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Makroökonomische Alchimisten und die Grenzen der Vorhersehbarkeit

Von Gunnar Sohn

In Deutschland überschlagen sich zurzeit die Meinungsbildner beim Entwerfen wirtschaftlicher Horrorszenarien. „Je katastrophaler die Prognosen, desto beliebter sind ihre Verkünder“, kommentiert Paul Spree von der Südthüringer Zeitung (http://www.stz-online.de/homepage/index.html). Makroökonomische Alchimisten ringen um die Deutungshoheit, um unser konjunkturelles Schicksal zu verorten. Dabei verdrängen sie jegliche Selbstzweifel an der wissenschaftlichen Seriosität ihrer Zahlenspiele. „Nachdem wir alle die Geschwindigkeit und die Dramatik des wirtschaftlichen Absturzes unterschätzt und zu lange an zu optimistischen Voraussagen festgehalten haben, will man dieses Mal nicht hinter der Realität hinterherhinken. Schon allein weil die Wirtschaftsinstitute von Regierung, Politik und Medien ihrer Fehlprognosen wegen mit einer Mischung von Enttäuschung, Kritik, Vorwürfen bis hin zu Häme und Schadenfreude überschüttet wurden“, räumt Thomas Straubhaar ein, der als Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (http://www.hwwi.org) tätig ist. 

Um aus dem auch für die eigene Existenz nicht ungefährlichen Fahrwasser der Fehlprognosen herauszufinden, würden sich die Konjunkturforscher wie Banken verhalten. „Nachdem letztere Kredite zu fahrlässig und zu leichtfertig vergeben haben und für ihr Fehlverhalten in der Öffentlichkeit gnadenlos abgestraft und an den Pranger gestellt wurden, sind sie jetzt über Gebühr risikoscheu geworden und sehen sogar in der einfachen Kreditfinanzierung von gängigen Geschäftsabwicklungen für kerngesunde deutsche Mittelständler mehr Gefahren als Chancen“, so Staubhaar. Wer sich jetzt sehr pessimistisch äußere, werde kaum geprügelt werden, wenn es nicht so schlimm kommen sollte. „Das ist eine ziemlich schnoddrige Haltung. Vielleicht servieren uns die gut dotierten Wirtschaftsprognostiker Ende 2009 noch die Story, dass ihre apokalyptischen Vorhersagen für ein rasches Eingreifen der Politiker gesorgt haben und deshalb eine Rezession verhindert werden konnte“, so der Einwand von Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer IT-Beratungshauses Harvey Nash. Wenn sich herausstellen sollte, dass es für wirtschaftliche Projektionen kaum eine solide Zahlenbasis gibt, könnten die mit viel Brimborium vorgestellten Vorhersagen als staatlich alimentierte Kaffeesatzleserei entzaubert werden. „Man darf nicht vergessen, dass die Wirtschaftsprognosen nicht auf harten Fakten beruhen, sondern das Ergebnis mathematischer Modelle sind“, weiß Nadolski.

Ein Prozent nach oben oder nach unten – genauer lasse sich das Wirtschaftswachstum nicht vorhersagen, sagt Ulrich Fritsche, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin brandeins. Sein Spezialgebiet: die Bewertung von Konjunkturprognosen. Eine Wachstumsprognose von 0,5 Prozent müsste demnach eigentlich lauten: Wir gehen von einem Wachstum von minus 0,5 Prozent bis plus 1,5 Prozent aus. „Aber so etwas kann man der Öffentlichkeit schlecht verkaufen“, vermutet Fritsche. Deshalb sollten die volkswirtschaftlichen Trendgurus mehr Demut an den Tag legen und ihre wissenschaftstheoretische Fundierung selbstkritisch überprüfen, fordert der Personalexperte Nadolski: „Ein Studium der Werke von Karl Popper könnte einigen VWL-Professoren gut tun. Sie würden erkennen, dass ihre wissenschaftliche Arbeit ungefähr auf dem Niveau der Unterhaltungsbranche rangiert. Wer sich mit der Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt, ist ein Geschichtenerzähler. Um geschichtliche Ereignisse vorhersagen zu können, müsste man nach Erkenntnissen von Popper die technologische Innovation vorhersagen, die jedoch grundsätzlich nicht vorher gesagt werden könne“, erläutert Nadolski. Bei ökonomischen und sozialen Prozessen sei die Komplexität einfach zu groß, um sie genau zu berechnen.

„Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer (http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/philosophie2.php) in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“. In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne. „Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer.

Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche und unvorherbestimmte Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues. „Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer. Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten, obwohl es immer noch Stimmen gibt, die den Ökonomen eher die Rolle bescheidener Philosophen zuweisen wollen. Hohepriester sind sie jedenfalls nicht.

Gunnar Sohn ist Wirtschaftspublizist und Herausgeber des Online-Magazins NeueNachricht (http://www.ne-na.de).

02.01.2009 | Permanenter Link | http://bit.ly/avVljp

Kategorie(n): Wirtschaft und Arbeit

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Die Vergangenheit war gestern, ist heute und wird morgen auch noch sein.

Ich finde „zufällig“ der letzte Teil wurde zu stark dem „Zufall“ überlassen. Dieser Artikel folgt wie jeder einem Aufbau, in dem zufällig? mit dem dritten Absatz der Zufall verstärkt Einzug hält. Alles hat seine Geschichte und Entwicklung, so auch der Zufall, meine ich. Ist er deshalb wirklich zufällig? Mir persönlich ist es etwas zuviel „Zufall“. Der Glaube an Zufallsreihen („Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, …“, siehe Text) bedeutet doch nur, es noch nicht zu wissen, weshalb nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich darin ein Muster wieder findet. Und selbst wenn wir es dann wissen, bedeutet das wiederum noch nicht, es auch verstanden zu haben. Eine kluge Frau, deren Namen ich leider nicht parat habe, sagte einst sinngemäß: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Dem stimme ich eher zu als Herrn Professor Mainzer, was aber auch daran liegen kann, ihn und seine Ausführungen nicht zu verstehen. Nein, das war ein Spaß, ich verstehe ihn sehr wohl. Aber zufällig, so meine ich, ist das nicht. Ich werde dennoch das Buch lesen, um ihn besser nachvollziehen zu können. Augenblicklich betrachte ich nur diesen Artikel. Ich nehme jedoch mal folgenden Satz (Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen.) von ihm und ersetze durch folgendes: Wir ignorieren die zu intensive Sonneneinstrahlung (Sonnenbrand mit möglicher Option auf Hautkrebs), weil wir glauben so schön und schneller braun zu werden. Und jetzt? Es mag nach Zufall aussehen, ist es deshalb auch einer?
Hinzu kommt hier noch, dass unmittelbar aufeinander die Worte Börse und Roulette folgen. Ich glaube, ich hörte beim Schreiben der Worte Roulette und Börse zufällig Herrn A. Kostolany eine Träne vergießen. Da mag ich nur sagen, lieber die Finger weg, sonst wird es sehr heiß, die Gefahr des Verbrennens lauert.
Es ist leicht in der Form über eine Blase zu reden und zu schreiben, nachdem diese und nun sichtbar geplatzt ist, wobei ich momentan nicht konform gehe mit der getätigten Aussage des Ignorierens von Spekulationsblasen. Irgendetwas passt nicht, was ich noch nicht zu erfassen vermag. Ich jedenfalls hätte es so als Beispiel nicht genutzt. Es mag jedoch sein, dass mir noch der genaue Kontext, der zu diesem Heranziehen als Beispiel führte, fehlt. Interessanter und sinnvoller erscheinen mir doch Richtungen, die sich diesem prinzipiellen und zunehmend völlig entgleisten Superlativdenken widmen. Ich meine, die Entwicklung der letzten Jahre war ein reines Hochgebirge – Gipfel, Gipfeler, am Gipfelsten (Bildungsgipfel, Klimagipfel, Wirtschaftsgipfel, Konjunkturgipfel etc. ). Die Luft ist dünn, und da oben wird es eng. Trennen wir doch nun das Wort in Zu-Fall.
Welche Liste beim Besteigen der mächtigen Berge dieser Welt ist länger? Mir sind nur eine handvoll Menschen bekannt, die es schafften und auch noch darüber sprechen konnten. Und sicher so mancher Zu-Fall führte wohl, wenn er denn überlebt wurde, zu mehr Bescheidenheit und auch Demut. Die Torks siehe Fräulein Smillas Gespür für Schnee wird’s immer geben, und ab und an wird es dann auch gehörig knallen. Bei Smilla war trotz allem 2+2= (immer noch) 4. Und das ist gut so!

Roman
02.01.2009  19:48

Ich stimme der Kritik grundsätzlich zu. Den sozialwissenschaften sind nicht mit den “harten” Methoden der Mathematik beizukommen. Aber immerhin noch mit der Logik. Genau das tat die Gruppe von Ökonomen, die unsere derzeitige Krise sehr wohl(!) vorhergesehen hat - im Gegensatz zu den mathematischen Ökonometrikern, die in der Tat nur vergangene Zahlenreihen in die Zukunft verlängern und damit den Klimaforschern in nichts nachstehen. Zwar hantierte diese Gruppe von Ökonomen nicht mit Zahlen, wie etwa “Abschwung: minus 2 Prozent vom BIP”, aber immerhin konnten sie qualitativ(!) das Ergebnis vorhersehen. Nicht den Zeitpunkt, aber doch die trübliche Gewissheit, DASS es bald kracht…

Vgl. http://mises.org/story/3128

Und aus diesem Grunde wage ich auch eine Prognose: die Blasen kann man nämlich sehr wohl erkennen…
Okay, ich sage: Die Blase unserer Staatsanleihen wird platzen, d.h. die Investoren werden sich bald massiv aus T-Bill, griechischen und spanischen Staatsanleihen zurückziehen und vermehrt in den “Bund” einsteigen. Anschließend folgt auch dieser im Abwärtstrend. Benutze ich eine Kristallkugel? Nein. Habe ich Recht? Nicht unbedingt, ich kann mich irren (und hoffe dies auch), aber der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass aus “Nicht” nicht “Etwas” entstehen kann, sprich durch die Aufnahme von Schulden werden wir nicht reicher, wir verschieben nur den Bankrott, dessen fällige Zahlungen dann noch um den Zinseszins erhöht sein werden…

Malte
20.01.2009  16:47

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