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Unheilige Allianzen oder: Warum man manchmal besser nicht mitdemonstriert
Von Matthias Heitmann
Es ist schon erstaunlich, welch seltsame Koalitionen sich auf Demonstrationen anlässlich des Konflikts zwischen Israel und der Hamas bilden. Neben der rot-grün-pazifistischen, sich internationalistisch gebenden Friedensbewegung finden sich auch linke wie rechte Globalisierungsgegner und Sympathisanten des radikalen Islamismus – eine fürwahr bunte Mischung, die allerdings weniger ein Indiz für Vielfalt, sondern Ausdruck politischer Einfalt ist.
Der vielfach sehr unpolitische Charakter der Proteste gegen den Krieg in Nahost führt dazu, dass die öffentlichen Reaktionen über die – verständliche – Betroffenheit angesichts des Leids der Zivilbevölkerung leider nur selten hinausgehen. Die Beschränkung auf das Zurschaustellen der eigenen Betroffenheit hat – ob man dies nun will oder nicht – klare politische Konsequenzen: Zwangsläufig entwickelt sich eine sehr einseitige Sichtweise des Konflikts, die die Palästinenser als „Opfer einer israelischen Aggression“ einstuft, welche angesichts der eher als spärlich und unorganisiert zu bezeichnenden Raketenangriffe auf israelische Zivilisten überdimensioniert wirken muss. Dies, noch verstärkt durch die allgemeine mediale Präsenz der zivilen Opfer des Krieges, hat unweigerlich das Erstarken antiisraelischer Sentiments zur Folge – eine Entwicklung, die nicht erst seit Dezember 2008 im Westen zu beobachten ist.
Tatsächlich ist vielen liberalen westlichen Kreisen der Staat Israel durch sein entschlossenes Vorgehen, seine Missachtung internationaler Friedensappelle und sein Ignorieren von UN-Resolutionen ein Dorn im Auge. Israel entwickelt sich zu einem Symbol für all das, was in der „postmodernen“ Öffentlichkeit des Westens zutiefst verabscheut wird: Das unilaterale Verfolgen nationaler Interessen, die Verteidigung staatlicher Souveränität, die Unversöhnlichkeit im Kampf gegen Terroristen – all dies sind Charakteristika einer Politik, die mit dem scheidenden US-Präsidenten George W. Bush in Verbindung gebracht werden, der auf Friedensdemonstrationen der letzten Jahren immer wieder als „Kriegsverbrecher“ und „Terrorist“ beschimpft wurde.
Dass selbst innerhalb europäischer Führungskreise diese Sentiments zunehmen, ist nicht, wie vielfach vermutet wird, einem Aufflammen des Antisemitismus geschuldet, sondern eher der Desillusionierung mit dem eigenen „Projekt des Westens“ sowie einer tiefen politischen Verunsicherung. Die Bereitschaft Israels, seine Interessen gegen die Hamas militärisch durchzusetzen und nicht auf „Verhandlungen mit Terroristen“ zu setzen, stellt die Rolle der EU als ewiger Vermittler in der Krisenregion infrage und setzt die Führer Europas unter den als unangenehm empfundenen Druck, klar Position zu beziehen. Dieses Unwohlsein spiegelt sich auch in den Friedensdemonstrationen wider, deren Appelle nicht über ein hilfloses „Stoppt den Krieg in Gaza!“ hinausgehen.
Dennoch – und das ist wohl neben dem impliziten Schulterschluss mit islamistischen und antisemitischen Gruppierungen der problematischste Aspekt dieser unpolitischen Demonstrationskultur – ist die Forderung nach dem Ende des Krieges nicht mit einer Forderung nach Selbstbestimmung der Völker in der Region gleichzusetzen. Denn tatsächlich ist der Adressat des Appells „Stoppt den Krieg!“ die internationale Staatengemeinschaft. Dabei war es gerade die Internationalisierung des Nahostkonflikts, die in den letzten Jahren die Entwicklung friedlicher Lösungen immer unwahrscheinlicher hatte werden lassen. Die 2003 beschlossene „Roadmap for Peace“ war nicht das Resultat israelisch-palästinensischer Friedensbemühungen, sondern wurde von den USA, der EU, der UN von Russland – mithin also von allen Staaten der Erde – ausgehandelt. Die Vorstellung, dass die Menschen in den Palästinensergebieten und in Israel evtl. eigene und gemeinsame Interessen entwickeln könnten, spielte hierbei keine Rolle. Stattdessen steht die hermetische Trennung der Bevölkerungsgruppen auf dem Plan, was u.a. zu der absurden Situation führte, dass der Gazastreifen – ein 40 Kilometer langer und zwischen 6 und 14 Kilometer breiter, dicht bevölkerter Wüstenstreifen ohne nennenswerte Industrie – zu einer quasi-staatlichen Entität aufgewertet wurde. Davon auszugehen, dies sei eine tragbare Basis für ein friedliches Nebeneinander, ist ebenso unrealistisch wie die Vorstellung, ein noch weitergehendes Eingreifen des Westens könnte Frieden in der Region schaffen.
Es ist zwar menschlich, spontan Solidarität mit den Opfern von Kriegen zu fühlen. Dennoch reicht dieses Gefühl nicht aus, um hieraus eine politische Haltung zu entwickeln, die dem Ziel – dem selbstbestimmten friedlichen Zusammenleben der Menschen in der Region – zuträglich wäre. Dies ist der Grund dafür, warum ich mich weder Demonstrationen, auf denen das militärische Vorgehen Israels als legitimer „Krieg gegen den Terror“ verteidigt wird, noch Friedensappellen, die den Westen auffordern, die Krise in Nahost zu „lösen“, anschließe.
- Mick Hume: „Deutschlands neue Rolle im Nahostkonflikt“ in: Novo94 (05 – 06 2008)
- Brendan O’Neill: „Ist Osama ein Umweltschützer?“ in: Novo93 (03 – 04 2008)
- Brendan O’Neill: „Gaza in der Falle des Friedensprozesses“ in: Novo90 (09 – 10 2007)
- Sabine Reul: „Deutschland und die Weltpolitik“ in: Novo84 (09 – 10 2006)
- Brendan O’Neill / Sabine Reul: „Deutschland und die Weltpolitik“ in: Novo84 (09 – 10 2006)
- Brendan O’Neill: „Osama bin Laden: mehr Medienstar als Gotteskrieger“ in: Novo80 (01 – 02 2006)
13.01.2009 | Permanenter Link |
Kategorie(n): Politik und Demokratie
Welche Alternative hat Israel denn zur Abtrennung des Paläsinensergebietes ?
Davon abgesehen haben die Eliten der Palästinenser von der ‘internationalen Gemeinschaft’ -also von uns- reichlich Geld bekommen und sie hätten durchaus zeigen können, was sie damit erreichen können ... Oops, genau das haben sie ja getan !
Sage jetzt keiner, die ungünstige Gegend würde kein besseres Leben für die Bewohner erlauben. Isreal beweist das Gegenteil.
Ich vermute, dass hierin der tiefere psychologische Grund für die Entfremdung der europäischen Eliten von Israel liegt. Hierzulande kann man sich Denk- und andere Faulheit leisten (man tut es jedenfalls) , während Israel nun mal Seite an Seite mit Leuten lebt, die es vernichten wollen.
Die Israelis müssen also immer wieder harte Entscheidungen treffen und an die Nowendigkeit von Entscheidungen und Entschlossenheit wird man hierzulande nicht gerne erinnert.




Wer sich nur ein bisschen in der Situation in Israel auskennt, der weiß, dass Anfang 90er, d.h. VOR dem Beginn des unseligen “Oslo- Prozesses” das politische Problem Palästinas zwar nicht gelöst war, die persönlchen Verbindungen zwischen Israelis und Palästinensern jedoch ganz gut waren. Nicht nur arbeiteten Zehntausenden Palästinenser in israelischen Kleinbetrieben, von denen sie gutes Geld nach Hause brachten, sondern sie waren oft mit den Inhabern dieser Betriebe persönlich befreundet. An den zahlreichen privaten Videos, die damals israelische Bauern zu ihren Familienfeiertagen gedreht haben (Geburtstage, Bar-Mizwa usw.), sieht man heute mit Erstaunen palästinensische Arbeiter zusammen mit Juden singend und tanzend. Dass ein israelischer Chef seine arabischen Arbeiter zum Feiertag gar nicht einlädt, war damals undenkbar.
Dennoch erhält man für das gemeinsame Singen und Tanzen keinen Nobelpreis! Daher ergeben sich zwei völlig verschiedene Definitionen des Begriffs Friede. Während der durchschnittliche Mensch (ob Deutscher, Jude oder Araber) den Frieden negativ als Abwesenheit von Kriegshandlungen auffasst, also keine Bomben, keine Raketen, keine Panzer, kein Terror usw., versteht der berufliche Friedenskämpfer (man kann wohl sagen: Friedenskrieger) den Frieden v.a. als pompöses Treffen zweier älteren Herren, die mit ernsthaften Mienen einander Hände drücken und dann ein Papier, den sog. Friedensvertrag unterschreiben, an den sie schon am nächten Tag nicht mehr denken müssen.
Wer Orwell gelesen hat und weiß, welche Funktionen in seiner Utopie das Friedensministerium innehatte, der kann sich darüber nicht wundern.
Boris Kotchoubey
14.01.2009 14:43