Wir brauchen mehr als Mittelmaß!
Gabor Steingart, Autor des Buches Die Machtfrage: Ansichten eines Nichtwählers, stellt sich Fragen von Thomas Deichmann.
Herr Steingart, Sie schreiben in Ihrem
Buch Die Machtfrage, die Demokratiekrise
in Deutschland sei offensichtlich, aber ihr
werde nicht begegnet. Gleichzeitig plädieren
Sie fürs Nichtwählen, was gemeinhin
als „demokratiefeindlich“ gilt. Können Sie
diesen Widerspruch auflösen?
Gabor Steingart: Das Nichtwählen ist wie
ein Warnstreik. Auch der Warnstreik im
Betrieb löst das Problem nicht, durch das
Einstellen der Arbeit verschärft er es sogar
noch, aber er weist darauf hin: So nicht!
Nicht mit mir! Da das Erkennen eines Problems
oft der erste Schritt zur Besserung ist,
erfüllen der Warnstreik und das Nichtwählen
eine wichtige Funktion. Deshalb auch
sind beide vom Grundgesetz garantiert.
Dieses „Signal“ ist wünschenswert. Aber
ein Warnstreik ist aktives Handeln und
setzt eine kollektive Klärung von Interessen
und Zielen voraus. Wahlverweigerung
kann man dagegen auch als individuell
ausgelebte Passivität betrachten. Meinen
Sie nicht, dass Aufrufe zum Nichtwählen
den Rückzug des Bürgers ins Private nur
noch mehr verstärken?
— Das Nichtwählen ist millionenfache Realität.
Und alle verfügbaren Untersuchungen
zeigen, dass die neuen Nichtwähler
Bürger aus den Mittelschichten sind. Es
macht keinen Sinn, sie mit Vorwürfen wie
„Ihr seid passiv, bequem und ungebildet“
zu überziehen. Es macht mehr Sinn, ihnen
ein attraktives Angebot zur Teilhabe am
demokratischen Prozess zu unterbreiten.
Die deutsche Demokratie muss sich ändern,
dann erst ändert sich das Wahlverhalten.
Vorwürfe und moralische Ermahnungen
an die Nichtwähler waren nach der Europawahl
sehr populär. Sie sind fürwahr
völlig unangebracht angesichts des Mangels
an attraktiven Wahloptionen. Nur:
Sollte man die Bürger dann nicht eher
ermuntern „Mischt euch ein, sucht nach
Alternativen, und wenn ihr keine findet,
schafft euch neue!“, anstatt zu sagen
„Bleibt zu Hause“?
— Sie haben recht. Aber ich bin Journalist
und nicht Aktivist. Ich habe nach bestem
Wissen ein klares und deutliches Buch über
die Verhältnisse geschrieben. Jeder und
jede muss für sich selbst daraus Schlüsse
ziehen. Eine Erneuerung unserer Demokratie
braucht engagierte, fantasievolle
Demokraten.
Bei der Lektüre Ihres Buches beschleicht
einen das Gefühl, dass eine solche Erneuerung
nicht mehr von den etablierten Parteien
kommen kann. Sind die am Ende
ihrer Möglichkeiten?
— Ja. Die Partei als geschlossener Verband,
als weltliche Ersatzreligion, als Monopolist
für die Vertretung von politischen Interessen
ist gestrig. Durch Mitgliederschwund,
Wahlenthaltung und innere Abwendung
der Bürger wird dieses Herrschaftssystem
infrage gestellt.
Freie Wählervereinigungen seien der
„Keim einer Bürgerdemokratie“, schreiben
Sie. In Bayern haben diese mit teils abstrusen
Inhalten sogar die CSU ins Wanken
gebracht. Auch bei den Europawahlen fiel
es schwer, eine Liste auszumachen, der
man seine Stimme geben wollte. Dennoch
gibt es interessante Phänomene wie die
Piratenpartei, die sich um den Freiheitsbegriff
herum formiert hat. Meinen Sie,
durch solche Initiativen kann das politische
Geschäft wieder nachhaltig belebt
werden?
— Nein. Es macht meines Erachtens keinen
Sinn, einen Bypass um das bestehende
Parteiensystem zu legen. Die etablierten
Parteien und das Grundgesetz, dem sie
ihr Nahezu-Monopol verdanken, müssen
das Ziel einer Reform sein. Das heißt: Elemente
direkter Demokratie, Abschaffung
des Listenabgeordneten, der sein Mandat
(und damit sein Gehalt) allein der Partei
verdankt, offene Vorwahlen für Spitzenkandidaten
aller Ebenen, Stadt, Kreis,
Land und Bund, und die Chance, Anträge
im Parlament auch an den Parteien vorbei
einzubringen, wie das in der Schweiz üblich ist. Die Reform sollte am Kern der
Probleme und nicht an der Peripherie ansetzen,
glaube ich.
Friedrich Merz hat die personelle Trennung
von Parlamentszugehörigkeit und
Regierungsarbeit vorgeschlagen, so wie
es in den USA gang und gäbe ist. Einerseits
soll damit das Parlament nicht als
Durchlaufstation für eine Regierungskarriere
missbraucht werden können.
Andererseits soll es als Kontrollinstanz
der Regierung gestärkt werden. Belebt
diese Gewaltentrennung die Demokratie
in den USA?
— Unbedingt. In Amerika kontrollieren
Abgeordnete und Senatoren den Präsidenten.
In Deutschland verstehen sich Parlamentarier
häufig als Erfüllungsgehilfen
der Regierung. Das schadet dem Ansehen
der Demokratie. Der Parlamentarier sollte
ein wahrer Volksvertreter sein – selbstbewusst
und kritisch gegenüber der Macht.
Amerika kommt diesem Ideal näher. Hier
ist es eher die Abhängigkeit der Abgeordneten
von finanzstarken Lobbygruppen,
die negativ auffällt.
Sie leben und arbeiten seit einiger Zeit in
den USA. Gibt es dort weitere die Demokratie
belebende Aspekte, die wir nicht
haben?
— Die Vorwahlen der Parteien sind beispielhaft.
Hier können auch Nicht-Mitglieder
über den Spitzenmann oder die Spitzenfrau
mitbestimmen. Überhaupt sind
die Parteien, die einst ähnlich geschlossene,
quasi-religiöse Gebilde waren, in den
USA geöffnet worden. Das fand im Gefolge
der 68er-Bewegung statt. Erst seither gibt
es auch die offenen Vorwahlen. Das deutsche
68 hat die Parteien in ihrer Struktur
nahezu unverändert gelassen – ein Versäumnis,
das nun mit Parteienerstarrung
bezahlt wird.
Man ist geneigt zu sagen, dass sich auch
Initiativen mit im weitesten Sinne 68er-
Wurzeln mit dieser Erstarrung gut arrangiert
haben. Sie sprechen in Ihrem
Buch historische Gründe an, warum in
Deutschland eine „indirekte“ bzw. eine
„Demokratie von oben“ mit enormer Autorität
der Apparate entstanden ist: Sie
nennen die Weltkriege und den Faschismus.
Warum zählen diese Gründe heute
nicht mehr?
— Das Deutschland des Jahres 1945 ist vergangen.
Es gab damals viele Gründe, dem
Volk, seiner Weisheit und seiner Menschlichkeit
zu misstrauen. Die indirekte Demokratie
war auch eine Antwort auf das
Volksversagen der Jahre 33 bis 45. Dieses
Volk gibt es nicht mehr.
Die Demokratie muss sich
ändern, dann erst ändert sich
das Wahlverhalten.
Vertrauen in die Bürger ist in unserer
aktuellen Misstrauenskultur unterentwickelt,
weshalb sich die aktuelle Politik
wohl lieber anschickt, bis ins Private hinein
zu intervenieren. Sehen Sie einen
Zusammenhang zwischen der Erstarrung
der Parteiapparate und dem Schwinden
von Freiräumen für die Bürger?
— Man muss unterscheiden: Der private
Freiraum in Deutschland ist so groß wie
kaum irgendwo sonst auf der Welt. Das
politische Spielfeld dagegen halten Verbände
und Parteien besetzt. Sie haben die
Demokratie oder doch große Teile davon
dem Volk gestohlen. Wir sollten sie uns
zurückholen.
Ein gutes Motto! Welche Rolle sollten Ihrer
Meinung nach die Medien in diesem
Prozess spielen?
— Wir sind Fehlergucker, so hat Rudolf
Augstein uns Journalisten beschrieben.
Das bedeutet, wir dürfen uns nicht mit den
Zuständen und ihren Vertretern gemein
machen. Wir sind immer unabhängig und
im Zweifel dagegen.
In diesem Sinne: Wollen Sie zum Schluss
den Novo-Lesern noch etwas zu bedenken
geben?
— Seid weiterhin anspruchsvoll. Seid fordernd!
Auch mutig! Niemand sollte sich
mit mittelmäßiger Politik zufriedengeben.
Kritik mit Knicks hilft nicht weiter.
Gabor Steingart ist Redakteur des Nachrichtenmagazins
Der Spiegel. Im Sommer
2007 wechselte er als Korrespondent nach
Washington. Seine Kolumne „WestWing“
erscheint seither auf Spiegel-Online.
Steingart ist Autor zahlreicher Bücher und
u.a. Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises.
Seine Website findet sich
unter gaborsteingart.com.
Die Fragen stellte Novo-Chefredakteur
Thomas Deichmann.
Lesetipps
Gabor Steingart:
Die Machtfrage: Ansichten eines Nichtwählers.
Piper Verlag, München 2009
Ders.:
Die gestohlene Demokratie. Das Wahl-Buch ’09
Piper Verlag, München 2009
(bei diesem Titel dreht es sich um die
Taschenbuch-Ausgabe von Die Machtfrage,
erweitert um etwa 100 Seiten zusätzlicher
Bürgerstimmen rund ums Wählen und
Nichtwählen).
Ich finde die USA als Demokratievorbild in dieser Beziehung zu nennen nicht schlecht. Auch wenn die Lobby-Einflussnahme wesentlich höher ist als in Deutschland herrscht dort, wie schon gesagt eine Trennung zwischen Regierungs- und Parlamentsarbeit.
Dennoch halte ich es für zu kurz gegriffen, wenn wie gesagt, dass die politische MIttätigkeit eines jeden einzelnen zu sehr auf Verbände und Parteien beschränkt ist. Dafür ist unsere Gesellschaft nicht individualistisch genug, so wie es Herr Steingart gezeichnet hat. Wir, oder besser, jedes Individuum ist auf diese Arbeit innerhalb von Vereinen, Verbänden und Parteien angewiesen um etwas zu verändern, dass die meisten Individualisten dann in einem Apparat versickern, der sie nicht werden lässt, was sie eigentlich werden könnten, hat der Artikel von Frau Reul gezeigt.
Und doch muss ich Ihnen Recht geben, Herr Steingart. Ich bin selbst MItglied einer Partei und zu beobachten, wie innerhalb einer solche gearbeitet wird um ein Ziel zu erreichen ist interessant zu sehen, dennoch fragt man sich mitunter ob in manchen Gremien die richtigen Leute mit der richtigen fachlichen Qualifikation sitzen, wenn andere wesentlich besser geeignet sind. UNd dadurch, dass das Grundgesetz nur von den in der Exekutive bzw. in der Legislative sitzenden Parteien geändert werden kann, sehe ich für eine Reform auf diesem Wege schwarz. Ein Quorum über das Grundgesetz für alle Deutschen sollte angestrengt werden und dann sollte auch nur von den Menschen das GG geändert werden dürfen - und nicht von Parteien oder anderen Organisationen.
Warum unterscheidet Gabor Steingart ‘Aktivisten/ Journalisten’ vom ‘fantasievollen Demokraten’? Und ist er nicht an genau dieser Stelle sehr nahe dran an der ‘Machtfrage’?



Die USA als Demokratie-Vorbild zu nennen, ist in meinen Augen längst nicht mehr gerechtfertigt.
Ich zitiere mich selbst aus ” Die Fallstricke des Interimsmenschen”:
“Der „mündige Bürger“ entsteht erst gar nicht oder verkommt zur Jammergestalt eines wie eh und je religiös gesegneten Kapitalismus, welcher dem Globus ohne Skrupel die Wahlen US-amerikanischer Präsidenten als beispielhaft demokratisches Prozedere verkauft, dort wo der mündige Bürger durch Geld verhindert wird, wo auch der letzte noch wache Geist – medial zugedröhnt, geblendet oder gemobbt – aufgibt und sich an der grandiosen Schönheit und Weite des Landes erfreut, um zu verdrängen.
Gott mag Amerika und seine Vasallen segnen, für den Erdball sind die USA und ihr System eine Katastrophe – physisch erst recht, denn die „One-Nation-Under-God“ lebt zu einem erheblichen Teil von der Ausbeutung des Rests der Welt, und geistig erleben wir einen unwürdigen Infantilismus gegenüber einem „Gott“, gäbe es ihn wirklich, würde ihn die übliche amerikanische Justiz zweifellos zum Tode verurteilen.”
Quelle: http://www.raymond-walden.blogspot.com/2009/09/die-fallstricke-des-interimsmenschen.html
Raymond Walden
26.09.2009 08:26