Wir schulden der Natur nichts
Thilo Spahl über ökologische Fußabdrücke und die Tücken des Sündenerlasses.
Immer im Herbst ist es so weit. Die Presse wird von der Umweltorganisation Global Footprint Network informiert, dass ab sofort auf Pump gelebt werde, da die ökologischen Ressourcen auf der Erde für das laufende Jahr bereits verbraucht seien. 2009 war der „Tag der ökologischen Überschuldung“ der 25. September. Was ist damit gemeint? Dass wir schneller Bäume fällen, als diese nachwachsen, den Böden schneller Nährstoffe entziehen, als neue sich dort ansammeln, die Fischgründe dezimieren usw. Um diese vielfach behauptete und beklagte Übernutzung der Natur mess- und anfassbar zu machen, hat der Schweizer Mathis Wackernagel Anfang der 90er-Jahre den „ökologischen Fußabdruck“ als Maß aller Dinge erfunden. Bereits 1986, so Wackernagel, habe die ökologische Überschuldung der Menschheit begonnen. Seitdem verbrauchten wir mehr Ressourcen, als die Erde hergebe. Seitdem sei der „overshoot“ kontinuierlich gewachsen, sodass heute die Nachfrage der Menschheit nach den Ressourcen des Planeten die regenerativen Kapazitäten um rund 30 Prozent übersteige.
Der ökologische Fußabdruck soll das Maß dafür sein, wie viel biologisch(e)? produktive Land- bzw. Meeresfläche benötigt wird, um all das bereitzustellen, was ein Einzelner oder auch die ganze Menschheit verbraucht. Die Maßeinheit ist der „globale Hektar“. Das Konzept soll als zentrales Controlling-Werkzeug einer ökologisch orientierten Haushalts-, Energie- und Industriepolitik dienen. Und fast alle machen mit: Regierungen, Unternehmen, Kommunen, Schulen und Familien berechnen emsig, wie sehr sie dem Planeten zur Last fallen. Tatsächlich handelt es sich aber eher um ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit als der Steuerung. „Der Indikator ‚Ökologischer Fußabdruck‘ ist einer der erfolgreichsten Indikatoren zur Vermittlung des Konzeptes der ökologischen Nachhaltigkeit und der physischen Begrenztheit des Planeten Erde“, heißt es in einer Studie des Umweltbundesamts. (1)
Die Eignung des Indikators „ökologischer Fußabdruck“ für Kommunikations- und Bildungszwecke verdankt sich vor allem eines Kunstgriffs, mit dem Moral und Wissenschaft geschickt verknüpft werden: Es wird suggeriert, das moralische Verhalten eines Einzelnen oder einer ganzen Nation lasse sich per Fußabdruck-Rechner wissenschaftlich bestimmen. Im Internet wimmelt es von „Footprint Calculators“. Eine Google-Suche ergibt 254.000 Treffer. Ich erfahre zum Beispiel, dass zwei Google-Suchen einen ebenso großen Fußabdruck produzieren wie das Kochen einer Tasse Tee.
Zweifelhaftes Konzept
Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ist jedoch in vielerlei Hinsicht zweifelhaft. Vor allem relativiert sich die behauptete Überschuldung dadurch, dass rund die Hälfte des Abdrucks durch CO2-Emissionen zustande kommt. Diese werden in die Fläche umgerechnet, die man bräuchte, um so viele Bäume zu pflanzen, dass das gesamte CO2 wieder gebunden würde. Doch in Wirklichkeit beanspruchen wir diese Fläche nicht. Wir belassen das CO2 in der Atmosphäre. Mit anderen Worten: Es sind nicht 1,4 Planeten, die wir gegenwärtig unter dem Pflug der Zivilisation haben, sondern nur etwa zwei Drittel des Planeten.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass in sogenannten „globalen Hektar“ gemessen wird. So schlägt etwa die Menge Weizen, die im globalen Durchschnitt auf einem Hektar produziert wird, mit einem „globalen Hektar“ zu Buche. Tatsächlich kann diese Menge aber überall dort, wo Hochleistungslandwirtschaft betrieben wird, auf einer sehr viel kleineren Fläche erzeugt werden. Überhaupt ist es die statische Sicht auf Mensch und Natur, woran das Konzept in allererster Linie krankt. Es stellt einer gebenden und dienenden Natur den sich bedienenden Menschen als Konsumenten gegenüber. So spricht Wackernagel von „ökologischen Dienstleistungen“, die die Natur für uns verrichte. Das ist einerseits eine erfreulich anthropozentrische Sichtweise: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Es offenbart andererseits ein unerfreulich anthropomorphistisches Naturbild: Die Natur wird zum handelnden Subjekt vermenschlicht. Sie ist und bleibt indes Objekt. Sie leistet uns keine Dienste. Wir nutzen sie als Mittel zum Zweck. Und weil wir sie nutzen, indem wir sie gestalten, sind wir auch keine Konsumenten. Außer der Luft, die wir atmen, und ein paar Wildkräutern und Wildkaninchen, die wir essen, gibt es nicht allzu viel, was die Natur unmittelbar zu unserer Bedürfnisbefriedigung beiträgt. Der Baumstamm ruft uns nicht zu: „Bau ein Schiff aus mir!“ Ob ein Stück Natur von uns als Ressource genutzt wird, hängt nicht von der Natur ab, sondern von uns. Und weil unser Wissen und unsere Fähigkeiten permanent wachsen, schaffen wir es, aus immer weniger Natur immer mehr Wohlstand zu machen.
Ablasshandel
So richtig populär bei den Eliten konnte das Fußabdruck-Konzept durch den Ablasshandel werden, der es erlaubt, auf sehr großem Fuß zu leben und dennoch mit null zu notieren. Das beste Beispiel liefert hier wahrscheinlich Al Gore, dessen Fußstapfen dank Privatjet, Fuhrpark, Riesenvilla etc. 100 Chinesen nicht ausfüllen können. Er kann dennoch einen vorbildlichen Lebensstil für sich in Anspruch nehmen. Dies wird ihm auf der Interneteinkaufsplattform Utopia.de bescheinigt. Aus Sicht der utopischen Konsumstrategen sieht die Sache so aus: „Al Gore hat einen Privatjet, der Stromverbrauch seiner Villa ist gigantisch, er lebt auf großem Fuß, hinterlässt aber trotzdem keinen CO2-Fußabdruck, weil er als Ausgleich in den Tropen neue Bäume pflanzen lässt und nur Öko-Strom nutzt. Gore predigt nicht Konsumverzicht, sondern will mit seinem eigenen Lebensstil zeigen, dass es Spaß machen kann, die Welt zu retten.“ (2)
Wer wollte da einwenden, dass, wenn wir alle so viele Bäume pflanzen wollten wie der Oscar-Gewinner und Friedensnobelpreisträger, zwei zusätzliche Planeten wahrscheinlich nicht ausreichen würden. Das Beispiel verdeutlicht allerdings auch den feinen Unterschied zwischen dem ökologischen Fußabdruck und dem CO2-Fußabdruck. Nur der zweite lässt sich per Überweisung auf null zurücksetzen. Beim ersten zählt die Fläche des gekauften Waldes genauso wie das kalkulatorische Waldäquivalent des emittierten CO2. Der Ablasshandel ist inzwischen eine gut laufende Öko-Bauernfängerei geworden. Allerdings sollte der nicht nur ökologisch bewusste, sondern auch preisbewusste Konsument genau schauen, wo er sich Absolution erkauft. Die Preise der inzwischen Hunderte von Anbietern variieren erheblich. Ich habe es mit einem Flug von Berlin nach Sydney probiert. Der amerikanische Anbieter Carbon Clear berechnet mir 30 Euro, der britische Carbon Care 54 Euro und der deutsche Atmosfair (Schirmherr Klaus Töpfer) sage und schreibe 280 Euro. Da bleibe ich doch lieber zu Hause.
Menschenvermeidung und Öko-Sex
Der ultimative Beitrag zur Rettung des Planeten durch Fußabdruckvermeidung ist natürlich die hohe Kunst der Menschenvermeidung. Die Autorin Stefanie Iris Weiss, die sich schon mit Anleitungen für Yoga und veganes Leben für Teenager um die Menschheit verdient gemacht hat, will uns mit ihrem Öko-Sex-Ratgeber Eco-Sex: Go Green Between the Sheets and Make Your Love Life Sustainable zeigen, dass man gleichzeitig Spaß haben und ökologisch Gas geben kann. Die Ratschläge sind gähnend interessant: Blumen für den Liebsten im Garten pflücken, statt aus Kolumbien einfliegen zu lassen, Kondome aus biologisch abbaubarem Latex und handbetriebenes Sexspielzeug (ohne Batterien). Regel Nummer eins für „Ökosexuelle“ ist laut Weiss aber natürlich, „weniger oder gar keine Kinder zu bekommen“.
So sieht es auch die gemeinnützige Stiftung „Optimum Population Trust“ (OPT), die daher einen speziellen Ablasshandel anbietet. Auf der Website www.popoffsets.com kann man seinen sündigen Konsum wieder gutmachen, indem man Geld gibt, das zur Vermeidung von Menschen eingesetzt wird – laut PopOffset die effektivste Form des Sündenerlasses. OPT behauptet, für 7 Dollar durch Geburtenvermeidung eine Tonne CO2 einsparen zu können. Dagegen sehen Windkraft (24 Dollar), Solarenergie (51 Dollar), CO2-Sequestrierung (57–58 Dollar), Hybridautos (92 Dollar) und Elektroautos (131 Dollar) alt aus. Diese Art von Rechenübung bringt schnell auch Tierfreunde, die gleichzeitig den Planeten retten wollen, in arge Bedrängnis. In ihrem Buch Time to Eat the Dog?: The Real Guide to Sustainable Living berechnen die neuseeländischen Umweltschützer Robert und Brenda Vale den ökologischen Pfotenabdruck unserer tierischen Lieblinge. Das Ergebnis ist für den ökologisch korrekten Tierhalter ein harter Schlag: Ein mittelgroßer Hund hat einen mehr als doppelt so großen Ressourcenverbrauch wie ein Toyota Land Cruiser (Herstellung und 10.000 km/Jahr). Eine Katze kommt knapp an einen VW-Golf heran.
Kommende Generationen
Wer sich als zahlungswilliger Ökosünder an den Ablasshändler seines Vertrauens wendet, sollte auch die Sünden seiner Vorfahren nicht vergessen, wenn es darum geht, das richtige Maß an nicht zu gebärenden Kindern, neu zu pflanzenden Bäumen oder Schwerstarbeit verrichtenden Frauen in Drittweltländern, die dafür bezahlt werden, dass sie keine Maschinen einsetzen, zu bestimmen. Der amerikanische Klima-Alarmist James Hanson hat darauf hingewiesen, dass es die Briten seien, die pro Kopf das meiste CO2 in der Atmosphäre zu verantworten haben. Denn Großbritannien sei das Geburtsland der industriellen Revolution und damit schon länger Emittent des sich akkumulierenden Gases als andere Länder, etwa die USA. Wo es Sünde gibt, gibt es auch Erbsünde. (3)
Doch damit nicht genug. Noch mehr als an die vergangenen Generationen sollen wir freilich an die kommenden denken. Die Leidtragenden seien am Ende unsere Kinder und Kindeskinder, wenn wir nicht aufhörten, den Planeten zu plündern. Während man dem Fußabdruck-Konzept für die Gegenwart noch einen gewissen buchhalterischen Wert zubilligen kann, zeigt sich die wirkliche Schwäche darin, dass die Zukunft im Grunde ausgeblendet wird. Das Denken in natürlichen Grenzen ist selbst begrenzt, da es den Fortschritt nicht berücksichtigt. Aus technologischer Sicht ist es evident, dass wir in der Lage sind, auf Verknappung zu reagieren, wo sie tatsächlich eintritt. Generell konnte die Effizienz von Landwirtschaft und Industrie im vergangenen Jahrhundert gewaltig gesteigert werden. Obwohl sich die Menschheit in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt hat und der Wohlstand enorm gestiegen ist, ist der ökologische Fußabdruck – wenn man von der CO2-Komponente absieht – ungefähr gleich geblieben. (4)
Naturschutz und Wachstum
Im Dienste des globalen, moralisierenden und kulturpessimistischen Nachhaltigkeitsbetriebs ist das Konzept des ökologischen Fußabdrucks nur ein schlechtes Propagandainstrument. Es enthält dennoch einen richtigen Grundgedanken: Es ist ein sinnvolles Ziel, den Flächenverbrauch gering zu halten. Effizienz ist eine feine Sache. Und Effizienz lässt sich auch wunderbar mit Wohlstand verbinden. Der Königsweg dorthin ist eine noch viel stärker technisierte Landwirtschaft und moderne Industrie. Es ist durchaus interessant zu betrachten, was nicht dazu beiträgt, den Verbrauch an biologisch aktiven Flächen zu verkleinern. Als Erstes ist da extensive Landwirtschaft zu nennen. Der Flächenverbrauch im ökologischen Landbau ist doppelt so hoch wie im konventionellen. Für jeden Hektar ökologisch bebautes Ackerland muss ich demnach eine halben Hektar Natur opfern. Der Nutzen für die Umwelt steht in keinem Verhältnis dazu. Die Biodiversität auf ökologisch genutzten Agrarflächen ist lediglich zwölf Prozent höher als bei konventionellen. (5) Sehr positive Effekte gehen dagegen vom globalen Trend der Verstädterung aus. Städte sind effizient. Sie sind gleichzeitig Hotspots der Biodiversität. Die artenreichste Region Deutschlands ist Berlin. Und Städte könnten in Zukunft sogar einen großen Teil der von den Bewohnern benötigten Lebensmittel selbst produzieren. Denn der Flächenbedarf der Landwirtschaft lässt sich noch um Größenordnungen reduzieren, bis hin zur Variante des vom Acker gänzlich gelösten „Urban Farming“, wie es der Mikrobiologe Dickson Despommier von der Columbia Universität propagiert, bei dem in einem Hightech-Gewächshochhaus auf einer innerstädtischen Fläche von zwei Hektar so viel Nahrung produziert werden könnte wie auf 1000 Hektar Ackerland. (6)
Wenn wir uns nicht von der irrigen Vorstellung, wir zehrten vom „Kapital“ der Natur, ins Bockshorn jagen lassen, sondern mithilfe der menschlichen Kreativität die menschengerechte Gestaltung des Planeten konsequent weiter verfolgen, werden wir Wohlstand für alle und eine „intakte“ Natur sehr gut unter einen Hut bekommen. Und dabei können wir uns auch gerne den einen oder anderen Öko-Bauernhof – mit Streichelzoo, Traktor, Geländewagen und womöglich sogar einem mittelgroßen Hund – als Ausflugsziel leisten.
Thilo Spahl ist Novo-Ressortleiter Wissenschaft und Technik. Zuletzt erschien von ihm gemeinsam mit Detlev Ganten und Thomas Deichmann das Buch Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution (Piper 2009, 320 S., EUR 19,95).
In Novo106 (5–6 2010) argumentierte er in seinem Artikel „Natürliche Ressourcen gibt’s endlos!“, dass geschichtsvergessenes und zukunftsloses Grenzendenken die Angst vor dem Versiegen der Rohstoffe befeuert.
Anmerkungen
1Stefan Giljum u.a.: Wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung des Indikators „Ökologischer Fußabdruck“, Dessau-Roßlau, Dezember 2007, Download unter umweltbundesamt.de.
2Jakob Schrenk: „Unser Mann für die Welt“, 19.10.07, utopia.de.
3Fred’s Footprint: „My ancestral carbon footprint“ in: New Scientist Online, 18.12.07, newscientist.com.
4Global Footprint Network: National Footprint Accounts, 2009 Edition.
5Loreen Gabriel u.a.: „Scale matters: the impact of organic farming on biodiversity at different spatial scales“ in: Ecology Letters, 22.3.10.
1Dickson Despommier: „Das Gewächshaus im Wolkenkratzer“ in: Spektrum der Wissenschaft, 4/10.
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30.06.2010 | Permanenter Link |
Kleiner Hinweis: Der Flug Berlin-Sydney kostet bei Carbon Clear (http://www.carbon-clear.com) inzwischen 97 Euro, aber immer noch nur einen Bruchteil dessen, was Atmosfair seinen Kunden aus der Tasche zieht.
Ist es nicht so, dass reflektierte Menschen - man mag sie auch als umweltbewusst bezeichnen - sich Gedanken um die Art und Weise >> wie << der Mensch seiner Umwelt gegenübertritt, machen und dabei ein Konzept entstanden ist, welches sich weitestgehendst den Strukturen unserer Gesellschaft angepasst hat?
Konkret: dem Menschen von einem relativ empfindlichen Kreislauf der Natur zu predigen, bzw, kritisch auf die Ausbeutung der Natur, sei sie Objekt oder Subjekt (im phil. Sinne), ist mühsam und hoffnungslos, da unsere Gesellschaft geringe Empathie - erst recht gegenüber Dingen, die sie als untergeordnet ansieht - aufweist, und vieles nur solange unterstützt, wie man selbst nur im geringen Maße gefordert ist, eigene institutionalisierte Strukturen in Frage zu stellen oder gar aufzugeben.
Dem ’rationalisierten’ und verwissenschaftlichen Individuum aber eine konkrete Größe zu geben, anhand derer es A (die verursachten Emissionen) mit B (der benötigten Größe zur ’Kompensierung’ dieser) einfach und anschaulich verrechnen kann, ist sicher fragwürdig. Es ist aber auch eines: bewusstseinschaffend. Es sagt mir: “Dein Handeln/Leben hat Auswirkungen, welche die Umwelt - v. a. in der Summe der Handlungen aller - insofern belastet, als das die natürliche Möglichkeit zur Kompensation nicht mehr ausreicht!”.
Es ist bezeichnend, dass sich der Autor von den universitären Prägungen, dem ’modernen’ Denken in Effizienz und Leistung, kaum emanzipieren konnte. Immerhin ermutigt die Ansicht, bei entsprechender Kreativität in der Technisierung der Industrie, sei Wohlstand für alle zu erreichen. Die genannten Beispiele sind sehr anschaulich und weitestgehend nachvollziehbar.
Schön, dass jemand ’selbstverständliche’ Konzepte hinterfragt, schade nur, dass dies sehr einseitig, technisch-wissenschaftlich geprägt ist, ohne die entscheidenden Konsequenzen in psychologischer, soziologischer und philosophischer Hinsicht zu beleuchten - wohl aus fehlendem Bewusstsein.
Günter S.
@Prof. de Groot
Ja, wie soll man die Menschen mobilisieren? Das ist eine wirklich berechtigte Frage. Ich denke, indem man überhaupt erst wieder den Wert von (technischem) Fortschritt rehabilitiert.
Ich glaube nicht, dass es das Ziel sein sollte, mit Hilfe des Veranschaulichungsinstruments „Footprint Calculator“ das individuelle Verhalten in Richtung eines „Pro nature Behaviour“ zu drängen. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens sollte das erste Kriterium sein, ob etwas gut für den Menschen ist, und nicht, ob es gut für die Natur ist. Zudem ist selbst bei dem Ziel des Pro-Natur-Verhaltens die Reduktion von CO2 nicht ohne weiteres als Maß der Dinge zu akzeptieren. Zweitens muss unser Ziel gesellschaftliche Veränderung sein und nicht individuelle Verhaltensanpassung an je als opportun erscheinende Normen (Radfahren, „or going to bed early because the thermo is set at 15 degrees“). Und um dahin zu kommen, brauchen wir eine breite Debatte darum, was gesellschaftlicher Fortschritt bedeutet. Diese Debatte wird aber durch die Tabuisierung von allem, was nicht der Verringerung von CO2-Emissionen dient, enorm behindert.
Es stimmt, die Menschen lieben die Natur. Deshalb brauchen wir uns um die Natur nicht allzu sehr zu sorgen. Erschreckend ist, dass die Menschen heute einen Gegensatz zwischen Natur und Menschen sehen und Menschen (vor allem solche in stark wachsender Anzahl in Asien) immer stärker als Belastung für die Natur sehen. Diese Sichtweise müssen wir überwinden, wenn wir aktiv für alle Menschen eine bessere Zukunft gestalten wollen, die selbstverständlich auch eine lebenswerte natürliche Umwelt beinhaltet. Der Weg dorthin ist, wie de Groot richtig betont „much more abstract, global and institutional“. Gerade deshalb geht es nicht darum, den einzelnen zu individuellen Handlungen zu motivieren, sondern den Willen zu kollektivem, gesellschaftlichen Fortschritt zu reanimieren.
Um es kurz zu machen: Eben weil der Mensch das Feuer nutzte und nicht “verwarf” überwand er endgültig seine Angst vor dem Feuer, disziplinierte es und machte es ihm “Untertan” zu seinem “Wohlgefallen”. Das hierbei auf dem langen Weg in die heutige Zeit nicht alles auf Anhieb optimal wirkte oder gar Verluste zu beklagen waren ist auch der Natur in ihrer Entwicklung nicht unbekannt. Aber genau darin liegt der Motor des Fortschritts. die/unsere (manchmal schmerzhaften) Fehler zwingen uns zum Lernen. Öko-Gläubige veweigern sich (aus Angst?) dem Fortschritt und dem (auch einmal schmerzhaften) Lernen. Wenn sie es für sich im Reservat so leben wollen, dann habe ich nichts dagegen. Aber ihre Lebensweise der Menschheit aufzwingen ist töricht.
@ Harry Hain:
Sie sprechen von Angst vor dem Lernen. Dabei sind sie nicht reflektiert genug um zu erkennen, dass man die ebenso anders herum argumentieren könnte: es ist wesentlich schwieriger, herausfordernder und ungewisser, sich auf den Fortschritt der Technik zu berufen, als sein bisherigen Lebenswandel zu überdenken oder gar zu ändern. Warum neben technischen Fortschritt nicht auch geistigen?
Einen ähnlichen Fehler begehen Sie des Weiteren: Sie sprechen von Lebensweisen aufzuzwingen sei töricht ohne gemerkt zu haben, dass Sie sich ernsthaft fragen sollten, ob sie der ’ökologische Fußabdruck’ zu irgendetwas zwingt, bzw. wie sich diejenigen der Menschen fühlen - und das sind weit mehr als die Hälfte - die schlechter gestellt sind, als der durchschnittliche Europäer. Die würden meinen, dass ihnen, aufgrund des verbrauchenden und verschwendenden Lebenswandel der Bessergestellten, eine Lebensweise aufgedrückt wird, gegen die sie sich weit weniger wehren können, als Sie gegen freiwillige Spenden à la ’Kerosinwiedergutmachung’.
Schade, dass es vielen - trotz Globalisierung (Vernetzung, Verkehrsmöglkeiten etc.) so schwer fällt, sich ein Bilde von anderen ’Lebensweisen’ zu verschaffen und zu erkennen, dass heutige Armut nur vielleicht mit Technik von Morgen, ganz sicher aber mit angemessener ’Lebensweise der Anderen’, entgegen gewirkt werden kann.
Hallo Herr Spahl,
eine klare und scharfe Analyse. Zu der mir nichts Kritisches einfällt. Im Gegenteil: Ich stimme in jedem Punkt zu. Wobei Sie mich angeregt haben, einen Text endlich fertigzustellen,an dem ich schon seit einigen Monaten arbeite.
Soeben habe ich ihn online gestellt: http://www.science-skeptical.de/blog/okologistische-mythen-teil-2-einskommadrei-erden/002696/
Interessierte Leser finden darin ein Beispiel, wie der “ökologische Fußabdruck” in der Praxis instrumentalisiert wird. Und ein paar Zahlen (bzw. Diagramme), die Ihre obige Argumentation stützen.
Beste Grüße
Peter Heller
@Letra Lauenstein
Vielen Dank für den tiefen Einblick in Ihr Weltbild.
Sie Schreiben:
“Dabei sind sie nicht reflektiert genug um zu erkennen.” Wenn ich “reflektiert” mit erleuchtet ersetze, was Ihrer Intention wahrscheinlich am nächsten kommt, wird mir Ihr Weltbild klarer.
@Peter Heller
Vielen Dank für Ihren Artikel, dem ich in allen wesentlichen Punkten zustimmen kann. Erschreckend, wie sehr sich die “deutsche Öffentlichkeit” in ihr Schneckenhaus zurückzieht. Gelegentlich vermute ich als Ursache dieser “Weltverängstigung” tiefenpsychlogischer Gründe, “alle” Folgen des letzten Krieges und der Nachkriegszeit (Flucht, Hunger Schuld etc.). Es bedarf hier vermutlich noch einer postraumatischen Therapie. Das ist ernst gemeint. Denn vor den Weltkriegen erscheint mir (zugegebenermaßen spontan und daher noch oberflächlich) die deutsche Stimmung eher zukunftsorientiert, “fortschrittgläubiger”, optimistischer, hatte schlichtweg einen Drang nach vorne. Da fällt mir: Ähnlich devensiv habe ich auch das deutsche Fussbalspiel der Nationalmannschaft in Erinnerung. Vor allem seit der WM2010 erleben wir einen offensiveren Drang nach vorne, mit Teamgeist, von der Welt mehrheitlich positiv aufgenommen. Vielleicht überträgt sich diese “Haltung” auch wieder mehrheitlich auf “uns”.
Frau Lauenstein,
wie kommen Sie darauf, wir würden etwas “verschwenden”?
Das Gegenteil ist der Fall. Wie Thilo Spahl oben richtig anmerkt, nutzen wir kaum noch natürliche Ressourcen direkt. Wir haben uns vielmehr von der Natur emanzipiert.
Würden wir unseren Fleischkonsum bspw. allein durch Jagd decken wollen, dann wäre das in der Tat eine ineffiziente Verschwendung von Ressourcen. Wir haben dagegen das Konzept der “Landwirtschaft” entwickelt und züchten, hegen und pflegen Nutztiere entsprechend. Wodurch uns auf einmal sehr viel mehr Ressourcen - und damit auch Wachsrumsmöglichkeiten - zur Verfügung stehen.
Faktisch sind nicht die natürlichen Ressourcen begrenzt, sondern nur unser Wissen darüber, was man diesen anfangen kann.
Es ist auch nicht so, daß unsere Lebensweise in der westlichen Welt Armut in der übrigen erzeugt. In einer Welt ohne Reichtum wären die Armen noch ärmer, als sie schon sind. In einer Welt mit Reichtum dagegen gibt es die Chance, Armut zu bekämpfen. Es ist eine irrige Vorstellung, die Menschen in der dritten Welt wollten nicht so leben wie wir. Sie wollen exakt das. Und wir können es ihnen ermöglichen, aber nur, indem wir weiter wachsen.
Noch zur Ergänzung.
Vor wenigen Tagen las ich, daß Hoimar v. Dithfurt (1970er) die These vertrat, daß nach ökologischen Gesichtspunkten die Bevölkerungsobergrenze für die BRD bei 6 Mio Menschen liegt.
Trotzdem ernähren wir locker 80 Mio Menschen so gut, daß sie unter Übergewicht leiden.
Warum ist das so? Weil wir uns von der Natur weiter emanzipiert haben (die Erde sich Untertan machen) und nicht einfach nur ein Bittsteller “zufälligen” Ernährungsangebotes sind. Zu dieser Emanzipation gehört eben nicht der einfache Ressourcenverbrauch (wie das im Tierreich üblich ist, ist keine Nahrung mehr das, dann geht die Population zurück und umgekehrt, sie säne nicht, sie ernten nicht und der Herr ernährt sie doch), sondern wir haben gelernt die Ressourcen immer besser/wirtschaftlicher etc. zu nutzen.
Und so haben wir einen Wohlstand (man denke bitte auch am Medizin, Kultur, Bildung etc.) , der mit 6 Mio “Ökologen” niemals möglch wäre. Diese wären nämlich den ganzen Tag damit beschäftigt “biologische Nahrung” aufzutreiben. Erstaunlich, wie viele sich für diese Öko-Ideen erwärmen können. Vermutlich hat kaum jemand von diesen Träumern, dieses ökologische Bild konsequent zu Ende gedacht. oder verweigert dies.
erratum
Leider “glänzt” mein letzter Kommentar mit Rechtschreibfehlern. Ich bitte das zu entschuldigen. Meine Ausrede :-) “Kommt davon, wenn man zwischen den Behandlungen mal schnell einen Geistesblitz niederschreibt.”


Excuse me for writing in English. Let me begin saying that I agree to much in Spahl’s techno-engineering vision of how a sustainable world should look like. High-rise urban agriculture is better than organic agriculture.
Imagineering a new world is really not difficult. The question is, how to get there. Saying that we need creative humanity in the centre is true but trivial. With Spahl, I do not see the zebras doing it.
Thus, the question is: how to motivate and energize society (people and institutions) towards that better world? I am afraid that public ridiculization of the ecological footprint and spreading Spahl’s wild new ideologies may do more harm than good. The footprint indicator, like virtually all others beginning with GDP, needs to be improved indeed. In the meantime, however, the footprint helps people to transform their pro-nature values into pro-nature behaviors. They may take the bicycle next holiday, or do away with the dog.
It may be true that in some corner of our philosophical debates, a proposition that we owe nothing to nature can do good work. Publicly and massively attacking people’s idea that we owe everything (e.g. our existence) to nature, or declaring that natural resources are unlimited – it is beyond me to see how that would motivate and energize our institutions. The “ecosystem services” idea is another one of those weak ideas that still require much thought and scientific criticism. But, given the fact that the “services” term energizes economists to put their discipline to work for the environment, why try ideologize the term “services” away from them?
Research of my department at Radboud University (Nijmgen, the Netherlands) has shown that in Europe (Germany included), individual people are much more ecocentric (nature-loving) than anybody imagines. This stands in stark opposition to the values spread by institutions. Even conservation organizations think that only economic arguments cut ice. We do face major problems, therefore, in the work towards a more sustainable world. One of them is that people hardly translate their love for nature into effective action. That in turn may be because they then would have to work against the institutional grain of society, which is by and large stressful. A second reason may be that people suffer from misplaced concreteness. People want to act locally (and sweetly, Spahl would add, going to the Streichelzoo with the children), while effective action is often much more abstract, global and institutional. Effective action is starting a website Citizens For Urban Farming, or riot at the next G20, or volunteer for the anti-car lobby – anything but losing time over baking your own bread or going to bed early because the thermo is set at 15 degrees.
The second, and most important, bottleneck is not with our individual citizens but our institutions. Ultimately, the future of our world is institutional business, run by governments, corporations, trade unions and large NGOs. How to change the values they live by and emanate be changed? How to mainstream that vision of a sustainable world there? Let’s focus on that question, and not on undermining the nature-friendly ideas, values and tools that people have.
Prof.dr. Wouter T. de Groot
Haarlem, the Netherlands
prof.dr. W.T. de Groot
02.07.2010 12:57