Natürliche Ressourcen gibt’s endlos!
Geschichtsvergessenes und zukunftsloses Grenzendenken befeuert die Angst vor dem Versiegen der Rohstoffe. Von Thilo Spahl
27. März 2010, 21.05 Uhr. Ich sitze am Computer und schreibe diesen Artikel. Eine Pressemeldung macht mich darauf aufmerksam, dass ich dies nicht tun sollte. Seit halb neun ist Earth Hour. Der World Wide Fund for Nature (WWF) möchte, dass weltweit eine Milliarde Menschen das Licht ausmacht. Ich brauche kein Licht, ahne jedoch, dass auch mein Computer gemeint ist, wenn es darum geht, Menschen, Fauna und Flora und Lebensräume vor dem Klimawandel zu retten. Die Universität Southampton, deren Pressemitteilung ich lese, forderte schon gestern alle Mitarbeiter auf, bevor sie nach Hause gingen, „alle unnötigen elektrischen Geräte sowohl am Geräteschalter als auch, falls sicher und zugänglich, an der Steckdosenleiste auszuschalten“. Wir erfahren weiter, dass Forscher der Universität nun gespannt darauf warten, mit dem von ihnen entwickelten iPhone- app, die Kohlenstoffeinsparung der „Erdstunde“ zu messen.
Die nächste Meldung kommt von der Universität Leicester. Geologen sind der Auffassung, dass wir in ein neues erdgeschichtliches Zeitalter eingetreten seien, das sie als Anthropozän bezeichnen, was so viel bedeutet wie „Menschenneuzeit“. Das finde ich gut. Schade nur, dass es gleich im zweiten Satz heißt, der Eintritt in diese neue Epoche könne das sechstgrößte Massensterben der Erdgeschichte mit sich bringen. Wo bleibt da das Positive? Den Begriff „ Anthropozän“ hat der Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie in einem Aufsatz in der Zeitschrift Nature im Jahr 2002 geprägt. Er schrieb: „Man könnte sagen, das Anthropozän begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, einem Zeitraum, für den die Analyse von Lufteinschlüssen in Polareis den Beginn von wachsenden globalen CO2- und Methankonzentrationen ergab. Dieser Zeitraum stimmt übrigens auch mit der Erfindung der Dampfmaschinen durch James Watt im Jahr 1784 überein.“ (1) Nun wissen wir, woher der Wind weht: Das neue Zeitalter des Menschen ist das Zeitalter der menschengemachten Katastrophe.
Die Sache mit dem Kofferraum
Man kann es auch einfacher sagen: „Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum.“ Dieses pessimistische Credo aller Umweltbewegten wird der heute 72-jährigen Schauspielerin Jane Fonda zugeschrieben. Es ist, wie sie, in die Jahre gekommen und bedarf einer kritischen Überprüfung. Diese geschieht und fällt sehr unterschiedlich aus. Manch einer wertet das Fonda’sche Verdikt als der mittlerweile gewachsenen Dramatik des Niedergangs nicht mehr angemessen und ist der Meinung, es müsse schon ein Bedarf von mindestens zwei weiteren Welten vor Augen gehalten werden, um die Notwendigkeit der Umkehr zu verdeutlichen. Andere wiederum sind der Auffassung, dass die pessimistische Einschätzung heute so falsch ist, wie sie immer war. Dieser zweiten Ansicht neige ich entschieden zu.
Der natürlich als nicht realisierbar beklagte Ersatzweltbedarf wird meist in dreifacher Hinsicht begründet: durch die fortschreitende Verschmutzung, Vergiftung und mittlerweile vor allem Erwärmung der einen, durch die Ausbeutung derselben, und schließlich auch schlicht durch die übermäßige Bevölkerung der abermals selben, unersetzbaren einen Welt, in der wir leben. Um die Belastung der Erde durch den Menschen zu „messen“, ist eine umfangreiche Pseudowissenschaft rund um „ökologische Fußabdrücke“ und dergleichen entstanden. Und in jahrzehntelanger Arbeit unzähliger Organisationen ist die dreifache Bedrohung argumentations- und präsentationstechnisch derart aufgerüstet und auf allen Kanälen kommuniziert worden, dass sie heute als Gemeinplatz erscheint. Die Behauptung des Niedergangs ist dennoch falsch. Die unterstellte Unvereinbarkeit von Mensch und Natur existiert nicht, sie ist ein die Geisteswelt verpestendes Abfallprodukt ahistorisch naturalistischen Denkens.
Zu viel Mensch?
Es ist jetzt 23.16 Uhr. Die „Earth Hour“ ist vorbei. Die Weltbevölkerungsuhr zeigt 6.853.862.743 Menschen an und tickt unablässig, um pro Minute 158 Seelen zu addieren, auf dass dem Besucher der von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung betriebenen Website angst und bange werde. Wird es mir aber nicht. Ich tippe die Zahl ungerührt in mein Manuskript. Das rasante Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert verdankt sich in erster Linie dem großen Fortschritt, den die Menschheit vollbracht hat. Die Bevölkerungszahlen schossen nicht in die Höhe, weil die Menschen sich wie wild vermehren, sondern obwohl sie immer weniger Kinder bekommen. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau halbierte sich von 5,0 im Jahr 1950 auf 2,6 im Jahr 2009, während sich die Weltbevölkerung im selben Zeitraum fast verdreifachte. Der Grund für das Bevölkerungswachstum ist die dramatisch gefallene Sterblichkeit. Und diese ist der wichtigste Indikator dafür, dass es den Menschen besser geht als früher.
„Ein Mathematiker hat behauptet,
dass es allmählich an der Zeit sei,
eine stabile Kiste zu bauen,
die tausend Meter lang, hoch und breit sei.
In diesem einen Kubikkilometer
hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,
sämtliche heute lebenden Menschen
(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!“ (2)
Die Berechnung des 1932 von Erich Kästner in seinem Gedicht „Ein Kubikkilometer genügt“ zitierten anonymen Mathematikers ist auch heute noch korrekt. Das Volumen der Menschheit beträgt ungefähr 500 Millionen Kubikmeter. Alle auf einen Haufen geworfen, könnten wir zu einem Würfel mit 800 Meter Kantenlänge gestapelt werden. In einer halben Stunde wäre man drum herum spaziert. Mit anderen Worten: Die Erde besteht vorwiegend aus menschenleeren Landstrichen. 1932 gab es tatsächlich erst zwei Milliarden Menschen, da hätte die Kiste noch kleiner ausfallen können, im Jahr 1798, als der Menschenfeind Thomas Malthus in seinem Buch An Essay on the Principle of Population verhungernde Menschenmassen voraussagte und diesen sich unkontrolliert fortpflanzenden, verabscheuungswürdigen Hungerleidern diesen Tod auch ausdrücklich wünschte, lebte erst etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde.
Das prozentuale jährliche Wachstum der Weltbevölkerung erlebte Ende der 60er-Jahre seinen Höhepunkt mit 2,1 Prozent und ist seitdem kontinuierlich gefallen. Im Jahr 2009 betrug es noch 1,15 Prozent, und es herrscht Einigkeit, dass in einigen Jahrzehnten, wahrscheinlich noch bevor die Zehn-Milliarden-Marke erreicht wird, die Weltbevölkerung wieder schrumpfen wird. Es werden also aller Voraussicht nach nie mehr Menschen auf diesem Planeten leben, als in Erich Kästners Kubikkilometerkiste passen würden. Diese Tatsache scheint sich allmählich herumzusprechen, sodass die klassischen Malthusianer sich mehr und mehr in Rückzugsgefechte begeben. Noch 1968 schrieben der Schmetterlingsforscher Paul Ehrlich und seine Frau Anne in ihrem Bestseller The Population Bomb: „Die Schlacht, die gesamte Menschheit zu ernähren, ist vorüber. In den 70er- und 80er-Jahren werden Hunderte von Millionen Menschen verhungern, egal welche Krisenmaßnahmen jetzt ergriffen werden.“ (3) Sie forderten, nach einem kontrollierten „Massensterben“ die Weltbevölkerung auf einem Niveau von rund zwei Milliarden Menschen im 21. Jahrhundert zu stabilisieren. Als geeignetes Mittel hierfür schwebte ihnen die Zwangssterilisation der Bevölkerung vor. Das Gegenteil passierte: Die Bevölkerung wuchs um weitere drei Milliarden Menschen, und dennoch stehen heute pro Kopf mehr Lebensmittel zur Verfügung als zu Zeiten von Ehrlichs düsterer Prognose.
Seit den 70er-Jahren wendet sich die Bevölkerungslobby daher zunehmend grünen Ideen zu. Im Zentrum steht nicht mehr die Überbevölkerung, sondern die Übernutzung des Planeten. Auch die Ehrlichs machten diese Wende teilweise mit, um damit den Wert ihres Buches zu verteidigen. Im Jahr 2009 schrieben sie: „Neben seiner generellen Betonung der Gefahren des Bevölkerungswachstums lenkte das Buch auch früh die Aufmerksamkeit auf das Problem des übermäßigen Konsums, der zunehmend als Muster erkannt wird, das noch schwerer zu ändern sein könnte als die übermäßige Fortpflanzung.“ Auf dem Titel Die Bevölkerungsbombe habe zudem der Verlag bestanden. Sie hätten das Buch schon damals lieber „Bevölkerung, Ressourcen und Umwelt“ genannt. (4)
Die Natur, die bei Malthus noch das mächtige Korrektiv darstellte, das die Massen erbarmungslos verhungern lassen sollte, ist nun zum Opfer geworden. Sie werde geplündert, ihre Ressourcen aufgebraucht und der Mensch auf diese Weise doch am Ende seiner gerechten Strafe zugeführt. Denn: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ So die „Weissagung der Cree“, die von einem unbekannten (sehr wahrscheinlich nicht indianischen) Autor Anfang der 80er-Jahre zur Verbreitung auf Autoaufklebern erfunden wurde (für ethische Konsumenten zum Preis von 1,80 Euro erhältlich auf linke-t-shirts.de). Laut dem vom amerikanischen Worldwatch Institute und der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung vorgelegten Report „Zur Lage der Welt 2010“ könnte die Erde gerade einmal 1,4 Milliarden Menschen ernähren, sofern diese einen Lebensstil wie US-Amerikaner beanspruchten. Ehrlich wird heute also um 30 Prozent unterboten, und Jane Fonda braucht drei weitere Kofferräume. Der Denkfehler zeigt sich allerdings schon in der Formulierung. Die Erde ernährt keine Menschen, Menschen ernähren sich selbst.
Was heißt hier Ressourcenknappheit?
Zumindest meinem subjektiven Empfinden nach sind in Deutschland Autoaufkleber, die das Umhauen des letzten Baumes vorhersagen, erfreulicherweise auf dem Rückzug. Die Anzahl der Bäume hingegen hat erheblich zugenommen. Die Waldfläche in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren um rund 175 Quadratkilometer pro Jahr gewachsen; dies entspricht etwa der Fläche der Stadt Karlsruhe. (5) Etwa 30 Prozent Deutschlands sind heute mit Wald und 53 Prozent mit Wiesen, Weiden und Feldern bedeckt. Auch wenn neuerdings Pelletheizungen in Mode kommen, bin ich guter Dinge, dass wir auch in Zukunft noch über solch ausgedehnte Waldgebiete verfügen werden. Dies verdanken wir der Tatsache, dass die Ressourcen und Techniken von gestern nicht die von morgen sind. Wäre das Verbrennen von Holz die einzige Möglichkeit, Energie zu gewinnen, wäre unser nahes Ende in der Tat eine ausgemachte Sache. Doch bereits im Jahre 1882 wurde in den USA erstmals mehr Kohle als Holz verbrannt und so, mit dem Eintritt ins Zeitalter der fossilen Energien, die „Weissagung der Cree“ 100 Jahre vor dem Höhepunkt ihrer Popularität vom Fortschritt überholt. Gewiss, der landläufigen Meinung zufolge war dieser Eintritt erst recht der Anfang vom Untergang. Doch längst ist klar, dass auch die Abhängigkeit von fossilen Energien nicht von Dauer sein kann. Wir wenden uns heute neuen Quellen zu, deren Unerschöpflichkeit niemand mehr ernsthaft infrage stellt. Möglich wird das nicht, weil die Natur uns nun plötzlich etwas schenkte, was sie uns bis dahin vorenthalten hatte, nämlich Sonnenlicht, Wind, Uran, etc., sondern dadurch, dass wir die nötigen Techniken entwickelt haben, um auf verschiedenste Art und Weise die vorhandene Energie für uns nutzbar zu machen.
Ebenso unnötig sind die Versiegensängste in Hinblick auf die lange Liste an Metallen und anderen Stoffen, für die uns in dem 30 Millionen Mal verkauften Buch Die Grenzen des Wachstums im Jahr 1972 vorgerechnet wurde, wie lange sie noch halten werden. Die bekannten Reserven seien in neun (Gold) bis 95 Jahren (Chrom) aufgebraucht. (6) Heute wissen wir, dass das erstens nicht der Fall war. So wurden etwa für Gold im Jahre 1972 Reserven in Höhe von 11.000 Tonnen angegeben. Heute werden sie mit 100.000 Tonnen beziffert. Die Zinnreserven in Höhe von 4,35 Millionen Tonnen sollten noch 15 Jahre reichen. Im Jahr 2009, also 37 Jahre später, betragen die Reserven noch immer 5,6 Millionen Tonnen. Zweitens hat Zinn seine beste Zeit ohnehin hinter sich. Ein wirklich begehrter Rohstoff war es in der Bronzezeit (2200 bis 1200 v. Chr.). Dann ging man dazu über, Werkzeuge aus Eisen herzustellen, Bronze und damit dessen Bestandteil Zinn verloren an Bedeutung. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die industrielle Herstellung von Weißblech einen Wiederaufstieg. Heute wird Zinn vor allem bei der Herstellung von Lebensmittel- und Getränkeverpackungen verwendet. Wenn es irgendwann tatsächlich knapp wird und der Preis entsprechend ansteigt, werden wir ohne jeden Zweifel weiter in der Lage sein, unsere Getränke zu verpacken. Schon seit Langem spielen die Kinder mit Playmobil statt mit Zinnsoldaten. Andere Substanzen haben eine andere Geschichte. Aber keine ist die ultimative unverzichtbare Substanz. Hinzu kommt, dass Metalle und auch alle anderen Stoffe, die nicht bei der Nutzung chemisch umgewandelt werden, im eigentlichen Sinn nicht verbraucht, sondern nur genutzt werden, also grundsätzlich auch recycelt und wieder und wieder genutzt werden können. Das gilt beispielsweise auch für Wasser. Es befindet sich in einem geschlossenen Kreislauf, die Erde verliert kein Wasser. Man kann es verschmutzen, aber nicht verbrauchen.
Die eigentlich recht abstrakte Idee, die Natur sei eine Art Warenlager, das irgendwann leer geräumt sein werde, ist im Denken der westlichen Mittelschicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts offenbar dennoch fest verankert. Wenn der Zeitpunkt gekommen sei, stünden unsere Enkelkinder dumm da. Dem ist nicht so. Wenn wir sie nur dazu ermutigen, sich das menschliche Wissen und Können anzueignen und es ad infinitum zu mehren, werden unsere Nachkommen keineswegs dumm, sondern wissender sein als wir.
Natur und Technik
Ein Weggefährte Ehrlichs ist John Holdren, der heute als Direktor des „White House Office of Science and Technology Policy“ Barack Obamas Chefberater für Wissenschaft und Technik ist. Er verfasste gemeinsam mit Ehrlich 1968 den Aufsatz „Population and Panaceas. A Technological Perspective“, in dem argumentiert wurde, dass die technische Entwicklung niemals mit der Bevölkerungsentwicklung mithalten könne und dass die Anstrengungen zur Steigerung der landwirtschaftlichen sowie der Fischereierträge, zur Wasserentsalzung sowie zur Nutzung neuer Energiequellen, wenn sie nicht mit Bedacht eingesetzt würden, „leicht zum ultimativen Desaster“ führen könnten und selbst bei nie dagewesenen Anstrengungen ohne Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle zum Scheitern verurteilt seien. Ihre Geringschätzung menschlicher Möglichkeiten brachten die beiden zum Ausdruck, als sie die Frage stellten, wie viele Männer für die 1,8 Milliarden US-Dollar sterilisiert werden könnten, die ein einziger „agro-industrieller Komplex“ koste. (7)
Ehrlich und Holdren sind auch die Urheber der Formel I=PAT. I steht für Umweltbeeinträchtigung (Impact), P für Bevölkerung (Population), A für Wohlstand (affluence) und T für Technologie. Schlecht ist also, wenn es vielen Leuten gut geht und sie Technik einsetzen. Dass I katastrophale Ausmaße annehmen könnte, wurden die beiden bis heute nicht müde zu verkünden. 1971 brachten sie es fertig, uns gleichzeitig vor einer gefährlichen Abkühlung und einer katastrophalen Erwärmung des Planeten zu warnen. In dem Lehrbuch Global Ecology von 1971 skizzierten die beiden in diesem Zusammenhang zunächst das Gegenstück zur heute populären Bedrohung der schmelzenden Polkappen. Aufgrund der hereinbrechenden Eiszeit sollten demnach die immer schwerer werdenden Eismassen der Antarktis ins Meer rutschen und eine Flutwelle über den Planeten schicken. Falls der Mensch diese Katastrophe überleben würde, drohe ihm neues Ungemach in Form der globalen Erwärmung. Als Ursache der globalen Erwärmung, die in „ungefähr einem Jahrhundert“ zu „drastischen globalen Konsequenzen“, beispielsweise dem „Schmelzen der Polkappen und einem Anstieg des Meeresspiegels um 150 Fuß“ führen könnte, sahen die beiden damals noch nicht im CO2-Anstieg, sondern schlicht in der Wärmeproduktion durch menschlichen Energieverbrauch. (8)
Tatsächlich ist die Technologie der entscheidende Faktor. Weit davon entfernt, per se zur Umweltzerstörung beizutragen, ermöglichen uns die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Techniken einen hohen Lebensstandard, einschließlich des Genusses in unterschiedlichem Maße gestalteter oder auch kaum berührter Natur, und darüber hinaus die wachsende Unabhängigkeit von der Natur. Seine Kulturfähigkeit und infolge derselben Wissenschaft und Technik machen den Menschen fundamental unabhängig von natürlichen Beschränkungen. Wir haben es geschafft, dass Milliarden von Menschen auf diesem Planeten ein angenehmes, sicheres, gesundes und produktives Leben führen können. Wir sollten uns hüten, den Ehrgeiz zu desavouieren, allen Menschen dieses Privileg zu ermöglichen. Es ist falsch, Armut zu naturalisieren und damit zu zementieren, indem man vermeintliche Ressourcenknappheit und ungezügelte Fortpflanzung verantwortlich macht. Diese Form der Armut gilt schon seit über 10.000 Jahren nicht mehr. Damals begannen die Menschen damit, dank der Erfindung der Landwirtschaft ihre Nahrung selbst zu erzeugen. Die nächste Stufe des Heraustretens aus der Natur erreichten wir mit der industriellen Revolution. Diese war nicht der Anfang der Ausbeutung der Natur, sondern der Anfang vom Ende der Ausbeutung. Sie markiert den Übergang von einer Menschheit, die noch recht weitgehend von dem lebte, was sie der Natur unmittelbar abgewinnen konnte, zu einer Menschheit, die ihren Wohlstand im Wesentlichen selbst schafft und damit nicht mehr wie das Tierreich in direkter Weise von der Umwelt abhängig ist. Natürliche Grenzen sind im 21. Jahrhundert keine Entschuldigung mehr für Armut. Wohlstand ist in globalem Maßstab machbar.
Die Idee der Grenzen des Wachstums ist nur als mathematische Abstraktion unangreifbar. Die Ehrlichs entlarven sich in der Verteidigung ihrer Bevölkerungsbombe selbst, indem sie Kritikern vorwerfen, simple Arithmetik nicht zu beherrschen. „1994 wuchs die Weltbevölkerung mit 1,4 Prozent jährlich. Bei dieser Rate würde es lediglich rund 6000 Jahre dauern, bis die Masse der Menschheit so groß wäre wie die Masse des Universums.“ (9) Eine schöne Rechenübung. Sie hat nur leider mit der Realität nichts zu tun. Wenn es um konkrete Probleme in dieser Welt geht, sollten wir das Argument der begrenzten Ressourcen in den Mülleimer der Geschichte knallen. Aber Vorsicht: nicht in die gelbe Tonne zum Recycling!
Es ist jetzt Sonntag, 29. März, 0.30 Uhr. Die Bevölkerungsuhr zeigt 6.854.090.105 Menschen. Ich freue mich über 227.362 neue Erdenbürger. (Sie meinen, es müssten in 25 Stunden und 14 Minuten doch etwas mehr dazu gekommen sein. Richtig. Aber letzte Nacht wurde auf Sommerzeit umgestellt.)
Thilo Spahl ist Novo-Ressortleiter Wissenschaft und Technik. Zuletzt erschien von ihm gemeinsam mit Detlev Ganten und Thomas Deichmann Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Gesundheit als Erbe der Evolution (Piper 2009, 320 S., EUR 19,95).
In Novo104 (1–2 2010) bedauerte er in seinem Artikel „Die Blicke süßer Äffchen“, dass Politiker immer öfter bereit sind, die Forschungsfreiheit einem übertriebenen Tierschutz zu opfern.
Anmerkungen
1Paul J. Crutzen: „Geology of mankind“ in: Nature, Nr. 415, 3.1.02, S. 23.
2Erich Kästner: Gesang zwischen den Stühlen, Zürich 1985 (Erstausgabe Berlin, 1932), S. 99.
3Paul Ehrlich: The Population Bomb, 1968.
4Paul Ehrlich / Anne Ehrlich: „The Population Bomb Revisited“ in: The Electronic Journal of Sustainable Development, Nr. 1(3)/09.
5Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 11 vom 16.3.10.
6Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.
7Paul Ehrlich / John Holdren: „Population and Panaceas. A Technological Perspective“ in: Bioscience, Vol. 19, No. 12, 1969, S. 1071.
8John Holdren / Paul Ehrlich: „Overpopulation and the Potential for Ecocide“ in: Global Ecology: Readings Toward a Rational Strategy for Man, 1971.
9Paul Ehrlich / Anne Ehrlich, a.a.O.
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09.06.2010 | Permanenter Link |
@ Peter Engemann
Es ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung, wie man die Menschheitsgeschichte betrachtet. Negative Wertungen sind heute allgegenwärtig, und ohne Frage gibt es immer wieder auch Rückschläge und aktuelle Defzite. Aber unter Strich ist und bleibt es eine Erfolgsgeschichte, die zu neuem vernünftigen Fortschritt und Wachstum motivieren sollte. Auch heute geht es an vielen Ecken und Enden gut voran. Aber ohne begründetes Selbstvertrauen in das menschliche Tun (in den Humanismus) bleibt nur eine Abwärtsspirale, in der wir gerade hängen.
@ Herr Engemann
Ja, wir können das alles nicht : Frieden erhalten / Rentensysteme stabilisieren - wie wär’s mit anderen Beispielen menschlichen Scheiterns ?—> Artensterben aufhalten, Verkehrschaos beseitigen, Überschwemmungen / Taifune verhindern ...
Nachdem wir alles in einen Topf geworfen und herausgefunden haben, wo der Mensch nicht völlig Herr seiner Existenz ist, schließen wir daraus , dass wir
“bescheidener wirtschaften” müssen.
Ach ja, Unglücklichsein kriegen wir auch nicht in den Griff.
Wie soll in Köpfen, wo alles dermaßen durcheinander geistert, so etwas wie Optimismus hinsichtlich einer durch Technik zu bewältigenden Energiefrage entstehen können?
Die von Herrn Engemann vorgetragenen Machbarkeitszweifel sind leider schon lehrplansanktionierte Basiskost in den Schulen. Lehrbücher und Lehrerköpfe sind voll davon. Ganze Schülergenerationen werden mit Al Gorescher Junk-Wissenschaft verblödet. Die Götter auf dem Ideologie-Olymp heißen Bio, Öko und Solar.
Ob wir den “nachhaltigen” Glauben an sie wieder loswerden können?
Da habe ich doch meine Machbarkeitszweifel.
Alles richtig, Thilo Spahl. Auch die drei Kommentare sind - jeder für sich - im Wortsinne bezeichnend: Peter Engemann ist der Beweis dafür, daß das Angstmachen funktioniert. Thomas Deichmann klärt väterlich auf. Und der Hueber Josef hat sie erkannt und beim Namen genannt, die Gotter der Ökofuzzies und Al Gore als einen ihrer Priester erwähnt. Da es aber bekanntlich keine Götter gibt, Aufklärung nicht die Massen ergreift, bleibt die Methode wirksam: Angstmacherei. Die Anst ist eine der wichtigsten Säulen der Herrschaft.
Es ist nicht nur das Angstmachen. Die meisten Menschen sind nicht wirklich beängstigt. Und ich glaube auch nicht, dass das als Herrschaftsinstrument eingesetzt wird.
Es ist eine Ignoranz gegenüber dem schon stattgefundenen und dem noch viel größeren in der Zukunft möglichen Fortschritt. Wenn dabei Angst mitspielt, dann vielleicht noch am ehesten die vor dem Fortschritt der anderen (Chinesen), die uns überholen, unsere ökonomische Überlegenheit herausfordern und deshalb als fortschrittsgläubige und damit schlechte Menschen moralisch verurteilt werden müssen. Insofern sind die Solarpanele auf dem Dach vielleicht auch Teil des Traums, sich per Autarkie-Low-tech aus dem Wettbewerb herausstehlen und die Besitzstände ohne Mühe verteidigen zu können. Fortschrittsskepsis ist eine zutiefst defensive Haltung, die natürlich dort besonders gedeiht, wo Menschen sich in ihrem Wohlstand behaglich eingerichtet haben.
Ich möchte Carl Menger zitieren:
„Die fundamentale Situation ist folgende: Die Natur präsentiert die Erde als immense solide Kugel chemischer Elemente. Sie hält außerdem in Verbindung mit diesen chemischen Elementen eine unglaublich große Menge an Energie vor. Wenn gegenüber diesem massiven Beitrag der Natur motivierte menschliche Intelligenz steht - die Art motivierter menschlicher Intelligenz, die in einer freien, kapitalistischen Gesellschaft so ungeheuer ermutigt wird durch die Aussicht, ein substantielles persönliches Vermögen als Resultat fast jeden bedeutsamen Fortschritts zu verdienen, kann es kaum Zweifel über das Ergebnis geben: Dem Menschen wird es gelingen, den Anteil der natürlichen Ressourcen mit Güterchatrakter zunehmend zu erweitern; d.h., es wird ihm gelingen, zunehmend das Angebot nutzbarer, erreichbarer natürlicher Ressourcen zu vergrößern.“
Herr Engemman,
wäre dies nicht so, dann hätten wir die Savanne nie verlassen.
@ Carl Meinen
Sehr treffendes Zitat! Ist es aus Mengers “Grundsätze der Volkswirtschaftslehre”?
@Thomas Deichmann
Ich habe dieses Zitat einem Vortrag von George Reismann entnommen, in dem er die Gütertheorie Carl Mengers kommentiert.
Sehr lesenswert im Zusammenhang mit diesem Blog-Thema
Es ist doch gar nicht lange her, da sprach man noch von Naturreichtümern oder man war reich an Bodenschätzen, die zum Wohle des Menschen von Nutzen sind. Seit dem man aber den Menschen aus ihr herausnahm und somit der Natur entgegenstellte und die Erde als lebendigen, geschundenen und zerkratzten Organismus betrachtet, sind wir nur noch von Grenzen und Begrenztheit umgeben. Außer acht gelassen wird dabei aber die endlose Ressource - menschliche Intelligenz. Der künstlich erzeugte Vertrauensverlust in die Kraft der menschlichen Intelligenz kann somit nur politisch gewollt sein und dient zur Unterstützung ideologischer Agenden.
Glas halb voll oder halb leer? Wie auch immer. Herr Deichmanns Ausführungen (nicht nur hier) läßt mich frohlocken, daß die Menschheit doch noch das Universum erobern wird. Einfach so. (Träumte ich schon als kleiner Bub davon). Die Entdeckung der Erde war erst der Anfang.
Oder so: Neugier und Intelligenz “bezwingen” das Feuer (machen wir uns Untertan), und nicht die Angst. Und wenn es nicht funktionert, dann ist es kein Verbot, sondern Ausweis unser Unwissenheit bzw. unserem unvollkommenen Wissen. Intelligenz befreit uns nicht von der “Schuld” (im Sinne der Schöpfungsgeschichte = Verantwortung). Verstand und Glaube zwingen uns zur Verantwortung. Die Erde sich Untertan machen, heißt nicht Kröten über die Straße zu tragen oder das Atomfeuer u. a. zu verteufeln. Sondern meint: verantwortlich handeln und entdecken. Rückschläge sind im “Programm” vorgesehen und sogar zwingend erforderlich. Erst die Rückschläge und deren neugierige Hinterfragung (Warum und Wie) zwingen uns zur Erkenntnis und lassen uns nicht ruhen. Die großen “Aufklärer” waren mehr “vom Glauben an Gott” erfüllt, als sich mahnenden Fortschrittsskeptiker vorstellen können/wollen. Meiner Meinung nach ist z. B. Kant in seiner Beschreibung/Interpretation der Schöpfungsgeschichte wunderbar gelungen auch für den heutigen Menschen diese biblische Botschaft/Metapher sprachlich verständlich zu übersetzen. Ein Bollwerk gegen die Kreationisten- und Öko-Gläubigen-Fraktion.
Auf diesem Wege Wünsche ich NOVO viel Erfolg und Erkenntnisgewinn - für uns alle.
@ Dr. Harry Hain
Das klingt nach einem längerem Artikel für NovoArgumente - hätten Sie nicht Zeit und Lust dazu? Dann könnten wir die Debatte um eine neue Facette erweitern…
@ Bibliothekar
Ich glaube nicht, dass der “künstlich erzeugte Vertrauensverlust in die Kraft der menschlichen Intelligenz ... politisch gewollt” ist. Denn so etwas ist nicht “politisch” steuerbar. Es klingt auch ein wenig verschwörungstheoretisch. Wir haben es eher mit einer globalen Krise menschlichen Denkens und des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten zu tun, die mit dem Auseinanderklaffen zwischen menschlichem Anspruch und realer Wirklichkeit zu tun hat und die durch das Scheitern der bisherigen Alternativen, mit denen versucht wurde, diese Diskrepanz zu überwinden, noch präsenter geworden ist. Da Alternativen nunmehr nicht möglich erscheinen, werden daher die Ambitionen selbst problematisiert. Oder um das Bild von Herrn Dr. Hain vom halben Glas aufzugreifen: Bislang wurde versucht, das als halbleer (oder halbvoll) empfundene Glas zu füllen. Da dies heute als illusorisch gilt, geht der Trend zu kleineren Gläsern…
Lieber Herr Heitmann,
dem mag ich gerne folgen, nur stellt sich mir die Frage, warum in vielen politischen Agenden vom Weniger ist mehr zu lesen ist, verbunden mit der Aufforderung den menschlichen Fortschritt kritisch ob seiner Grenzen zu hinterfragen. Das Verengen der Grenzen menschlicher Möglichkeiten, scheint mir doch recht oft ideologisch determiniert zu sein und bietet somit ein reiches politisches Betätigungsfeld.
Wenn ich zum Beispiel die grüne Gentechnik verhindere, geschieht dies nicht unbedingt, darum, weil sie ein nachgewiesenes Schadenspotential beinhaltet, sondern in erster Linie weil die politische Stimmungslage der Nutzung entgegensteht. Wenn ich nun diese Stimmungslage dafür nutze, die Interessen meiner Klientel, in diesem Fall sagen wir mal der Öko-Landwirtschaft zu vertreten, so ist das doch politisch gewollt, oder? Ich muß der ganz normalen, modernen Landwirtschaft das Vertrauen absprechen und als Alternative meine Vorstellungen anpreisen. Das ist für mich künstlich und politisch gewollt, da es keine reale Notwendigkeit für diesen Schritt gibt.
@Matthias Heitmann
Ohne das hier in Rede stehende Thema aus den Augen zu verlieren, möchte ich doch darauf hinweisen, daß der Begriff Verschwörungstheorie zunehmend - bewußt oder unbewußt - als Totschlagargument benutzt wird. Unter Verschwörung dürfen wir - völlig wertfrei - eine Absprache zwischen Wenigen verstehen, um ein Ziel zu erreichen. Als Beispiele nenne ich nur den Rütli-Schwur und die Industrielleneingabe 1932. Zu dem hier verhandelten Thema gibt es eine eindeutige Adresse: Club of Rome - Grenzen des Wachstums. Nichts da mit intellektuellen
grünen Spinnern!
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie belesen und treffend einige Artikel kommentiert werden. Dem Kommentar von Hr. Dr. Harry Hain ist meiner Meinung nach kaum mehr etwas ergänzendes hinzuzufügen. In sofern hoffe ich ebenso wie Hr. Deichmann auf einen Artikel in dem er seine Ansichten darstellt.
Natürliche Ressourcen gibt es also endlos. Der Mensch mache sich die Erde Untertan, komme heraus aus der Jammerecke und begreife eben, dass der Fortschritt (leider) auch Rückschritte mit sich bringt. Aber so ist das eben. Und wenn man das große Ganze betrachtet (sie scheinen ja alle von sehr weit oben den Überblick zu haben, die Geschichte und die Zukunft im Blick), dann ist das Ökogejammer und die Sorge um menschengemachte Katastrophen Unsinn. Liebe Herren. Ich habe 3 Jahre in Indien gelebt. Herr Spahl meldet, wahrscheinlich aus einem mit Holzpellets beheizten Haus im stetig wachsenden deutschen Wald:
“Wir haben es geschafft, dass Milliarden von Menschen auf diesem Planeten ein angenehmes, sicheres, gesundes und produktives Leben führen können. Wir sollten uns hüten, den Ehrgeiz zu desavouieren, allen Menschen dieses Privileg zu ermöglichen.”
Das stimmt natürlich oberflächlich, blickt man zurück. Doch könnten Sie vielleicht angenehm und produktiv definieren? Wie viel angenehmer ist das Leben eines Ureinwohners Indiens, der durch ein Wahnsinnsstaudammprojekt wie dem der Narmada-Staudämme, entschädigungslos umgesiedelt wird? Dessen 1000 Jahre Kultstätten mit einem “Schwapp” absaufen? Der in einer Dorfgemeinschaft durch zugegeben karge Landwirtschaft sein Auskommen hat, aber nun des Fortschritts wegen als Tagelöhner nach Bombay ziehen muss, um seine Familie zu ernähren? Nur mal, um Ihnen hier Zahlen zu nennen:
“Mindestens 30 Millionen Menschen wurden für den Bau indischer Staudämme in den letzten 50 Jahren umgesiedelt, 40 % der Zwangsumgesiedelten waren Adivasi (Ureinwohner). Weniger als die Hälfte aller Vertriebenen bekam für die Wiederansiedlung Hilfe vom indischen Staat.”
30! Millionen Menschen. Damit die “ach so” fortschrittliche Stadtbevölkerung in stinkenden, verschmutzen, ungesunden Megastädten überhaupt Wasser hat. War einer der Herren, die hier die Erde untertan machen möchten schon einmal in Mumbai?
Nun heißt es im Artikel: “[D]ie Erde verliert kein Wasser. Man kann es verschmutzen, aber nicht verbrauchen.” Na toll. Und was bringt uns diese Einsicht, wenn das Wasser in Indien so dermaßen verschmutzt ist, dass kein Mensch das Wasser mehr trinken kann? Die Wasserknappheit so groß ist, dass ich in meiner Luxuswohnung in der gepriesenen Wirtschaftswunderstadt Pune/Maharashtra täglich 3 Stunden auf Wasser verzichten muss? Der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt (auch wenn ich das globale Wasser nicht verbrauchen können mag, hier ist es KNAPP)? Dann baue ich oben genannten Damm, für mich der bei VW, Mercedes, Dell oder Microsoft arbeitet und ein angenehmes Leben führt, damit ich Wasser habe.
Ich verstehe ja, dass sie sich hier insgesamt gegen jeglichen Defätismus stemmen und der Zukunft philosophisch positiv entgegenblicken. Aber was bringen uns diese Debatten, wenn im Elfenbeinturm geführt? Und da sind wir bei denen, die täglich handeln. Tausende NGOs, die Kirchen, Menschen mit Herz. Die sie leider als Öko-Jammerer und Gutmenschen abtun. Was tun SIE konkret, damit die Erde auf der wir Leben eine bessere wird? Und ja, diese Frage impliziert, dass die Situation nicht so toll ist, wie sie sie beschreiben. Denn aus der deutschen, europäischen Perspektive betrachtet scheint vieles o.k. und auf einem guten Weg. Schaut man aber nach Asien und ja, auch Afrika, sieht es ganz anders aus. Dass dies ein hasugemachtes Problem korrupter Politiker, unfähiger Diktatoren und vielleicht religiös verblendeter Menschen ist, mag sein. Doch dazu kommt ebenfalls ein nicht unbeachtlicher Anteil blindem Fortschrittsglauben, der jede Diskussion von Anfang an zu nichte macht, nämlich mit dem Allheilwort: Wachstum.
Zu viel Mensch? Fahren sie bitte alle nach Mumbai. Ja, zuviel Mensch. Natürlich nicht im Westerwald, mit Blick auf einen sich im Wind wiegenden Baum.
“Natürliche Grenzen sind im 21. Jahrhundert keine Entschuldigung mehr für Armut. Wohlstand ist in globalem Maßstab machbar.”
Was ist Wohlstand? Die Chance des indischen Bauern, bald eine DVD in einer neuen Supermall kaufen zu können? Ich träume nicht von einer romantischen, naturalistischen Welt, in der der Bauer treu seine Kühe melken kann. Aber die Supermall ist kein Ausdruck von Wohlstand. Eher von Armut.
Man sollte schon vorsichtig sein, wenn man über den Planeten redet. Der ist nämlich ziemlich groß. Wie ein altes chinesisches Sprichwort sagt: “Wenn Du die Welt ändern möchtest, fange mit dem Baum in Deinem Garten an”. Es mag ja auf der einen wie auf der anderen Seite (Fortschrittsbremser vs. Fortschrittsgläubige) interessant sein, sich eine simpel geschnitzte Denkschablone anzufertigen und auf alles und jeden anzulegen. Die Welt in ihrer Komplexität wird dadurch aber weder begriffen, noch lassen sich Mißstände dadurch ändern. Einzig im Handeln liegt die Kraft.
Und nur aus Mitgefühl kann positive Veränderung entstehen. Alles andere ist die Suche im Werkzeugkasten nach dem richtigen Tool. Wer ohne Mitgefühl danach sucht, der wird einzig Schaden anrichten. Garantiert.
@ Ben
Es hat zwar eine Weile gedauert, aber hier folgt nun eine ziemlich ausführliche Antwort auf Deinen Kommentar. Ich werde versuchen, auf Deine wichtigsten Punkte einzugehen.
Zu Beginn: Weil Du in Deinem Kommentar mehrfach auf die Wichtigkeit Deiner in Indien gemachten Erfahrungen im Hinblick auf Deine politischen Urteile hingewiesen hast, muss ich gleich zu Beginn ein Bekenntnis loswerden: Nein, ich war immer noch nicht in Indien. Nein, ich war auch noch nicht mit der Form von Armut konfrontiert, die Du dort erlebt hast. Trotzdem habe ich eine Meinung über die Entwicklung der Welt (und auch Indiens) – eine von Dir sehr verschiedene Meinung, wie Du sicherlich bereits vermutet hast und noch sehen wirst. Diese Meinung stützt sich, das gestehe ich ein, auch auf den ein oder anderen Erfahrungsbericht von Menschen, die Indien oder andere Entwicklungsländer besucht haben, bemerkenswerterweise aber zu ganz anderen Einsichten gelangt sind als Du. Bsp.: http://www.worldbytes.org/man-made-mumbai/
Wie dem auch sei, persönliche Erfahrung und Betroffenheit, ersetzen in der politischen Auseinandersetzung keine Argumente. Deiner Argumente gegen den Bau von Staudämmen bestanden darin, dass Du die damit einhergehenden Zwangsumsiedlungen und die ungerechte Behandlung bestimmter Bevölkerungsschichten, insbesondere der indischen Ureinwohner kritisiert hast. Außerdem kam der Einwand, dass die Vorteile dieses Staudamms nur den Reichen und Privilegierten - überwiegend in den indischen Boomtowns - nutzen würden. Ich will keinen dieser Punkte von der Hand weisen, allerdings möchte ich fragen, ob die von Dir beschriebenen Ungerechtigkeiten tatsächlich das Problem einer fatalen Technik-, Fortschritts- und Wachstumsgläubigkeit sind oder handelt es sich hier nicht vielmehr um soziale Fragen, die die Organisation der indischen Gesellschaft betreffen? Du scheinst hier die eigentlich gesellschaftlichen Ursachen bestimmter Probleme mit Problemen, die angeblich durch Technologie hervorgerufen werden, zu verwechseln. Gesellschaftliche Probleme bedürfen aber gesellschaftlicher Lösungen. Hier ist die Technologie ebenso wenig der Sündenbock wie sie ein Wundermittel ist. Sicherlich würden Kläranlagen, Technologien zur Flussreinigung, Wasserleitungen und ein funktionierendes Abwassersystem bei den von Dir beschrieben Problemen für den Anfang nicht das schlechteste Mittel sein. Aber selbstverständlich geht jeder jeder technologische Fortschritt natürlich auch mit negativen Effekten einher – das gilt natürlich auch für Großtechnologien, wie Staudämme. Diese Tatsache ist allerdings für sich allein noch kein Argument gegen Staudämme. Deren Vorteile sind weitläufig bekannt: Saubere und günstige Energie, Wasserreservoirs und Überschwemmungsschutz. Bei den Nachteilen kommt es darauf, wie zivilisiert eine Gesellschaft mit den Möglichkeiten des technischen Fortschritts umgeht. Im Kern geht es um die Frage, ob Technologie dafür genutzt wird, die Lebensbedingungen aller Menschen zu verbessern oder privilegiert sie am Ende wenige und schadet vielen. Ich bin kein Indienexperte, aber soviel ich weiß, wurden die Adversi nicht erst seitdem es Großtechnologie in Indien gibt an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Hier muss die indische Gesellschaft – immerhin die größte Demokratie der Welt - zivile Lösungen entwickeln. Dies sollte dann allerdings ohne Einmischung von außen geschehen, was mich zu meinem nächsten Punkt führt.
Gerade am Beispiel der Geschichte Indiens, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt kann man deutlich sehen, welche fragwürdigen Auswirkungen die permanente Einmischung sich wie auch immer berufen fühlender Europäer (vom Missionar über den Sklavenhalter bis hin zum heutigen Öko-Aktivist) in die inneren Angelegenheiten eine Landes haben können. Insbesondere der Einfluss, der von Dir so geschätzten (ganz überwiegend aus Westeuropa oder den USA und von den dortigen Regierungen mitfinanzierten) NGO’s auf die Entwicklung in Ländern der Dritten Welt ollten unter diesem Gesichtspunkt sehr kritisch betrachtet werden. Ich möchte den in NGO’s arbeitenden Menschen ihre positiven Intentionen, ihre Empathie und ihren guten Willen gar nicht absprechen, aber manchmal gilt eben auch - um es mit Kurt Tucholsky zu sagen - dass das Gegenteil von Gut, gut gemeint ist. Ein Beispiel, wie NGO’s Menschen vorschreiben wollen, wie sie richtig zu leben haben, findest Du hier: http://www.spiked-online.com/index.php/site/article/9378/. Natürlich verfolgt jede NGO’s ihre eigene politische Agenda, natürlich dienen sie bestimmten Interessen – möge sie sich meinetwegen auch nur aus Heiligen rekrutieren. Ihre politischen Agenden, und das ist mein Punkt, dienen häufig eben nicht dem Interesse der Einheimischen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Nicht Umsonst kommen viele der schärfsten Kritiker der Entwicklungshilfe wie z.B. James Shikwati inzwischen aus Ländern der Dritten Welt. Anstatt den Menschen zu helfen, sich aus eigener Kraft aus natürlichen und sozialen Zwängen zu emanzipieren (Fortschritt!), helfen sie, Armut, Ausgesetztheit gegenüber unbeherrschbaren Kräften der Natur und Abhängigkeit gegenüber westlichen Institutionen und Staaten zu verfestigen – nicht selten aus einer pseudo-humanistischen Weltsicht, die archaische Lebensformen romantisiert und moderne Lebensformen verachtet.
China ist ein gutes Beispiel dafür, wie Entwicklung unabhängig von der westlichen NGO-Industrie gelingen kann. China hat auf Wachstum und technologischen Fortschritt gesetzt – by the way: unter anderem auch durch den Bau gigantischer Staudämme. Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein in China. Aber was man konstatieren muss, ist, dass durch diese Politik 400 Millionen Menschen aus der Armut befreit werden konnten, wie die unter anderem auf der Website der UNO nachlesen kannst. Und nicht nur das: Wachstum befreit nicht nur aus Armut, er führt auch zu Wohlstand, Wohlstand ist wiederum eine wesentliche Grundlage für Bildung, die in der Regel, die die Grundlage für eine zivilisierte Gesellschaft ist. Hoffentlich orientiert sich Indien am Beispiel Chinas, setzt auf Wachstum und schafft somit nicht nur die Grundlage mehr Arme aus Ihrem Schicksal zu befreien, sondern auch die eigene Gesellschaft weiter zu zivilisieren. Denn so viel ist zumindest für mich sicher: Nicht zu viele Menschen, wie Du ja in Deinem Kommentar ganz in der Tradition von Thomas Maltheus meintest, sind eines größten Probleme auf diesem Planeten, sondern zu viel Armut! Ich möchte das mit Hilfe eines Beispiels verdeutlichen:
Mumbai ist die am dichtesten bevölkerte Stadt der Welt. Du hast geschrieben: „Zu viel Mensch? Fahren sie bitte alle nach Mumbai. Ja, zu viel Mensch.“ Vor Mumbai war lange Zeit Manhattan der Ort mit der weltweit höchsten Bevölkerungszahl pro qm. Komisch, man hört selten so einen emphatischen Misanthropismus, wenn Menschen aus Manhattan berichten. Wohingegen Mumbai und insbesondere die dicht besiedelten Slums, wenig globale Strahlkraft besitzen, ist Manhattan nach wie vor ein Ort der Sehnsucht für sehr viele Menschen – nicht zuletzt, eben weil es sich dort, trotz und wegen der vielen Menschen, so gut leben lässt. Würden die gesamte Menschheit so leben, wie in Manhattan, könnte man sie auf einer Fläche unterbringen, die so groß ist wie das ehemalige Jugoslawien – es wäre wahrscheinlich nicht die schlechteste aller möglichen Welten und dazu mit reichlich Platz für Parkanlagen und Naturschutzgebiete.
Überall auf der Welt zieht es die Menschen in die Städte. Seit kurzem leben erstmals mehr als 50% aller Menschen in Städten. Diese Entwicklung wird weitergehen. Warum? Weil ein Großteil der über drei Milliarden Armen auf diesem Planeten auf dem Land lebt; und zwar ein karges Leben, ohne Bildung, ohne Wohlstand und ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Menschen zieht es in die Städte, nicht wie die in Deinem Kommentar suggerierst, weil sie vor den Auswirkungen der Großtechnologie und des Wachstumsfetischismus fliehen (so viele Dämme kann man gar nicht bauen, wie es die Menschen in die Städte zieht!), sondern weil sie sich nach den Freiheiten der Versprechung der Moderne nach einem besserem Leben sehnen. Bsp.: http://www.worldbytes.org/im-a-subsistence-farmer-get-me-out-of-here/.
Wir haben mehr als genug Platz und Ressourcen auf diesem Planeten, um jedem Menschen ein angenehmes Leben in Wohlstand und Würde zu ermöglichen. Thilo Spahl hat Recht mit seiner Aussage: “Natürliche Grenzen sind im 21. Jahrhundert keine Entschuldigung mehr für Armut. Wohlstand ist in globalem Maßstab machbar.” Wir haben die geistigen und natürlichen Ressourcen auch neun Milliarden Menschen, die im Jahr 2050 auf dieser Erde leben werden zu versorgen und ihnen ein gutes Leben in Wohlstand zu ermöglichen. „Was ist Wohlstand?“, hast Du an einer Stelle Deiner Kritik gefragt. Schau Dich nur mal um in Deiner Lebenswelt: Ein W-LAN Laptop, eine Warmwasserdusche, eine Zentralheizung, wenn man in unseren Breiten lebt, vielleicht eine Spülmaschine, die Möglichkeit auf kostenlose Bildung, günstiges Essen aus dem Supermarkt, ein erschwinglicher Nahverkehr, die zivilisatorische Errungenschaft des Massentourismus, die es erstmals in der Geschichte auch nicht privilegierten Klassen ermöglicht, relativ günstig mit dem Flugzeug von Deutschland überall hin z.B. auch nach Indien zu fliegen. Ich könnte diese Liste noch lange fortsetzen. Das verstehe ich unter anderem unter Wohlstand und einem angenehmen Leben! Solch einen Lebensstandard für alle Menschen wäre für den Anfang schon mal gar nicht so schlecht, wobei ich mich damit noch lange nicht zufrieden geben würde. Welche Alternative stellst Du Dir vor? Wie sieht eine bessere Welt in Deinen Augen aus?


Kann man wirklich sagen, dass die Ressourcen endlos sind? Die menschliche Kreativität wird doch überschätzt! Man scheitert doch schon an den banalsten Aufgaben, etwa den Frieden zu erhalten und das Rentensystem zu stabilisieren. Die nächsten Jahrzehnte werden die Menschen lernen müssen, bescheidener zu wirtschaften. Wir sind heute unglücklich, obwohl wir schon mehr als genug haben. Immer mehr und immer mehr, more of the same, das bringt es einfach nicht. Da steht Novo noch ein gewaltiger Lernprozess bevor.
Peter Engemann
11.06.2010 22:06