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Afghanistan – der ängstliche Krieg des Westens

Indem sie ständig um das Leben der Soldaten in Afghanistan bangen, spielen die westlichen Regierungen unabsichtlich ihren Feinden in die Hände. Von Frank Furedi

Die deutsche und die britische politische Klasse haben sich nie wirklich bemüht, eine ernsthafte Debatte über das Für und Wider des Afghanistankrieges zu führen. Stattdessen wird dieser internationale Konflikt behandelt, als gehe es vor allem um Gesundheit und Sicherheit der Beteiligten. Die defensive Haltung, die die Regierungen zeigen, wirft die Frage auf, ob die ganze Sache es wert ist, dass man das Leben auch nur eines einzigen Soldaten aufs Spiel setzt.

Selbstverständlich gibt es sehr gute und ehrenhafte Gründe, den Krieg in Afghanistan abzulehnen. Aber die jetzige Kritik gründet nicht auf einer prinzipiellen politischen oder moralischen Ablehnung. Sie bietet keine alternativen strategischen Visionen. Sie macht sich lediglich an Kriegsmüdigkeit und an den verständlichen Bedenken hinsichtlich der Menge der getöteten Soldaten fest. Was mich an dieser demoralisierten Kritik vor allem stört, ist nicht, was über den Krieg in Afghanistan gesagt wird, sondern was implizit über Krieg im Allgemeinen gesagt wird. Die logische Folge der Sorge ob der Sicherheit ist, dass letztlich jedes ausgedehnte militärische Engagement infrage gestellt wird. Da es keine Garantie gibt, dass ein Militäreinsatz risikofrei und sauber durchgeführt werden kann, richtet sich die aktuelle Kritik am Afghanistaneinsatz in Wirklichkeit gegen jeden Krieg. Natürlich ist es immer eine Tragödie für Familie und Freunde, wenn ein Soldat stirbt. Doch wenn eine Gesellschaft nicht bereit ist, solche Opfer zu ertragen und Unsicherheit und Risiken auf sich zu nehmen, dann lädt sie indirekt andere ein, auf ihrer Freiheit herumzutrampeln.

Der Versuch, Risiko und Unsicherheit aus Militäraktionen zu verbannen, steht im Einklang mit der allgemeinen Kultur der Risikovermeidung. Risikoscheu im Bereich der Kindererziehung und des Alltagslebens ist schlimm genug, wenn sie sich nun auch noch auf dem Schlachtfeld breit macht, sind die Konsequenzen unter Umständen tödlich.

Nur keine Opfer

Die westlichen Gesellschaft sind so im Risikodenken verhaftet, dass bei fast allem, was wir tun, vor möglichen gesundheitlichen Schäden gewarnt wird. Es sind nicht mehr nur die Spielplätze und Schulhöfe, die vom Gesundheitsethos planiert werden. Selbst in Organisationen wie der Polizei und der Armee geht es immer mehr um Sicherheit und Gesundheit. In beiden wird die Risikoscheu immer stärker institutionalisiert. Mick Hume beschrieb vor einigen Jahren in einem Artikel, dass die Polizei sich kaum mehr in direkte Auseinandersetzungen mit Kriminellen begibt. Und wenn es einmal ernst wird, versuchen Polizisten, jedes Risiko zu vermeiden. In einem Fall haben bewaffnete Polizisten 15 Tage eine Londoner Wohnung belagert und sind erst hineingegangen, als die Geisel sich selbst befreit hatte und der einzelne Täter in einem selbst angezündeten Feuer umgekommen war.(1)

Auch beim Militär wird Sicherheit ganz großgeschrieben. Britische Kommandanten müssen für jeden Aspekt des Trainings der Soldaten Risikobewertungen vornehmen. Einige haben aufgehört, die Soldaten bis zu ihren Grenzen zu fordern, damit sie nicht womöglich gegen Gesundheits- und Sicherheitsregeln verstoßen.(2) In den USA ist der Niedergang des Kriegerethos noch deutlicher. Ein Experte kommt zu dem Schluss, dass die Risikoscheu bereits die Einsatzfähigkeit der US-Armee unterminiert: „Da die Betonung von Risikovermeidung sich entlang der Befehlskette fortpflanzt, nehmen Unterbefehlshaber und ihre Soldaten wahr, dass risikoarmes Verhalten erwartet wird, und agieren entsprechend.“(3) Im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Einrichtungen kann das Militär nicht überleben, ohne Risiken einzugehen. Doch die traditionellen militärischen Werte werden durch die heute vorherrschende kulturelle Ablehnung von risikofreudigem Verhalten beständig infrage gestellt. In den Actionfilmen Hollywoods werden Mut und Draufgängertum gefeiert, nicht aber in der Realität. Das Militär ist nicht immun gegen die dominante Kultur der Risikovorsorge. Eine Kultur, die im Alltag kaum mit Verlusten umgehen kann, wird risikofreudiges Handeln des Militärs kaum begrüßen.

Die Angst vor möglichen Opfern ist zu einem Faktor geworden, der möglicherweise den Konflikt zwischen den westlichen Truppen und den Taliban sogar noch intensiviert.

Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb Status und Ansehen des Militärs in den letzten Jahren gelitten haben. Da sich die politischen und kulturellen Eliten von militärischen Werten distanziert haben und kaum mehr in Institutionen des Militärs mitwirken, wird dieses heute als Fremdkörper ohne Verbindung zur Gesellschaft wahrgenommen. „Das repräsentative Bild des US-Soldaten ist nicht mehr das eines John Wayne, und noch wichtiger: Die Profile von US-Soldaten decken sich nicht mehr mit den Profilen von US Bürgern“, konstatieren zwei radikale Kritiker.(4) Auch in Großbritannien wird das Kriegführen zunehmend an private Unternehmen, ausländische Söldner oder Menschen aus den wirtschaftlich benachteiligten Bereichen der Gesellschaft übertragen. Eine der deutlichsten Manifestationen dieser Entfremdung der Gesellschaft von militärischen Werten ist die ständig schwindende Bereitschaft, Opfer in Kauf zu nehmen. Für das Militär ist das ein ernsthaftes Problem, das u.a. dazu führte, dass 1989 das US-Verteidigungsministerium die Medienberichterstattung über Opfer im Irakkrieg einschränkte.(5) In Großbritannien werden noch Bilder von der Beerdigung in Afghanistan Gefallener im Fernsehen gezeigt – aber sie finden gewissermaßen in einem politisch-kulturellen Vakuum statt, da unsere politische Führung es nicht schafft, überzeugend darzulegen, wofür diese Soldaten im Afghanistankrieg gestorben sind.

Zusammenstoß zweier Weltsichten

Der hohe Wert, der in westlichen Ländern Gesundheit und Sicherheit zugemessen wird, steht in hartem Kontrast zu den Werten ihrer Gegner. Dieser Zusammenprall kultureller Überzeugungen kam deutlich in einer al-Qaida zugeschriebenen Aufnahme vom 14. März 2004 im Nachgang zu den Bombenanschlägen in Madrid, bei denen fast 200 Menschen getötet worden waren, zum Ausdruck. Eine Person, die sich selbst als al-Qaidas Militärkommandant in Europa bezeichnete, sagte darin: „Ihr liebt das Leben, und wir lieben den Tod.“ Das gleiche Thema wird in islamistischen Verlautbarungen wieder und wieder variiert. Ismail Haniya, ein Hamas-Führer, sagte 2003 einem amerikanischen Journalisten, dass sein Volk bereit sei zu sterben, während „die Juden das Leben mehr lieben als andere Völker und es vorziehen, nicht zu sterben“.(6) Im Oktober 2001 formulierte der als Sprecher Osama bin Ladens bezeichnete Sulaiman Abu Ghaith, es gebe „Tausende von jungen Menschen, die den Tod lieben, wie ihr das Leben liebt.“(7)

Letztlich sagen die Islamisten in solchen Statements aus, dass sie an etwas glauben, wofür es wert sei zu sterben, während ihre Gegner dies nicht tun. Wichtiger noch: Diese Botschaften sind ein Versuch herauszustellen, dass es in der Bereitschaft, Risiken einzugehen und Opfer auf sich zu nehmen, große Unterschiede zwischen der Haltung des Westens und der des heutigen Islamismus gibt. Ziel der Äußerungen ist es, in den risikoscheuen westlichen Gesellschaften Angst zu verbreiten. Die öffentliche Umarmung des Todes dient dazu, die Gegner einzuschüchtern. Implizit sagt sie auch: Im Gegensatz zu euch haben wir in diesem Kampf nichts zu verlieren. Bewusst oder unbewusst zielen die Verlautbarungen der Islamisten auf das Gefühl der Verletzlichkeit, das ihre Gegner im Westen plagt. Es ist die um sich greifende Betonung der Verletzlichkeit und Risikovermeidung, die als Gegenpart die selbstbewusst zur Schau gestellte Gleichgültigkeit gegenüber Gefahr und Tod aufseiten der Gegner des Westens hervorbringt.

Die fast saloppe und theatralische Art und Weise, mit der der Tod von einigen islamistischen Gruppen umarmt wird, scheint in der westlichen Gesellschaft, die kleinste gesundheitliche Unpässlichkeiten zu großen persönlichen Krisen überhöht, kaum begreiflich. Für eine risikoscheue, selbstfixiert verletzliche Kultur personifiziert der Selbstmordattentäter Unverletzlichkeit. Die Bereitschaft einiger Individuen, ein 100-prozentiges Risiko einzugehen, führt zu Verwirrung unter politischen Beobachtern. Daher werden solche Menschen oft als „verzweifelte“, als irrationale und doch mächtige Täter beschrieben, deren Motive scheinbar nicht begreifbar sind. Menschen und Gruppen, die sich so gar nicht um Gesundheit und Sicherheit zu scheren scheinen, sind in der Tat fürchterliche Feinde. Solche Superkämpfer genießen einen moralischen Vorteil gegenüber Normalsterblichen, die so sehr an ihrem Leben hängen. Der Soziologe Ulrich Beck verleiht der verbreiteten Angst Ausdruck, wenn er sagt, die „Selbstmordmassenmörder“ hätten „die Verletzlichkeit der westlichen Zivilisation“ enthüllt.(8) Aber warum sollten kleine Gruppen von Selbstmordattentätern irgendeine existenzielle Bedrohung für die westliche Zivilisation darstellen?

Sicher nicht, weil sie wirklich Macht besäßen. Selbst unter Zuhilfenahme ängstlicher Fantasien über furchtlose Feinde ist es schwer vorstellbar, wie kleine Gruppen von Fanatikern die gesamte westliche Lebensweise bedrohen könnten. Im Vergleich zu den wirklich mächtigen Feinden des Kalten Krieges ist die Bedrohung durch Selbstmordattentäter unbedeutend. Und dennoch wird nach wie vor behauptet, wir bräuchten (zumindest bisher noch) Truppen in Afghanistan, um unsere Freiheit – und die ganze westliche Zivilisation – am Hindukusch gegen die Bedrohung des islamistischen Terrors zu verteidigen. Wenn kleine Grüppchen von Selbstmordattentätern es schaffen, die Verletzlichkeit des Westens zu enthüllen, dann vor allem deshalb, weil dies kein schwieriges Unterfangen ist. In der Tat ist die westliche Kultur nur zu bereit, sich selbst öffentlich Schwäche zu attestieren. Und die ständig wiederholten Warnungen vor Fanatikern liefern Terroristen den nötigen Anreiz, um in die Rolle des feurigen Kriegers zu schlüpfen, der vor nichts Halt macht, um sein Ziel zu erreichen.

Terroristen als religiöse Eiferer oder Fanatiker zu bezeichnen, kann zu einer Unterschätzung oder zumindest zu einem Missverstehen des Problems führen. Die Bedrohung, die diese Menschen für unsere Gesellschaften darstellen, wird weniger durch das bestimmt, was sie selbst tun, sondern vor allem dadurch, wie die westliche Welt darauf reagiert. Und ein Schlüsselfaktor, der heute der terroristischen Bedrohung zu einer solchen Kraft verhilft, ist der Unterschied zwischen ihnen und den westlichen Gesellschaften in ihrer Einstellung zu Risiken. Die westliche Haltung ist durch eine eindimensionale Fixierung auf mögliche Verluste geprägt, während die Terroristen Risiken als Chance betrachten, etwas zu gewinnen. Es kann kaum einen Zweifel geben, dass die Angst vor möglichen Opfern zu einem Faktor im Afghanistankonflikt geworden ist, der möglicherweise den Konflikt zwischen den westlichen Truppen und den Taliban sogar intensiviert. In Deutschland und Großbritannien wird die Haltung der Opfervermeidung besonders gestärkt, indem jeder gefallene Soldat zum Anlass genommen wird, eine breite und quälende Debatte über Risiken und Opfer und die Frage nach dem Sinn der ganzen Angelegenheit zu führen. Wenn jedes Opfer nicht als tragischer, aber notwendiger Teil eines insgesamt sinnvollen Kriegseinsatzes, sondern als unkalkulierbarer Verlust betrachtet wird, der uns zwingt, nach dem Sinn des Militärs überhaupt zu fragen, dann wird damit eine deutliche Botschaft an die Taliban und andere Feinde geschickt: „Ihr könnt politische und moralische Krisen im Westen auslösen, wenn ihr ein oder zwei britische oder deutsche Soldaten tötet.“

Sowohl die deutsche und britische als auch die US-Regierung glauben heute, dass ihr Handlungsspielraum durch die mangelnde Bereitschaft der eigenen Gesellschaft, Opfer in Kauf zu nehmen, beschränkt ist. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates warnte kürzlich, dass, obwohl er nicht glaube, dass „der Krieg der Regierung entgleite“, es ganz klar nur einen „begrenzten Zeitraum“ gebe, um Erfolge zu erzielen. Es scheint, als ob sich die strategische Ausrichtung des Westens darauf beschränke, Risiken zu vermeiden, indem man den Abzug vorbereitet.

Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Thilo Spahl.

Frank Furedi ist Professor für Soziologie an der Universität von Kent und Mitbegründer des Manifesto Club (manifestoclub.com). In zahlreichen Büchern hat er in den letzten Jahren die Kultur sowie die Politik der Angst analysiert. Zuletzt erschien von ihm das Buch Invitation to Terror. The Expanding Empire of the Unknown (Continuum 2007, 204 S., EUR 13,99).

In Novo102 (9–10 2009) präsentierte Furedi in seinem Artikel „Die Schweinegrippe und die globale Angstindustrie“ einen Leitfaden zur Identifizierung der unterschiedlichen Angstprofiteure.

Anmerkungen

1„A police state, without any police“ in: The Times, 25.2.04.
2Siehe hierzu: Daily Telegraph, 23.2.04.
3Richard A Lacquement jr.: „The Casual-Aversion Myth“ in: Naval War College Review, Vol. 57, Nr. 1/04, S. 41.
4Michael Hardt / Antonio Negri: Multitude, Penguin Books, London 2005, S. 47.
5Richard A Lacquement jr., a.a.O.
6Zitiert in: „You love life, we love death“ in: Asian Times, 23.3.04.
7Zitiert in: „The Echo Effect“ in: Wall Street Journal, 19.10.01.
8Ulrich Beck: „The Silence of Words: On Terror and War“ in: Security Dialogue, Vol. 34, Nr.3/03, S. 262.

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Furedi psychologisiert Kriegsgründe, Kriegsführung und Kriegsziele. Falls hier Angst im Spiel ist, dann ist es doch die Angst der untergehenden Weltmacht Nummer eins, deren Furcht, daß zwischen dem Öl der Saudis, des Iraks, Irans und der neuen Weltmacht China nur noch der Himalaya als überwindbares Hindernis verbleiben wird.  Darum rumoren die Amerikaner samt ihren Hilfstruppen doch in Afghanistan. Pakistan schon fast verloren.  Angst ist natürlich im Spiel: seit 1945 keinen Krieg mehr gewonnen und: die Völker durchschauen das Ganze.

Helmut König
19.12.2009  01:23

Die UN-Mission in Afghanistan hat im vergangenen Jahr schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Trotz Aufstockung der internationalen ISAF-Streitkräfte auf etwa 55.000 haben die Taliban und ihre Verbündeten in Kabul und verschiedenen Provinzen, darunter auch in der zuvor eher ruhigen deutschen Einsatzzone um Kunduz, verstärken können, und im Nachbarland Pakistan herrscht offener Bürgerkrieg. Die Wahlen vom vergangenen August, von der UN-Unterstützungsmission UNAMA unter dem norwegischen UN-Sondergesandten Kai Eide als Nachweis gelungener demokratischen Wiederaufbaus in Afghanistan konzipiert, haben ihr Ziel dank offenbar massiver Einschüchterung und Wahlbetrug grandios verfehlt. Die Autorität der Zentralregierung unter Hamid Karzai und der ihn stützenden westlichen Staaten wurde damit erneut geschwächt. Und nun stützt sich die Afghanistanpolitik der USA und ihrer Verbündeten auf die vage Hoffnung, durch vorübergehende Intensivierung des Militäreinsatzes zu schaffen, was in den letzten acht Jahren nicht gelang: die Lage so weit zu stabilisieren, dass irgendwann ein Rückzug möglich wird, der nicht wie eine Niederlage aussieht.

Auf diesem Hintergrund wurden seit Sommer vergangenen Jahres auch die Einsatzregeln für die deutschen Truppen im Rahmen des IFAS-Mandats geändert, um ihnen über die reine defensive Selbstverteidigung hinaus, wenn auch unter strenger Meidung ziviler Opfer, den offensiven Waffeneinsatz gegen Personen zu gestatten, die Angriffe „planen, vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges feindseliges Verhalten zeigen“.  Und so kam es allen Berichten zufolge auch zum Bombenangriff auf zwei Tanklastzüge bei Kunduz im September mit vielen zivilen Opfern, von dem sich der inzwischen entlassene lokale Kommandeur Georg Klein wohl Entlastung in dem für seine Soldaten immer bedrohlicher werdenden Katz-und-Maus-Spiel mit den Aufständischen versprach. Das restriktive Wiederaufbaumandat der Bundeswehr und die wachsende Kampfbereitschaft der aufständischen Milizen brachten die Truppen vor Ort offenkundig in eine zunehmend unhaltbare Lage. Doch statt das zu thematisieren, bläst die Opposition im deutschen Bundestag zur Jagd auf Verteidigungsminister Guttenberg, dem man vorwirft, seine Kenntnisse über den vor seiner Amtszeit eingetretenen Vorfall nach Übernahme seines Postens nicht ausreichend offen kommuniziert zu haben.

Es ist gut und richtig, dass der Bundestag deutsche Militäreinsätze genau beobachtet – generell und erst recht, wenn zivile Opfer zu beklagen sind oder eventuell gegen Einsatzregeln verstoßen wird. Aber aus rein parteipolitischer Jagdlust Ministerköpfe rollen sehen zu wollen, zeugt von mangelnder politischer Ernsthaftigkeit. Die rot-grüne Koalition hat sich 2001 zur Beteiligung am ISAF-Einsatz und durch die Kampftruppe KSK auch an der US-geführten Operation Enduring Freedom (OEF) in Afghanistan entschieden. SPD und Grüne tragen daher auch volle Verantwortung für die Folgen dieser völkerrechtlich wie politisch unausgegorenen Kampagne. Sie haben von Anbeginn den militärischen Charakter des UN-Mandats als ausdrücklich „friedenserzwingenden“ Einsatz immer wieder durch den Hinweis auf die primär friedlichen Ziele des Wiederaufbaus in Afghanistan herunter zu spielen versucht. Lange glaubte man, im „sicheren“ Norden allein für humanitäre Dinge zuständig zu sein. Über den aggressiveren Einsatz der amerikanischen und britischen Truppen im Süden des Landes rümpfte man arrogant die Nase. Damit wurde immer mehr der Eindruck vermittelt, die Bundeswehr sei auch im Kampfeinsatz so etwas wie das THW mit festerem Schuhwerk.  Damit ist nach Kunduz Schluss. Und das ist gut so, denn es ist Zeit für eine offene Debatte über Sinn und Unsinn der Intervention in Afghanistan.

Sabine Reul
21.12.2009  18:11

“seit 1945 keinen Krieg mehr gewonnen und: die Völker durchschauen das Ganze. “

Doch: abgesen von den “Kleinigkeiten” wie Korea 1953 oder Irak 1991 hat der Westen (mehr oder weniger unter Leitung der USA) vor allem einen der größten Kriege aller Zeiten gewonnen - den kalten in den Jahren 1989-91. Genau das war der Punkt, an dem “die Völker das Ganze durchschauten”. Die selbsternannten geistigen Führer der Völker durchschauen das Ganze leider immer noch nicht. Sie sehen überall nur das eine: Alles drehe sich ums Öl. Sie verstehen nicht, dass wer überall in der Welt nur Konflikte wegen Geld sieht, offensichtlich SELBST an nichts als Geld denken kann - genauso wie jemand, der bei allen anderen Sexualkonflikte findet, offensichtlich selbst an sexualen Problemen leidet. Wahrscheinlich haben die Allierten 1945 die deutschen KZs nur deshalb befreit, um sofort an diesen Stellen nach Öl zu bohren.
In Afghanistan handelt es sich um ein echtes politisches und ethisches Dilemma: Man darf einem Volk die Freiheit nicht aufzwingen (“Freihait aufzwingen” ist schon ein Oxymoron), aber man darf die Menschen, die bereits einen Schluck Freiheit ausprobiert haben, nicht mehr in Stich lassen. Das erste Argument liefert den Grund zum Truppenabzug, das zweite für dessen Unmöglichkeit. Solche Dilemmata, wie die Geschichte zeigt, können nicht durch eine allgemeine ethische oder politische Regel (wenn es solche überhaupt gibt) aufgelöst werden, sondern nur im Laufe einer offenen und tabufreien gesellschaftlichen Diskussion. Leider ist diese noch nicht in Sicht, statt dessen versucht jeder Akteur, auf dem Leben der deutschen Soldaten und der afghanischen Bevölkerung ein eigenes kleines politisches Vermögenchen zu bilden. Probleme wie Afghanistan lassen sich nicht lösen, solange sich Politiker und Kirchenleute statt der Frage “Welche Lösungsmöglichkeiten sind denkbar, und was können ihre Konsequenzen sein?” lediglich die Frage “Welcher Lösungsvorschlag wäre günstiger für MEINE persönliche Karriere?” stellen.

b.kotchoubey
26.12.2009  09:52

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