Missbrauch als Epidemie
Natürlich muss die Gesellschaft versuchen, Kinder vor Gewalttätern zu schützen. Die anhaltende Aufregung über Missbrauchsfälle trägt dazu jedoch nichts bei. Von Sabine Beppler-Spahl
„Meiner Generation und den ein, zwei folgenden wurde eine derartige katholische Erziehung zuteil, die auf Angst, Strafe und Schuldgefühlen basiert. Die Folgen habe ich selbst mit der Zeit überwunden.“ (1)
Auslöser der aktuellen Aufregung war ein offener Brief, in dem der Schulleiter des privaten Canisius-Kollegs in Berlin dazu aufrief, das „Schweigen zu brechen“. Kurz darauf erfasste das Thema Missbrauch die gesamte katholische Kirche sowie zahlreiche nichtkirchliche Bildungseinrichtungen und Institutionen. Dass ein solches Schreiben aus dem Herzen eines der Leuchttürme katholischer Bildung Gewicht haben würde, war klar. Dennoch überrascht das Ausmaß des Skandals. Ist dies der lawinenartige Durchbruch eines jahrelang unter den Teppich gekehrten Unrechts?
Eine Kombination verschiedener Faktoren hat die derzeitige Wucht der Debatte ausgelöst. Fragen des Kinderschutzes haben in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert, und das Thema Kindesmissbrauch ist dazu geeignet, unterschiedliche Interessengruppen zusammenzubringen. Nicht die „Mitte der Gesellschaft“ ist dem Appell gefolgt, das Schweigen zu brechen, sondern eine kleine, einflussreiche Meinungs- und Medienelite: Journalisten, die der katholischen Kirche oder den Privatschulen kritisch gegenüberstehen, Prominente, die sich in Kinderschutzorganisationen engagieren und dadurch zusätzlichen Glanz bekommen (Stephanie zu Guttenberg, Joop, Pur-Sänger Hartmut Engler u.a.), nicht zuletzt Opferanwälte und Politiker, die in einer schlappen Regierungskoalition Handlungsfähigkeit beweisen können. Das ergibt eine starke Lobby.
Der Topos des Tabubruchs zieht sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen, obwohl über kaum etwas mehr Einigkeit besteht als über die Scheußlichkeit von Kindesmissbrauch. Mit welchem anderen Thema lässt sich in unserer individualisierten Gesellschaft so einhellig Empörung und moralische Gemeinschaft demonstrieren? (2) Doch ist dies kein Grund, die Missbrauchsdebatte zu kritisieren. Jede Kampagne hat ihre Protagonisten und Interessengruppen. Meine Kritik entzündet sich vielmehr an der Insensibilität und Unverantwortlichkeit, mit der das Thema überwiegend behandelt wird. Es beginnt bei der Darstellung der Art und des Umfangs des Problems. Jede Missbrauchsdebatte geht einher mit einer „Dunkelziffer“, und auch diesmal wird insinuiert, dass es weit mehr Opfer gäbe, als wir uns vorstellen können. Es ist fast unmöglich, Straftaten, die den Bereich der Intimität und der Gefühle betreffen, zu objektivieren und in Zahlen festzuhalten. Ein ernsthafter Versuch würde aber zumindest voraussetzen, dass der Begriff „Missbrauch“ definiert wird. Davon sind wir weit entfernt.
Antiquierte Disziplinierungsmaßnahmen wie Ohrfeigen werden in der öffentlichen Diskussion sexuellen Handlungen, die nicht nur aus heutiger Sicht, sondern auch zum Zeitpunkt der vermeintlichen Tat strafbar gewesen sind, gleichgesetzt. Dort, wo es um Sexualität geht, wird kaum ein Versuch unternommen, schwerwiegende Missbrauchsfälle von solchen Erfahrungen zu trennen, die als anstößig, ärgerlich oder einfach nur als trivial zu bewerten sind. Schilderungen expliziter sexueller Inanspruchnahmen werden solchen gleichgestellt, die einen qualitativ anderen Vorfall schildern als eine Vergewaltigung. Ein Mann erklärte bei seinem Outing als Missbrauchsopfer, er sei am Canisius-Kolleg wiederholt über seine sexuellen Gefühle ausgefragt worden. (3) Ein anderer erzählte, wie die Schüler vor den Augen der Priester duschen und ihre Genitalien einseifen mussten. Wieder andere, dass sie nach dem Onanieren eine Kerze anzünden sollten.
Derlei Ereignisse beschreiben ein schulisches Klima, in dem Sexualität als Sünde und Problem gewertet wurde. Dass einige der traktierten Schüler die Verlogenheit einer solchen Erziehung anprangern und mit dem Katholizismus gebrochen haben, ist nachvollziehbar. Sicher ist aber auch, dass ihre Schilderungen erst dadurch richtiges Gewicht erhalten, wenn sie unter dem Oberbegriff Missbrauch geführt werden. Dabei warnte die kürzlich verstorbene Publizistin Katharina Rutschky schon 1992 vor undifferenziertem Gerede über sexuellen Missbrauch. Wenn jede Erniedrigung und jede Überschreitung der Schamgrenze als Missbrauch bezeichnet werde, dann treibe dies die Opferzahlen in die Höhe, verhindere aber nicht, dass Missbrauch im öffentlichen Bewusstsein immer mehr mit der Vergewaltigung von Kleinkindern gleichgesetzt werde. Es finde demnach, so Rutschky, gleichzeitig eine Entgrenzung der Probleme wie eine ungeheure Dramatisierung statt. (4) Die Folge der Dramatisierung ist Panik, weil Missbrauch überall und jederzeit vermutet wird. Die Folge der Entgrenzung ist, dass es wirkliche Opfer umso schwerer haben, als solche erkannt zu werden, was die denkbar schlechteste Voraussetzung für Hilfeleistung an Orten ist, wo sie wirklich gebraucht wird.
Mit welchem Recht wird die gegenwärtige Diskussion von den Missbrauchsexperten als ein Befreiungsschlag für die Gesellschaft bezeichnet? Wissen wir, ob sich alle Vergewaltigten darüber freuen, auf Schritt und Tritt an vergangenes Leid erinnert zu werden? Ist es hilfreich, wenn wir Menschen bewusst oder unbewusst dazu drängen, jede Anstößigkeit oder Ungerechtigkeit im Nachhinein als Missbrauch zu interpretieren und vielleicht sogar gegenwärtige Probleme darauf zurückzuführen? (5) Ist es vorteilhaft, wenn uns eingeredet wird, dass jede negative Kindheitserfahrung das weitere Leben zwangsläufig prägen und beeinträchtigen wird, wie dies viele Kommentatoren gedankenlos tun? Unverantwortlich ist der Kollateralschaden für die Gesellschaft. Er manifestiert sich als Angst und Misstrauen vor allem zwischen den Generationen. Die aktuelle Kampagne zerstört Vertrauen, weil sie mit der Vorstellung einhergeht, wir hätten es überall mit potenziellen Kinderschändern zu tun. Kaum ein Sportlehrer darf es heute noch wagen, einem Kind Hilfestellung beim Turnen zu geben. (6) Erzieherberufe werden für junge Männer zum Tabu. In Großbritannien, wo das Thema schon länger dominiert, dürfen Eltern ihre Zöglinge nicht einmal mehr bei Sportveranstaltungen fotografieren. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Kinderbuchautor heute beschreiben würde, wie ein verzweifeltes Mädchen einen geduldigen Zuhörer und Ratgeber im älteren, alleinstehenden Nachbarn findet, so wie es seinerzeit Erich Kästner tat. (7) Stets und überall werden heute zum vermeintlichen Kinderschutz dunkle Hintergedanken vermutet.
Als in den 90er-Jahren die Missbrauchspanik schon einmal ihr Unheil trieb, hatte mein Vater (drei Kinder, vier Enkel) einige neugierige Jungen zu sich ins Haus eingeladen, weil sie seine Druckmaschine sehen wollten. Als eine der Mütter ihn daraufhin nicht mehr grüßte, fragte er entrüstet und verletzt: „Denkt die, ich bin ein Kinderschänder?“ Ist das die Art von Befreiung, die uns Missbrauchspaniken bescheren und über die wir froh sein sollen? Ich fürchte mich eher vor einer Gesellschaft, der die Grundlage des Vertrauens fehlt und in der spontane Hilfsbereitschaft jederzeit einen Verdacht hervorrufen kann.
Sabine Beppler-Spahl ist Dipl.-Volkswirtin und Novo-Redakteurin und lebt in Berlin.
In Novo105 (3–4 2010) kritisierte sie in ihrem Artikel „Modelltheoretische Bildungsmärchen“ die weit verbreitete Vorstellung, dass bessere Bildung zu wirtschaftlichem Wachstum führe.
Anmerkungen
1Statement von Pedro Almodóvar zu seinem Film La mala education, 21.9.06, kinofenster.de.
2Katharina Rutschky: Erregte Aufklärung. Kindesmissbrauch: Fakten & Fiktionen, Hamburg 1992, S. 13.
3Frank Nordhausen: „Niemand hat geholfen“ in: Berliner Zeitung, 10.2.10.
4Katharina Rutschky, a.a.O. S. 47.
5Vgl. Bel Kutchinsky: „Missbrauchspanik“ in Katharina Rutschky / Reinhart Wolff (Hg.): Handbuch Sexueller Missbrauch, Hamburg 1999.
6Caroline Bock: „Die Gesellschaft und der Missbrauch“ in: Sächsische Zeitung, 11.3.10, sz-online.de.
7Erich Kästner: Das doppelte Lottchen.
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Hysterische Missbrauchsdebatte. Eine Gegenrede
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Teil II
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Eine ganz einfache andere Frage an erwachsene Männer: Welchen seelischen Schaden hätten Sie wohl davon getragen, wenn Sie in der Pubertät von einer netten 20- oder 30-jährigen Frau „verführt“ worden wären (um die zusätzliche Denkblockade „Homosexualität“ mal auszuschalten ... ) ?
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Der Druck gesellschaftlicher Tabuierung verhindert Wahrnehmung und löscht Erinnerung. Ich selbst freilich erinnere mich zuverlässig, dass ich als 12-jähriger Internatsschüler bedauerte, nicht in die offenkundigen Spiele eines Erziehers einbezogen zu sein. Irgendwelche Dispositionen oder gar Schäden habe ich durch dieses pubertäre Wünschen wohl kaum davongetragen. Auch bezweifle ich, dass gewaltfreie, spielerische und zärtliche (!) erotische Zuwendung durch Erwachsene in diesem Alter erwähnenswerte psychische Defekte jedenfalls bei Buben ursächlich, ich wiederhole: ursächlich, hervorrufen können. Entstehen dabei Traumata, so dürfte das eine Folge der diesbezüglichen kulturellen Tabus sein (im Gegensatz etwa zum antiken Griechenland oder zu manchen primitiven Gesellschaften), welche bei vielen Akteuren mehr oder weniger starke Schuldgefühle und Selbstverachtung hervorrufen. Aus diesem Grunde tauchen, je mehr diese heute ungleich stärker tabuierten Vorgänge medial skandalisiert und die sog. Missbraucher an den öffentlichen Pranger gestellt werden, desto mehr tatsächlich Traumatisierte auf, die nach lebenslanger und selbstverständlich völlig unsinniger Selbstanklage angesichts der eifrigen medialen Unterstützung nun immerhin die Kraft finden, ihre Autoaggression unter lebhaftem Beifall der gerne die ganz einfachen Erklärungen benutzenden Psychotherapeuten und Genderisten in eine Anklage gegen ihre damaligen Erzieher umzuwandeln.
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Ob es sich bei Mädchen anders verhält, wage ich nicht zu beurteilen. Nachdenklich machen freilich auch hier die ethnologischen und schon lange vor Malinowski zahlreich dokumentierten Beobachtungen über Deflorationsriten etc. anderer Kulturen.
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Jener Bischof, der in einer zunächst absurd anmutenden Volte die triebgesteuerten Straftaten seiner zwangs- und doppelmoralischen Glaubensbrüder ausgerechnet durch die gesellschaftlichen Entwicklungen nach 1968 veranlasst sieht, hat insofern, und nur insofern, völlig Recht, als den Revolutionären und ihren Epigonen eben ein wie immer ausgeprägter ideologischer Vorwand für ihr kriminelles Handeln zur Verfügung stand. Die päderastischen Reformpädagogen wagen es freilich schon lange nicht mehr, ihre eigene welt- und tabuumstürzende Ideologie von 1968 zu ihrer Rechtfertigung heranzuziehen. Diese Form der Entschuldigung würde ihnen heute von niemandem mehr abgenommen und sie würden vor der geschlossenen Ablehnungsfront der Öffentlichkeit auch noch den verzweifelt verteidigten Rest ihrer Ideale, nämlich den Glauben an eine pädagogisch formbare und sozialistisch gerechte Gesellschaft, vollends mit in den Schmutz treten.
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Wir leben in keiner herrschaftsfreien, sondern in einer hierarchisch und sexualethisch formierten Gesellschaft. Die Bewertung der Päderastie würde sich in einer wirklich anarchischen Gesellschaft, wie sie vielen Protagonisten von 1968 vorgeschwebt haben mag, möglicherweise relativieren. Da jene Utopie aber nach allem, was wir über die menschliche Natur wissen, nicht realisierbar ist, haben die entsprechenden Tabus ihren Sinn nicht völlig verloren und müssen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Ausbeutung daher grundsätzlich aufrecht erhalten bleiben.
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Es geht um die Einordnung der derzeit aufgeregten öffentlichen Diskussion in eine mentalitätsgeschichtliche Entwicklung, nicht um eine Verteidigung der Päderastie. Die Täter sind für ihre juristisch fassbaren Verbrechen verantwortlich, nicht für gesellschaftlich induzierte Projektionen.
DANKE!
Danke für den Artikel und den verdammt guten Kommentar!
Wirklich sehr lesens- % bedenkenswert!
Gruss!
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Guter Artikel und guter Kommentar. Deshalb von mir nur ein einziger Punkt:
Trotz der Behauptungen der Medien gibt es in der empirischen Psychologie nicht den geringsten wissenschaftlichen (statistischen) Nachweis darauf, dass milde (gewaltfreie) Formen des sexuelllen Missbrauchs in der Kindheit zu einem bleibenden seelischen Schaden führen können. Das Gleiche gilt für moderate Körperstrafen wie z.B. Ohrfeigen. Solche Behauptungen beruhen auf zwei Gründen:
1. Das konfuse Denken verwechselt moralische Normen mit psychologischer Realität. Wenn wir aus ethischen Gründen bestimmte Haundlungen verurteilen, bedeutet das nicht, dass diese Handlungen notwendigerweise de facto negative Konsequenzen haben, und schon gar nicht, dass diese Konsequenzen andauernd sein müssen.
2. Dieser Denkfehler wird von bestimmten Interessengruppen ausgenutzt und ausgebeutet. Ich will nicht jedem Journalisten oder Anwalt unterstellen, dass sie in der Tat nur an Profit und nicht an die Opfer denken; dennoch ist klar, dass viele auf diesen Kampanien gutes Geld verdienen. Eine nicht zu vergessene Gruppe sind klinische Psychologen, deren Existenz darauf angewiesen ist, dass so viele wie möglich Menschen meinen, sie haben schwerwiegende psychische Probleme. Der Glaube an die chronischen Folgen des Missbrauchs verbreitete sich in den 50er-60er Jahren in 1.Linie unter dem Einflüß psychoanalytisch orientierter Autoren, die, wie schon gesagt, an diesem Glauben wirtschaftlich interessiert waren. Später wurde aber von den empirischen Psychologen wie z.B. Elizabeth Loftus gezeigt, dass nicht der vergessene Vorfall in der Kindheit sondern gerade dessen ständige “Aufarbeitung” im Laufe einer 2-3 Jahre dauernden “Therapie” der größte pathologische Faktor ist.
Lieber Herr Kotchoubey,
vielen Dank für den interessanten Kommentar (und die anderen Kommentare zu meinen Beiträgen). Ich finde sie immer sehr hilfreich und klärend.
Das Thema Schäden durch Aufarbeitung ist wichtig. Bestimmt kennen Sie den (leider zu früh verstorbenen) Kriminologen und Psychologen Berl Kutchinsky (Dänemark)? Bekannt wurde er durch seine Pornographieforschung. Auch er hat sich u.a. mit der kulturellen Prägung von Kindern beschäftigt. Bestimmte Vorfälle können, je nach kultureller Prägung, unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Im Zuge der Missbrauchspanik der 90er Jahre wies er z.B. in einem Fall darauf hin, dass die verschreckte Reaktion einer Mutter, die ihrem geschiedenen Mann Missbrauch unterstellte, ebenso zu den später wahrnehmbaren Auffälligkeiten eines Kindes geführt haben könnten wie der eigentliche Vorfall selber.


Hysterische Missbrauchsdebatte. Eine Gegenrede
- Teil I
Der Text von Sabine Beppler-Spahl in NovoArgumente Nr. 106 (Mai/Juni 2010) ist wohltuend nachdenklich; aber auch sie scheut notwendige radikale Fragestellungen. Kein Zufall. Keiner, der da auch nur mäßigend seine Stimme erhebt, wird dem Vorwurf entgehen, pro domo zu sprechen und damit den Ruin seiner sozialen Existenz zu riskieren. Was allerdings auch nur den Grad der Hysterisierung dieser „Debatte“ belegt.
- Die aktuelle Aufregung lässt jede Kenntnis mentalitätsgeschichtlicher Realität vermissen. Eine kompromisslose Ablehnung von Körperstrafen in der Erziehung war noch in den 50er Jahren mindestens ebenso absonderlich und selten wie heute die offene Befürwortung des Gegenteils. Der Verfasser erinnert sich, dass schon eine unzureichende Kenntnis auswendig zu lernender Kirchenlieder vom unterrichtenden Geistlichen seines staatlichen humanistischen Gymnasiums absolut alltäglich und selbstverständlich mit Ohrfeigen geahndet wurde.
- Ein Züchtigungsrecht bestand in der Bundesrepublik sogar an den Schulen bis weit in die 70er Jahre, das familiare Züchtigungsrecht (das bis 1947 formell auch die Züchtigung der Ehefrau einschloss!) wurde gegenüber Kindern durch das Verbot körperlicher Bestrafungen endgültig erst Ende 2000 aufgehoben und ist strafrechtlich noch heute umstritten (Details siehe wikipedia „Züchtigungsrecht“). Wenn nun die linksliberalen Medien im Nachhinein ausgerechnet von einer traditionalistischen und paternalistischen Gruppe, nämlich dem katholischen Klerus, rückwirkend eine auf der Höhe unserer Zeit befindliche Vorreiterrolle in liberaler und fortschrittlicher Pädagogik einfordern, so wird man das sonderbar finden dürfen.
- Alle in auch personeller Kontinuität vertretenen Erziehungsgrundsätze der 3. Reichs, die ihrerseits auf wilhelminischer Untertanenmentalität fußten, wurden in Westdeutschland vor 1968 nicht ernsthaft und jedenfalls nicht massenwirksam in Frage gestellt. In der Revolte von 1968 ging es dann freilich antithetisch plötzlich nicht mehr um Verbesserungen, nicht mehr um Reformen: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Der revolutionären Vernichtung überkommener Herrschaftsstrukturen entsprach im Privatbereich die Revolutionierung der Sexualität. Die erträumte utopische Gesellschaft war in ihrer gesellschaftlichen wie sexuellen Struktur anarchisch. Pflicht jedes Revolutionärs war die Destruierung jeglicher Hierarchie und jeglichen Tabus. Das Reich der Freiheit ward noch nie gesehen, aber angelegt im Herzen jedes Einzelnen, predigte Bloch.
- Man sollte sich die zwanghaften Verhältnisse noch der 60er Jahre in Erinnerung rufen. Die gemeinsame Übernachtung eines unverheirateten erwachsenen Paars erfüllte für die Unterkunft gewährenden Eltern, Vermieter oder Hoteliers den Straftatbestand der Kuppelei, Homosexualität unter Erwachsenen war mit Gefängnis zu ahndende Unzucht, die fotografische Abbildung einer Frauenbrust als Pornographie strafbar. Päderastie mit Pubertierenden galt da als sexuelle Tabuverletzung unter vielen anderen, hatte die Konnotation künstlerischer Extravaganz und erschien den meisten Zeitgenossen vermutlich wesentlich weniger anstößig als ein sexueller Akt zwischen erwachsenen Männern.
- Seit 1905 waren schon Kleinkinder von Freud als Träger polymorpher und auf Grund repressiver Erziehung verdrängter Sexualität beschrieben. War es den Revolutionären von 1968 erlaubt, den ihnen anvertrauten Jugendlichen als den Vorboten jenes imaginierten neuen, sozialistischen und freien Menschen weiterhin das Recht auf Förderung und freie Entfaltung ihrer Sexualität zu verwehren, in welche Richtung auch immer? Was für einen Unterschied machte es - Herrschaftsfreiheit mal vorausgesetzt! - in dieser ideologischen, wenngleich interessegeleiteten Sicht, in welchem erwachsenen oder jugendlichen Lebensalter die von den Jugendlichen erwählten Objekte gerade standen? Vermutlich exkulpierten sich seinerzeit die betreffenden „fortschrittlichen“ Erzieher damals mit dergleichen Überlegungen recht guten Gewissens.
- Noch in den 80er Jahren berichtete das in hoher Auflage erscheinende alternative Münchner „Blatt“ offen und sympathisierend über die päderastische Praxis einer in der Betreuung ausgerissener Jugendlicher engagierten, namentlich genannten Szenegröße ihrer eigenen Redaktion. Romane und überaus erfolgreiche Filme (ich nenne Harold and Maude von Ashby und Herzflimmern von Malle, beide 1971) thematisierten die nicht nur künstlerische Überschreitung damals und heute wieder tabuisierter Grenzen. Noch 1985 gab es auf einem Landesparteitag der Grünen eine offene Diskussion über eine für Liebhaber selbst vorpubertärer Kinder einzuführende Straffreiheit (http://beckstage.volkerbeck.de/2010/04/07/getroffene-hunde-bellen/). Noch vor wenigen Jahren wurde in der Humanistischen Union über das gleiche Themenfeld auch auf Vorstandsebene eine offen kommunizierte hitzige Debatte geführt.
- Es wird oft behauptet, dass auch pubertierende Jugendliche kein eigenes sexuelles Interesse an Erwachsenen entwickeln könnten und dass entsprechende Hinweise gefasster Straftäter Schutzbehauptungen seien. Woher kommt diese Gewissheit z.B. angesichts provokativ sich kleidender und auftretender, bei Konzerten nicht nur Gleichaltriger in orgasmusähnliche Ekstase geratender Teenies?
- Fortsetzung siehe Teil II
Hans Ph. Neidhardt
21.05.2010 17:26