruppe zu einer listigen Heuchelei.
    Schließlich glauben die wenigsten Menschen an einen persönlichen Gott ohne sich deshalb als Atheisten zu bezeichnen. Vielleicht nur deshalb, weil sie sich als Individualisten in keine bestimmte Schublade einordnen lassen wollen oder auch weil ihnen die Formulierung Atheist negativ belastet erscheint. Das soll aber nicht zu einer Wertung derer führen, die Atheismus mit einem philosophischen Materialismus assoziieren. Gleichwohl ist zu unterscheiden zwischen Anhängern einer Anschauung, die in der Materie den Grund und die Substanz aller Wirklichkeit sehen und einem radikalen Atheismus, der gegen ethische Toleranz verstößt. ) Aber auch wenn sich, - gerade bei einer gemeinsamen Frontstellung gegen den Klerikalismus, - die Grenzen zum religiösen Naturalismus immer mehr verwischen, bleibt jedoch die entscheidende Frage, ob geistige Autonomie nur eine notwendige, oder auch eine hinreichende Bedingung für ein erfülltes Lebens ist? Wer sich damit zufrieden gibt, dass Geistesfreiheit allein für ein glückliches Dasein ausreicht, muss sich, - frei nach Albert Camus, - Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen können. Wem das nicht gelingt und dabei noch ernst genommen werden will, sieht sich gezwungen zu versuchen, den für „freien Geist“ offen gewordenen Leerraum sinnvoll auszufüllen.

    Die aus dem Mythos einer altorientalischen Hirtenphilosophie hervorgegangene christliche Volksreligion hat sich im organisierten Christentum negativ entwickelt. Für die Gruppe der naiven Gläubigen wird im konfessionellen Religionsunterricht immer noch die Mär von Jesus, dem Sohn Gottes gelehrt. Ein infantiles Gleichnis, was als ethische Hypothese von seinem mythologischen Ursprung her jedoch erklärbar erscheint.  Die Frage, die Arthur Drews einmal stellte, ob Jesus überhaupt gelebt hat, ist aber theologisch nicht mehr relevant. Hier geht es nur um die konstruierte Idealgestalt eines, - aus christlicher Sicht, - vollkommenen Menschen. Der historische Jesus, von dem jedoch bezweifelt wird, ob er je gelebt hat, ist dagegen theologisch ohne Bedeutung. Die Sohn-Gottes-Hypothese bleibt lediglich ein kultureller Replikator, der vermitteln soll, dass diese Idealgestalt aus einem transzendenten Wert transferiert ist. Für den „Höchsten Wert“ steht die Metapher Gott und das davon abgeleitete irdische Leitbild, illustriert eine anthropomorphe Deutung, als dessen Sohn. So wie man etwa auch den neuen Tag metaphorisch als Tochter der Nacht bezeichnen könnte.
    In Albert Schweitzer kann man einen Vertreter der positiven Theologie sehen. Seine Religion war die Ehrfurcht vor dem Leben. Es gibt sicher noch eine Menge Persönlichkeiten innerhalb und außerhalb der Kirchen oder den anderen monotheistischen Religionen, die aus Pragmatismus Gläubigkeit fiktionalisieren und eine gute Absicht damit verbinden. Das Problem besteht jedoch darin, dass Menschen, deren Moral nur durch eine Gottesfurcht gefestigt wird, zu einer ethischen Gefahr werden können, wenn sich naiver Glaube emanzipiert. Aus diesem Grunde ist eine rational begründbare Moral auf längere Sicht die bessere Basis. Dahinter steht die Hoffnung, dass es besser ist, das Gute aus Überzeugung zu tun, als aus Angst vor einem strafenden Gott. Deshalb forderte schon Kant Achtung für das Gesetzt und nicht vor dem Gesetz. Schließlich ist in einer aufgeklärten Weltsicht nicht Gott, sondern das Sein Mittelpunkt natürlicher Religion. Das Etwas ist und nicht Nichts lässt sich nicht bestreiten, Gott jedoch bedarf der Metaphysik. Damit wird die Gottesfrage eher nebensächlich. Vor allem ist sie nicht so wichtig, dass sie trotz Unkenntnis ihres Beweises, die Orientierung im Dasein dominieren müsste. Im Umkehrschluss kann Atheismus zu einer Aufwertung der Gotteshypothese führen. Nicht weniger Menschen Religion ist, Staunen und Bewunderung, das Erlebnis geistigen Interessens oder dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn zu geben. Für Max Scheler war Religion ein seelenhaft gebundenes anonymes Gruppenbewusstsein, abgeleitet von religare =„verbunden sein“. Freireligiöse leiten deshalb gelegentlich auch Gebundenheit an das Gute davon ab. Hubertus Mynarek dagegen erklärt Atheisten zu transzendenzlosen Nomaden. Interpretiert man Transzendenz nicht theologisch, sondern philosophisch, kann es zwar Nomaden, aber kaum transzendenzlose Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft geben. Transzendenz muss nicht notwendig eine Überschreitung des Bewusstseins ins Übersinnliche oder Außerweltliche bedeuten, sondern kann auch eine qualitative Steigerung der emotionalen Erlebnisfähigkeit vielfältiger Art ausdrücken, wie im Empfinden von Musik, Liebe, Freundschaft, Kunst bis zur Fähigkeit des Mitleidens.
    Atheismus ist nur die Bedingung der Möglichkeit „die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt zu erforschen“, den Drang dazu bezeichnete Cicero mit relegere aus dem im deutschen Sprachraum das Wort Religion hervorgegangen ist. Theologen leiten diesen Begriff allerdings meist von relegare ab. Beide Wurzeln überschneiden sich innerhalb eines Bedeutungswandels, der diese Nomina unterliegt. Den Menschen, - und im gewissen Sinne auch andere Tiere, - unterscheidet von einer künstlichen Intelligenz bzw. dem Computer, dass den Verstand auch Emotionen begleiten. Die höchste Reflexion von Geist und Gefühl ist Gegenstand aller Religion. Deren Kreszenz hängt jedoch nicht nur von dem Range der Ratio und der Qualität der Emotionalität ab, sondern auch in welchem quantitativen Verhältnis sie zu einander stehen. Die Güte der intuitiven Empfindungsfähigkeit ist allerdings breit gefächert und geht, - gleichnishaft dargestellt, - von Hansi Hinterseer bis Luciano Pavarotti bzw. vom Musikantenstadel bis zum Symphoniekonzert, oder von der Operette bis zur Oper; von dem „Röhrenden Hirsch“ als naive Malerei über dem Ehebett des braven Bürgers vom Lande bis zu Francisco Goya oder von Rosamunde Pilcher bis Paul Zelan. Auf der anderen Seite reicht die Bandbreite vom Egoismus bis zum Altruismus und dem Hedonismus bis zum Mitleid oder theologisch ausgedrückt von einem metaphysischen Disneyland ) bis zur Ehrfurcht vor dem Leben. Nur ein eindimensionaler Mensch wäre von jeder Reflexion zwischen Verstand und Intuition völlig frei. Feuerbach vertritt mit seinem anthropologischen Sensualismus eine ähnliche Position. Die Welt ist viel zu kompliziert und zu vielschichtig, als dass man eine kulturell anspruchsvolle Geisteshaltung auf die Gottesfrage reduzieren könnte, zumal Gott, wie bereits Max Scheler feststellte, ein Spätling ) der Religion ist. Es gibt viele Gründe, Orientierung im Dasein nicht auf eine Konfrontation von Theismus und Atheismus zu beschränken, wenn auch nur, um eine unnötige Polarisierung zu vermeiden, aber auch, um natürliche Religion als Erkenntnis- und Erfahrungsreligion gleichberechtigt, neben den so genannten Offenbarungsreligionen, in die gesellschaftspolitische Diskussion einzuführen und zu festigen.
    Atheismus ist, genau wie Theismus, keine Religion, aber es gibt sowohl theistische wie auch atheistische Religionen. Den Theismus kann man in monotheistisch und polytheistisch unterteilen. Zum Monotheismus zählen u. a. das Judentum, das Christentum und der Islam. Dabei bleibt das Christentum wegen der Trinitätslehre gelegentlich umstritten. Polytheistisch sind u. a. der Hinduismus und der Chinesisch-Japanische Universismus (Shintoismus, Konfuzianismus, Taoismus). Zu den atheistischen Religionen zählen u. a. der Buddhismus, die Unitarier und die Freireligiöse Bewegung, welche einem ethischen Naturalismus entspringt. Später entstanden im Buddhismus auch pantheistische Strömungen. Der hinduistische Religionswissenschaftler Swami Vivekananda steht für einen theo-monistischen Pantheismus innerhalb eines fortschrittlichen Hinduismus. Hintergrund bildet die Vedanta-Philosophie. Ähnlich Max Schelers Theorie vom „werdenden Gott“ sieht auch er Entwicklungsstufen in den menschlichen Gottesvorstellungen. Die unterste Stufe kennzeichnet den Theismus „Gott über Mir“. Es ist die Gottesvorstellung der „ungebildeten Masse“, deren Glauben sich auf die Gottheiten draußen im Universum richten. Die nächste Stufe ist eine mystische Gotteserfahrung: „Gott in Mir“. Dafür stehen nicht nur Meister Eckehart und Jakob Böhme, sondern auch Robert Musil mit seiner „taghellen Mystik“ bis hin zu Ludwig Wittgenstein. Die höchste Stufe ist die Identität mit Gott. Mit der daraus abgeleiteten Position „Ich bin Gott“ kann man nicht nur den Solipsismus, sondern auch die Frage nach dem Atheismus auf die Spitze treiben, denn Atheismus wäre dann Selbstverleugnung.
    Einen Ausweg sieht die Schweizer Freidenkerin Grazia Giuli Annen. Sie bezeichnet sich als Ignostikerin ) und damit wird die Frage nach Gott sekundär und macht für einen aufgeklärte Menschen so wenig Sinn, dass man frei, - nach dem Österreichischen Spötter Karl Kraus, - darauf antworten könnte, dass es Urteile gibt, welche so irreal sind, dass noch nicht einmal das Gegenteil wahr ist. Durchaus mystisch dann die Demonstration seines Landsmannes, des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, der mit einer geradezu kafkaesken Illustration, der Entzauberung der Welt entgegen tritt: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort“.

                                                                ERICH SATTER (Graz/Wiesbaden)

Dr. Erich Satter
21.04.2012  10:03

Frank Furedis Kommentar hat mich, einen überzeugten Atheisten, sehr irritiert. Den Atheisten , so wie ihn Frank Furedis schildert, kenne ich nicht. Ich schließe nicht aus, dass es solche Atheisten gibt, sie sind in jedem Fall aber eine absolute Minderheit. Atheisten haben eigentlich nur eines gemeinsam, sie glauben an keinen Gott, an keine wie auch immer geartete übernatürliche Kraft, die für unser Dasein verantwortlich ist. Atheisten vertrauen den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, den Gesetzen der Logik und der Vernunft. Für Atheisten sind Religionen menschliche Sinngebungsysteme aus der Steinzeit,die mit den Wahrheiten der modernen Naturwissenschaften nicht mehr zusammenpassen. Und da hilft es einem Atheisten nicht wirklich weiter, wenn Vertreter der Religionen erklären, dass die Naturwissenschaften am Ende auch nicht alles erklären können. Das stimmt vielleicht sogar, nur Religionen können uns Atheisten noch viel weniger erklären und manches haben sie uns Menschen jahrhundertelang völlig falsch erklärt. Manche der religiösen Dogmen halten wir sogar für kompletten Unsinn. Im Gegensatz zu religiösen Menschen sind aber Atheisten offen für neue Erkenntnisse und Wahrheiten und klammern sich nicht an vorsintflut-lichen, sogenannten göttlichen Dogmen und Weisungen, vorrausgesetzt sie sind wissenschaftlich begründet und folgen den Kriterien der Vernunft und Logik. Erschreckendes Beispiel einer solchen göttlichen Weisung ist die Position der monotheistischen Religionen zur Homosexualität. Die Ausgrenzung und Verteufelung dieser Menschen im 21. Jahrhundert ist eine Schande , ein Verbrechen an völlig unschuldigen Menschen, die nur ihre natürliche Veranlagung, für die sie nichts können, ausleben. Wirkliche Atheisten neigen gerade deshalb nicht zu solchem Dogmatismus oder Fanatismus. Atheismus ist keine Religion, auch keine umfassende Weltanschauung mit festgelegten Lebens- und Verhaltensregeln. Atheismus ist eine Basis, auf der man seine individuelle Lebensphilosophie aufbauen kann. Zum Glück können wir in einem säkularen Rechtsstaat für unsere Wahrheit konsequent und bestimmt eintreten. Die meisten Atheisten benutzen dazu gerade nicht die aggressive und militante Rhetorik religiöser Fundamentalisten. Wahre Atheisten kämpfen natürlich für ihre Überzeugung, sie haben sich den Idealen des Humanismus verschrieben, die da lauten Nächstenliebe, Menschlichkeit, Frieden, Freiheit, Toleranz und Wahrheit. Ich würde Frank Furedi empfehlen sich mehr mit den Argumenten des Atheismus auseinanderzusetzen und sich nicht an einer Rhetorik stören, die eher für religiöse Fundamentalisten als für Atheisten charakteristisch ist. 

Klaus Brückner

K.Brueckner
22.04.2012  17:22

Voltaire und Comte waren Deisten, keine Atheisten. Auch Saint-Simon war kein Atheist; in der Nouveau Christianisme hat er munter theistische, deistische und pantheistische Konzepte durcheinandergewürfelt…

Mentalreservation
23.04.2012  12:33

Durch die Auseinandersetzung mit Religionen, bzw. Atheisten und deren Kritiker angeregt, wäre es mir interessant, mehr über die monotheistischen Religionen zu erfahren.
Nach meiner eher allgemeinen Information, war doch die Entstehung der jüdischen Religion, eher eine quasi revolutionäre religiöse Entwicklung vor circa 3000 Jahren innerhalb einer Phase, wo es rings um von Göttern eher wimmelte. Die sich auf nur einen einzigen Gott beschränkenden Juden, in der Region Kanaan, sahen sich – im Gegensatz zu dem Götterglauben, dem die anderen huldigten – als das von ihrem einzigen Gott auserwählte Volk an.
          Sie schufen sich damit eine Privileg, als von ihrem Gott Jave bevorzugt zu sein, sozusagen seine Kinder und Behüteten zu sein. Quasi Teil eines göttlich bevorzugten Volkes zu werden, in dem sie den entworfenen Regeln, die diesem Volk in der Sichtweise ihres Jave gefallen würden.
Das würde auch nachhaltig erklären, warum die Juden historisch keine Eroberungskriege führten, aber den Erhalt ihrer Reiche nicht, nur auf sich selbst gestellt, erfolgreich verteidigen konnten, Vertreibung und Versklavung erlebten und trotzdem, weder als Volk noch als Religion untergingen.
Weiter würde es erklären, warum die später aufgekommenen monotheistischen Religionen, einerseits das Judentum teils anerkennen und trotzdem als eine arrogante Religion bekämpfen.
Denn anders als bei den Christen oder Moslems, weiß sich ja jeder jüdische Nachfahre als von seinem Gott privilegiert zu sein und braucht sich nicht schuldig zu fühlen, muss sich nicht kasteien und büßen, sich nicht vor der Hölle etc. fürchten und historisch, waren die Juden auch nicht auf einen „Messias“ wirklich angewiesen, denn sie mussten sich doch nicht wie in den beiden anderen monotheistischen Religionen, für ihre Existenz rechtfertigen, für ihr sündig sein.
Vielleicht liegt darin der grundlegende Unterschied oder das Missverständnis zwischen Christen und Moslems gegenüber der jüdischen Religion. Die Auserwählten Kinder Gottes, müssen sich nicht mit Selbstzweifeln plagen, können munter und erfolgreich ihren Geschäften, ihrer Erziehung ihres Nachwuchses große Aufmerksamkeit widmen, ohne durch religiöse „Hirnkäfige“ massiv behindert zu sein.
Vielleicht liegt darin eine über Dreitausend jährige Tradition vor, die sich natürlich auswirkte, weil die Kinder zum Rabbi geschickt, lesen schreiben und rechnen sowie denken gelehrt wurden. Weil Diskussionen und Fortschreibungen der Thora erfolgten, also eine intensive intellektuelle Kultur gepflegt wurde, die über die Generationen sicherlich nicht in einer Degeneration feststellbar ist, wenn die Klugheit nicht mit einer Auserwähltheit streiten muss.
So gesehen ist die „Wissenschaftlerdichte“ und Nobelpreiszahl unter Juden logische Folge, wie mir scheint.

Hans Meier
23.04.2012  20:57

Auf der Website “Wissen rockt” ist eine längere Replik zu Frank Furedis Text von Arik Platzek erschienen: http://www.wissenrockt.de/2012/04/24/die-mythen-der-theisten-too-big-to-fail-26410/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=die-mythen-der-theisten-too-big-to-fail

Novo-Redaktion
26.04.2012  17:02

Ich finde, ein Atheist, der an die Wissenschaft glaubt, wiederspricht sich im Prinzip selbst, denn wie soll das alles, was die moderne Wissenschaft bis jetzt alles herausgefunden hat denn letztendlich ohne höhere Macht funktionieren?

Schon Albert Einstein sagte: “Durch die Mathematik weiß ich, dass es Gott gibt”.

msf
24.07.2012  22:45

1954 schreibt Albert Einstein an den Philosophen Erich Gutkind:Das Wort Gottes ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen. Zitat Ende. Wann und wo hat Albert Einstein obigen Spruch von sich gegeben?

Leider hilft obige Erkenntnis von msf, dass ohne höhere Macht
unser Weltall nicht funktionieren kann, nicht wirklich weiter. Tat-
sächlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, daß alles einen Anfang haben muss. Das gilt dann allerdings auch für die
höhere Macht, Gott ! Wer hat ihn erschaffen, das Superhirn, das
für alles verantwortlich ist. Diese Art von Überlegung führt wie es R.Dawkins einmal gesagt hat, in die unendliche Regression.

K.Brückner

K.Brückner
25.07.2012  18:01

Ja gut, es kann schon sein, dass Einstein doch nicht so gläubig war, aber ich als katholischer Christ, bin überzeugt, dass es Gott gibt.

Deswegen lehne ich aber moderne Wissenschaft nicht ab, sondern glaube einfach nur denjenigen Wissenschaftlern, welche die Existenz Gottes nicht leugnen oder infrage stellen.

Natürlich kann man sich die Frage stellen, wie dann Gott entstand, aber Gott hat es schon immer gegeben.

Ein sehr guter Beweis für die Richtigkeit der christlichen Religionen ist die Bibel. Viele Leute glauben zwar nicht mehr daran, aber sie ist von Gott inspiriert und deshalb ist darin auch nichts eine Legende oder irgendwas sondergleichen.

mfs
19.08.2012  23:10

Wenn mir ein Wissenschaftler wie Dawkins erzählt, dass der biologische, chemische und physikalische Ablauf und die Entstehung der Erde ohne Gott funktioniert, dann erklärt er bestimmt, dass es durch dieses oder jenes funktioniert.

Dann frage ich wieder: “Woher kommt dann dieses oder jenes?”

Dawkins erklärt es mir dann wieder und ich würde wieder fragen und so würde es immer hin-  und hergehen.

Irgendwann sind wir dann an einem Punkt angelangt, bei dem Dawkins keine Antwort mehr wüsste mit der er Gott leugnen könnte.

Das heißt wenn man wissenschaftlich ganz tief in dieses Thema hineingeht kann man wirklich in einer unendlichen Regression landen, wenn man dann trotzdem darauf beharrt, dass es keinen Gott gibt, weil ohne Gott sich die Frage “Woher kommt dieses oder jenes?” garnicht vermeiden ließe.

Deshalb glaube ich einfach nur gläubigen Wissenschaftlern, oder zumindest solchen, die keine religiösen Tatsachen leugnen oder infrage stellen.

Oder sind solche Wissenschaftler etwa dümmer als die atheistischen?

Ich habe sogar mal von einem Atheisten, dessen Namen ich leider nicht weiß, gehört, der die natürlichen Vorgänge auf der Erde und im All wissenschaftlich erforscht hat und somit zum Glauben gefunden hat, weil er eben erkannt hat, dass dies ohne höhere Macht garnicht möglich ist.

mfs
19.08.2012  23:46

Lieber mfs !

Emotional kann ich Ihren Glauben nachvollziehen. Leider nur emotional ! Mit der Antwort, daß es Gott schon immer gegeben haben muß, kann ich nichts anfangen. Auch Ihr Hinweis auf die Bibel und deren göttlicher Inspiration bringt mich nicht wirklich weiter . Sicher in der Bibel steht manch Wahres und Sinnvolles aber auch genau soviel Dummes und Falsches. Über was Sie sich aber in jedem Fall Gedanken machen sollten ist aus meiner Sicht folgendes. Es gibt eine Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Sie mit Ihrem Glauben in Einklang bringen müssen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind Fakten und keine Hypothesen. Ihr Glauben macht nur Sinn, wenn er im Einklang mit diesen wissenschaftlichen Fakten ist. Zum Beispiel:

      - Alter unseres Weltalls   13,700 000 000 Jahre
      - Alter unserer Erde         4,500 000 000 Jahre
      - Dauer der Evolution       3,500 000 000 Jahre
      - Dinosaurier auf der Erde     240 000 000 Jahre
      - Ende der Dinosaurier         65 000 000 Jahre
      - Der heutige Mensch
      (homo sapiens)                  200 000 Jahre
      - Monotheistische Religionen         5 000 Jahre
      - Kreuzigung Jesus Christus         2 000 Jahre

Obige Zahlen sind wissenschaftliche Fakten. Sie müssen schon erklären warum unser Weltall so alt ist, warum Ihr Gott erst nach 13,7 Milliarden Jahren in Form seines Sohnes erschienen ist. Noch viel abenteuerlicher ist die Vorstellung, daß ein allmächtiger Gott seinen Sohn ans Kreuz nageln läßt , um die menschlichen Sünden zu sühnen. Warum und das ist meine letzte Frage hat uns Ihr allmächtiger Gott nicht direkt ins Paradies geschickt? Damit wäre den meisten Menschen sehr viel Elend erspart geblieben. Natürlich kann ich Sie nicht überzeugen. Aber vielleicht beginnen Sie trotzdem etwas nachzudenken.

K.Brückner

K.Brueckner
21.08.2012  14:05

Herr Brückner,

Ihre Fakten sind natürlich – nach derzeitigem Stand der Wissenschaft – allesamt korrekt und können vor allem dazu beitragen, uns ein wenig in Demut zu üben und zu akzeptieren, daß wir die “Wahrheit” leider niemals erfahren werden. Manche Menschen, die das erkannt haben, sind zum Ausgleich religiös (sofern nicht nur aus Tradition), was vermutlich nicht die schlechteste Lösung darstellt, um sich in einem festem Wertegebäude wiederzufinden und sprichwörtlich nicht in der Luft zu hängen.

Sie versuchen hingegen, mit Bildungswissen die Erlösungsfrage zu beantworten, und scheitern dabei zwangsläufig grandios. Zum Trost finden Sie sich damit in prominenter Gesellschaft wieder und sind mit Ihrer Meinung mittlerweile sogar gesellschaftlich mehrheitsfähig. Trotzdem täten Sie gut daran, Ihren letzten Satz selbst zu beherzigen.

A. Krispin

A. Krispin
21.08.2012  22:12

Sehr geehrter Herr Brückner,

lesen Sie sich bitte folgende Internetseite ganz genau durch und zwar vom Anfang bis zum Ende.
Dann sehen Sie, warum ich von meinem Glauben so überzeugt bin, und warum ich Atheismus so verabscheue.
Das heißt, ich habe nichts gegen Atheisten an sich, aber sehr wohl etwas gegen den praktizierten Atheismus vieler Menschen in der heutigen Zeit.

Die Internetseite lautet folgendermaßen:

http://www.gottliebtuns.com/bekehrungweltfrau.htm

Sie müssen es allerdings ganz genau lesen, um sich davon überzeugen lassen zu können und dürfen es nicht nur überfliegen.

mfs
22.08.2012  13:44


Lieber Herr bzw. Frau Krispin!
Sie können versichert sein, daß ich weiter nach der Wahrheit suchen werde. Wahrscheinlich werden wir Menschen nicht in der Lage sein, die absolute Wahrheit zu finden, um unser Dasein wirklich erklären zu können. Vielleicht hat aber unsere Existenz nicht wirklich einen Sinn. Das schließe ich für mich persönlich nicht aus. Das heißt für mich konkret, der Sinn des Lebens liegt wenn überhaupt im Dieseits. Keine wirklich hoffnungsfrohe und angenehme Perspektive, aber m.E. eine realistische. Was Sie in diesem Zusammenhang mit der Erlösungsfrage meinen , habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden.
Liebe bzw. lieber mfs,
Ihren Link habe ich versucht zu lesen. Ich erspare mir jeden Kommentar. Was ich nicht verstehe, Sie hassen Atheisten ? Ich dachte immer, Sie als Christ stehen für Nächstenliebe und nicht für Hass. Offensichtlich gilt das Gebot der Nächstenliebe
nicht für alle. Finde ich sehr schade. Sehen Sie, echte Atheisten stehen ohne wenn und aber für Humanismus, Toleranz, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit uns andere
Werte der Aufklärung. Sie sollten sich daran ein Beispiel nehmen.

K.Brückner

K.Brueckner
23.08.2012  10:58

Sehr geehrter Herr Brückner,

falls es in meinem letzten Kommentar so rübergekommen ist, dass ich Atheisten hasse, dann tut mir das leid.

Denn ich habe nichts gegen Atheisten.

Ich habe nur was gegen den Atheismus an sich.

An der Geschichte die im link meines letzten Kommentars steht gibt es überhaupt keine Zweifel, vorallem wenn man bedenkt, dass diese Frau, die dieses Nahtoderlebnis hatte, selbst eine moderne Weltfrau und sogar eine Atheistin war.

Solch eine Frau wird so eine Geschichte sicher nicht erfinden und dann behaupten sie sei war, wenn sie es nicht wirklich erlebt hätte. Also muss das ja stimmen.

Den Schluss der Geschichte empfehle ich Ihnen ganz dringend auch zu lesen.

mfs
24.08.2012  21:33

Herr Brückner,

die Wissenschaft kann die Welt beschreiben, aber sie wird sie nie erklären können.

Angelehnt an Max Schelers Unterscheidung der Wissensformen sind die seit Menschengedenken gestellten Fragen nach dem “Sinn des Lebens” und eventuellen höheren Ordnungen in die Kategorie des Erlösungswissens, das zur Erhellung führt, eingeordnet. Fakten aus den positiven Wissenschaften können einem Menschen bei der Bildung seiner Persönlichkeit hilfreich sein, sind für eine höhere Seinsfindung jedoch immer irrelevant. Letzteres löst ein Jeder auf seine eigene Art und Weise und hat dabei – u. a. – die Wahl zwischen verschiedenen Religionen. Nicht wenige schauen dabei auch auf die asiatischen Kulturen, die uns in dieser Hinsicht vielleicht etwas voraus haben.

Ihre genannten Werte der Aufklärung teilen spätestens beim Punkt “Toleranz” radikale Atheisten, wie im Artikel richtig beschrieben, nicht mehr. Vielleicht sind Sie persönlich – so wie ich (und vermutlich die meisten, die sich dann aber irrtümlich als “Atheisten” bezeichnen) – doch viel eher “Agnostiker”? Diese Unterscheidung ist ja wichtig, da sie die Diskussion ganz wesentlich entschärft.

Insofern teile ich zwar die Meinung von Herrn Furedi, vermisse aber dringend seinen Hinweis auf den Agnostizismus, den ich aus seinen Zeilen nämlich als die “ursprüngliche atheistische Idee” herauslesen kann.

Und ja, die Website-Empfehlung von mfs finde ich auch etwas befremdlich. Sollte ihm (oder wahrscheinlich eher ihr?) bei der Lektüre oder bei ähnlichem Erlebten allerdings “ein Licht aufgegangen” sein, ist er/sie uns vermutlich über…

Mit einem Augenzwinkern,

Herr A. Krispin

A. Krispin
27.08.2012  16:11

@ mfs “Dann sehen Sie, warum ich von meinem Glauben so überzeugt bin, und warum ich Atheismus so verabscheue.”

Ich war immer der Meinung, dass man die Religiösität anderer Menschen respektieren sollte - solange sie keine Grenzen überschreiten und mich so leben lassen, wie es mir per Verfassung zugerechneten Rechte zusichern.
Da wir aber in einer Demokratie leben, kann und muss alles infragestellbar und diskutierbar sein: Homöopathie, (auch eine Religion), Errgebnisse der Wissenschaft, Religion, Banken, Politiker, Passivrauchen, Pharmaindustrie, Energiewende und was es sonst noch so gibt.
Was stört Sie daran?
Was ich nicht verstehe, wieso der Wunsch nach Werten, Orientierung und Sinngebung ausgerechnet mit Wissenschaft in Verbindung gebracht wird. Es ist mitnichten die Aufgabe der Wissenschaft, Ersatzreligion zu sein, sondern definierte Sachverhalte zu erklären. Die Sinngebung und gesellschaftliche Werte werden anders ausgehandelt - heutzutage braucht man in der Tat keine Religion mehr dazu. Das sieht man schon daran, dass es unter religlös gestimmten Menschen keinesfalls sozialer, humaner und netter zugeht als unter der Religion nicht so zugewandten. (Gibt es, glaube ich, auch ne Studie dazu ;-))

Clemens M.
28.08.2012  10:37

Die Kommentarfunktion wird 30 Tage nach Veröffentlichung eines Artikels geschlossen. Senden Sie Ihre Kommentare danach bitte per E-Mail unter Nennung des Artikelnamens an kommentare@novo-argumente.com. Wir schalten ihn sobald wie möglich frei. Die Redaktion behält sich vor, Leserkommentare nicht, gekürzt oder in Auszügen zu veröffentlichen.