Open Arts – für ein offenes Theater!
Die deutschen Theaterstrukturen benötigen dringend eine Grundsanierung. Denn die Partizipation der Zuschauer hat sich völlig verändert
Seien Sie ehrlich! Wann waren Sie zuletzt so mitgerissen von einem Theaterbesuch, dass sich die gesehenen Bilder lange wie ein Film vor den Alltag legten und der Sound nicht aus den Ohren ging? Wo hat jüngst eine Aufführung Sie so richtig intellektuell gefordert und emotional durchgeknetet? Wie lange ist es her, dass sie eine Aufführung unbedingt ein zweites oder drittes Mal sehen mussten?
Bei mir werden diese Erlebnisse immer seltener. Ich bin Regisseur. Ich habe das Theater als mein Leben angesehen. Jetzt nehme ich immer öfter irritiert an mir wahr, dass ich zu Proben oder zu Vorstellungen hingehe und mich oft und ständig drängender frage, ob das denn noch mein Leben – oder irgend ein Leben – sein kann! Woran liegt das?
Die Antwort ist so einfach wie fürs Theater deprimierend, das doch vor einigen Jahrzehnten als Kunstform noch ganz vorne war: Unser Leben hat sich rigoros verändert – aber nicht das Theater! Die Notwendigkeit für den künstlerischen Blick auf die Welt und die Schönheit ist groß, vielleicht größer denn je und das Theater hätte in die Gesellschaft hinein zu wirken, doch es spricht nicht mehr zu und mit den Menschen. Dem Theater fehlt eine wirklich souveräne, zeitgemäße Ästhetik. Wie ist es dazu gekommen?
Das Theater hat ein letales Strukturproblem! Die Produktion, Präsentation und Kommunikation von Kunst und eben insbesondere der Darstellenden Künste des Theaters sind vielfach Modellen verhaftet, die keinesfalls mehr heutigen Lebensgewohnheiten und Rezeptionsweisen entsprechen. Moderne Techniken und Arten des Austauschs werden viel zu wenig oder uninspiriert für den Dialog zwischen Kunst und Publikum genutzt, der zudem kaum auf Augenhöhe geführt wird. Unser Theater ist ein closed shop, ein selbstreferenzielles System, das wenigen sehr nützlich ist und noch nicht komplett kollabiert, weil die Profiteure es geschickt mit teuren Apparaten auf der Intensivstation an die öffentliche Finanzierung angeschlossen haben. Schauen wir die komplexe Diagnose etwas genauer an, um danach die Therapieansätze zu formulieren.
1. Erzwungenes Missmangement – Schluss damit!
Die deutsche Idee, mit Steuermitteln Kunst und Kultur umfangreich zu finanzieren, ist genial und clever, unschlagbar, nahezu ein Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb und hat Zukunft. Jeder in die Kunst investierte Euro fließt bis zum Vierfachen in die strapazierten Staatskassen zurück. Neben diesen Traumrenditen sind die ideellen Effekte enorm: intellektuelle, affektive und ästhetische Bildung, permanenter Wertediskurs, gesellschaftliche Selbstdefinition, kultureller Austausch. Doch die sich zusehends leerenden Zuschauerreihen offenbaren, dass es den Stadttheatern immer schwerer fällt, das grundsätzlich enorme Nachfragepotenzial zu mobilisieren. Der Grund: Strukturell bedingtes Missmanagement. Das Geld der Steuerzahler wird garantiert nie mehr sprudeln wie in der Vergangenheit und so muss schon deshalb deutlich besser mit ihm umgegangen werden als gegenwärtig. In Strukturen, die den aus den letzten Jahrhunderten stammen, ist das nicht möglich.
2. Die Krise als Chance – und letzte Chance!
Die deutschen Stadt- und Staatstheater sind im Grunde modifizierte, aufgeblähte Hoftheater und fußen noch tief im feudalen 18. oder allenfalls im erzbürgerlichen 19. Jahrhundert. Das kann einfach nicht mehr funktionieren für die digitale Globalgesellschaft des 21. Jahrhunderts. In jeder halbwegs größeren deutschen Stadt gibt es ein Theater, was zwar aus einstiger Kleinstaaterei herrührt, allerdings zu einem modernen Netz von Kunstorten umgebaut werden könnte. Das alte Stadttheater hat sich überlebt. Interesse und Horizont der Bürger enden nicht mehr an Stadtmauern. Das staubige Stadttheater schreckt nur noch ab. Lebensumstände und gesellschaftliche Verhältnissen sind in Bewegung – und so löst sich sogar das saturierte Bildungsbürgertum auf. Das ist nicht das Schlechteste für die Kunst. Im Gegenteil: Die Chancen mehren sich!
3. Arbeiten wie im Kaiserreich – deutsche Theater machen’s möglich!
Unsere öffentlichen Theater sind All-in-one-Betriebe und das entspricht nicht mehr dem Professionalisierungsgrad einer hochgradig arbeitsteiligen Globalgesellschaft. Ein Kino hat auch keine Schauspieler unter Vertrag, mit denen es die eigenen Filme drehen würde, die dann nur dort liefen…! Die Stadttheater produzieren und spielen. Sie decken die ganze Palette von Produktion und Entwicklung, Spielbetrieb, Vermarktung, Vertrieb und Verwertung, Kommunikation und Service allein ab. Das führt zu geradezu absurdem organisatorischen Aufwand. Auf der Hauptbühne wird rund um die Uhr umgebaut, dem stehen maximal sechs Stunden Probe und Vorstellung gegenüber. Auch der zeitgemäße, also wirklich interaktive Dialog mit dem Publikum ist auf der Strecke geblieben: Wenn ein mittleres Mehrspartenhaus wöchentlich eine Premiere rausbringt, dann kann das in den Medien nur noch eine Randnotiz sein und geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Retuschen an diesem System helfen nicht mehr. Theater muss ganz von vorne neu gedacht und von A wie Ausgangssituation bis Z wie Zieldefinition durchbuchstabiert werden.
4. Dinodanten – prämoderne Avatare der Realwelt!
So ist denn auch das Intendantenprinzip, zumal in seiner derzeitigen Ausgestaltung, völlig antiquiert und längst weder sach- noch kunstdienlich. Es stattet die Theaterchefs mit fürstlicher Machtfülle ohnegleichen aus und stellt andererseits eben dieses Führungspersonal unter einen überdimensionalen Erfüllungsdruck. Wenn sie nicht gleich ganz, wie vor kurzem in Hamburg geschehen, die Flucht ergreifen, erscheinen sie manchmal einfach wochenlang nicht in ihren Häusern, verschanzen sich in ihren Büros oder in kryptischen Meetings, schicken ihren Mitarbeitern nur Mails oder lassen sie wochenlang auf einen Gesprächstermin warten und sich bei der Aufsichtsratssitzung vom Verwaltungsleiter vertreten. So gestaltet man garantiert nicht. Natürlich bestätigen rühmliche Ausnahmen wie immer die Regel. Aber viele Theaterintendanten scheinen verständlicherweise paralysiert vom Kaleidoskop der Anforderungen. Während es selbst für ein vergleichsweise simples Produkt wie etwa Turnschuhe Vorstände für Produktion, Personal, Marketing und Vertrieb, Finanzen und Controlling gibt, soll ein Intendant all dem selbst vorstehen können. Und dabei soll er natürlich auch nie die Arbeitswirklichkeit seiner Mitarbeitet und die Lebenswirklichkeit seines Publikums aus den Augen verlieren. Dass das so in der Realität nicht funktionieren kann, versteht sich von selbst. Fehlentscheidungen und Fehlbesetzungen bestimmen das Bild hinter Fassade und Kulissen: vom Pressesprecher, der sich leider mit den Medienvertretern in der Stadt verkracht hat, bis zur Intendantin, die erneut sinkenden Auslastungszahlen mit immer noch mehr Produktionen begegnen will, die logischerweise ständig an Qualität einbüßen. Schon die Berufung von Intendanten durch angeblich unabhängige Findungskommissionen passt nicht mehr in die Zeit von Open Government. Ahnungslos setzt die Politik Alibi-Gremien ein, die dann ohne nachvollziehbare demokratische Legitimation mit Vertretern von Interessenverbänden bestückt werden, die die vakanten Posten vorzugsweise mit konservativen Kandidaten besetzen – auf dass das Erreichte gesichert werde und alles bleibe wie es ist, womit schlussendlich garantiert nur eins erreicht wird: das Gegenteil.
5. Die Interessenslüge
So propagieren denn Intendanten Verbandsinteressen, statt die der finanzierenden Öffentlichkeit oder ihres Publikums. Der immense Einfluss der Interessensverbände ist ein fatales Problem des öffentlichen Kulturbetriebes. Er ist die Ursache für die Erstarrung und Reglosigkeit der Betriebe. Dabei repräsentieren der Deutsche Bühnenverein oder die Gewerkschaften nur einen Teil der Theaterszene, nämlich die öffentlichen Häuser und die etablierten Privattheater oder die Gewerkschaftsmitglieder, nicht aber die so wichtige Freie Szene. Die und das Gros der freischaffende Theaterkünstler, die zusammen seit Jahrzehnten für die Impulse sorgen, sind völlig unterrepräsentiert. Dass die Verbände inhaltlich nicht mehr die Interessen ihrer Mitglieder, sondern die ihrer gut situierten Funktionäre vertreten, kommt noch dazu. Was hat man etwa von einer Bühnengenossenschaft zu halten, die mit einer unter dem Zwang zur Einsparung stehenden Theaterleitung eine Tarifsteigerung von 1,5 Prozent aushandelt, um exakt eine Stunde später von ihren Mitgliedern die Zustimmung zu einem Haustarifvertrag mit eben dieser Theaterleitung einzufordern, der einen Gagenverzicht um 12 Prozent vorsieht?! Was ist das für eine widersinnige Interessensvertretung, wenn Gewerkschaften für die Chöre so kurze Arbeitszeiten ausgehandelt haben, dass die ChorsängerInnen nur noch unter großem Stress proben können oder resignieren, weil sie vom System nicht mehr als Künstler ernst genommen werden – als erfülle sich das Leben des Künstlers nicht gerade, in dem er viel arbeiten und sich umfassend ausdrücken kann? Die Verbände müssen rigoros in ihrem Einfluss beschnitten werden. Oder sie finden die Kraft zur Utopie, sich veränderten Anforderungen anzupassen und sich für flexible, individuelle, liberale Lösungen jenseits bürokratischer Normierung einzusetzen.
6. Die urdeutschen Technikängste der deutschen Theatermacher
So sehr sich Regieteams bemühen, auf den städtischen Bühnen mit technischen Albernheiten Modernität zu signalisieren, ist doch die – wohl auch sehr deutsche –Technikfeindlichkeit in den Leitungsetagen der Theater evident. Um zukunftsfähig zu bleiben muss sich die Theaterszene endlich konsequent den Chancen aktueller Kommunikationstechnologien wie dem Web 2.0 öffnen.
7. Das Auslastungsmärchen und die verlorene Unschuld
Dem Stadttheater schwindet das Publik dahin. Angeblich sind die Häuser voll. Es kursieren Auslastungszahlen von 70 oder 80 oder 90 Prozent. Das muss entweder in die Tasche gelogen sein oder manipuliert. Klar, in Premieren, wo die amtierende Kulturclique sich trifft, ist es voll. Doch in ganz normalen Repertoirevorstellungen des laufenden Spielbetriebs sind viele Plätze leer zwischen Aachen und Görlitz. Sicherlich, in München oder Hamburg oder gar in Berlin sieht die Sache anders aus – was das Bild der Lage verzerrt. Aber das ändert nichts daran, dass sich das Staats- und Stadttheater seine Präsenz hat abnehmen lassen, weil es – siehe oben – seine Relevanz selbstverschuldet verloren hat. Also: Was tun? Was ist den antiquierten Strukturen entgegen zu setzen?
I. Neue Wege gehen
Grundsätzlich geht es darum, das Angebot an Theater zu erhalten, besser noch: es auszubauen und unbedingt attraktiver zu machen. Statt wie selbstverständlich in Institutionen und Apparate zu investieren, wären öffentliche Mittel primär für Projekte und Produktionen, Konzepte und Köpfe zu verwenden. Wie immer das im einzelnen aussehen kann, nicht Etablierung sondern Dynamik muss finanziert werden. Dabei sollte endlich auch das gleichberechtigt in den Fokus öffentlicher Finanzierung treten, was als Freies Theater bezeichnet wird – auf dass unser Theater insgesamt ein freies Theater werde!
Förderungen sollten grundsätzlich befristet sein, aber nicht zu kurz – planvolles Vorgehen ist zu unterstützen. Gemeinsam sind Ziele zwischen Kunst und den öffentlichen Trägern zu vereinbaren, so dass an ihrem Erreichen oder Verfehlen Erfolg evaluiert werden kann und für Folgeprojekte das Vorgehen zu modifizieren ist. Es sind Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass andere Optionen der Finanzierung als die übliche Subventionierung genutzt werden können: Den (gemeinnützigen) Gesellschaften, welche die Theater betreiben, können zum Beispiel die Opern- oder Schauspielhäuser, meist noch in städtischem Besitz, überschrieben werden, so dass auf dem Kapitalmarkt mit Hilfe der dafür nötigen Sicherheiten Investitions- oder Betriebsmittel besorgt werden können.
Außerdem gilt: lernen von anderen Branchen! Zum Beispiel von der Musikszene und dem Crowd Funding: Beteiligt die Zuschauer als Mitproduzenten! Crowd Funding ist mehr als lästiges Geldauftreiben für Projekte, es ist Ausdruck der neuen Haltung einer selbstbewussten Zivilgesellschaft, mündiger Bürger und Konsumenten, die sehr detailliert mitreden und mitbestimmen wollen, wofür ihr Geld eingesetzt wird. In der Musikindustrie helfen Crowd Funder bereits häufig Neuem auf den Weg, bevor die Major dann einzelne Musiker oder Gruppen unter Vertrag nehmen. Das Publikum ist nicht so Mainstream, wie manche Alt-68er es uns immer gerne glauben machen wollen.
Und schließlich muss endlich ein Bewusstsein dafür geschaffen werden – ganz entgegen urdeutschen Denktraditionen –, dass Kultur und Business kein Gegensatz sind, sondern eine nützliche Ergänzung darstellen können, um mit Kunst viele Menschen zu erreichen, zu bewegen und mit anderen Menschen ins Gespräch zu bringen.
II. Neue Vielfalt fördern
Essenziell für eine Neustrukturierung der Theaterlandschaft ist, dass erstickende Vereinheitlichung von Vielfalt und Individualität abgelöst werden. Das selbe Vertragsmuster für den weltberühmten Bariton an der Staatsoper Unter den Linden und eine junge Schauspielerin im Kindertheater von Memmingen war für beide immer schon eine Zumutung und geht zukünftig gar nicht mehr. Formen und Strukturen müssen liberalisiert werden. Was in der Metropole Berlin gilt, trifft nur noch halb zu für andere Großstädte und gar nicht für das, was man ehemals als Provinz bezeichnete. So wie die Globalisierung paradoxerweise das Regionale stärkt, findet sich in der präzisen Lokalisierung für die Darstellenden Künste erstaunlicherweise dann sogar das wieder, was einst mit dem Dogma vom Theater für die Stadt oder die Region reklamiert werden sollte – in einer völlig neuen Ausprägung.
III. Neue Theatermodelle ausprobieren
Für die hoch komplexe Cultural Economy braucht es Spezialisten – und zwar die besten und für jedes Gebiet: Produktion, Vertrieb/Verwertung und Spielbetrieb. Ein dreigliederndes Modell bietet hier viele Vorzüge für die Theaterarbeit, es sähe so aus:
1.
An zentralen Orten mit umfangreicher Infrastruktur würden Produktionszentren gebildet. Hier sind verschiedene, eigenständig operierende Produktionsgesellschaften angesiedelt, die sich effizient die Nutzung von Probebühnen, Werkstätten, Kantine, Kindergarten, Betreuung Jugendlicher oder älterer Angehöriger der Künstler und Mitarbeiter teilen. Die einzelnen Ensembles (Produktionsgesellschaften) sind auf bestimmte Schwerpunkte spezialisiert und garantieren Qualität, zumal ihre Kompetenz eindeutig im Bereich des Produzierens liegt. Mit ihren Aufführungen bespielen die Ensembles sternförmig die Theater im Umkreis von bis zu 200 Kilometern, so dass nach Vorstellungen in aller Regel noch nach Hause gefahren werden kann. Aber auch Tourneen sind denkbar. Privatleben und künstlerische Freiräume werden möglich, weil sich Produktions-/Probenzeiten mit Spielphasen abwechseln (und nicht unauflöslich in einander verschränkt sind). Diese Form ermöglicht es, Produktionen viel häufiger zu spielen als das im alten Stadttheater der Fall ist: Das ist gut für die Qualität und die Rentabilität.
2.
Den Produktionsgesellschaften zur Seite stehen Agenturen, resp. Vertriebsorganisationen, die für die Verbindung zu den Theatern und Spielstätten sorgen, die zum Beispiel ein Produktionskonzept verschiedenen Häusern anbieten und somit die Basis für dessen Realisierung schaffen oder den Produzenten Wünsche und Planungen der Abnehmer vermitteln.
3.
Die Theater in den Städten oder anderen Spielorten würden nach wie vor von Intendanten geleitet. Die müssten jedoch ebenso wenig mehr die fantastischen Alleskönner sein, wie auch ihre Häuser nicht länger zum absurden Spagat zwischen Proben- und Spielbetrieb verdammt wären, weil die Produktion ausgelagert ist. Solchermaßen entlastet und sogar räumlich entkernt, können die alten Stadttheater umgebaut werden. So können sie dann ihren Besuchern modernen Service anbieten und eine für jeden Geschmack einladende Gastronomie. Was für die Besucher attraktiv ist, ist lukrativ für die Häuser. Die Theatermanagements – dazu zählen auch Dramaturgen, Theaterpädagogen, Technische Leiter, Profis für Kommunikation und Marketing – prägen die Profile der Häuser, wählen aus den Programmangeboten aus (oder gehen auch mit Ensembles und Kompanien längerfristige Kooperationen ein), sorgen für einen umfassenden Dialog mit dem Publikum – den Käufern und den potenziellen Kunden – und organisieren insgesamt das Theater auf eine Weise, dass sich der Besuch für ein vielschichtiges Publikum so angenehm und anregend wie irgend möglich gestaltet.
Ensembles und Theater erhalten bei diesem Modell kontinuierlich, aber nicht automatisch, öffentliche Gelder. Für die Vertriebsagenturen dürften allenfalls Anschubfinanzierungen nötig sein. In den Großstädten könnten sich einige Theatertanker, die produzieren und spielen, weiterhin halten. Allerdings sind wesentlich umfangreichere Kooperationen unter ihnen problemlos möglich. Die müssen restriktiv von der Politik eingefordert und gegen Eitelkeiten der Theaterleitungen durchgesetzt werden. Aber wie gesagt: Es wird in der Zukunft viele Varianten von Theatermodellen geben. Nichts sollte generell verordnet sein, doch alles speziell, eigensinnig und einmalig – damit ein jeder sich mit guter Chance sein Fest erwarte vom Theaterbesuch.
IV. Neue Sozialmodelle entwickeln
Jeglicher Versuch der Systemreform wird hierzulande mit dem Arbeitsplatzargument konterkariert. Doch Kunst ist keine soziale Kuschelecke. Kunst soll gut sein, hohes und höchstes Niveau erreichen. Das ist per se alles andere als eine Sozialstation. Doch genau dazu sind unsere öffentlichen Theater mutiert: die Arbeitsplatzsicherung ist die Totenstarre der Kunst, sie kappt jede Bewegung.
Aus zwei guten Gründen ist der Aufbau eines wirklich sozialen Netzes und Sicherungssystems für Künstler – und zwar für alle, ob im festen Engagement oder freischaffend und vor allem zugeschnitten für ihre speziellen Arbeits- und Lebensumstände – eine zukunftsträchtige Aufgabenstellung. Zum einen, weil den Kreativen zuteil werden soll und muss, was allen in der Gesellschaft zugestanden wird. Zweitens, weil es gesellschaftlich und ökonomisch clever ist, möglichst alle Künstler produktiv zu machen. Diese Kreativität ist einer der wenigen, aber sehr wertvollen Rohstoffe des Landes.
Sozialexperten sind aufgerufen, eine soziale Sicherung zu entwerfen, die unabhängig von Institutionen funktioniert. Mit der Künstlersozialkasse ist vor geraumer Zeit ein Anfang gemacht worden, dem keine weiteren Taten folgten, – der aber dafür hirnrissigerweise schon mal von der Politik zur Disposition gestellt werden sollte. Über die Notwendigkeit eines modernen Sozialsystems für Künstler kann es keine Diskussion geben!
V. Neue Teilhabe realisieren
Die wichtigsten Stichwörter für zeitgemäße Theaterarbeit und die Kunst generell heißen: Kommunikation, Partizipation und Transparenz.
Kunst und Publikum werden immer mehr zu Kollaborateuren. Die Social Media machen vor, wie es gehen kann, zwischen Produzenten und Rezipienten einen auf Beteiligung zielenden Dialog auf Gegenseitigkeit zu installieren. Die Aufgabe der Theater ist es, die digitalen Kommunikationstechniken für interaktive Anwendungen zu nutzen – und diese dann selbstverständlich auch in der Begegnung mit den Besuchern vor Ort adäquat fortzusetzen.
Beteiligt insbesondere das Publikum am Programm! Die Leute wollen keine Operninszenierungen mehr sehen, die sie nicht interessieren, und sie wollen keine Schauspiele, die ihnen verordnet werden von den – wie es ihnen scheinen muss und oft ja auch ist – arroganten Theatermachern. Die Steuerbürger wollen nicht mehr vorbehaltlos bezahlen. Wenn man etwa nachkalkuliert und feststellt, dass eine mit 60, 120 oder 160 Euro ohnehin nicht nachgeworfene Opernkarte unter Umständen noch mal mit 1300 Euro subventioniert wird und wenn in derselben Stadteiner ganz normalen Mittelstufenschule in etlichen Fenster das Glas fehlt, dann kann man nur warnen!
Da die digitale Gesellschaft über Selbstreinigungsmechanismen verfügt, die jenseits existierender Machtverhältnisse funktionieren – siehe etwa Openleaks – ist Transparenz das Gebot der Stunde. Werden Verträge, die Ausgaben von Steuergeldern beinhalten, nicht offengelegt, werden sie einfach geleakt. Kollegen, lasst es nicht so weit kommen! Ihr hättet kaum Argumente! Euch – und der ganzen Kunstszene – würde ein S21 blühen, mit unabsehbaren Schäden und Rückschlägen. Und dabei hinkt der Vergleich mit dem innovationsresistenten Schwabenland noch zu Euren Ungunsten. Beim Tieferlegen des Bahnhofs wurden soweit alle demokratischen Planungs- und Beschlussverfahren eingehalten, über die nur die Öffentlichkeit vergessen sowie eine veränderte Kommunikationshaltung der Bürger ignoriert wurde. Die Kulturtempel namens Staats- und Stadttheater operieren dagegen weit entfernt jeder demokratischen Verfasstheit! Noch… da unser momentanes Theater keinen neuen Begriff von sich hat. Noch fehlt das Feuer einer Mission, eine humanitäre Vision, doch wenn es sich der Welt annimmt, kann es sich auf die Seite der Zukunft stellen. Wenn das Theater begreift, dass es sich zu den drängenden Problemen unserer Zeit und ihrer großen Chancen verhalten kann, wenn es sich den Ängsten und Hoffnungen der Menschen mit künstlerischer Empathie zu- und von der eigenen Nabelschau abwendet, dann dürfte es in dieser Zukunft (wieder) eine wichtige Rolle spielen – als ein für alle offenes Theater!
Frank Alva Buecheler ist Theaterregisseur und Creative Producer, er hat in den Hamburger Hafen ein großes Theater gebaut und eines in Bremen. In New York hat er das German Theater Abroad mit aus der Taufe gehoben, das Bundeswirtschaftsministerium zum deutschen Live-Entertainment-Markt beraten. Schon in jungen Jahren war er Gastprofessor am Bauhaus in Dessau. Seine Website findet sich unter frank-alva-buecheler.com.

