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Je suis Charlie

Meinungsfreiheit auf dem Prüfstand

Als islamische Terroristen die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo stürmten und fast alle anwesenden Mitarbeiter mit Kalaschnikow-Sturmgewehren hinrichteten, war die Bestürzung groß. Und schnell formierte sich die weltweite Solidaritätskampagne „Je suis Charlie“. Aber wieviel hat der Spruch „Ich bin Charlie“ mit der Realität zu tun? Tatsächlich hat das öffentliche Klima der vergangenen Jahre Leute wie die Attentäter von Paris in ihrer Ansicht bestärkt, dass es legitim sei, sich gegen die empfundenen Beleidigungen des Propheten mit Waffengewalt zu wehren. Denn kaum ein gesellschaftliches Gut ist in der jüngeren Vergangenheit derart relativiert worden wie die Meinungsfreiheit. Aus einem unverhandelbaren Grundwert der Demokratie ist ein Problem geworden, das von Fall zu Fall bewertet wurde. Letztlich gilt die Meinungsfreiheit vor allem für jene, die eine Meinung vertreten, auf die sich alle einigen können. Die Redaktion von Charlie Hebdo hingegen war meisterhaft in der Provokation um der Provokation willen. Man veräppelte Mohammed, den Papst und jeden Politiker, den man karikieren konnte – ohne Rücksicht auf kulturelle Hintergründe und Gefühle. Die Autoren unterwanderten regelmäßig den Konsens, dass freie Meinung nur dann legitim ist, wenn niemandes Gefühle verletzt werden. Für die Redaktionsmitglieder hatte dies schreckliche Konsequenzen. Die Attentäter waren keine Eindringlinge aus fremden Kulturkreisen, sondern durch die westliche Wertewelt sozialisiert. Und hier wurden ihnen nur wenige Anlässe geboten, die ihrer Meinung, dass keinerlei Provokationen gegenüber Mohammed hinzunehmen seien, entgegengetreten wären. So sehr alle nun Charlie sein möchten – so sehr waren viele auch daran beteiligt, die Karikaturisten den Aggressionen auszuliefern.



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