Mehr Theater mit weniger Geld – das geht!
Wie das subventionierte deutsche Theater aus der Sparmaßnahmensackgasse finden kann. Von Frank Alva Buecheler
Die grandiose deutsche Theaterszene gerät immer dramatischer in Bedrängnis. Infolge von Finanz- und Wirtschaftskrise sind Länder und Kommunen kurz vor der Pleite und verlangen von ihren subventionierten Kulturinstituten Einsparungen. Ob das sinnvoll ist, wenn überhaupt nur 0,8 bis 2 Prozent – diese Zahlen sind im Umlauf – der Ausgaben der öffentlichen Hand für Kunst und Kultur aufgewendet werden, also selbst massive Subventionskürzungen die städtischen Kassen um höchstens 0,1 oder 0,2 oder maximal 0,4 Prozent entlasten, ist mehr als fraglich.
Die Bundesregierung hat zwar jüngst beschlossen, an der Kultur nicht zu sparen, doch die Kultur ist größtenteils Ländersache. Im Würgegriff von Tarifvereinbarungen sowie Verordnungen aller Art und Unart bedeuten stagnierende Zuschüsse für die Kulturinstitutionen mehrprozentige Reduktionen und gehen voll zulasten der künstlerischen Etats, die noch einen letzten Rest an Beweglichkeit aufweisen. So können die Theater vielerorts gerade noch die Mitarbeiter von Technik, Werkstätten und Verwaltung bezahlen, schon die Tarifverträge für Orchester oder Chor sind kaum zu erfüllen, Ballettkompanien werden kurzerhand aufgelöst, für Sänger und Schauspieler ist fast kein Geld mehr da, Inszenierungen werden statt von renommierten Regisseuren von Assistenten gemacht, Mittel für Marketing und PR werden gestrichen, auf dass sich auch für erfolgreiche Produktionen an manchen Häusern nur mehr 100 oder 150 Karten verkaufen, weil selbst die interessierten Theatergänger nicht mitkriegen, was wann läuft.
Die Intendanten brüllen denn auch laut Protest. Das Missliche daran ist, dass sie dies schon seit 10 oder 20 Jahren ständig tun. Es hat sich bereits eine Routine eingestellt, so etwas Absurdes wie Bestandschutz für Oper und Schauspiel zu fordern oder den Untergang des Abendlandes zu verkünden, weil dem Theater ein oder zwei oder drei Millionen Euro an Subvention gestrichen werden. Das ist in der Tat viel Geld für die Häuser, und nicht wenige sind in ihrer Existenz bedroht. Aber eine breite Öffentlichkeit interessiert sich schlichtweg nicht mehr für den Großalarm der Theaterleiter. Glauben die sich selber noch? Dämmert ihnen nicht tief im Herzen, dass es nicht weitergehen kann, wie sie fordern, dass es weitergehen soll? Über Jahrzehnte wurde versäumt, das subventionierte Theatersystem zu reformieren!
Und das fußt schließlich noch im feudalen Hoftheater, wurde über 200 Jahre bürgerlichen Kulturverständnisses dann immer irgendwie fortgeschrieben und kann schlichtweg nicht mehr funktionieren im globalisierten 21. Jahrhundert. Und nirgends findet sich heute in der Gesellschaft noch eine Machtfülle wie einst bei den Fürsten – außer bei Theaterintendanten, was diese unter einen überdimensionalen Erfüllungsdruck stellt und nur von den wenigsten noch produktiv gemacht werden kann. Sie scheinen meist paralysiert wie das sprichwörtliche Kaninchen, allerdings gelähmt vom Kaleidoskop moderner Anforderungen, die sie völlig überfordern. Das nimmt nicht Wunder, selbst für ein vergleichsweise simples Produkt wie etwa Waschpulver setzt der Hersteller mindestens Vorstände für Produktion, Personal, Marketing, Finanzen und Controlling ein – doch ein Intendant soll alles das alleine können! Dazu muss er eigentlich auch noch Politiker sein, sollte viel reisen, um Neues für sein Haus zu entdecken, in dem er aber angesichts der sich massierenden Krisen tunlichst dauerpräsent sein sollte. Nein, unsere höchst ausdifferenzierte Wirtschafts- und Lebenswelt braucht auch für die „cultural economy“ Spezialisten. Im Bereich von Film oder Literatur beispielsweise ist das bereits weitaus stärker der Fall als bei der darstellenden Kunst und den Theatern.
Das absolut unschlagbare Konzept, in Deutschland mit Steuergeldern die Kultur generell wie das Theater im Besonderen großzügig zu fördern, ist nicht nur ziemlich einmalig in der Welt, sondern eine fantastische Errungenschaft und an sich auch ein Zukunftsmodell! Das weiß jeder, der beispielsweise einmal in New York oder Los Angeles Theater gemacht hat. Nun steckt landauf, landab das deutsche Stadttheater in der Klemme zwischen Wollen, Sollen und Können. Noch größer wird das Desaster, weil die Fantasie, sich alles einmal anders vorzustellen, neue Ansätze zu entwickeln oder erprobte Rezepte in neuen Kombinationen anzuwenden, offensichtlich ebenso fehlt wie der Mut zum Handeln und die Lust am Verändern.
Dabei sind alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Theaterszene vorhanden: Im Gegensatz zu Film, TV und Internet ist das Theater eine lebendige Interaktion zwischen real Beteiligten – denen auf der Bühne und denen im Zuschauerraum. Theater ist echt und schreibt seinen Zuschauern zudem den Blickwinkel nicht vor. Außerdem ist das Theater langsam, es ist entschleunigtes Gebiet, und Zeit ist eine Ressource. Theater braucht von der Idee bis zur Premiere mindestens ein halbes, meist ein bis zwei Jahre, im Musiktheater oft noch länger – das ermöglicht Genauigkeit, Distanz zur Fülle der Erscheinungen und zugleich Nähe zum Kern der Dinge. Das sind das Potenzial und der Wert des Theaters, woraus es eine ästhetisch souveräne Haltung ableiten kann.
Daran hat es allerdings in jüngster Zeit gehapert: Seit Langem kommt kaum eine Aufführung ohne Videoprojektionen, Filmsequenzen, Live-Band oder Klamauk à la Trash-TV aus. Das Non-Profit-Theater hat sich anderen Medien angebiedert – statt sie für die eigenen Zwecke einzuspannen – und sich, da weitgehend unabhängig vom Einspielergebnis an der Abendkasse, in eine Selbstreferenzialität verstiegen, die schon etliche Zuschauermillionen vergrault hat.
Das subventionierte deutsche Theatersystem kennt drei deutlich unterscheidbare Sektoren:
1. Staatstheater sind die großen Tanker in Berlin und, bis auf einige Ausnahmen, in den Landeshauptstädten, häufig spezialisiert auf Oper oder Schauspiel.
2. Stadttheater in mittleren und kleineren Großstädten sind Mehrspartenhäuser mit Musik- und Sprechtheater, Ballett, häufig dazu noch Kinder- und Jugendtheater.
3. Landestheater haben ein Stammhaus, pflegen häufig mehrere Sparten zu bedienen, gastieren aber permanent mit vielen Abstechern in einer ganzen Region von Bespieltheatern, die über kein eigenes Ensemble verfügen – sie sind sozusagen eine Kreuzung zwischen kleinem Stadttheater und Tourneetheater.
Tourneetheater sind Privattheater. Die meisten Privattheater haben feste Häuser und nehmen sich aus wie kleinere oder im Falle der Musicalbühnen eben wie größere Stadttheater. Privat- und Tourneetheater spielen en suite, jeden Abend dasselbe Stück, bis es abgespielt ist – keinen Gewinn mehr macht. Staats-, Stadt- und Landestheater haben eigene Ensembles und spielen Repertoire, es wechseln also von Abend zu Abend die Aufführungen – sie haben oft 20 oder 30 oder mehr Produktionen parallel im Spielplan, was sich noch aus feudalen Zeiten herschreibt, als die Fürsten für sich, Hof und Gäste allabendliche Abwechslung wünschten. Als die Bürger die Theater übernahmen, kam ihnen dieses Prinzip gerade recht fürs Repräsentieren ihrer neu gewonnenen sozialen Stellung, und auch sie schätzten das Repertoire, sonst war nicht viel los nach Feierabend im 19. Jahrhundert. Im Wesentlichen ist es bei diesem Theatermodell bis heute geblieben.
Die Privattheater interessieren uns für unsere Betrachtung nur peripher, denn sie arbeiten mit privatem Geld und mit vollem Risiko ihrer Eigentümer. (Allerdings kann man einiges von ihnen lernen!) Unser Augenmerk gilt der subventionierten Theaterlandschaft. Und hier zunächst der größten Gruppe, der Kategorie 2 – dem Stadttheater, dem die Luft ausgeht, das zu viel hat zum Sterben und zu wenig zum Überleben, geschweige denn zum einfallsreichen Gestalten der Kunst und der eigenen Zukunft – jedenfalls in den vorhandenen Strukturen! Und die gehören nun schnellstens und gründlich modernisiert.
Denkbar wäre so zum Beispiel eine dreigliedrige Aufteilung und damit eine Konzentration der Kräfte, wie etwa beim Film: Da produzieren Studios die Filme, Verleihfirmen sorgen für ihren Vertrieb, Kinos spielen sie ab – höchste Kompetenz auf allen Ebenen. Würde man die subventionierte Stadttheaterlandschaft ähnlich spezialisieren und so in allen Bereichen professionalisieren, dann gäbe es zum einen Ensembles und Kompanien, die Aufführungen produzieren (Theaterproduktionsgesellschaften). Ihnen als Pendant stünden die Theater gegenüber – die Häuser, die Bühnen –, die Produktionen einkaufen und spielen (und nicht produzieren). Agenturen wiederum würden als Bindeglied zwischen Angebot (Produzenten) und Nachfrage (Theatern) für die Vermittlung sowie eine effiziente Distribution (Verkauf/Ankauf) sorgen.
Mit anderen Worten: Bei den Produktionsgesellschaften läge die geballte künstlerische Kompetenz. Aufführungen können hier in unterschiedlichsten Formaten, aber immer auf höchstem Niveau erstellt werden – was dringend nötig ist, denn durch DVDs, CDs, TV und Internet unterrichtet, setzen die Kunden den Maßstab hoch und immer höher an – selbst in kleinen Städten und in ländlichen Regionen gibt es keine Provinz mehr: Anna Netrebko und Corinna Harfouch werden überall erwartet. Das Live-Argument der Theatermacher, mit dem mangelnde Qualität entschuldigt wird, zieht da nur noch begrenzt!
Ein Vorteil solcher Produktionen wären ihre längeren Laufzeiten, Schauspieler könnten viel konzentrierter „in ihren Stücken“ bleiben – anders als im Stadttheater-Repertoirebetrieb, wo Hamlet, Hedda Gabler oder Heldenplatz allenfalls alle zwei, drei und manchmal fünf oder sechs Wochen dran und Vorstellungen häufig Erinnerungsleistungen sind, fern jeder Schauspielkunst. Selbst Opernproduktionen könnten über lange Zeiträume in der Originalbesetzung angeboten werden: Die Produzenten vereinbaren mit den jeweiligen Ensembles – passgenaue Besetzungen für Stücke und Absichten von Regie, musikalischer Leitung, Choreografie –, wann alle zur Verfügung stehen, und diese möglichen Vorstellungsdaten werden dann von den Agenturen verkauft. (Exzellent einstudierte Doppelbesetzungen wären ebenfalls denkbar.)
Die Produktionsgesellschaften werden sich in aller Regel spezialisieren und damit ihre Kompetenz und Qualität steigern sowie ihr Profil auf dem Markt schärfen. Die staatliche Unterstützung der Ensembles und Kompanien sollte ihnen eine gewisse Planungssicherheit für eine Produktionsperspektive von mehreren Spielzeiten geben, eventuell auch diverse verabredete Projekte umfassen. Ansonsten würden besonders aufwendigere Produktionen spezielle Projektförderungen erhalten. Es sind da viele Varianten der Subventionierung denkbar, und es besteht die Chance für individuelle Lösungen und Vorgehensweisen – was Kunst und Publikum zugute kommen wird. So bietet es sich aus logistischen und Kostengründen beispielsweise an, dass Produktionsgesellschaften primär eine bestimmte Region bedienen, in deren Zentrum sie ihren Sitz – mit Probebühnen, Management usw. – und viele Mitarbeiter ihren Lebensmittelpunkt haben. Gastieren Opernensembles weit entfernt, ist möglicherweise zu prüfen, ob mit eigenem Orchester gereist wird oder ob es günstiger ist, mit am Gastort ansässigen Klangkörpern zusammenzuarbeiten. Das werden die Manager und Agenten durchzurechnen und mit den künstlerisch Verantwortlichen abzustimmen haben. Ein Großteil der physischen Produktion (Bühnenbild, Kostüme) könnte von zentralen Theaterwerkstätten erstellt werden, wie es sie hier und da schon gibt – allerdings wohl häufig unter bürokratischen Hemmnissen leidend. Privatwirtschaftlich operierende Veranstaltungsbauer demonstrieren, wie es erfolgreich geht.
Die Theater an sich würden nach wie vor von Intendanten geleitet. Die müssten jedoch ebenso wenig mehr die unmöglichen universalen Alleskönner sein, wie auch ihre Häuser nicht länger zum absurden Spagat zwischen Proben- und Spielbetrieb verdammt wären, weil die Produktion ausgelagert wird. Die Intendanten versammeln dann Profis für Kommunikation, Marketing und Management. Diese Theatermanagements – dazu gehören auch Dramaturgen, Theaterpädagogen, Technische Leiter – prägen das Profil des Hauses, wählen aus den Programmangeboten aus (oder gehen auch mit Ensembles und Kompanien längerfristige Kooperationen ein), sorgen für eine umfassende Kommunikation mit dem Publikum – den Käufern und den potenziellen Kunden – und organisieren insgesamt das Theater auf eine Weise, dass sich der Besuch für ein vielschichtiges Publikum so angenehm und anregend wie irgend möglich gestaltet.
Die konsequente Publikumsorientierung wird als Maxime ebenso für die Non-Profit-Theater der Kategorie 1 zu gelten haben. Dabei ist es jedoch gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Theatertanker – die Staatsopern und großen Schauspielhäuser in Berlin, München und Hamburg, in Stuttgart, Frankfurt, Köln – sich nur zum Teil am mehrgliedrigen Theatersystem beteiligen. Auch die Met in New York oder Covent Garden in London schaffen es, pure Eigenproduktionen mit Repertoiresystem zu realisieren. Allerdings braucht es hierzulande einen anderen Ansatz des Managements, um in dieser Liga mithalten zu können. In der weiten Landschaft der mittleren und kleineren Häuser wird es gar keine Alternative zur Spezialisierung geben, wie sie die 3-Säulen-Struktur erlaubt, soll sie nicht theatral versteppen!
Für alle aber gilt: Theater im 21. Jahrhundert wird immer stärker zum offenen Ort der Kommunikation, des Austauschs mit der Kunst sowie ihrer Nutzer untereinander werden. Theater werden zu Orten der Wissensvermittlung und des Wissensaustauschs – alles immer als sinnliches Erlebnis für Besucher mit unterschiedlichsten Hintergründen und Bedürfnissen. Das reicht von höchst flexiblen Anfangszeiten über Fahrdienste bis zur Kinderbetreuung (welch coole Gelegenheit, die Kids schon mit kleinen Darbietungen oder der Anleitung zu eigenem Theaterspiel auf den Geschmack zu bringen!); da gehört mediale Vernetzung im Theater zum Angebot genauso wie eine einladende Gastronomie – vom feinen Restaurant über Bar und Coffeeshop bis zur knautschigen Abhänge-Lounge. Pausengastronomie mit deprimierenden Häppchen zum Anstehen, das war nun wirklich vorgestern! Diese auf Service setzende Besucherorientierung bedeutet keineswegs, wie in deutschen Landen traditionell gern von intellektueller Seite unterstellt wird, Anbiederung beim Publikum! Im Gegenteil: Wer die Kunst aufsucht, sucht schließlich die fordernde Auseinandersetzung mit der Kunst und dem (eigenen) Leben – warum sonst sollte man Zeit und Geld, Gefühle und Gedanken darin investieren? Dem Publikum werde gegeben, was des Publikums ist – der Kunde zahlt für die Qualität des Produkts.
Vielerorts taugen die alten Theatergebäude nicht mehr für moderne Anforderungen, man wird sie stark umbauen und erweitern müssen. Der Produktion und weitgehend des Probenbetriebs entledigt, könnten viele Theater über die dafür nötigen räumlichen Reserven verfügen. Häufig wird es aber auch vorteilhafter sein, neu zu bauen. Die Attraktivität von Fabrikhallen, Straßenbahndepots oder Zelten als Spielstätten für Theateraufführungen beim Publikum zeigt, wohin hier das Denken und Planen gehen muss: Unkonventionell soll das Ambiente sein. Immer ist mit Kunst und Theater das Repräsentationsbedürfnis von Lebensstilen verbunden, ihr schneller Wechsel erfordert adäquate Veränderungen der Darstellungsmöglichkeiten.
Beim Bau, Unterhalt und Betreiben der Theater ist die öffentliche Hand für eine institutionelle Förderung unverzichtbar. Allerdings müsste sie nicht mehr einen Moloch füttern, und es versteht sich, dass die Intendanten, der Verantwortung für den gesamten künstlerischen Produktionsbereich ledig, ihr Augenmerk auf die Erschließung von anderen (neuen) Einnahmequellen für ihre Häuser richten und wirklich versierte Ansprechpartner für Sponsoren und Firmen sein können, die ihr Betätigungsfeld vom Donatorensystem bis zur Fremdvermietung begreifen und darin neben der Mittelbeschaffung vor allem raffinierte Wege sehen, Menschen für das Theater zu gewinnen und an diese moderne Kommunikationsform zu binden. Wie sich zeigt, verfügt das Non-Profit-Modell 3, das Landestheater, schon über viele zukunftsträchtige Komponenten. Man sollte es nur von der Bürde eines festen Stammhauses befreien, damit es seine Kräfte auf die künstlerisch konkurrenzfähige Produktion und den Spielbetrieb konzentrieren kann.
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, schon alle Details eines mehrgliedrigen öffentlichen Theatersystems zu skizzieren. Die Umsetzung wird alle Beteiligten vor vielfältige Aufgaben stellen und ungeahnte Lösungen hervorbringen. Die Essenz aber heißt: Es gibt Perspektiven und realistische Ansatzpunkte, das Non-Profit-Theater sitzt nicht in der Falle, es hat eine gute Zukunft vor sich. Wenn es sich nur rigoros bewegt! Und zwar jetzt. Und es sage wirklich keiner, dies sei unmöglich: Die Nationale Reisopera in den Niederlanden oder das Fränkische Theater, Bayerischer Kulturpreisträger 2009, machen seit Jahrzehnten vor, wie es gehen kann. Sicherlich kann es auch noch ganz anders gehen, und der Charme einer neuen Struktur der deutschen Theaterlandschaft liegt gerade in der Individualisierung: Es drängen sich einfach keine flächendeckenden Modelle mehr auf. Für jedes Theater, für jedes Ensemble, für alle Agenturen, für Peripherie, Zulieferer und Dienstleister wird zukünftig von Ort zu Ort und Fall zu Fall zu entscheiden sein, mit welchen Instrumenten die besten Ergebnisse erzielt werden können. Das ist ja das Paradox der Globalisierung – zugleich erzeugt sie eine Renaissance der Kleinteiligkeit, die neuerlich die Orientierung gewährt, die zuvor gerade verloren schien.
Zu hoffen ist, dass die Verbände, Bühnenverein und Gewerkschaften, ihre lang geübte Blockadehaltung ebenso aufgeben können wie ihre zementierten Vorstellungen, was beides zusammen Gefahr läuft, eben das, was man schützen und verteidigen will, nämlich das Theater, zu verspielen. Dafür sollte das Theater uns aber viel zu schade, zu wertvoll und zu kostbar sein. Noch einmal: Theater ist eine große Ressource, ein Quell, ein erneuerbarer Schatz, den es immer wieder und immer wieder auf ganz eigene Art zu heben gilt. Das geht auch und erst recht mit weniger öffentlichem Geld – das Theater wird leben!
Frank Alva Buecheler ist Theaterregisseur und Creative Producer, er hat in den Hamburger Hafen ein großes Theater gebaut und eines in Bremen. In New York hat er das German Theater Abroad mit aus der Taufe gehoben, das Bundeswirtschaftsministerium zum deutschen Live-Entertainment-Markt beraten. Schon in jungen Jahren war er Gastprofessor am Bauhaus in Dessau. Seine Website findet sich unter frank-alva-buecheler.com.
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Der Mensch hält gerne an alten Dingen fest, auch wenn sie sich nicht mehr bewähren. In der Tat ist es auch beim Theater überfällig, alte Strukturen neu zu denken. Da ist besonders die Politik gefragt, um die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es gilt, die Probleme anzugehen. Ich wünsche dem Autor viel Energie und Verbündete, um seine Ideen durchzusetzen und die Menschen mitzunehmen in eine spannende neue Welt - wenn das nicht gelingt werden wir wohl weiter nur in scheinbarer Sicherheit vor uns hindümpeln. Mit Kunst hat das dann allerdings nur noch sehr wenig zu tun.
Wenn ich es richtig verstanden habe, so plädiert der Autor für ein Stadttheater, das einem Bespieltheater sehr ähnelt. Der Intendant des “neuen” Stadttheaters sucht sich aus dem Angebot der Kompanien und der bestehenden Theater sein Angebot aus, die Zusammenarbeit mit bestimmten Kompanien ist evtl. intensiver, mit Mitspracherecht des Stadttheaterintendanten, was Regie, Besetzung und Konzept angeht.
Die Überlegung, aus einem Stadttheater ein Bespieltheater zu machen, gibt es immer wieder. Doch bisher ist das nicht passiert, weil die Experten beim Durchrechnen gemerkt haben - es wird kaum billiger. Reisekosten, Unterbringungskosten, das Honorar für eine Produktion - all dies reduziert die Kosten kaum.
Zudem geschieht doch in der Stadttheaterlandschaft im Moment etwas ganz anderes: Die Stadttheater vernetzen sich immer mehr mit “ihren” Städten, es gibt Zusammenarbeiten mit sozialen und anderen kulturellen Einrichtungen, und neben der Kunst übernehmen die Stadttheater zum Teil auch integrative und soziale Funktionen innerhalb einer Stadt. Die Zunahme solcher Projekte und der Erfolg dieser ist, glaube ich, nur durch Identifikation möglich. Identifikation mit dem Theater der Stadt, mit dem Ensemble, mit den Persönlichkeiten, die es prägen.
Ein Bespieltheater bietet diese Identifikation nicht und wird sich nie so in seiner Stadt vernetzen können wie das die bestehenden Theater tun.
(Beispiel Ansbach: Seit das Theater ein eigenes Ensemble hat und nicht nur Produktionen einlädt, ist die Abonenntenzahl und Auslastung enorm gestiegen.)
Es stimmt zwar, dass man davon hört, dass Intendanten über Kürzungen empört sind. Doch gab es je einen öffentlichen Protest? Die Bauern sind für die Milchpreise auf die Straße gegangen und haben ihre Kühe mitgebracht, die Ärzte zogen mit Trillerpfeifen durch Innenstädte - sie haben etwas erreicht. Ob diese Protestform eine des Theaters sein kann weiß ich nicht, doch bin ich der Meinung, dass die Theater noch viel zu wenig gegen Kürzungen protestieren.
Warum das Fränkische Theater als beispielhaft genannt wird, dem doch das Ensemble, die eigenen Werkstätten und die Zuschüsse, die es bekommt, sehr am Herzen liegen, weiß ich nicht. Es erfüllt zwar als Privattheater dennoch diesselbe Funktion in gleicher Weise wie andere Landesbühnen - die in diesem Jahr zu Recht den Preis des Präsidenten beim FAUST bekommen.
Die offizielle Theaterwelt ähnelt ist seit langem einem Gewächshaus, dessen Bewohner nur deshalb überleben, weil es Hausmeister (Politiker) gibt, die die Heizung (den Geldhahn) aufdrehen. Gäbe es diese Hausmeister nicht, wäre das System, dessen Subventionierungsstruktur seine Wurzeln im feudalen Hoftheater des 18. Jahrhunderts hat, längst implodiert. Kunsttempel wie Trutzburgen, in denen munter darum gerungen wird, dass alles so weitergeht wie bisher. Oder, um es modern-relativistisch zu formulieren, sie sind schon für Veränderung, aber nur wenn alles so bleibt, wie es ist. Die Budgets der öffentlichen Theater bestehen durchschnittlich zu über 80% aus Subventionen. Zwischen 80% und 90% des gesamten Budgets gehen für Personalkosten drauf, wobei die Schauspielerinnen und Schauspieler – also die eigentliche Quelle eines jeden Theaters – zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen im Theater gehören. Über das, was nachher als „Kunst“ auf der Bühne zu erleben ist, will ich gar nicht erst reden. Ein Herr sagte neulich zu mir, er ginge nicht mehr ins Theater, weil er keine Lust mehr habe auf das Blut- und Hodentheater der Gegenwart. Aber das Theater ist eben, wie es so schön bei Shakespeare heißt, Spiegel und Chronik seiner Zeit.
Die Gedankengänge von Frank Alva Buecheler werden vielen Theaterleuten und auch Politikern als Provokation erscheinen, dabei sind sie eigentlich „nur“ Ausdruck eines gesunden Menschenverstandes und den braucht das Theater der Gegenwart mehr denn je! Allerdings halte ich die Reformierbarkeit des Systems für ausgeschlossen, jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Krise hin oder her – die Strukturen sind für radikale Veränderungen viel zu betoniert. Ich vermute eher, dass das System auf absehbare Zeit in sich zusammenfallen wird, weil die Nährlösung in den öffentlichen Kassen – das Geld – einfach nicht mehr vorhanden ist. Es wird laute Proteste geben, insbesondere in den Theatern, bis irgendwann auch der letzte begreift, dass eine leere Brust keine Milch mehr gibt, auch dann nicht, wenn man sich an ihr festbeißt.
Meiner Ansicht steht das Land, in dem wir leben (und wahrscheinlich nicht nur dieses), in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren vor gewaltigen (aber hoffentlich nicht Gewalt geprägten) gesellschaftlichen Veränderungen, die die Beunruhigungen der zurückliegenden Finanzkrise als Banalität erscheinen lassen werden. Will das (offizielle) Theater diesen Veränderungen gerecht werden, wird es die Bereitschaft entwickeln müssen, seinen Standort innerhalb unserer Lebenswelt grundsätzlich zu überdenken und neu zu bestimmen. Und das bezieht sich dann nicht nur auf die Veränderung von Strukturen, sondern vor allem auf das, was Theater als “Raum zum Schauen” für den fragenden, den suchenden, den GEtriebenen (weil aus sich selbst VERtriebenen) Menschen unserer Zeit sein kann und (dann wieder) sein darf.
Mehr Theater mit weniger Geld – wie geht das?
Nu habe ich nicht so viel Ahnung von der Theaterwelt in Deutschland. Was ich interessant finde, ist der Ansatz um anders zu denken als gewöhnlich. In andere Kommentaren wird referiert an den Protsten von Berufsgruppen mit dem Ziel, Einsparungen von öffentlichen Mittels in ihrem Arbeitsbereich zu verhindern. Das ist der gebräuchliche Weg und hilft manchmal und zeitweise. Viel gründlicher und kreativer ist es, sich unabhängig zu machen. Nicht vom Geld, sondern von Politik und öffentlichen Mitteln. Dies spielt in viel mehr Bereichen. Ich beschränke mich auf meine Profession – Wohnungsbau und städtische Entwicklung. Vor allem in Gebieten, wo der Bevölkerungsumfang abnimmt, sind die nötigen Massnahmen nicht mehr rendabel zu financieren und wird die Abhängigkeit von Subventionen immer grösser. Auch hier sehe ich die Suche nach Auswegen und unorthodoxen Lösungen. Es scheint mir, dass Mechanismen vergleichbar denen die Frank Alva Bücheler hier beschreibt, zu Antworten führen können in welchem Bereich dann auch:
- Denke global, handel lokal!
- Besinnt euch auf den Mehrwert des Produktes für die Menschen. Was finden die wichtig? Was wollen sie im Grunde eigentlich?
- Fomuliere gemeinsame Ziele, specialisiere die nötigen Teilbereiche und arbeite einander zu.
- Langzeitigen Horizont wählen und anders rechnen.
- Synergie schaffen und win-win Konstruktionen.
Dies scheinen mir die wichtigen Punkte um fundamentele Veränderungen zu erreichen, in welchem Bereich dann auch. Das will übrigens nicht sagen, dass damit keine öffentlichen Mittel mehr angesprochen werden. Nur wird die öffentliche Hand in dieser Konstruktion zum Vertragspartner. Dies ist logisch wenn auch die Politik/ die Gesellschaft Belang hat bei den fomulierten Zielen. Aber die Verhältnisse werden anders, es geht dann um Investionen statt um Subventionen.
In dem Pleidooi von Frank Alva Bücheler werden die Punkte sehr konkret gemacht im Bezug auf die nötigen Veränderungen in der Deutschen Theaterwelt. Sehr inspirerend, auch für andere Bereiche.
Buecheler weiss, wovon er redet. Das macht seinen Ansatz allerdings noch viel schlimmer. Er liefert bewußt oder unbewußt einer Politik Argumentationshilfen, die ihr globales Versagen dort durch Einsparungen abarbeitet, wo der geringste Erpressungsdruck gegenüber der Gesellschaft zu erwarten ist - nämlich bei der Kultur. Welches Theaterensemble würde angesichts bedrohlicher Szenarien streiken und damit die einzigen Verbündeten verprellen, die es hat - nämlich das Publikum? Der Förderanteil für kulturelle Belange in den öffentlichen Haushalten ist, gemessen an der identitätsstiftenden, bildenden und sozialen Bedeutung der Kultur, lächerlich oder unvorsichtiger gesagt: Verbrecherisch gering. Dabei ist der Verweis auf andere Kulturnationen, die es schaffen, noch weniger zu fördern (wenn das so stimmt) purer Zynismus, der jegliches Bewußsein für die eigene Herkunft vollkommen ausblendet. Buecheler spricht ständig von Globalisierung wie von einer Zauberformel, und benutzt den Begriff als Synonym für Erpressung, wie es populistische Politiker zu tun pflegen, wenn sie ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit bemänteln. Anstatt nach dem Konstatieren der Krise mit teilweise richtigen Symptombeschreibungen die entscheidende Frage nach der Verantwortung gewählter Volksvertreter für Ihre eigene kulturelle Identität zu stellen, verkündet er in schillerndem Kassandra-Kostüm, das das Geld für eine über Jahrhunderte gewachsene und weltweit einmalige Theaterstruktur bald nicht mehr da sein wird. Und bevor es soweit ist (soweit sein soll?), liefert er schon mal eine mit marketingpolitischen Phrasen, Halbwahrheiten und haarsträubenden Ideen aufgepeppte Bewerbung für ihren Radikalabbau.
Was wären die Folgen seiner Ideen?
1. Gemessen am heutigen Angebot der Stadttheater definitiv keine Einsparung. Die Künstler werden mehr Kilometer fressen und weniger Probenzeit haben. Der logistische Gesamtaufwand, die Buecheler vorschwebende Managementstruktur für Marketing, werden Aufwendungen zur Folge haben, die jede Einsparung neutralisieren. Es werden hunderte Arbeitsplätze wegfallen, die die Kommunen mit weiteren Sozialausgaben belasten.
2. Eine deutliche Reduzierung des Angebots, damit auch der Zuschauerzahlen und also der Einnahmen! Dies ist an allen Orten heute schon bewiesen, wo Theaterensembles entlassen und die bestehenden Gebäude zu Bespieltheatern wurden. Die dortigen Fakten müssen nur analysiert werden, dann wird es auch Herrn Buecheler wie Schuppen von den Augen fallen.
3. Eine gesellschaftspolitisch unverantwortliche Trennung der Stadttheater von ihrer Region, ihrem Publikum und ihrer sozialen Verantwortung (z. Bsp. Jugendarbeit!!!).
4. Eine die künstlerische Entfaltung bedrohende Tendenz zu En-Suite-Strukturen der herumreisenen Truppen. Welchem Schauspieler hilft es künstlerisch weiter, über Wochen jeden Tag an einem anderen Ort dasselbe zu spielen? Gerade die tägliche Abwechslung ständig varierender Herausforderungen macht den Reiz des Repertoiretheaters aus.
5. Eine Kommerzialisierung der Spielpläne. Hier versteckt sich Buechelers größter Irrtum, indem er suggeriert, die künstlerische Qualität oder das Angebot würden besser. Die Wahrheit ist, dass JEDES regionale Publikum “schweren Tobak” eher von SEINEM Enemble abzukaufen bereit ist, als von gastierenden Theatern. Der Grund ist simpel: Man kennt seine Spieler und weiss, dass man mit ihnen reden kann - nach der Vorstellung, in der Schule, auf der Strasse, im Einkaufstempel, beim Friseur oder von mir aus im Tabakladen. In Buechelers Struktur würde binnen kürzester Zeit der Mut zu innovativen Projekten zusammenbrechen, da die Truppen sehr schnell lernen müssten, ihre Angebote der kommerziellen Nachfrage anzupassen. Dann ist Theater wie anonymes Pay-TV. Eine aus Überlebensgründen zwangsläufig zu erstrebende größtmögliche Vorstellungszahl wird sich nur nach mainstreamigen Bedürfnissen orientieren, nie nach innovativen Konzepten.
Zum Abschluss ein paar Fakten aus dem mehrsprachigen Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen:
In der Stadt leben etwas über 40000 Einwohner. Pro Jahr gibt es ca.1000 Veranstaltungen auf diversen Bühnen innerhalb und außerhalb des Theaters, 30 Premieren verschiedener Sparten, 145000 Zuschauer. Annähernd jeder dritte regionale Mittelständler unterstützt hier SEIN Theater. Ich versichere allen Lesern, dass kein anderes Theatermodell die Effizienz dieses Ensembletheaters toppen kann. Ich versichere ferner, dass etliche andere Häuser dies ebenso mit Recht von sich behaupten können. Und ja, wir sind an der finanziellen Grenze, wo dieses seit Jahren nach Einsparmöglichkeiten durchforstete Konstrukt in sich zusammenbrechen kann. Da hilft nur eine aus haushaltpolitischer Gesamtsicht lächerliche Aufstockung der Mittel, nicht jedoch Buechelers Kapitulationserklärung, die aus den verbrauchtesten aller alten Hüte gestrickt ist und nur in einem wirklich glänzt: In einem fatalen vorauseilendem Gehorsam gegenüber der sich seuchenartig ausbreitenden Bereitschaft, die Förderung der Kultur zu Grabe zu tragen.
Man sehe miir den emotionalen Grundton dieser Ausführungen nach. Dies ist eine Spontanreaktion.
Der Autor obigen Beitrags hat zum Thema einen neuen Blog-Beitrag verfasst:
Worstward ho – Mythos und Hort: das deutsche Stadt- und Staatstheater!
Von Frank Alva Buecheler
http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000764
Die Genossenschaft Deutscher Bühnen GDBA hat zu den Beiträgen von Frank Alva Buecheler wiederholt Stellung bezogen:
Stadttheaterbashing oder: der Aufstand der Nicht-Intendanten…
http://buehnengenossenschaft.de/stadttheaterbashing-oder-der-aufstand-der-nicht-intendanten
Der zweite GDBA-Beitrag bezieht sich auf ein Interview mit Buecheler bei 3sat / Kulurzeit:
Theaterkrise im Fernsehen
http://buehnengenossenschaft.de/theaterkrise-im-fernsehen


Der Artikel hat mir ausgesprochen gut gefallen. Hier ist mal jemand, der nicht in ständigen Rückzugsgefechten verwickelt ist, sondern die Zukunft des Theaters denkt. Die konkreten Ideen zeigen Wege auf, wie sich das Theater aus dem Würgegriff immer knapper werdenden finanzieller Ressourcen befreien und sich wieder seiner eigentlichen Mission zuwenden kann. Die Strukturreform verhindert keinen künstlerischen Wurf und setzt zugleich Energien für großartige neue Inszinierungen frei.
Burkhard Grell
10.09.2010 19:04