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Rauchverbote & Co.: Wer hat Angst vorm Dunkelmann?

Von Johannes Richardt

„Warnung: Manche Leute behaupten alles, bloß um Zigaretten zu verkaufen.“ Dieser Hinweis findet sich unter dem Bild eines Mannes, das mit Hilfe von Fotomontagetechniken zu einer teuflischen Fratze verzerrt wurde. Der Warnhinweis richtet sich an die Teilnehmer eines Kongresses von Gesundheitsaktivisten. Der Mann auf dem Bild heißt Nick Naylor. Er ist Pressesprecher der amerikanischen Tabakindustrie. Und für viele seine Gegner scheint er tatsächlich den Leibhaftigen zu verkörpern. So zumindest kann man das in Christopher Buckleys später auch verfilmtem Roman Thank You for Smoking nachlesen – einer Satire auf den in den 90er Jahren in Washington tobenden Kampf der Tabak- gegen die Gesundheitslobby um die öffentliche Meinung in den USA. Erfrischend ist dieses Buch nicht zuletzt auch deshalb, weil es nach allen Seiten austeilt. Durch die vielen herrlich klischeehaften Überspitzungen zeigt sich, dass die auch in der Realität zu beobachtende Dämonisierung der Tabaklobby genauso verfehlt ist wie die Verklärung der Antitabakkämpfer als die „Guten“. Im Buch kochen beide Seiten nur mit Wasser.

Durch diese eigentlich relativ banale Einsicht wird das Buch – ob nun intendiert oder nicht – auch zu einem Statement gegen das aktuell so weit verbreitete Verschwörungsdenken. Buckely hält der Gesellschaft einen satirisch gebrochenen Spiegel vor. Die Geschichte karikiert das inzwischen weitverbreite Vorurteil, unsere Gesellschaft und das politische Leben funktionierten irgendwie ganz ähnlich, wie wir es aus vielen Hollywoodfilmen kennen: Nichts geschieht dort aus Zufall. Hinter den Kulissen der öffentlich wahrnehmbaren politischen Arena ziehen überaus mächtige und zumeist auch überaus böswillige Gestalten die Strippen. Und die naiven und etwas dümmlichen Bürger kriegen gar nicht mit, was eigentlich mit ihnen geschieht.

Gerade die Tabaklobby galt und gilt immer noch vielen bis weit in die berühmte Mitte der Gesellschaft hinein als Inbegriff solch einer anonymen Macht. Wahrscheinlich weiß heute jedes Kind, dass diese Dunkelmänner der Öffentlichkeit durch Manipulation irgendwie ihren Willen aufzwingen möchten und dies in der Vergangenheit – dank unser aller Gutgläubigkeit, natürlich, und trotz ständig steigender Tabaksteuern und flächendeckender Rauchverbote, Werbeverbote etc. – auch recht erfolgreich getan haben. Überall – man muss nur mal kurz googlen –,  in Zeitungsartikeln, Websites und Büchern mit Titeln wie „Das Geschäft mit dem Tod“ oder „Verneblung – Wie die Tabakindustrie die Wissenschaft kauft“ kann man über diese sehr bösen und vor allem sehr ungesunden Machenschaften lesen. Die Welt gepresst ins übersichtliche Schwarz-Weiß-Schema. Auch wer sich noch nie mit der Thematik auseinandergesetzt hat, weiß sofort, wer hier der Böse ist.

Wenn es um das Thema Rauchen geht, werden vom gegenwärtigen Konsens abweichende wissenschaftliche Meinungen, etwa zum Thema Passivrauchen, fast schon reflexartig von vielen Kommentatoren mit dem moralischen Bannspruch belegt, dass diese doch irgendwie mit der Tabaklobby unter einer Decke stecken müssten; gleiches gilt natürlich auch für Journalisten, die die gegenwärtige Verbots- und Regulierungspolitik in Frage stellen oder für Aktivisten, die sich öffentlich gegen Rauchverbote engagieren. Entweder man werde von der Lobby finanziert oder man sei deren Lügen aufgesessen, heißt es dann schnell (ganz ähnlich übrigens wie bei Personen, die sich für Atomenergie oder Gentechnik oder gegen vorherrschende Auffassungen zum Klimawandel aussprechen). Dieses Klima eines unreflektierten Generalverdachts gegenüber moralisch, warum auch immer, nicht als opportun erachteten Meinungen führt letztlich zu einer Deformierung des öffentlichen Lebens. Es geht dann nicht mehr um die unvoreingenommene Klärung wissenschaftlicher, moralischer oder politischer Differenzen. Die Öffentlichkeit verkommt zu einer Art Tribunal zur Aufdeckung böswilliger Handlungen, wenn hinter öffentlich vorgetragenen Argumenten reflexartig ein im Verborgenen liegender Hintersinn unterstellt wird, statt sich auf eine echte inhaltliche Auseinandersetzung einzulassen. Ein kurzer Blick in Diskussionsforen großer Zeitungen wie Spiegel, Süddeutsche oder Welt  zu den oben erwähnten Themen Atom, Gen, Klima und Rauchen genügt, um einen ersten Einblick in diese Form degenerierter Debattenkultur zu bekommen.

In diesem Trend zum inflationären und oft reflexartigen Gebrauch des Lobbyismusvorwurfs bei heiklen politischen Fragen zeigt sich ein Verschwörungsdenken, das statt kritischer Diskussion vor allem auf simplifizierende Vorverurteilungen im einfachsten Gut-Böse-Schema setzt. Es darf nicht mit den eher paranoid anmutenden Verschwörungstheorien im eigentlichen Sinn verwechselt werden. Solche finden sich aktuell im Internet als Dutzendwaren – man denke etwa an die von Zeitgeist-Movement oder Infokriegern gestreuten Theorien über 9/11 und eine von Superreichen und Bankern geplante Neue Weltordnung oder eher klassisch rechte Wahnphantasien von einer jüdischen Weltverschwörung, wie sie in den „Protokollen der Weisen von Zion“ herbeifabuliert werden, oder neuerdings auch von einem Komplott zur Islamisierung des Abendlandes. Was sich im Ressentiment gegen die Machenschaften der Tabaklobby oder anderen Lobbisten ausdrückt, ist etwas anderes als solche wohl doch eher randständigen Verirrungen.

Klassische Verschwörungstheorien liefern Gesamterklärungen für die missliche Lage der Menschheit samt Prognosen darüber, wie es weitergeht. Es handelt sich meistens um relativ geschlossene Weltbilder vereinzelter Spinner oder marginalisierter Sekten, die an jeder Ecke das Wirken bösartiger Mächte wittern – nicht zuletzt auch, um sich so einen Reim auf ihre eigene als ungenügend empfundene Situation zu machen. Die Vorstellung, hinter den Kulissen des sichtbaren öffentlichen Lebens würden mächtige Lobbys die Politik auf schändliche Art und Weise lenken, kommt für gewöhnlich ohne diesen allumfassenden Anspruch aus. Es geht hier oft nur um begrenzte Teilbereiche des politischen Lebens, in denen verdeckte Einflussnahme gewittert wird. Und natürlich enthält diese Idee auf gewisse Weise auch einen „wahren Kern“, da es in unserer Demokratie ja tatsächlich vielfältige Interessengruppen gibt, die um Einfluss auf die Entscheidungsfindung von Regierungen und Parlamenten streiten – nicht selten auch mit unmoralischen und illegalen Mitteln, wie jeder weiß.

Dennoch zeigt sowohl der verkürzte Fokus auf das Wirken einiger weniger Böswichte (Wo liest man etwa mal was von der milliardenschweren Arbeit der Solarlobby?) und die völlig unverhältnismäßige Machtfülle, die gerade diesen ganz bestimmten Erzgaunern heute sehr schnell zugeschrieben wird, was für eine reduzierte und deprimierende Auffassung von Politik mit diesem Verschwörungsdenken einhergeht. Die da oben stecken ja eh alle unter einer Decke, und wir können nichts dagegen tun! Tatsächlich gibt es diese Vorstellungen bis weit in die Mittelschichten hinein. Sie sind heute gesellschaftlicher Mainstream und ein Beispiel dafür, wie sehr sich Verdacht und Misstrauen inzwischen normalisiert haben, so sehr, dass Sozialwissenschaftler, wie der Brite Frank Furedi, inzwischen von einer regelrechten „Verschwörungskultur“ sprechen. [1]

Heute erscheint es sehr vielen Menschen normal und plausibel, erst einmal das Wirken versteckter Kräfte hinter subjektiv als unschön wahrgenommen Entwicklungen anzunehmen. Ob sich dieses Misstrauen nun gegen böse Industrielobbys richtet, die mich irgendwie – z.B. mit Hilfe von Zigaretten(passiv)rauch - vergiften wollen, gegen korrumpierte Eliten, die mich irgendwie ausbeuten wollen, oder gegen meinen eigenen Nachbarn, der auch irgendwie nichts Gutes gegen mich im Schilde führt, ist dabei erst mal zweitrangig. Es scheint auch nur eine Pointe unter vielen zu sein, dass sich dieses Klima des Verdachts politisch aktuell vor allem in Gesundheits- und Umwelt- bzw. Technikfragen artikuliert. Daran, dass hier die Ängste nicht ausgehen, von atomarer Verstrahlung bis zu unnatürlichen Geschmacksverstärkern, hat eine unüberschaubare Vielzahl von selbsternannten Verbraucherschutzorganisationen, Umwelt- und Gesundheits-NGOs sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil. Die Misstrauenskultur ist aber bei Weitem nicht nur auf diese Themen beschränkt. Alle Bereiche des öffentlichen Lebens und zunehmend auch des Privatlebens werden heute angezweifelt. Das geht vom Wahrheitsgehalt der TV-Nachrichten bis zu Fragen von Partnerschaft und Kindererziehung (Man denke hier nur an den enormen Erfolg unzähliger „Experten“, die den Menschen auf eine Million verschiedene Arten erklären, wie sie jede noch so selbstverständliche Alltäglichkeit zu meistern haben). Aber heute erscheint für viele kaum noch etwas alltäglich.

Dieser umfassende Vertrauensverlust, Unsicherheit und Verletzlichkeit durchdringen heute viele Bereiche unseres Lebens. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl wirtschaftlicher, politischer und moralischer Profiteure dieser Angstkultur: vom Bio-Laden um die Ecke, der von weit verbreiteten Sorgen profitiert, industriell hergestellte Lebensmittel seien „irgendwie giftig“, über Law-and-Order-Politiker, die unterschwellige Kriminalitäts- oder Terrorängste für ihre politische Agenda instrumentalisieren, bis zu den oft skurril daherkommenden Antitabakaktivsten, die ihren bigotten Gesundheitskreuzzug im gegenwärtigen Klima als gesellschaftlich nützlich aufwerten können. Auch wenn solche Leute (NovoArgumente hat dafür den Begriff „Angstindustrie“ geprägt) natürlich ein starkes Eigeninteresse daran haben, die gegenwärtige Verschwörungs- und Misstrauenskultur weiter anzuheizen (trotz subjektiv wohl meistens durchaus integerer und lauterer Absichten), sollte man nicht dem Kurzschluss erliegen, zu meinen, diese letztendlich nur mit interessengeleiteter Panikmache und Desinformation bereits hinreichend erklären zu können.

Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft viele Faktoren zu einer sehr unschönen Gemengelage verbinden, in der sich die Menschen mehr und mehr als machtlos und schutzbedürftig empfinden. Ein kulturelles Unbehagen breitet sich aus, das den Nährboden für ein verändertes Selbstverständnis der Bürger gelegt hat. Die Ursachen hierfür sind in den großen gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte zu suchen – insbesondere seit dem Ende der bipolaren Weltordnung mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die historische Phase nach dem vom US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama so bezeichneten „Ende der Geschichte“ ist gekennzeichnet vom weitestgehenden Verlust jeglicher glaubwürdiger Perspektiven für nennenswerte Wohlstandssteigerungen für breite Gesellschaftsschichten und Visionen für eine bessere Gesellschaft. Heutzutage erscheint es bereits als höchstes der Gefühle, wenigstens den allerorten beschworenen Weltuntergang, sei es nun durch den Klimawandel, Überbevölkerung, endliche Ressourcen oder was auch immer, abwenden zu können.

Immer wieder hören wir, dass wirtschaftlich die fetten Jahre schon lange vorbei sind und uns zwangsläufig Zeiten des Verzichts bevorstehen. Wohl erstmals in der Moderne ist es in unseren Breiten allgemein akzeptierter Gemeinplatz, dass es nachfolgenden Generationen schlechter gehen wird als heute. Tatsächlich herrscht auf der ökonomischen Makroebene bestenfalls Stagnation vor, für die Einzelnen berufliche Unsicherheit. Dazu kommt, dass klassische Institutionen wie Kirchen oder Gewerkschaften ihre Bindungskraft weitestgehend verloren haben und den Menschen keinen moralischen Halt mehr bieten. Auch die politischen Parteien quer durchs Farbenspektrum hindurch agieren zunehmend isoliert von der Gesellschaft und vermögen es heute nicht mehr, Konzepte und positive Visionen zu entwickeln, hinter die sich die Leute bereitwillig scharen würden. Die Vereinzelung nimmt zu, und ein Gefühl von Machtlosigkeit, Verwirrung und Zukunftsangst breitet sich aus. Alte Werte und Überzeugungen wurden nicht durch positive neue Bedeutungssysteme ersetzt. Es fällt den Menschen heute zunehmend schwer, sich noch einen Reim auf die Welt zu machen – es fehlt an Orientierung und mangels positiver ökonomischer Perspektiven und Zukunftsentwürfe von Seiten der Politik auch an einem optimistischen Selbstverständnis der Gesellschaftsmitglieder, sich selbst als aktive Gestalter ihrer Lebensumstände zu begreifen. Im Gegenteil: Heute wird den Menschen von Politikern, NGOs, Umwelt-, Verbraucher-, Tier- oder Kinderschützern immer wieder aufs Neue eingehämmert, wie destruktiv, asozial oder dekadent sie selbst, die moderne Welt oder am besten gleich unsere gesamte Spezies doch seien.

Der wachsende Einfluss der Idee, dass anonyme Mächte außerhalb unserer Kontrolle unser Leben in erheblichem Maße bestimmen würden, ist letztlich ein Ausdruck dieses gesellschaftlichen Unbehagens. Die Menschen glauben nicht mehr wirklich daran, dass sie durch politische Zusammenschlüsse im Großen oder durch autonome Entscheidungen im Kleinen ihr Leben in eine bessere und freiere Zukunft lenken können und neigen deshalb dazu, sich selbst als machtlos, verletzlich und schutzbedürftig zu empfinden. So fußt auch die erhöhte Bereitschaft nicht unerheblicher Teile der Bevölkerung, die Kontrolle über allerpersönlichste Bereiche der eigenen Lebensführung der Leitung und dem Urteil anderer zu überlassen – insbesondere da, wo man sich selbst besonders unsicher fühlt, also z.B. bei Gesundheitsfragen –, auf dem gleichen negativen Menschen- und Weltbild, das auch die Ausbreitung des Verschwörungsdenkens bedingt hat. Wenn man glaubt, sich selbst und seinen Mitmenschen nicht mehr richtig trauen zu können, sehnt man sich nach Sicherheit und einfachen Antworten.

Am Beispiel der Rauchverbote wird das deutlich. Neben einer weit verbreiteten passiven Duldung gibt es auch eine große Bereitschaft in der Bevölkerung, sich tatsächlich von Seiten des Staates vorschreiben zu lassen, wie man sich richtig zu verhalten habe. Dies zeigt z.B. der Erfolg des Volksbegehrens für „Für echten Nichtraucherschutz“ in Bayern oder das weitgehende Fehlen von Protest gegen die bundesweit immer rigoroser werdenden „Nichtraucherschutzgesetze“. Eine Politik, die den Bürgern pauschal selbst in banalsten Bereichen der alltäglichen Lebensführung, wie etwa bei der Frage, wann und wo man sich eine Zigaretten anzünden sollte, Weisungsbedürftigkeit unterstellt und ihnen die Fähigkeit abspricht, als gesellschaftliche Akteure auch ohne staatliche Zwangsandrohung zu einvernehmlichen Kompromissen zu gelangen, kann eben tatsächlich nur dann ohne nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden, wenn sie auf verunsicherte Bürger trifft, die den negativen Prämissen einer solchen Politik aufgeschlossen gegenüberstehen.

Die heutige Politik und die Nutznießer der Angstkultur können auf ein pessimistisches Selbstbildnis der Gesellschaft zurückgreifen und es in Gesetze, Verwaltungsakte, Aktionspläne und „Aufklärungskampagnen“ gießen, um sich dann als große Kümmerer aufzuspielen. Dahinter steht kein böswilliger Plan zum Ausbau eines autoritären Polizei- und Überwachungsstaats – selbst wenn die Effekte dieser Politik am Ende auch autoritäre Züge aufweisen sollten. Letztlich ist diese Politik sogar wiederum selbst ein Ausdruck der Schwäche und Orientierungslosigkeit der politischen Eliten, ein Ausdruck des schmerzlichen Mangels tatsächlicher Politik. Das oben beschriebene Unbehagen macht nämlich auch vor Politikern nicht halt – sie teilen das negative Menschenbild mit dem Rest der Gesellschaft. Die Parteien haben es schon lange aufgegeben, die Bürger zu neuen Ufern führen zu wollen. Es herrscht ein technokratischer Politikstil vor, der ganz auf das kleinteilige Management „alternativloser“ Sachzwänge setzt. Die traurige Vorstellung des Menschen als bedürftig, vereinzelt und unmündig dient hier als Grundlage politischen Handelns und rechtfertigt Interventionen in immer weitere vormals als persönlich oder privat erachteter Lebensbereiche.

So erleben wir aktuell eine nie dagewesene Politisierung des Privaten. Die zunehmenden Interventionen und das Hineinregieren in höchstpersönliche Fragen der eigenen Lebensführung – sei es nun auf dem Feld der Gesundheits-, der Familien- oder der Bildungspolitik – lassen die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft zunehmend verschwimmen. Dieses moderne Mikromangement nimmt immer mehr Züge obrigkeitsstaatlicher Menschenverwaltung an. Es gibt kaum noch Bereiche in der Gesellschaft, wo Menschen „staatsfern“ ohne den Einfluss irgendeiner Institution, salopp formuliert, einfach ihr eigenes Ding machen können.

Bedauerlicherweise findet man auch auf einigen Blogs und kritischen Websites zu Rauchverboten oder gegen die Regulierung von Ess-, Trink- oder Erziehungsgewohnheiten Stimmen, die genau dieses negative Menschen- und Weltbild, das die Grundlage der heutigen Verbotskultur ist, mit allzu einfachem Verschwörungsdenken weiter anfeuern. Die Pharma- oder Gesundheitslobby, oft im Verbund mit Organisationen wie der WHO (World Health Organisation) und weiteren zweifelhaften „neo-puritanischen“ oder „sanitaristischen“ Organisationen wird dann zu einem ähnlichen einfachen Feindbild aufgebaut, wie es die Tabaklobby bei den Befürwortern von Rauchverboten und Tabakprohibition ist. Letztlich trage der dunkle Einfluss dieses „medizinindustriellen-Komplexes“ die alleinige Schuld (oder zumindest einen erheblichen Teil) daran, dass Raucher heutzutage unter diesem diskriminierenden und ausgrenzenden Klima zu leiden haben. Der reichlich enge Fokus vieler Kommentare und Blogbeiträge auf die Machenschaften der „Gesundheitsfaschisten“ oder der „Anti-Tabak-Taliban“ scheint diese Deutung zumindest nahezulegen. 

Es soll hier nicht darum gehen, Aufklärungsarbeit über das mit Sicherheit auch kritikwürdige Handeln mächtiger Interessengruppen in Frage zu stellen – die Pharmaindustrie muss sich hier natürlich ebenso kritische Fragen gefallen lassen, wie etwa die Tabak- oder Autoindustrie. Wenn aber die Trennlinie zwischen legitimen Enthüllungen über tatsächliche Manipulationen und der simplen Vorannahme, die Welt durch das Prisma eines Geheimplans verstehen zu können, zu verschwimmen beginnt, besteht die Gefahr, dass man unter anderen Vorzeichen das gleiche Spiel betreibt, das die eigenen Gegner so virtuos zu spielen vermögen. Statt auf kritische Analyse der Gesellschaft und öffentlichen Kampf der Argumente zu setzen, hilft man mit, ebenjenes Misstrauen zu beschwören, das die zunehmend freiheitsfeindliche Atmosphäre im Lande und die Regulierung immer weiterer Lebensbereiche ermöglicht.

Gesundheitslobbyorganisationen wie die WHO können noch so viele Aktionspläne für die „Denormalisierung“ des Tabakrauchens auf den Weg bringen, mit Millionenkampagnen dafür werben und Politiker zu Kongressen in teure Luxushotels einladen. Alle ihre Maßnahmen vermögen es nicht, aus Menschen Marionetten zu machen, die dann auch nach ihren Plänen handeln. Menschen handeln aus sich selbst heraus, nicht zuletzt weil sie selbst bestimmte Dinge einfach richtig oder falsch finden. Deshalb kann es nur darum gehen zu erklären und Überzeugungsarbeit zu leisten, wieso der große Trend zur Regulierung immer weiterer Bereiche der persönlichen Lebensführung, der ja von so vielen Menschen so unkritisch hingenommen wird, falsch ist und nicht im allgemeinen Interesse liegt.

Man bekämpft die gegenwärtige Regulierungspolitik nicht, indem man sich der gleichen Angst- und Misstrauensmechanismen bedient, die die Verbots- und Regulierungsbefürworter im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima so erfolgreich agieren lassen, sondern indem man dem Misstrauen zukunftsweisende Ideale und ein positives Menschenbild entgegensetzt und den Menschen begriffliches Werkzeug in die Hand gibt, das ihnen hilft, die Dinge zu verstehen, wie sie sind, und so selbst Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Es geht also vor allem darum, neben dem gesellschaftlichen Verständnis der Situation für eine starke Idee von Freiheit und individueller Autonomie zu streiten: Menschen sind moralische Wesen, die fähig sind, ihre eigenen Belange und ihr solidarisches Zusammenleben mit anderen ohne Anleitung von Oben selbst in die Hand zu nehmen.

Mit anderen Worten: Erwachsene Menschen sind viel mehr als leicht zu manipulierende Opfer böser Lobbys – egal ob nun der Tabak-, Solar- oder Gesundheitslobby. Jeder von uns ist mit Vernunftbegabung, Urteilskraft und Verständnisfähigkeit begabt. Das Verschwörungsdenken und die aktuelle Regulierungsdiskussion verneinen gleichermaßen diese grundlegenden Eigenschaften des Menschseins. Sie stehen für ein fatalistisches Menschenbild, das den Menschen die Kontrolle über ihre Handlungen abspricht und sie so zu Opfern anonymer Mächte degradiert. Statt auf die gleichen allzu einfachen Schuldzuweisungen der Regulierungsbefürworter zu setzen und somit das gegenwärtige Klima von umfassendem Misstrauen und Verdacht weiter zu befeuern, sollten Menschen, die an mehr gesellschaftlichen Freiräumen interessiert sind, dafür eintreten, dass die Regulierungsfrage als das erkannt wird, was sie ist: eine Freiheitsfrage, die jeden etwas angeht und letztlich etwas sehr Grundlegendes über unser eigenes Selbstverständnis als Menschen aussagt.

Johannes Richardt ist CvD Online von NovoArgumente.

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Sabine Reul: Der hypertrophe Bemutterungsstaat

Anmerkungen

1Frank Furedi: „Die Politik des Geheimplans“ in: Novo110/111 (1–4 2011), S. 82–85.

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Mehr zum Thema im Novo-Dossier „Rauchverbot“

16.12.2011 | Permanenter Link |

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Vereinfachung ist die subtilste Form der Lüge.

Doch Leonardo da Vinci, das letzte Universalgenie, ist schon 500 Jahre tot. Wenn sich jemand also zu einem Thema, in das er sich nicht selbst mit viel Aufwand eingearbeitet hat, eine Meinung bilden will oder muss, ist der auf Spezialisten angewiesen. Ob nun Politiker, Presse oder einfach nur der mündige Bürger: alle sind in einer immer komplexer werdenden Welt auf die Einschätzung anderer angewiesen. Daraus erwächst diesen Spezialisten eine ungeheure Macht. Ob nun Rauchverbote, Finanzkrise, unser Umgang mit Technologie oder einfach nur unserer Ernährung; sollen hier politische Entscheidungen fallen, werden Fachleute herangezogen, die dann letztendlich-ohne jeder demokratischen Legitimation- die Richtung vorgeben. Auch eine stärkere Beteiligung des Volkes zum Beispiel durch Abstimmungen würde hier nichts helfen, denn auch die Meinungsbildung der Massen beruht letztendlich auf dem Urteil der gleichen Meinungsmacher. Schlimmer noch, kann man in Ministerien zumindest noch von einer rudimentären eigenen und kritischen hinterfragenden Fachkompetenz ausgehen, erodiert diese zunehmend in den Massenmedien, die maßgeblich zur Meinungsbildung im Volke beitragen.

Interessenvertretungen haben das Gestaltungspotenzial, das sich aus Fachwissen ergibt längst erkannt. Neben der Beeinflussung der Presse geht das im politischen Betrieb mittlerweile soweit, dass komplette Gesetzestexte von Lobbyorganisationen geschrieben werden. Dies beschränkt sich nicht auf akkreditierte Verbände in Berlin. Längst hat auch die universitäre Forschung ihre Unabhängigkeit verloren. Als besonders negatives Beispiel ist hier das Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle der WHO zu nennen, das zwar an einer Universität angesiedelt ist und von Staatsgeldern bezahlt wird, sich aber in keiner Weise der Wissenschaft sondern ausschließlich im Kampf gegen den Tabak verpflichtet fühlt.

In einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft ist jedoch eine unabhängige, nicht Interessen geleitete und nur rational wissenschaftlichen Methoden verpflichtete Beratung und Information von Politik und Öffentlichkeit extrem wichtig. In grundsätzlichen Wirtschaftsfragen leistet sich unser Staat mit dem Sachverständigenrat (der zu mindestens diesen Anspruch hat) ein solches Gremium. Ähnliche Ansätze im Gesundheitswesen wie zum Beispiel ein Arzneimittelinstitut werden von den Lobbyorganisationen bis aufs Blut bekämpft.

Natürlich können sich auch unabhängige wissenschaftliche Organisationen irren. Doch durch klare wissenschaftliche Kriterien wäre der Angstindustrie die Grundlage entzogen. Als eines der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt sollten wir uns das leisten. Dann gäbe es auch keine alternativlosen Entscheidungen mehr und die Politik könnte sich endlich mit den wirklichen Problemen beschäftigen.

Daniel Schaaf
16.12.2011  17:42

Wunderbarer Beitrag, der aufzeigt, wie sich Verschwörungstheoretiker innerhalb des gleichen Weltbildes wie Antiraucher bewegen. Der Unterschied liegt nur darin, dass die einen einzelne “Spinner” bleiben, die anderen jedoch staatliche Gelder erhalten.

Stephanie
17.12.2011  10:24

Ich bin jetzt 66 Jahre alt - bis zu meinem 65. habe ich nicht geraucht - jetzt habe ich angefangen - ich bin es leid dass Politiker immer mehr meine persoenliche Freiheit beschneiden.

Werner
17.12.2011  23:51

Die stagnazion und perspektivenlosigkeit könnten ein faktor sein für die entstehung der angstepidemie und dann der angstindustrie, andererseits ist sie ja nicht universell wie man oft versucht wär, zu glauben. Die angst- und verbotskultur erwischt auch die BRIC- und andere schwellenländer, die gerade nicht von dieser stagnazion und perspektivenlosigkeit geplagt werden. Zumindest in Brasilien ist die verbotitis stark verbreitet, das rauchen z.b. is nicht nur innen sondern auch draussen verboten, also in straszencafés, usw. Dort ist wiederum ein anderer faktor wichtig fyr die popularität von verboten – die evangelikalen, die inzwischen fast 30% der bevölkerung ausmachen. Sie sind bei verboten und einschränkungen von genussmitteln sofort dabei. Und evangelikalen wählen evangelikalischen politiker.

Unser allgemeinwissen is ein flickwerk aus vorurteilen. Eigentlich könnte man sagen, es heisst “allgemein” weil die allgemeinheit daran glaubt, oder man zumindest glaubt, das die allgemeinheit daran glaubt (oder es “weiss”, wie man sagen wyrde, wenigstens solange man ebenfalls daran glaubt). Klar, auch militante raucher (damit mein ich auch nichtraucher, die fyr raucherrechte kämpfen) können vieles glauben, z.b. das die pharmaindustrie der bösewicht in der geschichte is, da teilt ma nich den glauben mit der mehrheit der gesellschaft sondern mit der mehrheit der militanten raucher. Egal ob wahr oder nich: informazionen die man aufnimmt, ohne sie zu yberpryfen, sind vorurteile.

Wenn ich in der zeitung von a studie lese, die besagt, himbeeren verursachen inkontinenz, dann werd ich keine neue studie organisieren um den wahrheitsgehalt der ersten studie zu yberpryfen – dazu hab ich kein geld, keine zeit und keine lust – sondern davon ausgehen, das die wissenschaftler schon wissen werden was sie da gemacht ham - es wird schon stimmen. Klar, wenn ma sich für das tema interessiert, kann ma die innere logik der studie pryfen, auch ob a gewisse befangenheit bei den wissenshaftlern vorhanden war, ob es versteckte confounders gab, die die statistik gefälscht haben könnten, ob es sonstige studien dazu gibt, welche interessen dahinter stecken könnten (wer weiss war die studie fon der erdbeerindustrie finanziert??). Aber ob die grosze masse der menschheit zu so eim eigenstendigen denken fehig is, hm, da bin ich eer pessimistisch. Es wer jedenfalls ein groszer schritt in der ewoluzion. Nur, ich glaube da hilft auch kein rauchen…

Zé do Rock
19.12.2011  20:46

Sehr schöner Artikel, dem ich recht weitgehend zustimme. Eine Facette der Angelegenheit fehlte mir aber:

Was zum Teufel treibt Politiker auf der ganzen Welt eigentlich dazu, sich so sehr für Rauchverbote zu engagieren, die immer radikaler werden? Es entzieht sich doch jedem rationalen Verständnis, wenn, nur als Beispiel, Länder wie Spanien und Griechenland mitten in nie dagewesenen Wirtschaftskrisen zusätzlich noch ihre alten Rauchverbotsregelungen durch neue, besonders strenge ersetzen, wie im Herbst 2010 und Anfang 2011 geschehen. Daß das als Reaktion auf ein besonderes Bedürfnis, das von der Bevölkerung artikuliert worden wäre, geschehen ist, könnte wohl niemand behaupten. Ich glaube auch nicht an große Weltverschwörungen, jedenfalls nicht solche, die funktionieren, aber in diesem Fall sehe ich mich außerstande, mich mit der Erklärung zufriedenzugeben, daß das halt das Ergebnis eines aus Unsicherheit und diffusen Ängsten resultierenden Kontrollbedürfnisses der Bevölkerung selbst gewesen sei.

Das ist ja gerade das Eigenartige: Die meisten Leute haben doch ganz andere Sorgen. Eine Mehrheit interessiert das Thema Rauchverbote gar nicht. Es gibt aus dieser Richtung nirgends irgendwelchen Druck, Rauchverbote einzuführen oder deren Verschärfung vorzunehmen, wie es nun wieder in NRW geplant ist. Der Druck kommt ausschließlich von Organisationen und Gruppierungen, die sich speziell diesem Ziel verschrieben haben, nämlich die Regierung eines Landes zu Rauchverboten zu bewegen, von Personen und Institutionen aus dem Gesundheitsbereich und von Politikern, die in diesem Umfeld agieren.

Sind sie dann einmal eingeführt, die Rauchverbote, haben aber die meisten Leute immer noch ganz andere Sorgen. Wer nicht gerade selbst raucht oder ein Lokal zu führen hat oder als Nichtraucher feststellt, daß er in Gefahr ist, seinen vertrauten Kreis beim Lokalbesuch zu verlieren, den interessiert das Rauchverbot, wenn es erst einmal besteht, immer noch nicht. Auch der bayerische Volksentscheid hat letztlich auf beiden Seiten nur recht weniger zur Abstimmung motiviert. Das vergleiche man mal mit Stuttgart 21 - die um zehn Prozentpunkte höhere Abstimmungsbeteiligung im Vergleich zum bayerischen Volksentscheid kam letzten Endes ja durch relativ wenige Wahlkreise zustande, in denen das Interesse SEHR hoch war. Andernfalls wäre die Beteiligung vermutlich ähnlich wie in Bayern ausgefallen.

Ich bin kein Freund der Verschwörungstheorien, die sich um Rauchverbote so ranken, aber die gruppendynamischen Prozesse alleine, die hier selbstverständlich eine Rolle spielen, erklären nun einmal nicht, wie es jeweils zu den politischen Anstößen zu Rauchverboten in einem bestimmten Land gekommen ist. Hier hat der Autor eine wichtige Frage offen gelassen. Warum eigentlich?

xila
22.12.2011  19:55

In seinem Artikel, der viele zutreffende Einsichten enthält, wirft Johannes Richardt Teilen der Antiprohibitionsbewegung ein Verschwörungsdenken und schlichte Schuldzuweisungen vor, die allgemeinem Pessimismus und verbreiteter Apathie Vorschub leisten würden. Er setzt manche Argumentationen sogar gleich denen mit denen der Prohibitionisten.

Diese Perspektive birgt die Gefahr in sich, die Grenze zwischen Vernebelung und Aufklärung aufzuweichen. Aktivisten und Intellektuelle, die sich gegen Lifestyle-Prohibition engagieren, beschäftigen sich mit der Aufdeckung von Manipulationsmechanismen, sie entblößen pseudo-wissenschaftliche Lügen (Paradebeispiel „Passivrauch“) und entlarven Interessengeflechte und Finanzströme (etwa bei der WHO). Sofern dies korrekt auf der Grundlage von Fakten geschieht, trägt es wesentlich zum Erkenntnisfortschritt und kritischem Denken bei, gerade weil die Mainstream-Medien viele Zusammenhänge einfach ignorieren.

Wer Novo liest, hat schon lange gemerkt, dass bei vielen Themen die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen, und bei genauer Betrachtung gängige Vorurteile und modische Positionen an Glaubwürdigkeit und Strahlkraft verlieren. Richardt spricht selbst Klimawandel, „Ernergiewende“ und Gentechnik als Beispiele an. Wenn in Novo Grafiken und Listen zur Solarlobby, zur EU-Finanzierung von Öko-Verbänden u.ä. erscheinen, liegt das nicht an einem Verfolgungswahn, sondern bedeutet die konsequente Aufarbeitung von Tatsachen und Informationen, die so manche Betroffene lieber unter der Decke sähen. Nichts anderes geschieht durch Autoren, die die Rolle der WHO als Spinne im Netz des Sanitarismus (der Ideologie von der Unterdrückung im Namen der Gesundheit) beschreiben und analysieren. Und dabei die Interessen der Pharmaindustrie nicht unerwähnt lassen. (Ganz aktuell tobt gerade der Kampf der Tabakfeinde gegen die sog. E-Zigarette, der ohne die Pharmafinanzierung der Tabakkontrolle weniger nachvollziehbar wäre – es geht nicht zuletzt um die Bekämpfung eines missliebigen Konkurrenzprodukts.)
Von Verschwörungen anonymer Dunkelmänner kann hier überhaupt keine Rede sein, schließlich beruhen entsprechende Einsichten nicht auf wirrer Spekulation, sondern im Wesentlichen auf öffentlich zugänglichen Dokumenten, Artikeln, Protokollen, Reden, Interviews. Von Menschen, die Namen und Gesichter tragen.
Freilich spielt bei solchen Entwicklungen stets eine Fülle von Faktoren eine Rolle, die sich „zu einer sehr unschönen Gemengelage verbinden“ (Richardt) und nicht jeder kritische Geist urteilt und argumentiert immer gleich differenziert und vollständig. Dennoch erscheint es sinnvoll, Ross und Reiter zu nennen, deutlich zu machen, wer hinter Regulierungen steckt. Jedenfalls sinnvoller, als nur über einen vagen Zeitgeist der Regulierung zu lamentieren. Eine allgemeine Bevormundungswelle zu beklagen führt eher ins Schulterzucken oder in den Fatalismus als ein klares Bild davon zu zeichnen, wo der ‚Feind‘ steht. Geld, Macht und Ansehen gezielt auf dem Rücken anderer, zu Lasten persönlicher und wissenschaftlicher Freiheit zu erwerben, kann nicht als gutwilliges Tun bezeichnet werden, auch nicht bei Politikern, die aus Desorientierung oder Hilflosigkeit dieses Spiel mitspielen. Sicherlich hat die Antiprohibitionsbewegung ein Feindbild – ist das so schlimm in einer Zeit, in der die politische Eliten nicht mehr wissen, wofür sie eintreten und vielen der Kompass abhanden gekommen ist? Hier bietet der Einsatz für Freiheit des Lebensstils Orientierung.

Gesundes Misstrauen gegenüber den Mächtigen ist eine demokratische und freiheitliche Tugend, die gerade auch Novo dankenswerterweise wachhält, als eine von zwei Seiten einer Medaille. Die andere ist das Vertrauen in die Menschen, ihre Dinge selbst regeln und ihr Leben selbst am besten gestalten zu können. Und doch wurden und werden Menschen stets von autoritären Kräften manipuliert, genau das nicht zu glauben. Das eigenständige Denken der großen Masse der Menschheit, um die Formulierung von Zé do Rock aufzugreifen, liegt manchmal verschüttet. Es immer wieder freizulegen, bleibt politische und publizistische Aufgabe, hier und überall.

Christoph Lövenich
22.12.2011  23:22

„Jeder von uns ist mit Vernunft, Urteilskraft und Verständnisfähigkeit begabt“, konstatiert Johannes Richardt mit sympathischem Optimismus, den ich gerne teilen möchte. Wenn aber diese Aussage eine allgemein gültige Beschreibung wäre, dann hätte Richardt grosse Teile seines Artikels überhaupt nicht schreiben brauchen. Wer einer Verschwörungstheorie – in strengen Sinn des Wortes – anhängt, dem fehlt es offenkundig an Vernunft, Urteilskraft und Verständnisfähigkeit. Dass jeder damit begabt wäre, ist also leider keine Tatsache, sondern allein ein Desiderat. Vernünftige Menschen müssen dieses Wunschbild natürlich pflegen, aber sie dürfen nicht verzweifeln, wenn es sich allzu häufig nicht erfüllt. „Dummheit ist der Mangel an Urteilskraft, und einem solchen Gebrechen ist nicht abzuhelfen“, hat Immanuel Kant gesagt, und Friedrich Schiller sekundiert: „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“.

Auf einem anderen Blatt aber steht, dass bestimmte Gruppen und Institutionen oft alles daran setzen, mit undurchsichtigen Praktiken ihre partikulären Vorstellungen und Interessen hinter dem Rücken demokratischer Willensbildung wirksam zu machen. Da gibt es die formellen Lobbykader, die ihre Standpunkte mehr oder weniger offen vertreten und teilweise sogar politisch akkreditiert sind, und da gibt es ausserdem informelle Verbindungen, die schon durch exklusive Mitgliedschaft und mehr oder minder begrenzte Publizität Misstrauen wecken.

Der Kampf um den Tabak ist ein Musterbeispiel für den Krieg verschiedener Lobbies. Eine Gesundheitslobby hat diesen „Kreuzzug“ – wörtlich unter dieser Bezeichnung! – begonnen, und die Lobby der Zigarettenindustrie hat sich lange Zeit mit allen Mitteln dagegen gewehrt. Die Aktivitäten dieser Lobbies sind hinreichend belegt, und wenn man dies feststellt, hat das überhaupt nichts mit irrationaler Verschwörungsrhetorik zu tun.

Ich wiederhole ein Beispiel: Schon 1975 hat eine Konferenz der Weltgesundheitsorganisation den Schlachtplan für die Tabakbekämpfung („tobacco control“) beschlossen, und alles, was man damals konzipiert hatte, ist inzwischen mit allen möglichen mehr oder weniger redlichen Mitteln weltweit durchgesetzt worden – auch die fragwürdige Behauptung vom Passivrauchen, die vor 35 Jahren wissenschaftlich noch gar nicht untersucht worden war, heute aber, obwohl in der Fachwelt nach wie vor umstritten, von unzähligen Menschen für bare Münze genommen wird. Wo findet man bei solchem Publikum Vernunft, Urteilskraft und Verständnisfähigkeit?

Was mit einem Komplott Weniger begonnen hat, ist, ganz wie beabsichtigt und gesteuert, inzwischen zu einer verbreiteten Strömung geworden. Starke gesellschaftliche Kräfte wie die überbordende Gesundheitsideologie, die „förderlichen Zuwendungen“ der Pharmaindustrie (auch das belegbar und keine Verschwörungstheorie!) sowie manche opportunistischen Trittbrettfahrer in Politik und Wirtschaft, nicht zuletzt die demokratieferne Bürokratie der Europäischen Union, haben das ihre dazu getan. Im Endeffekt hat schliesslich die Gesundheitslobby die Tabaklobby besiegt, und die zwei Milliarden rauchender Menschen, die wirklich Betroffenen, die keine eigene Lobby zustandebringen konnten, sind Opfer dieser Machenschaften geworden.

Aber auch zu den informellen Verbindungen kann ich eine Andeutung nicht unterdrücken. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass eine tausendköpfige Hydra von „sehr wichtigen Personen“ das Weltgeschehen stärker beeinflusst, als es den Demokratietheoretikern lieb wäre. Was soll man von Debattierrunden wie dem „Club of Rome“, dem „Weltwirtschaftsforum Davos“ oder den „Bilderberg-Konferenzen“ halten, wo sich immer wieder handverlesene Koryphäen aus Politik, Industrie und Finanzwelt in elitärer Abgeschlossenheit zusammentun, um über die Zukunft der Menschheit zu beraten? Wie steht es um die Ausspracherunden, zu denen gewisse Wirtschafts- und Politikberater regelmässig ein paar Dutzend einflussreicher Persönlichkeiten zu zwanglosem Meinungsaustausch einladen? Was geht hinter den Kulissen all jener Festveranstaltungen, Preisverleihungen und Ballereignisse vor, wo die Machteliten zwanglos im Foyer miteinander plaudern? Was wird da verhandelt, wie werden da „herrschende Meinungen“ erzeugt oder verstärkt, was nehmen die Teilnehmer davon mit, um es in ihrer eigenen Einflusssphäre geltend zu machen? Solche Fragen muss sich der kritische Beobachter stellen, auch wenn er nicht zu flinken Verschwörungstheorien neigt.

Aber eine kühne These sei gleichwohl gewagt. So verschieden Auffassungen und Interessen dieser „sehr wichtigen Personen“ im Einzelnen auch sonst sein mögen, gemeinsam ist ihnen das Interesse, die bestehenden Verhältnisse zu zementieren, soweit sie denen ihren herausgehobenen Status verdanken. Vielleicht erweist sich ja die immer häufiger beklagte Perspektivlosigkeit der Politik bloss als ein Reflex auf die Zukunftsbesorgnisse der Machteliten.

Günter Ropohl
23.12.2011  18:41

Herr Professor Ropohl,

ich bin eher geneigt, Schopenhauer zuzustimmen:

“Was man so die allgemeine Meinung nennt, ist, beim Lichte betrachtet, die Meinung zweier oder dreier Personen. Und davon würden wir uns überzeugen, wenn wir der Entstehungsart so einer allgemeingültigen Meinung zusehn könnten. Wir würden dann finden, daß zwei oder drei Leute es sind, die solche zuerst annahmen oder aufstellten und behaupteten, und denen man so gütig war zuzutrauen, daß sie solche recht gründlich geprüft hätten: auf das Vorurteil der hinlänglichen Fähigkeit dieser nahmen zuerst einige Andere die Meinung ebenfalls an. Diesen wiederum glaubten Viele andre, deren Trägheit ihnen anriet, lieber gleich zu glauben, als erst mühsam zu prüfen. So wuchs von Tag zu Tag die Zahl solcher trägen und leichtgläubigen Anhänger: denn hatte die Meinung erst eine gute Anzahl Stimmen für sich, so schrieben die Folgenden dies dem zu, daß sie solche nur durch die Triftigkeit ihrer Gründe hätte erlangen können. Die noch Übrigen waren jetzt genötigt gelten zu lassen, was allgemein galt, um nicht für unruhige Köpfe zu gelten, die sich gegen allgemeingültige Meinungen auflehnten, und naseweise Burschen, die klüger sein wollten als alle Welt.

Jetzt wurde die Beistimmung zur Pflicht. Nunmehr müssen die Wenigen, welche zu urteilen fähig sind, schweigen: und die da reden dürfen, sind solche, welche völlig unfähig, eine eigene Meinung und eigenes Urteil zu haben, das bloße Echo fremder Meinung sind.Jedoch sind sie um so eifrigere und unduldsamere Verteidiger derselben. Denn sie hassen am Andersdenkenden nicht sowohl die andre Meinung, zu der er sich bekennt, als die Vermessenheit, selbst urteilen zu wollen, was sie ja doch selbst nie unternehmen und im Stillen sich dessen bewußt sind. – Kurzum, Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen alle haben: was bleibt da anderes übrig, als daß sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen?”

Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik, Kunstgriff 30
http://www.rhetorik-netz.de/rhetorik/kunstgriff/index.html

Dieses von Schopenhauer ausgezeichnet beschriebene Phänomen läßt sich aber nicht durch bloßen bösen Willen und geheime Absprachen auslösen, auch wenn beides nachweisbar ist (was vermutlich fast immer der Fall ist), und der Einsatz von viel Geld noch dazu. Das zeigt sich auch dadurch, daß die nächsten Schritte auf dem Weg zur rauchfreien Welt, die durch vorgeschobene Wissenschaftlichkeit viel schwieriger zu begründen sind, zwar von der Fachwelt dennoch größtenteils unwidersprochen bleiben (man fragt sich kopfschüttelnd, wie hanebüchen das alles eigentlich NOCH werden muß, bevor sie sich endlich zu einem Widerspruch entschließen kann), aber die Schmerzgrenze dessen überschritten scheint, was man einem normalbegabten Laien gegenüber noch mit scheinbarer Wissenschaft begründen kann. Es gab gegen Rauchverbote in Innenräumen vergleichsweise wenig Widerstand, Rauchverbote im Freien scheinen aber sehr viel schwieriger durchzusetzen.

Noch interessanter wird es, weil neuerdings auch die E-Zigarette mitbekämpft wird. Was auch immer man von ihr halten mag, ihr eine gesundheitsschädliche Wirkung für anwesende Dritte analog zum Passivrauch unterzuschieben, ist fast nicht möglich, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren, was freilich eine Martina Pötschke-Langer nicht daran hindert, das dann prompt zu tun. Sie untergräbt damit auf Dauer auch ihre Glaubwürdigkeit, was ihre früheren Aussagen zum Passivrauchen betrifft, die gerade von den Dampfern, die sie jetzt angreift, bislang zum größten Teil für wahr gehalten wurden.

Ich sehe hier keine Verschwörung am Werk, so wie auch der Hexenwahn keine Verschwörung gewesen ist, sondern eher eine Art Massenpsychose. Obwohl auch bei dem Hexenwahn Auslöser und maßgebliche Schriften und deren Urheber namentlich benennbar sind sowie Macht, Ehrgeiz und Gewinnstreben an verschiedenen Stellen eine Rolle gespielt haben. Wo die Hexenjäger hinkamen, da fanden sie auch “Hexen”. Je mehr “Hexen” sie fanden, desto größer wurde die Angst. Man macht sich heute ja gar nicht mehr klar, wie sehr das Überleben damals von einer guten Ernte und gesundem Vieh abhing. Nach einer Mißernte verhungerte im darauffolgende Winter immer ein Teil der Menschen, egal ob auf dem Land oder in Städten. Die Leute hatten allen Grund, davor Angst zu haben. Und also hatten sie auch Angst vor Hexen. Wer keine Angst vor Hexen hatte, weil er das alles für Humbug hielt, tat gut daran, das nicht an die große Glocke zu hängen - schon das konnte einen ja, wenn es dumm kam, auf den Scheiterhaufen bringen.

Heute sterben die Menschen nicht mehr an Hunger, sondern an Krebs oder Herzkrankheiten. Die meisten haben vor diesen Krankheiten große Angst und möchte sich davor schützen. Sie reagieren auf diejenigen, die vorgeben, sie beschützen zu wollen, ganz ähnlich wie damals, als man glaubte, die Schuldigen an Mißernten und Viehseuchen gefunden zu haben.

Johannes Richardt hat, finde ich, ziemlich gut beschrieben, in welchem gesellschaftlichen Klima Angst vor Hexen entsteht, und wie sich die die Leute dann verhalten. Ich glaube, das Klima der Angst, das ohnehin schon da war (Angst vor Terror, Angst vor Arbeitslosigkeit und Verarmung und so weiter) war einfach der richtige Nährboden, um zusätzlich auch Angst vor Passivrauch zu schüren. Es wäre aber Unsinn, anzunehmen, daß dieses Klima der Angst eigens zu diesem Zweck geschürt worden wäre. Es bot nur eine Gelegenheit, ähnlich wie die klimatischen Veränderungen der kleinen Eiszeit des Mittelalters und die Verunsicherung durch die Kirchenspaltung für die Hexenjäger.

Das Thema Hexenwahn habe ich übrigens deshalb als Vergleich gewählt, weil es mich auch persönlich betrifft. Einer Frau aus meiner Familie wurde im Jahre 1630 der Prozeß gemacht (die Vernehmungsprotokolle liegen mir vor) und dabei (nach damaligen wissenschaftlichen Maßstäben hieb- und stichfest) nachgewiesen, daß sie ihren Nachbarn das Vieh verhext, die Ernte verhagelt und zudem mit dem Leibhaftigen Unzucht getrieben habe. Am Ende war ein Gericht angesichts der erdrückende Beweislast überzeugt davon, verantwortungsvoll zu handeln, indem sie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde.

xila
26.12.2011  19:46

Dem Rauschgift Kampf und seinen Süchtern!
Doch, bitte, auch nicht all zu nüchtern!

e.roth

e.moser
29.12.2011  14:53

Herr oder Frau Xila hat die Meinungsentwicklung mit dem Schopenhauer-Zitat vorzüglich beschrieben. Ich kannte die Stelle nicht; man sollte wirklich öfter die Klassiker lesen! Aber das schliesst ja nicht aus, dass die zwei oder drei ersten Meinungsträger genau auf das Schopenhauer-Prinzip setzen, und bei der Lüge vom Passivrauchen waren es schon am Anfang Hunderte. Meinungsmacher kennen das Prinzip, auch wenn sie Schopenhauer nicht gelesen haben.
Elisabeth Noelle-Neumann, die grosse Demoskopin, hat übrigens in ihrem Buch “Die Schweigespirale” etwas ganz Ähnliches beschrieben: wie andere Meinungen mehr und mehr verstummen, je stärker die eine Meinung von den Medien lanciert wird. (Noelle-Neumann polemisierte mit ihrer These gegen die angebliche “Linkslastigkeit” des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu ihrer Zeit; aber auch wenn der damalige Anlass das wohl nicht hergab, beachtenswert ist die Theorie allemal!) Eine Minderheitsmeinung zu vertreten, wird nämlich von den Meisten als ungemütlich empfunden, weil das dem verbreiteten Konformitätsbedürfnis widerspricht. Ein sozialpsychologischer Grund mehr, die Vernunft und Urteilsfähigkeit der Vielen nicht zu hoch einzuschätzen ....

Günter Ropohl
01.01.2012  20:30

Herr Professor Ropohl,

um die Anredeproblematik zu beseitigen: Ich bin eine Frau xila.  ;-)

Hätte die Bahn nicht die Raucherabteile abgeschafft, wäre ich bestimmt schon lange vor Weihnachten 2011 auf das Schopenhauer-Zitat gestoßen und hätte es vermutlich längst flächendeckend im Web verbreitet, denn es paßt ja wirklich haargenau. Daß ich zu selten Reiselektüre benötige, erkenne ich an dem beim besten Willen nicht mehr abzutragenden Berg ungelesener Bücher in meinen Regalen. Was lernen wir daraus? Raucherabteile in der Bahn sind unverzichtbar, um die Allgemeinbildung zu fördern.

Ich bin mit Ihnen völlig einer Meinung, was die aktiven Bestrebungen der Tabakkontrolle betrifft, eine Meinung zu erzeugen. Nur hätte das alleine nicht ausgereicht, um die Schweigespirale einsetzen zu lassen. Meiner Meinung nach war das, was da ablief, dafür viel zu komplex. Ohne eine geeignete Grundstimmung in der Bevölkerung (nämlich eine ängstliche) und ohne eine grundsätzlich bejahende Haltung der Wissenschaft, was die Ziele betrifft (nämlich nicht den Nichtraucherschutz, sondern das “Rauchen einzudämmen”) und ohne sicherlich ein Dutzend weiterer, von ihr nicht erzeugter Faktoren würden die Bemühungen der Tabakkontrolleure mehr oder weniger ins Leere laufen. Meiner Meinung nach haben die nur einen kleinen Teil dessen, was gerade geschieht, selbst unter Kontrolle. Einen viel kleineren, als es von außen wirkt, und auch einen viel kleineren, als sie selbst glauben, unter Kontrolle zu haben.

Was mich sehr beschäftigt, ist die Rolle, die die Medien dabei spielen. Daß die Hypes, die von ihnen erzeugt werden, nicht zielgerichtet erzeugt werden, konnte man meiner Meinung nach gut am verblüffenden Aufstieg der Piratenpartei erkennen. Sie wären in Berlin höchstwahrscheinlich knapper als anderswo, aber dennoch an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, hätten die Medien sie nicht “hochgeschrieben”. Aber das haben die eindeutig nicht mit Absicht gemacht. 

Ich habe mich in den Wochen vor der Berlin-Wahl im Forum von Netzwerk Rauchen zu dieser Frage ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und den Piraten einen Stimmenanteil von bis zu 10 Prozent vorausgesagt. Das einzige, was mich an ihrem tatsächlichen Ergebnis (8,9 Prozent) dann erstaunt hat, war die allgemeine und auf mich echt wirkende Verwunderung in Politik und Medien über dieses Ergebnis. Dabei hätte es doch für jeden aufmerksamen Beobachter offensichtlich sein müssen, daß das passieren würde.

Sie scheinen also nicht einschätzen zu können, welche Wirkung ihr Handeln hat.  Und das gilt auch für die Tabakkontrolleure - so blöd muß man ja erst mal sein, die E-Zigarette mit auf die Abschußliste zu setzen. Ein anständiger Verschwörer, also jemand, der auf ein konkretes Ziel hinarbeitet, hätte doch bemerkt, daß das ein kapitaler Fehler ist, denn diese Tatsache springt einen geradezu an. Auch wenn man unterstellt, daß hinter der Verdammung der E-Zigarette durch das DKFZ keine behandlungsbedürftige Paranoia steckt, die sich nunmehr auf alles erstreckt, was Zigaretten äußerlich auch nur entfernt ähnelt, sondern damit ein Wunsch der Pharmalobby erfüllt wurde, gehen Verschwörer, die die ganze Zeit gewußt haben, was sie tun und warum sie es tun und Schritt für Schritt einen bestimmten Plan abarbeiten, doch nicht auf einmal auf einem Nebenkriegsschauplatz wie blutige Anfänger vor.

Ich bin darüber hinaus der Meinung, daß der Passivrauchhype in einen übergeordneten Gesamtkomplex einer in gesellschaftlichen Ängsten wurzelnden Sicherheitshysterie hineingehört, von der DKFZ und Konsorten als Trittbrettfahrer zwar profitierten, die sie aber nicht selbst steuern können.

xila
01.01.2012  22:58

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