Bildungsdebatte: Messen ohne Sinn und Verstand
Wenn Bildung alles sein soll, bleibt sie notgedrungen auf der Strecke. Eine polemische Erwiderung von Sabine Beppler-Spahl und Katharina Rutschky auf die nicht enden wollende Instrumentalisierung des Bildungsbegriffs.
1. Messen, zählen, vergleichen: Die Zahlenspiele der OECD dienen einer Pädagogik der Hitliste, des nationalen und globalen Konkurrierens, ohne dass dadurch irgendetwas besser würde.
Das schlechte Abschneiden Deutschlands bei verschiedenen internationalen Studien zur Leistungsfähigkeit des Bildungswesens hat im Wesentlichen zu zwei Reaktionen geführt. Einige bezweifelten ihre wissenschaftliche Dignität, zumindest in Details. Die meisten nahmen das Urteil aber willig an und begrüßten das plötzliche Interesse an Bildungsfragen, das, so die einhellige Meinung, der Sache selber nur gut tun könne. Keiner fragte nach, was das Über-einen-Kamm-Scheren aller Fünfzehnjährigen bei Pisa oder der kürzlich von der OECD errechnete Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt über die individuelle Lebenswirklichkeit und nationale Gegebenheiten aussagt. Wenn hier Mexiko besser abschneidet als Deutschland, sollte die Messlatte im Interesse der mexikanischen Kinder und der deutschen Reformdebatte weggestellt werden.
Wie oder ob überhaupt irgendein Zusammenhang zwischen guter oder schlechter, viel oder wenig Bildung mit den angeblichen Zielen der Bildungsforscher und Bildungsgläubigen besteht oder hergestellt werden kann, ist völlig unklar. Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung dank zukunftsweisender Innovationen und Ausschöpfung aller noch brachliegenden Begabungsreserven im Großen – soziale Teilhabe und Gerechtigkeit jenseits aller Schranken, die Herkunft und Geld errichtet haben im Einzelfall –, all das soll ein effizienteres und weiter ausgebautes Bildungssystem verwirklichen.
2. Warnung vor den Lobbyisten des pädagogisch-sozialen Komplexes: Anders als behauptet gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Bildungsinvestitionen und der wirtschaftlichen Dynamik einer Volkswirtschaft.
Zum 60. Jahrestag der Währungsreform beschwor Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nur die Vision der „Bildungsrepublik Deutschland“, sie behauptete auch: „Wohlstand für alle heißt heute: Bildung für alle!“ Sie spiegelte damit den verbreiteten Glauben, mehr Bildung wirke sich auf zukünftiges Wachstum und den Wohlstand aller aus. Die Verlängerung der Schulzeit, die Erhöhung der Abiturienten- und Studentenquoten und die Verpflichtung zur Fortbildung in jeder Lebenslage sind die scheinbar logische Konsequenz. Da muss man es dann bedenklich finden, wenn nur zehn Prozent der momentan in Kurzarbeit befindlichen deutschen Arbeitnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, wie es wohl ihre Pflicht wäre, oder wenn – auch das meldet die OECD – nur 2,5 Prozent der 30- bis 39-jährigen Berufstätigen zu diesem Zweck Hochschulen besuchen. In Finnland, Schweden und Australien tun das angeblich 13 Prozent.
Handfeste Belege für den Zusammenhang von Bildung, Wohlstand und Wachstum findet aber weder der Wirtschaftshistoriker noch der Ökonom mit Blick auf die Gegenwart. Die Schweiz, eines der reichsten Länder überhaupt, investierte viele Jahre sehr wenig in höhere Bildung. Erst neuerdings erhöhte sich die Zahl der Schulabgänger, die ein Universitätsstudium aufnehmen, auf 15 Prozent – noch vor fünf Jahren waren es nur halb so viele. Südkorea galt und gilt vielen als Musterbeispiel, da das Land seit den 60er-Jahren einen Schwerpunkt auf Bildung gelegt hat und sich seither parallel dazu eines deutlichen Wirtschaftswachstums erfreut. Der Vergleich zu anderen Ländern, die ebenfalls große Bildungsanstrengungen gemacht haben, ohne davon zu profitieren, zeigt aber, dass es keinen direkten Zusammenhang von Bildung und Ökonomie gibt. Ägypten hat seit 1970 die Zahl der Kinder auf weiterführenden Schulen und die Zahl der Studenten verdoppelt, „verbesserte“ sich aber auf der Liste der ärmsten Länder der Welt so gut wie gar nicht. Unter den zahllosen Faktoren, die Wirtschaftswachstum und Wohlstand begünstigen, ist Bildung einer der unwichtigsten. Etwas anderes behaupten nur die Lobbyisten, die das Bildungssystem, der pädagogisch-soziale Komplex, so gut hervorbringt wie jede andere Industrie.
3. Bildung ist für alle da, zahlt sich ökonomisch aber nur für Einzelne aus.
Wenn es zwischen Bildung und Wirtschaftskraft eines Landes einen Zusammenhang gibt, dann geht Letztere der Ersten voraus. Wohlstand führt nämlich dazu, dass sich immer mehr Eltern höhere Bildung für ihren Nachwuchs leisten können und wegen des persönlichen Gewinns für ihre Kinder auch wollen. In Deutschland waren Abitur und Studium bis weit in die 60er-Jahre hinein einer schmalen Schicht vorbehalten, die ihre Privilegierung in sozialen Dünkel und Führungsanspruch ausmünzte.
Der Bundesrepublik ist die sprunghafte Steigerung der Abiturienten- und Studentenzahlen seit den 60er-Jahren sozial gut bekommen. Klassendünkel und elitäres Gehabe wagen sich nicht mehr an die Öffentlichkeit. Andererseits wurden Abitur und Studium durch die Bildungsexpansion als Selektionsinstrumente entwertet, ohne dass man sich aber von dem Konzept der Selektion durch Bildung verabschiedet hat. Alle schönen Reden von mehr Gerechtigkeit und individualisierter Förderung in besseren Schulen ändern nichts an der Tatsache, dass gerade ein „gerechtes“ System auf Leistungsvergleich, Konkurrenz und Auslese geeicht ist und daher ununterbrochen Sieger und Verlierer produziert.
Das klassische Notensystem wird laufend ergänzt durch weitere Mess- und Diagnoseverfahren, die immer jüngere Kinder erfassen. Dem Kindergarten ist neben dem Betreuungs- inzwischen ja auch noch eine Bildungsaufgabe zugesprochen worden, die von möglichst akademisch ausgebildeten Erziehern bewältigt werden soll. Was in der Reformrhetorik so innovativ und progressiv klingt, besonders für alle aus bildungsfremden Familien stammenden Kinder gedacht scheint, vermehrt den konstanten Druck auf alle Eltern sicherzustellen, dass ihre Sprösslinge von Anfang an zu den „Gewinnern“ zählen. So wird alles getan, um die Synapsenbildung der frühen Kindheit in die „richtigen“ Bahnen zu lenken – von Frühenglisch bis hin zur musikalischen Früherziehung wird den Kleinen alles zugemutet, was der Geldbeutel und die freie Zeit noch hergeben. Die offene Selektion nach Herkunft ist durch ein verdecktes System der Selektion ersetzt worden, bei dem diejenigen Kinder reüssieren, deren Eltern mit den neuen Spielregeln des Erfolgs am besten vertraut sind.
4. Das Konzept der Wissensgesellschaft verkennt die Realität auf dem Arbeitsmarkt und übergeht die Interessen eines Großteils der arbeitenden Bevölkerung.
Experten sprechen immer wieder von einem Wandel von der Industrie- über die Dienstleistungs- hin zur „Wissensgesellschaft“. Angeblich stellt die fortschreitende Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen höhere Anforderungen an die allgemeinen und spezifischen Kompetenzen aller. Das ist Wasser auf die Mühlen der Lobby, die das Bildungssystem einer Ökonomie unterwerfen will, von der man nur weiß, dass man wenig von ihr weiß, und schon gar nicht, wie sie sich in Zukunft entwickeln wird.
Zwar hat sich die Beschäftigungsstruktur in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert und wird sich weiter verändern. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und der produzierenden Industrie sind vielfach verschwunden; Tätigkeiten in Verwaltung, Technik, im Gesundheits- und Bildungswesen haben zugenommen. Das bedeutet aber nicht, dass es in Zukunft immer weniger Jobs für Geringqualifizierte geben wird. Millionen Menschen erledigen heute und in Zukunft Arbeiten, die nicht ins Schema der „Wissensgesellschaft“ passen. Überall gibt es Tätigkeiten, für die man kaum mehr als Grundqualifikationen und die Bereitschaft zum Anpassen und Umlernen braucht. Gewiss erhob die alte DDR aus ideologischen Gründen fast jede Tätigkeit in den Rang eines Lehrberufs – man muss es ihr aber nicht nachmachen und so tun, als ließen sich Rezessionen, Konjunktureinbrüche und eine hohe Arbeitslosigkeit mit Bildungs- und Ausbildungsdefiziten erklären und durch die Verordnung von Weiterbildungsmaßnahmen sowie die Pflicht zu lebenslangem Lernen aus der Welt schaffen. Man gibt dabei den Schwarzen Peter nur an die weiter, die aktuell, etwa in der Bankenkrise, oder immer schon schlechte Karten in der Hand hatten.
Dabei gibt es viele gute Gründe, weshalb mehr Bildung auch denen nützt, die ihren Unterhalt mit wechselnden Jobs auf dem Sektor un- und angelernter Tätigkeiten verdienen. Aber diese Bildung muss andere Formen und andere Inhalte annehmen, als sie unter dem irrealen Zwang zur Mobilisierung aller Kräfte für das nationale Wirtschaftswachstum praktiziert und vermittelt werden. Bildung, inszeniert als Rennen auf der Bildungslaufbahn mit möglichst hohem Tempo und messbaren Leistungen, eine Auffassung, wie sie die Forscher der OECD unaufhörlich popularisieren, verspricht, was sie nicht halten kann: Wachstum und Gerechtigkeit.
5. Die Erhöhung der Abiturienten- und Studentenquote hat auf dem Arbeitsmarkt eine Dynamik ausgelöst, die verschwenderisch und unsozial ist.
Die Zahl der Lehrstellen, bei denen Abiturienten bevorzugt werden, oder der Positionen, für die ein abgeschlossenes Hochschulstudium vorausgesetzt wird, hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist weit geringer als die der Nichtakademiker – auch mit diesen Zahlen wirbt die OECD für vermehrte Bildungsanstrengungen. Man unterstellt, dass in der Wissensgesellschaft mehr Hochqualifizierte gebraucht werden, und unterschlägt, dass tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt ein Verdrängungsprozess von oben nach unten stattgefunden hat. Abitur, Studium und alle möglichen Extrazertifikate dienen allzu oft der Selektion und sind nicht in den Anforderungen der Arbeitspositionen begründet.
So sehen sich immer mehr junge Menschen gezwungen, den Weg einer höheren und längeren Bildung zu beschreiten, obwohl sie keinerlei wissenschaftliche Interessen haben und lieber schnell in die Praxis kämen – einfach weil sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedenken müssen. Eine Folge dieser Verschwendung gesellschaftlicher Ressourcen und individueller Lebenszeit sind allzu viele passive und unmotivierte Schüler, Studenten und Studienabbrecher – Probleme, auf die der in Deutschland besonders radikal durchgeführte „Bologna-Prozess“ mit einer Verschulung der Studiengänge geantwortet hat. Hinzu kommt die Frage, was es für das Personal an den Universitäten selbst bedeutet, wenn es seine Energie statt in Forschung zunehmend in Unterricht, Didaktik und ins Prüfungswesen investieren muss.
6. Die Bildungsexpansion führt nicht zu mehr Chancengleichheit und einer gerechteren Gesellschaft.
Die Bildungsforscherin Alison Wolf hat in einer detailreichen Untersuchung für England nachgewiesen, dass die Nutznießer der Bildungsexpansion allein die sogenannten Mittelschichten sind. Eine vergleichbar genaue Prüfung der deutschen Verhältnisse fehlt – will man nicht die wiederkehrende Klage über die soziale Selektion unseres Systems, auf die man mit weiterer Expansion nach bekannten Mustern zu reagieren gedenkt, dafür nehmen. Wolf zweifelt nicht daran, dass sich viele ihrer Befunde auf Deutschland übertragen lassen. Der Trend geht überall dahin, dass künftig so gut wie alle Kinder der Mittelschicht ein Studium aufnehmen werden. In den USA haben in den 70er-Jahren Kinder aus gut situierten Familien, aber mit schlechten Schulleistungen deutlich seltener ein College besucht als Kinder aus armen Familien, aber mit überdurchschnittlichen Leistungen. Das hat sich seit den 90er-Jahren geändert. Heute entscheiden weniger Begabung und Leistung über ein Studium als die Familienherkunft. Ein Kind aus der Unterschicht muss sehr gut sein, wenn es auch nur dieselben Chancen haben soll wie ein schlechtes aus wohlhabender Familie. Solche Befunde wären noch zu ergänzen durch andere aus der Elitenforschung, die die Selektion nach Studium und Berufseintritt untersucht.
Die Durchsetzung formaler Abschlüsse als Selektionskriterium auf dem Arbeitsmarkt lag und liegt im Interesse der bildungsaffinen Schichten, die ihren Nachwuchs natürlich am erfolgreichsten durch ein System schleusen, das sie selbst entwickelt haben, personell ausstatten und bewerben. Auf der Strecke bleiben zahllose Kinder und Jugendliche, für die keine guten Lehrstellen mehr übrig sind, weil Abiturienten sie ihnen wegnehmen. Höhere Positionen werden ohnehin nur noch von Hochschulabgängern besetzt.
Ein Blick auf die Lebensläufe älterer Fach- und Führungskräfte in der Industrie zeigt, dass diese neue Blüte des Berechtigungswesens früher unbekannt war. Viele bis hinauf in die Vorstände der DAX-Unternehmen haben als Lehrlinge angefangen und waren später deshalb keine schlechteren Manager als die heutige Generation mit Jura oder BWL im Kopf.
7. Der Glaube an „Bildung für Wachstum und Gerechtigkeit“ führt zu mehr Regulierung und sozialer Steuerung. Politische Kräfte gewinnen an Einfluss, die keinerlei demokratische Legitimation besitzen.
Die Organisation von schulischer, beruflicher und universitärer Bildung war bisher Ergebnis historisch gewachsener, lokaler und nationaler Praktiken. Die Bildungssysteme Englands, Frankreichs, der USA und Deutschlands etwa unterschieden sich hinsichtlich ihres Aufbaus und ihrer Zielsetzungen deutlich.
An die Stelle von Traditionen und wenigstens teilweise demokratisch geführten Debatten über Bildung tritt heute ein von Experten formulierter Konsens. Bildung ist für sie ein Instrument, das planbar, messbar und auf ein klares Ziel hin ausgerichtet werden kann. Reformen sind nicht das Ergebnis von breiten politischen Debatten, sondern scheinbar zwingende Folgen fachkundiger Analysen, in denen plakativ eingesetzte Zahlen die Argumente liefern sollen. Wem die Instrumentalisierung von Bildung für das Wirtschaftswachstum nicht gefällt, der hört die soziale Rhetorik vielleicht lieber – und ebenso unkritisch. Man kann sich Reformen wünschen, aber bestimmt nicht solche, die in fantasieloser Engführung den Status quo durchrationalisieren und, ohne die Versprechen einlösen zu können, auch noch die letzten gemütlichen Bildungsenklaven austrocknen.
Sabine Beppler-Spahl ist Dipl.-Volkswirtin und Novo-Redakteurin und lebt in Berlin. In Novo102 (9–10 2009) beschrieb sie in ihrem Artikel „Vier Jahre von der Leyen: Rückblick auf die moderne Familienpolitik“, dass im Bundestagswahlkampf keine Elternbefreier zu finden waren.
Katharina Rutschky lebt und arbeitet als freie Publizistin in Berlin. In Novo84 (9–10 2006) schrieb sie in ihrem Artikel „Liegewiese– Ballspiele nicht gestattet!“ über Bürokratismus und dessen wirksamstes Gegengift, den Anarchismus.
Lesetipps
Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten, Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co., Suhrkamp, Frankfurt 2009
Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg, Eichborn, Frankfurt 2008
Alison Wolf: Does Education Matter? Myths about education and economic growth, Penguin Books, London 2002
Mehr zum Thema finden Sie im Dossier Bildung.
@Oliver Meitzel: Ja man sollte die Studentenproteste selber ins Visier nehmen, ein wenig Feldforschung betreiben und schauen, welche Motive dahinter stecken. Schade dass dies von Novo nicht gemacht wurde; die Zeitschrift könnte dadurch noch ein wenig lebensnäher in die Debatte einsteigen! Und natürlich studentische Mitstreiter für das Novo-Projekt gewinnen. Denn ich erwarte, dass es (neben nicht wenigen Trittbrettfahrern) etliche Studenten gibt, die tatsächlich die zentralen Kritikpunkte zur Instrumentalisierung des Bildungsbegriffs auch aufgreifen - mit denen müsste sich Novo auch vernetzen!
@ Peter Engemann
Ich kann ihnen an diesem Punkt nur halb zustimmen. Es ist richtig, dass wir uns bisher zu den aktuellen Ereignissen noch nicht geäußert haben. Dass Thema Bildung, auch und gerade die von ihnen angesprochene Instrumentalisierung des Bildungsbegriffs ist hingegen bereits seit vielen Jahren ein großes Thema von Novo, wie ein Blick auf unser Dossier Bildung schnell verdeutlichen kann: http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_dossiers/bildung/ Vor einigen Monaten, im Zuge der ersten Bildungsstreiks des Jahres hat Sabine Beppler-Spahl hier auf der ebenso einen sehr interessanten und damals heiß diskutierten Kommentar unter dem Titel “Uni-Streik: Für bessere Bildung oder für weniger Stress?” verfasst: http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000157 Ich finde, dass der Kommentar bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und viele Fragen aufwirft, die sich die Studenten bei allem Verständnis für ihren Ärger und der Legitimität ihrer Forderungen gefallen lassen müssen. Herr Engemann, sie sehen also, dass wir uns den Bildungsstreiks durchaus schon geäußert haben. Gleichwohl haben sie natürlich Recht damit, dass zu diesem Thema von Novo mehr kommen sollte. Auch deshalb meine Frage: Sind sie eigentlich Student? Wenn ja, wieso schreiben sie dann nicht selbst einen kurzen Kommentar? Wenn der Artikel was taugt, haben sie gute Chancen, dass er hier im Blog auch veröffentlicht wird! Diese Aufforderung gilt natürlich für jeden Stundenten. Wir suchen immer neue studentische Mitstreiter für unser Projekt. Wer was Substanzvolles zum Bildungsstreik zu sagen hat, soll sich bei uns melden!
Schon Anfang des Jahres habe ich mich mit Frau Beppler-Spahl über dieses Thema gestritten (NOVO 99 03-04 2009). Schade finde ich, dass hier die wirklich interessante Arbeit der Bildungsökonomen nicht zur Kenntnis genommen wird, oder mit anekdotischen Einzelfällen widerlegt werden soll. Ludger Wössmann hat gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung gerade wieder einen schönen Beleg für den Zusammenhang zwischen Bildung und Wohlstand publiziert und es läuft in der Wissenschaft viel Empirie, die in den nächsten Jahren weitere Ergebnisse erwarten lassen. Auch das “Erwachsenen-PISA”, das gerade bei der OECD läuft, wird mit Spannung erwartet, weil es mehr Transparenz in diese Frage bringt. Vor allem aber wundert mich, dass die Autorinnen nicht sehen, dass dieser Zusammenhang ihr bester Verbündeter ist. Das Legitime am Streik der Studenten ist die von allen anerkannte Unterfinanzierung der Hochschulen in Deutschland. Doch wie bewegt man die öffentliche Hand zu höheren Ausgaben, wenn nicht mit dem Versprechen zukünftig höherer Steuereinnahmen? Unsere eigene Arbeit zu dem Thema kann man sich in Kurzform auf der Seite http://www.geschaeftsplan-deutschland.de ansehen.
@Johannes Richardt: Nein, ich bin kein Student, aber Danke für das Mitmachangebot. In Fragen der Bildungspolitik fehlt mir aber doch ein wenig die Kompetenz für druckreife Artikel. Wie Novo das Thema Bildung hier aufgreift, gefällt mir jedenfalls im Großen und Ganzen. Aber vielleicht doch noch etwas konkreter, lebensnäher und auch informativer zu argumentieren wäre nicht schlecht. Also viel mehr Kontakt zu studentischen Vertretern, kritische Interviews, mit denen man weitere interessante Leute an Ihre Zeitschrift binden könnte, mehr Analyse dessen, was in den letzten Monaten geschehen ist, die Akteure; der Bologna-Prozess im Einzelnen, seine historische Genese und seine juristische Umsetzung, welche “Funktionäre” bzw. “Bildungsmanager” nun “dahinter stecken”, wer steht bei den Studentenprotesten für was, was ist besonders wert zu unterstützen und was ist eher rückschrittlich etc.? Dann würde das Bildungsthema vielleicht ein ganzes Stück lebendiger und gehaltvoller möglicherweise.
Kann es sein, dass hier die Begriffe ‘Bildung’ und ‘Qualifizierung’ durcheinander geraten sind? Nach meinem Dafürhalten kann auch ein ‘Gering Qualifizierter’ über Bildung verfügen und ich würde mir ein System wünschen, dass nicht die Verwertbarkeit der Person im marktwirtschaftlichen Kontext, sondern die Entwicklung zur Mündigkeit fördert. Das, was es aber als erstes bräuchte, ist eine klare Zielvorstellung und transparente Kriterien—was soll ein derart gebildeter Mensch können? Logische Schlüsse ziehen, von eigenen Vorannahmen abstrahieren können, tolerant und weltoffen sein und Verantwortung für sein eigenes Tun und Sein übernehmen—das wäre für mich Ziel von ‘Bildung’. Gerade was diese wichtige Komponente der Persönlichkeitsbildung angeht, nimmt eine zunehmend verschulte Universitätsausbildung einen anderen Weg. Eine Vermittlung von Fachkompetenz ohne die Möglichkeit, mit dem Fachwissen spielerisch und frei umgehen zu können, stellt eine Verengung des Begriffes von Kompetenz dar. An Messungen von erworbenem Fachwissen und -können wäre dann nichts auszusetzen, wenn das, was man zu messen vorgibtl, auch tatsächlich gemessen wird—aber ein Prüfungsergebnis in einem Fach sagt eben herzlich wenig darüber aus, ob jemand eine darauf basierende Tätigkeit kompetent und verantwortlich ausüben wird.
Ein paar kurze Einwürfe zu dieser interessanten Debatte: 1. Im Studentenstreik zeigt sich gewiss inhaltiche Inkohärenz und eine Tendenz zur Artikulation rein subjektiver Befindlichkeit (z.B. die Klage über zuviel “Stress”, die ja unterschlägt, dass Lernen schon immer etwas Anstregendes war - und sein soll). Aber: die Schwierigkeit, den Sprung von der persönlichen Reaktion auf (ja gewiss vorhandene) Missstände zur Entwicklung tragfähiger Ideen und politischer Konzepte zu schaffen, ist ein Grundproblem der heutigen Politik - auch und gerade politischer Opposition - überhaupt. Das ist ein Thema, das weit über die Bildungsdebatte hinausreicht. Denn vielleicht liegen da ja sogar verborgene Gemeinsamkeiten zwischen Studentenprotest und Antiminarettprotest.
2. Zur Ökonomisierung der Bildung kann ich nur Beppler und Rutschky zustimmen. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen, bezugnehmend insbesondere auf den Kommentar von Philip Schuller. Ich habe ehrlich gesagt nicht den Eindruck, dass die, die meinen, Bildung könne und solle Wachstum sichern und zugleich alle möglichen anderen sozialen Defizite beheben, das wirklich selbst glauben. Eher gewinnt man den Eindruck, dass hier weder ernsthaft über Wachstum nachgedacht wird, noch über Bildung. Besonders bemerkenswert war doch, wie rasch maßgebliche Bildungspolitiker im Angesicht der nun wahrlich nicht dramatischen Proteste, zu MA und BA gleich zurückruderten und bekundeten, na ja, da gebe es ja wohl durchaus Schwachpunkte. Das heißt: die Politik stellt erst das ganze universitäre Bildungssystem auf den Kopf, um dann zu sagen, na ja, ganz so haben wir das dann auch wieder nicht gemeint. Was genau ist, bitteschön, davon zu halten?
3. Am Werk ist aus meiner Sicht hier etwas Anderes. Die Politik sucht heute, da ihr die Orientierung abhanden gekommen ist, dieses Defizit dadurch zu kompensieren, dass man Bereiche kolonisiert, die (wie die Bildung) von der Setzung gewisser Rahmenbedingungen abgesehen, von den dafür zuständigen und kompetenten Akteuren (Professoren/Studenten/Lehrer) geregelt werden sollten. Die normierende und regulierende Intervention von außen ist extrem destruktiv, da sie die Autorität der Lehre und Forschung untergräbt - und die Selbstständigekeit der in diesem Bereich tätigen Menschen.
4. Ganz kurz nur zu Jeanette Schmidt: Bildung ist meines Erachtens schon Vermittlung von Fachwissen und vor allem der methodolgischen Kenntnisse, die man braucht, um eigenständig geistig zu arbeiten. Toleranz und Weltoffenheit zu vermitteln, ist sicher ein Nebenergebnis jedes Bemühens um geistige Horizonterweiterung. Doch das sollte nicht als Ziel der Bildung missverstanden werden - sonst landen wir nämlich rasch dort, wo Bildung durch Verhaltenskonditionierung ersetzt wird. Wissen selbst macht freier. Und genau das wird durch das Bestreben, Bildung für allle möglichen Zwecke - außer der Bildung selbst - einzuspannen, untergraben. Da sollten vielleicht Studentenproteste ansetzen.
@Sabine Reul—die Analyse dieser Kolonialisierung (Punkt 3) kann ich nachvollziehen und stimme zu. Mißverstanden finde ich allerdings meine eigenen Ausführungen, wenn sie in die Nähe einer Konditionierung gerückt werden—Bildung betrachte ich als Erziehung zur Mündigkeit, das ist für mich unvereinbar mit Konditionierung. Ich würde es zum Beispiel gerne sehen, wenn als Teil der schulischen Ausbildung der kritische Umgang mit Statistiken vermittelt wird.
Am britischen College-System habe ich so Einiges auszusetzen, was mir aber daran gefällt, ist, dass aus der Tatsache, dass jemand eine Ausbildung am College gemacht hat, geschlossen wird, dass er gelernt hat, wie man Wissen erwirbt und mit Wissen umgeht und dass dies letztlich noch wichtiger werden kann als der konkrete fachbezogene Abschluss. Qualifikation, das ist in Deutschland oft auch gleichgesetzt mit der Bescheinigung einer Qualifizierung—das ist aber eben nicht identisch. Dies ist der Grund, weshalb ich zwischen ‘gering qualifiziert’ und ‘gebildet’ nicht notwendigerweise einen Gegensatz sehe.
Die von Herrn Schuller angesprochene Bertelsmann Studie bestätigt uns. Studien wie diese leiden unter dem Fehlen einer Peer Gruppen Kultur wie wir sie aus anderen wissenschaftlichen Fachrichtungen kennen. Im Namen der guten Sache, nämlich Bildung, wird alles als bare Münze verkauft, was im Grunde nicht mehr ist als eine gewagte These. Dazu vorab: Immerhin geht es nicht um das leidige Thema der ständigen Fort- und Weiterbildungen, sondern um ein - zugegebenermaßen reales - Problem, nämlich, dass viele Kinder nicht einmal ein Grundausbildungsniveau erreichen. Problematisch ist jedoch, dass hier der Versuch unternommen wird, auf einen kausalen(!) Effekt von Bildung auf Wirtschaftswachstum zu schließen. Dabei basiert die Studie im Wesentlichen auf den Parametern von Pisa, obwohl die Pisa Methode selber immer mehr in die Kritik geraten ist. (Die langfristige Wachstumsrate, die in der Studie angenommen wird, korreliert z.B. mit 100 zusätzlichen Pisa Punkten). Das Ganze wird dann noch bis ins Jahr 2090 hochgerechnet. Was hätten wir von einer ähnlichen Studie aus dem Jahr 1929 gehalten, mit den damaligen Vorstellungen über die Zukunft? Mein Kommentar als Volkswirtin: Zu viel ceteris paribus!
Das eigentliche Problem aber ist wie hier öffentliche Meinungsmache betrieben wird. Die Studie wird bisher von den Medien nicht als das verkauft was sie ist (eine Projektionsanalyse, die einer harten wissenschaftlichen Kritik zu unterwerfen ist), sondern als „Beweis“ für eben die vermeintliche Kausalität von Wirtschaftswachstum und Bildung. „Wenn wir nicht betonen, wie wichtig die Bildung für die Wirtschaft ist, dann werden wir es auch nicht schaffen, mehr Geld dafür zu generieren“, argumentieren viele. So funktioniert aber nur Lobbyarbeit und Lobbyisten gibt es in der Bildungspolitik genügend. Dem Interesse der Wahrheit und der Förderung einer offenen Debatte darüber, was mit unseren Geldern geschieht – ob sie wirklich sinnvoll eingesetzt werden – dient diese Art der Argumentation nicht. Vielmehr wird uns im Namen der Bildung vieles versprochen und zu befürchten ist, dass die Enttäuschung umso größer ist, wenn sich herausstellt, dass die erhofften Effekte ausbleiben.


Das mag ja alles irgendwie stimmen. Mein Eindruck ist aber, dass viele Studenten den aktuellen Streik auch dazu nutzen, um sich darüber zu beklagen, wie anstrengend das Studium ist und wie viel ihnen abverlangt wird. Klar ist es unangenehm, einen so straffen Stundenplan zu bekommen und wenig selbst bestimmen zu können. Aber es ist auch viel Gejammere dabei, oder?
Oliver Meitzel
03.12.2009 11:10