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Mann und Frau: Gleichberechtigung in Unmündigkeit

Von Matthias Heitmann

Zum 1. Juli schafft der Schweizer Kanton Zürich die Stelle eines Männerbeauftragten. Der 39-jährige Psychologe Markus Theunert und seit Jahren in der Jungen-, Männer- und Väterarbeit engagiert, soll in dieser Funktion dazu beitragen, dass Männer „in die Gleichstellungsbemühungen stärker einbezogen werden“. Zu seinen Aufgaben soll u.a. gehören, Männer dabei zu unterstützen, einen „Mädchenberuf“ zu erlernen oder aber sich in familiären Situationen, in denen die Frau die Brötchen verdient, besser zurechtzufinden.

Klar ist, dass Frauen auf die Entwicklung persönlicher Probleme kein Monopol haben. Nicht wenige Männer haben Schwierigkeiten mit den gesellschaftlichen Veränderungen sowie mit den bestehenden wie auch den neuen Rollenerwartungen. Jungs und Männer, so scheint es, passen irgendwie nicht so recht in unsere Zeit, in der ihnen pauschal als unpopulär und „typisch männlich“ geltende Attribute wie Stärke, Brutalität, Rationalität, Gefühllosigkeit, Dominanz, egoistisches Gewinnstreben und kompromissloser Durchsetzungswillen unterstellt werden. Wer hingegen „feminine“ Werte wie Einfühlsamkeit, Emotionalität und Kompromissbereitschaft verinnerlicht, liegt im Trend und auf Erfolgskurs. Die zahlreichen Berichte darüber, dass Jungs in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen, nähren diesen Eindruck wie auch die Ankündigung der deutschen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), nach den Mädchen nun auch die Jungen besser fördern zu wollen.

Dass sich Menschen – beiderlei Geschlechts, aber doch mehrheitlich Männer – gegen einen überbordenden Feminismus zur Wehr setzen, ist ermutigend. Und es ist auch nachvollziehbar, dass Männer zuweilen den Eindruck haben, in den öffentlichen Debatten zum Geschlechterverhältnis oft auf die Rolle dumpfer Täter reduziert und nicht berücksichtigt und wertgeschätzt zu werden. Die Frage stellt sich aber, ob die Einstellung von Männerbeauftragten ein Schritt in die richtige Richtung und ein Signal zum Aufbruch in eine freiere und gleichberechtigtere Gesellschaft ist. Meiner Meinung nach ist es das nicht: Ich bin sowohl gegen Männer- als auch gegen Frauenbeauftragte. Dass die Berufung des Züricher Männerbeauftragten von nicht wenigen Männern als Durchbruch gefeiert wird, ist ein Indiz dafür, wie tief inzwischen die Ansicht verankert ist, dass nach den Frauen nun auch Männer Beauftragte bräuchten, die ihre „geschlechtlichen Interessen“ vertreten.
Wenn von Männerseite argumentiert wird, mit der Einrichtung dieses Postens würden nun endlich „Männerprobleme“ ernstgenommen, stellt sich mir die Frage, was eigentlich unter „Männer-“ und „Frauenproblemen“ zu verstehen ist. Wenn wir von der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sprechen, so sind dies soziale Missstände, unter denen letztlich alle Menschen, die an einer freien, offenen und gleichberechtigten Gesellschaft interessiert sind, zu leiden haben. Männer profitieren nicht davon, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Und Frauen haben nichts davon, dass ihre Jungs im Kindergarten so gut wie nie Erfahrungen mit männlichen Erziehern machen und es mitunter schwer finden, ihre jungenhafte Persönlichkeit frei und ohne künstliche Überhöhung zu entfalten. Dass ledige Väter in Deutschland nicht die gleichen Rechte haben wie Mütter, ist ebenfalls nicht nur ein Männerproblem.
Begriffe wie „Männer-“ und „Frauenprobleme“ verschleiern die tatsächlichen Strukturen gesellschaftlicher Missstände und Ungerechtigkeiten. Denn durch die Betonung der Geschlechtlichkeit wird suggeriert, dass etwa die schlechtere Bezahlung von Frauen eben nicht Ausdruck sozialer und ökonomischer Interessen (billige Arbeitskräfte und deren Reproduktion fast zum Nulltarif), sondern eines quasi natürlichen Konflikts zwischen Männern und Frauen darstellt, der nicht wirklich überwunden, sondern vonseiten des Staates nur moderiert und bestenfalls mittels Quotierungen gedämpft werden kann.

Dies ist auch der Grund, warum heute, Jahrzehnte nach der Hochphase der Frauenbewegung, gerade unter konservativen Politikern die Idee der Frauenquote so überraschend populär ist. Sie schätzen hieran zwar auch das gleichstellende Moment, stärker aber noch das politische Motiv, über das Moderieren dieses vermeintlichen Ur-Konflikts eine neue Anerkennung zu erzielen, die ihnen auf anderen Politikfeldern schon lange abhanden gekommen ist. Die Steuerung des Geschlechterkonflikts „von oben“ verleiht ihnen zudem die moralische Autorität, das Denken und Handeln von Menschen nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Privatsphäre zu beeinflussen und zu regulieren – eine angesichts der immer stärker ausgeprägten Isolation der politischen Eliten verlockende Vorstellung.

Mit einer wirklichen Emanzipation von Einschränkung und Bevormundung hat diese Entwicklung nichts zu tun. Wenn überhaupt, erleben wir heute einen Trend zur Gleichstellung von Männern und Frauen auf einem sehr niedrigen und entmündigenden Niveau. Dessen Symbolfiguren sind gerade auch die Frauen- und der Männerbeauftragten, die eingesetzt werden, um die Menschen angeblich vor ihrer eigenen geschlechtsbasierten Unverträglich- und Unfähigkeit zu bewahren. Wenn Männer die Einstellung von Männerbeauftragten als Ausdruck von Gleichberechtigung feiern, tappen sie in die Feministinnen-Falle und übersehen, dass sie so der Gleichberechtigung in Unmündigkeit das Wort reden.

Es ist an der Zeit, dass sich Frauen und Männer von ihren Geschlechterfesseln befreien und gemeinsam damit aufhören, das Streben nach Freiheit und Gleichberechtigung an sogenannte „Experten“ auszulagern. Nicht Beauftragte sind gefragt, sondern Männer und Frauen mit Eiern!

Matthias Heitmann ist Novo-Redakteur. Er lebt als freier Journalist und Autor in Frankfurt am Main. Seine Website findet sich unter heitmann-klartext.de.

Der Artikel ist zuerst unter dem Titel „Gleichberechtigung in Unmündigkeit“ auf der Website des Schweizer Monat erschienen. Zwischen NovoArgumente und der Autorenzeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur besteht eine redaktionelle Zusammenarbeit, die die regelmäßige Publikation ausgewählter Artikel auf den jeweiligen Partnerwebsites einschließt. Zum Inhaltsverzeichnis der aktuellen Printausgabe des Schweizer Monat (Nr. 993): hier.

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14.03.2012 | Permanenter Link |

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Wer nicht selbst in der Lage oder Willens ist, sich selbst zu emanzipieren, obwohl ihm niemand die Rechte dazu abspricht und niemand ihn systematisch daran hindert, ist ganz einfach nicht mündig, oder eben nicht emanzipierbar.

“Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipare: einen „Sklaven oder erwachsenen Sohn“ aus dem mancipium, der „feierlichen Eigentumserwerbung durch Handauflegen“, in die Eigenständigkeit zu entlassen.”

Man kann wohl kaum behaupten, dass Männer oder Frauen heute noch erst in die Eigenständigkeit entlassen werden müssen. Wer mit dieser Eigenständigkeit nicht umgehen kann, wer nicht in der Lage ist mit seinen ureigensten Entscheidungen zu leben (“aber sich in familiären Situationen, in denen die Frau die Brötchen verdient, besser zurechtzufinden”), müsste entweder wieder zurück in Mutters Schoss, aber neuerdings kann er oder sie sich jetzt an die Rockzipfel des oder der Gleichstellungsbeauftragten hängen, sich also zurückbegeben in das mancipum.

Wir bewegen uns immer schneller und zielsicherer auf den Nanny-Staat zu, der aus lauter unmündigen Menschen besteht, die man dauernd an die Hand nehmen muss, um sie durch’s Leben zu führen. Wir erleben das bereits im Gesundheitswesen, wo der Staat bereits die Rolle der Super-Nanny ausübt.
(Ausnahme: alle Politiker sind selbstverständlich mündige Menschen. Auch wenn es keinen Beweis dafür gibt, wir müssen das denen einfach zugestehen)

Ob diese Menschen dadurch glücklicher werden? Viele Menschen werden dadurch sicher weniger glücklich, weil ihnen ein Teil ihrer individuellen Entscheidungsfreiheit beschnitten wird.

Ben Palmer
14.03.2012  17:31

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